Archiv der Kategorie: Medienschau

Thema Samenspende oder Reproduktionsmedizin in den Medien

Nicht alle Spenderkinder haben Interesse an ihrer Abstammung – aber das Recht dazu ist entscheidend

Am Samstag den 30. Juli ist in der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Spender? Vater? Heiliger Geist?“ erschienen (leider bislang nur vollständig in der Bezahlversion). In diesem schildert unter anderem das Spenderkind Lena Herrmann-Green, 21 Jahre alt und nicht Mitglied unseres Vereins, dass sie kein Interesse hat, den Samenspender kennenzulernen. Lena ist die Tochter der LSVD-Aktivistin Lisa Green, mit deren grundsätzlicher Befürwortung von anonymen Samenspenden wir ebenfalls nicht übereinstimmen. (siehe dazu unser älterer Beitrag „Ist der Wunsch nach Kenntnis der Abstammung heteronormativ?“)

In unserem Verein mit inzwischen über 100 Mitgliedern möchten die meisten Spenderkinder dagegen zumindest wissen, wer ihr genetischer Vater und / oder Halbgeschwister ist / sind. Gleichzeitig ist uns natürlich bewusst, dass es auch Spenderkinder gibt, denen das nicht wichtig ist. Das ist nicht überraschend, denn es gibt auch Adoptierte, die kein Verlangen nach Nachforschungen haben.

Wichtig ist uns aber, dass jedes Spenderkind grundsätzlich das Recht hat, Informationen über die genetische Abstammung zu erfahren. Das ist bei anonymen Samenspenden nicht der Fall. Jedes Spenderkind soll selbst entscheiden können, ob es sein Recht in Anspruch nehmen möchte, oder nicht.

Das sieht Lena Herrmann-Green anders (wenn sie denn richtig im Artikel wiedergegeben wurde): Sie stellt es sich problematisch vor, wenn Kinder den Spender mit dem 18. Lebensjahr kennenlernen können. Sie befürchtet, dass Spenderkinder dazu gedrängt würden, sich für den Spender und sein genetisches Erbe zu interessieren. Damit würde es sich um eine von außen auferlegte moralische Kenntnispflicht handeln, die dazu führen könne, dass man sich die gesamte Kindheit und Jugend eine bestimmte Person vorstelle und bereits Abschied vom sozialen Elternteil nehme. Sie findet es daher für sich und ihre Familie gut, dass sie einen anonymen Spender hatte, weil sie so eine klare Beziehung zu ihren Eltern gehabt habe und keine komische Familiendynamik entstehen habe können.

Es wirkt auf uns befremdlich, wenn jemand die Beschneidung der eigenen Rechte befürwortet, weil offenbar die eigenen Gefühle zu sehr gefürchtet werden, wenn hier mehr Freiheit bestünde. Auch sind die Gedanken zum Familienmodell sehr konservativ, was angesichts des Alters von Lena und ihrer eher alternativen Familie doch verwundert: Diese Gedanken implizieren dass ein Kind nur zwei Elternteile haben kann, dass ein sozialer Elternteil eine schwächere Position besitzt als der genetische und dass eine Anerkennung des genetischen Vaters daher zur Abschwächung der Gefühle gegenüber dem nicht-genetischen Elternteil führen würde.

Das sind Gedanken, die wir so sonst nur von Teilen der Wunscheltern hören und die leider auch einige häufig geäußerte Befürchtungen von Eltern und Vorurteile gegenüber Spenderkindern bekräftigen könnten. Auch wenn fast alle unserer Mitglieder ihren genetischen Vater kennen möchten, sehen sie dies völlig getrennt von der Beziehung zu ihrem nicht-genetischen Elternteil. Sie möchten ihren sozialen Vater nicht mit dem genetischen Vater ersetzen, sondern sind auf der Suche nach Informationen über ihre Abstammung. Das entspricht auch den Ergebnissen zu den Gefühlen von Spenderkindern in wissenschaftlichen Studien. Psychologisch ist es außerdem nicht haltbar, dass die Anonymität vor ungünstigen Familiendynamiken schützt. Vielmehr erschwert Anonymität die Integration und Auseinandersetzung mit dem Dritten und wird ungünstige Dynamiken eher fördern.

Das wichtigste ist aber der Aspekt, dass Eltern das Recht ihres Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung achten sollten: Gerade weil sie nicht wissen, ob ihr Kind einmal wie Lena oder wie die Mitglieder unseres Vereins empfinden wird, sollten sie sich nicht für eine anonyme Samenspende entscheiden, weil dies im Nachhinein nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Aktuelles Heft der Zeitschrift für medizinische Ethik zum Thema Fortpflanzungsmedizin

Das Heft 2/2016 der Zeitschrift für medizinische Ethik vereint unter dem Titel „Neue Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin“ verschiedene Beiträge zum Thema aus theologischer, medizinischer, ethischer, biologischer und psychotherapeutischer Perspektive.

Neben den Themen Leihmutterschaft und der Kryokonservierung von Eizellen zur Familienplanung sind zwei Artikel der Embryonenadoption gewidmet und gehen der Frage nach, ob man aus ethisch-theologischer Sicht bzw. aus psychologischer und der Perspektive von durch Keimzellspende entstandenen Menschen, die Freigabe von bei In-vitro-Fertilisationen übrig gebliebenen Embryonen zur Adoption verantworten kann und welche unbeabsichtigten problematischen Folgen damit verbunden sein können.

 

Roman „Jackpot – Eine Heidelberger Romanze“ von Lars Holgersson

Am 30.10.2015 ist der Roman mit dem Titel „JACKPOT – Eine Heidelberger Romanze“ des Autors Lars Holgersson erschienen (neobooks Self-Publishing, ISBN 978-3-7380-4140-8).

Der Roman beschäftigt sich mit der Liebesbeziehung zweier Spenderkinder, die sich zufällig begegnen und sich direkt ineinander verlieben. Die Erzählung wird aus der Sichtweise beider dargestellt. Im Verlauf der Handlung stellt sich für den männlichen Protagonisten nicht nur heraus, dass sein Vater nicht sein biologischer Vater ist sondern auch, dass er sich in seine Halbschwester verliebt hat und diese nun ungewollt ein wahrscheinlich behindertes Kind von ihm erwartet. Hierbei erfahren die Lesenden wie beide – aus ihrer Sichtweise – mit der komplexen Situation umgehen.

Der Autor versucht damit zwar kontrovers diskutierte Fragestellungen zu adressieren wie die rechtliche Situation von Spenderkindern, den Inzestparagrafen und die Frage nach der Abtreibung behinderter Kinder. Allerdings ist erkennbar, dass das Themenspektrum zu umfangreich ist, da es dem Autor nicht vollumfänglich gelingt die Vielfältigkeit der seelischen Vorgänge, die Menschen in diesen Ausnahmesituationen erleben, abzubilden. Nicole meint „nette Bettlektüre“, Ella meint „eher unseriös“.

Autorinnen: Ella und Nicole

Aufhebung der Spenderanonymität durch zunehmende Verbreitung von DNA-Untersuchungen?

In einem kürzlich erschienenen Artikel in der Fachzeitschrift Human Reproduction wird darauf hingewiesen, dass angesichts der zunehmenden Verfügbarkeit von DNA-Tests Spenderinnen und Spendern von Keimzellen keine Anonymität mehr zugesichert werden könne. Auch in Ländern, in denen anonyme Keimzellspenden rechtlich erlaubt seien, ließe sich die Anonymität der Spender und Spenderinnen nicht garantieren. Über drei Millionen Menschen hätten sich bereits bei diversen DNA-Datenbanken registriert. Biologische Elternteile könnten aufgespürt werden, wenn sie selbst oder Verwandte von ihnen sich dort registrieren. Umgekehrt könnten über die freiwillige Registrierung bei einer DNA-Datenbank auch unwissende Spenderkinder herausfinden, dass sie andere biologische Eltern haben, als bisher angenommen. Eltern, die sich für eine Familiengründung mit Hilfe einer Keimzellspende entscheiden, sollten deshalb darüber aufgeklärt werden, dass anhand der DNA ihrer Kinder zu sehen ist, dass sie nicht deren biologische Eltern sind. Zudem sollten die Eltern ermutigt werden, ihre Kinder über die Keimzellspende aufzuklären.

Wir Spenderkinder freuen uns über diese Entwicklung, die hoffentlich die Aufklärungsbereitschaft unter den Eltern erhöht. Es ist psychologisch hinreichend bekannt, dass Eltern ihre Kinder darüber aufklären sollten, wenn diese mit Hilfe einer Keimzellspende entstanden sind. Dennoch finden immernoch viele Eltern Gründe, ihre Kinder nicht über deren wirkliche Entstehungsweise zu informieren. Auch wenn wir uns wünschten, alle Eltern würden verstehen, wie wichtig ein aufrichtiger, ehrlicher Umgang innerhalb der Familie ist, hoffen wir, dass die hohe Wahrscheinlichkeit einer unfreiwilligen Enthüllung durch eine DNA-Untersuchung viele bisher abgeneigte Eltern zu einem offenen Umgang mit ihren Kindern motiviert.

Auch wenn sich die Wahrscheinlichkeit von der Entstehung durch eine Keimzellspende zu erfahren, durch die zunehmende Verbreitung von DNA-Untersuchungen erhöht, stellt das Auffinden des unbekannten genetischen Elternteils oder von Halbgeschwistern in der Regel noch eine große Schwierigkeit dar, da die Mehrzahl der KeimzellspenderInnen oder deren Verwandte nicht zufällig in einem DNA-Register erfasst sind. Dennoch freuen wir uns über einzelne Ausnahmen, in denen Spenderkinder bereits Halbgeschwister identifizieren konnten und sogar über Spender, die sich – zum Teil ohne unser Wissen – bei der von uns verwendeten Datenbank registrierten.

Dokumentarfilm „Future Baby“ in österreichischen Kinos mit anschließenden Diskussionsrunden

Am 15. April 2016 ist der Dokumentarfilm „Future Baby“ der Regisseurin Maria Arlamovsky in den österreichischen Kinos angelaufen. Es geht um verschiedene Verfahren der Reproduktionsmedizin, u.a. Samenspende, Eizellspende und Leihmutterschaft, aber auch um Präimplantationsdiagnostik und Social Freezing. Frau Arlamovsky geht der Frage nach, wie weit Menschen schon jetzt und möglicherweise in Zukunft für die Erfüllung ihres Kinderwunsches gehen (wollen). Ohne eine explizite Antwort zu geben, werden in der aufwendigen, internationalen Dokumentation die verschiedenen Perspektiven von unfruchtbaren Paaren, ReproduktionsmedizinerInnen, Eizellspenderinnen, Leihmüttern, einem Spenderkind und seiner Mutter gezeigt. Flankierend kommen außerdem EthikerInnen, LabormitarbeiterInnen und ein Biotechnologe zu Wort.

Im Anschluss an einige Filmvorführungen fanden in Österreich Podiumsdiskussionen mit verschiedenen ExpertInnen zum Thema statt. Der Verein Spenderkinder war zu zwei Diskussionsrunden in Wien eingeladen und durch ein Vorstandsmitglied vertreten. Beide Vorführungen waren gut besucht und das Publikum rege an den Diskussionen beteiligt. Rasch wurde deutlich, dass der Film nur die Spitze des Eisbergs in Worte und Bilder fassen kann. Die psychologische Dynamik der Thematik wurde beispielsweise komplett ausgespart, während sie sicherlich genug Stoff für einen weiteren Dokumentarfilm böte, wie die Diskussionen schnell erkennen ließen.

Wir würden es sehr begrüßen, wenn der Dokumentarfilm auch in Deutschland gezeigt würde, um für die sehr vielschichtige Thematik zu sensibilisieren.

Leseempfehlung: „Spenderkinder – Was Kinder fragen werden, Was Eltern wissen sollten“ von Wolfgang Oelsner und Gerd Lehmkuhl

„Die Transparenz von verzweigten, oft versteckten Dynamiken schärft ein Problembewusstsein für die Betroffenen.“

Am 29. Februar 2016 ist das Buch „Spenderkinder – Was Kinder fragen werden, Was Eltern wissen sollten“ erschienen (Verlag Fischer & Gann, 243 Seiten, ISBN 978-3-903072-16-9). Die beiden Autoren Wolfgang Oelsner, Pädagoge und Kinder- und Jugendlichenanalytiker, und Gerd Lehmkuhl, Arzt und Psychologe, bringen vor allem familiensystemisches Erfahrungswissen aus ihrer langjährigen Berufspraxis ein. Im Gegensatz zu den bisher erschienenen Büchern zu dieser Thematik beleuchten die Autoren die Familiengründung durch Samenspende aus einer kindzentrierten Perspektive.

Für das Buch wurden zehn Spenderkinder-Mitglieder im Alter zwischen 25 und 48 Jahren interviewt und werden als Fallvignetten vorgestellt, ergänzt durch vergleichende Fallbeispiele von Kindern, die durch Adoption oder eine Patchworkfamilie ein familiäres Umfeld erleb(t)en, in dem soziale und genetische Elternschaft ebenfalls auseinanderfielen. Die Autoren arbeiten Parallelen heraus und weisen auf wiederkehrende Fragen und Bedürfnisse der entstandenen Menschen hin. Sie treten deutlich für einen offenen und wahrheitsgetreuen Umgang und für die Offenlegung versteckter Dynamiken ein, wozu das Buch einen großen Beitrag leistet. Dabei enthalten sich die Autoren jedoch eines grundsätzlichen Werturteils über die Verantwortbarkeit einer Familiengründung durch Samenspende. Stattdessen identifizieren sie sogenannte „Kannbruchstellen“ (= Schwierigkeiten bei dieser Form der Familiengründung, die sich aufgrund der Familienkonstellation ergeben können), die Eltern, oder Menschen, die darüber nachdenken, ob eine Familiengründung durch Samenspende für sie infrage kommt, kennen sollten.

Die interviewten Spenderkinder erfuhren zum Teil bereits im Alter von 9 bis 10 Jahren, zum Teil erst später von ihrer Entstehungsweise. Einige können mit ihren Eltern darüber sprechen, andere vermeiden es, weil sie den Eindruck haben, dass es ihre Eltern belasten würde. Nur eine Interviewpartnerin spricht sich ausdrücklich gegen Samenspende aus. Allen mittlerweile erwachsenen Spenderkindern ist gemeinsam, dass sie ein Verbot von anonymen Samenspenden, eine möglichst frühe Aufklärung der Kinder sowie eine qualifizierte psychosoziale Vorbereitung aller Beteiligten für notwendig halten.

Wissens- und Nachdenkeswertes zum Verständnis der Perspektive der Kinder
Die Autoren umrahmen und ergänzen die Falldarstellungen mit Gedanken zur Auswirkung suggerierter Machbarkeit in der Reproduktionsmedizin und mit einem groben Überblick über die Verfahren der künstlichen Befruchtung sowie den Möglichkeiten durch eine Pflegschaft oder Adoption für ein Kind zu sorgen. Dabei werfen die Autoren die Frage auf, wer im ersehnten Beziehungsverhältnis für wen da sein wolle, da der Wunsch für ein Kind zu sorgen sich nicht ohne weiteres auf unbegleitete Flüchtlingskinder oder Pflegekinder erstrecke, für die es in Deutschland noch immer zu wenige Pflegeeltern gebe.

Nachdenklich stimmen die Autoren auch die unterschiedliche Gewichtung des Einflusses von Genetik und Umwelt in der Reproduktionsmedizin nach dem „Pippi-Langstrumpf-Prinzip“; während einerseits die gute genetische Ausstattung der Spender als vertrauenswürdige Erbmasse hervorgehoben werde, werde nach der Geburt der Einfluss der Umwelt betont. Eine extrem asynchrone Gewichtung identifizieren Oelsner und Lehmkuhl zwischen den Ergebnissen der pränatalen Bindungsforschung, die, ernstgenommen, Gedanken an eine in Deutschland verbotene Leihmutterschaft im Keim ersticken würden.

Um ein besseres Verständnis der Kinder zu ermöglichen, stellen die Autoren wichtige Aspekte der Entwicklungspsychologie sowie Studienergebnisse zu Untersuchungen mit Spenderkindern vor. Rechtliche und ethische Aspekte runden die Darstellung ab. Kritisch sehen Oelsner und Lehmkuhl die häufig bemühte Ableitung, dass Kinder, die mit Hilfe der Reproduktionsmedizin entstehen, Wunschkinder und deshalb automatisch frei von Schwierigkeiten in späteren Entwicklungsphasen seien. Stattdessen geben sie zu bedenken, dass diese Kinder ganz besonders herbeigesehnt würden und ihr Aufwachsen deshalb unter ganz besonderem Druck stehe.

Was Kinder fragen werden
Abschließend fassen sie ihre Beobachtungen thematisch sortiert zusammen: Die Kinder werden fragen, wo sie herkommen und wo sie hingehören. Alle interviewten Spenderkinder wünschten zu erfahren, wer ihr biologischer Vater als Mensch ist. Diese beiden zentralen Fragen sind nur zum Teil mit Fakten zu beantworten, sondern erfordern auch eine Einordnung des Kindes von sich selbst, die nicht von außen vorgegeben werden kann. Oelsner und Lehmkuhl haben als wichtigen Schritt von Spenderkindern beobachtet, dass diese sich im Erwachsenenalter zunehmend als Subjekte wahrnähmen, die sich sträubten, ohnmächtiges Objekt anderer zu sein. Das zeige sich auch in eigenen, von denen der Eltern abweichenden Ansichten und Einordnungen.

Was Eltern wissen sollten
Eltern sollten wissen, dass es sinnvoll ist, von Anfang an offen mit dem Thema umzugehen und sie das Fremde nicht versuchen sollten zu ignorieren oder zu verleugnen, sondern zu integrieren. Die spätaufgeklärten Spenderkinder berichteten, dass das Vorspielen falscher Tatsachen sie an ihren eigenen Wahrnehmungen zweifeln ließ, weil Wort und Wahrnehmung nicht zusammenpassten.

Der biologische Vater des Kindes, der mit seinen genetischen Anlagen im Kind präsent ist, könne bei den Eltern zu Verunsicherung hinsichtlich ihrer Elternrolle führen. Sie sind nicht die alleinigen Erzeuger des Kindes, sondern eine weitere, meist unbekannte, Person ist beteiligt. Das habe Auswirkungen auf die psychologische Dynamik in der Familie. Die Eltern erlebten häufig „Schuldgefühle, Angst vor Stigmatisierung und Sorge, dass der soziale Vater zurückgewiesen werden würde, wenn die Wahrheit herauskäme“ (S.74). Diese Dynamiken, die auch in Familien auftreten könnten, die einen offenen Umgang mit der Samenspende wählen, raten die Autoren – mit Verweis auf die Verantwortung für den Lebensweg der Kinder – unter Einbeziehung der Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung an Ort und Stelle zu bearbeiten.

Als weitere Dynamik, die sich bei einigen der interviewten Spenderkinder (Stefanie, Frank, Jule, Klara, Sunny, Johanna) zeigte, arbeiteten Oelsner und Lehmkuhl eine Rollenumkehr in der Eltern-Kind-Beziehung heraus, die sich darin ausdrücke, dass die Kinder Verantwortung für die Gefühle ihrer Eltern übernähmen und ihre Eltern schonten, indem sie ihnen beispielsweise nicht von ihrem Interesse an ihrem biologischen Vater erzählten um insbesondere den sozialen Vater nicht zu verletzen. Wie stark sich diese Rollenumkehr mit den elterlichen Bitten „verstehe und entlaste mich“ – wenn sie nicht reflektiert wird – auch bei Singlemüttern bemerkbar machen kann, wird anhand eines entsprechenden Beispiels veranschaulicht.

Kannbruchstellen
Die beiden Autoren identifizieren sogenannte „Kannbruchstellen“: Spenderkinder stehen zu ihrem biologischen Vater, dem Samenspender, in einer Art von Beziehung. Das erschwere es ihnen, die oftmals eher distanzierte Haltung ihrer Eltern ihm gegenüber einzunehmen, was häufig auch nicht ihren eigenen Bedürfnissen entspräche. Begebe sich das Kind auf genealogische Spurensuche, berge das ein hohes Kränkungspotenzial, das thematisiert werden solle, um die Beziehung zu den Eltern darunter nicht leiden zu lassen. Oelsner und Lehmkuhl formulieren es in der Sprache der Märchen, auf die sie auch an anderen Stellen zur Veranschaulichung zurückgreifen: „Erst wenn der soziale Vater innerlich „Ja“ zu dem Dritten mit seinem Gefolge sagen kann, wird der „Gast“ wirklich willkommen sein“ (S.218).

Nahezu alle Befragten Spenderkinder erlebten ihre sozialen Väter als stumm – ein Bild, das sich übrigens in aktuellen Kinderwunschforen wiederfindet, in denen fast ausschließlich Frauen schreiben. Eine abweichende genetische Abstammung müsse einer guten Beziehung keineswegs im Wege stehen, könne jedoch unreflektiert rasch als stets verfügbare innere Ausrede genutzt werden um anstrengenden zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen aus dem Wege zugehen. Die Autoren warnen davor, bei Fremdheitsgefühlen vorschnell auf die fremden Gene zu verweisen. Fremdheitsgefühle und Verunsicherung der Kinder könnten außerdem die Familie belasten, wenn unaufgeklärte Kinder sich nicht trauten, ihre Zweifel zu äußern, weil sie spürten, dass sie ihre Eltern damit in unerwünschte Situationen brächten.

Nagelprobe für die Eltern
Wer sich ausgehend von den auf dem Cover genannten Begriffen „Künstliche Befruchtung, Samenspende, Leihmutterschaft und die Folgen“ technische Details und Informationen zum Ablauf erhofft, wird sicherlich enttäuscht sein. Zwar werden einführend auch hierzu Informationen zusammengestellt, diese sind jedoch eindeutig nicht Schwerpunkt des Buches und – vielleicht auch deshalb – eher ungenau. Schwerpunkt sind die psychologischen Zusammenhänge und Auswirkungen. Diese werden sehr nachvollziehbar und gründlich aufgedeckt.

Von Eltern, die sich bewusst für eine Familiengründung durch Samenspende entschieden haben, ist eine gehörige Portion an Kritikfähigkeit gefragt, sich auf die Wahrnehmung der möglichen Schwierigkeiten einzulassen, die auch mit einer frühen Aufklärung nicht aufgelöst werden können. Das Buch beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit der Perspektive der Eltern und verfolgt auch nicht die Absicht, Eltern Mut oder Trost zu spenden oder gar eine Absolution für ihre Entscheidung für eine Familiengründung durch Samenspende zu erteilen. Diese Verantwortung bleibt bei den Eltern und ist – nach offenlegen der Schwierigkeiten – vielleicht schwieriger als zuvor zu tragen. Ein sehr lesenswertes Buch für Eltern, die sich nicht nur Gedanken darüber machen wollen, was Spenderkindern wichtig sein könnte, sondern bereit sind, den Kindern selbst zuzuhören.

„Ich mach mir ein Kind – Mutterglück ohne Sex“ TV-Dokumentation auf VOX am Samstag, 12. März 2016 um 20:15 Uhr

In der großen Samstagsdokumentation auf VOX wird am 12 März 2016 über Familiengründung durch Keimzellspende berichtet. Das Thema soll aus den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten beleuchtet werden. Spenderkinder-Mitglied Sunny äußert sich dabei aus Perspektive der durch Keimzellspende entstandenen Kinder.

Buchrezension „Triplo X – ein Kinderwunschroman“ von Lucie Bach

Der Verlag hat uns netterweise ein Rezensionsexemplar des Buches „Triplo X – ein Kinderwunschroman“ zugeschickt. Leider kann ich über den Inhalt aber nicht viel Gutes berichten.

Die Story: die Hauptperson Marta hat ein X-Chromosom zu viel (Triplo X), kann deswegen selbst keine Kinder bekommen und entscheidet sich daher für eine Eizellspende in Spanien. Da das als Handlung etwas dünn ist, wird es noch damit garniert, (Achtung Spoiler) dass sie herausfindet, dass ihre als Kind verstorbene Schwester Selbstmord begangen hat, weil sie unter der Mutter litt. Die Kinderwunsch-Odyssee hätte als zweiseitige Betroffenheits-Story für eine Zeitschrift wie nido oder Brigitte vielleicht noch ganz gut funktioniert, ist aber auf über 200 Seiten nur ermüdend, besonders wenn es nachher darum geht, welche Schwangerschaftstests sie wann und wie macht, wie sie Schwangerschaft und Geburt erlebt und wie sie sich für den Namen des Kindes entscheidet.

Gewundert habe ich mich aber insbesondere über die Motivation, ein solches Buch zu veröffentlichen. Wenn man Sympathie für unfruchtbare Menschen wecken möchte, dann garantiert nicht mit so einer Hauptperson. Würde ich dagegen eine negative Schilderung schreiben wollen über eine Frau mit Kinderwunsch, die auf eine künstliche Befruchtung zurückgreift, würde sie genau so aussehen wie Marta. Sie hat nämlich eigentlich nur ein einziges Thema – sich selbst. Sie will Mutter werden, und deswegen muss das irgendwie funktionieren. Ohne Kind zu leben, ist für sie nicht vorstellbar. Die Motivation hierfür, die ausdrücklich genannt wird, ist, dass sie selbst eine so schlechte Mutter hatte, dass sie es selbst besser machen möchte. Dass ein Kind kein Mittel sein sollte, um die eigenen seelischen Wunden zu heilen, sollte eigentlich klar sein, wird aber nie hinterfragt. Sie hat eine stark überspannte Persönlichkeit, worunter auch ihr ganz sympathischer Mann im gesamten Buch leiden muss, wenn er sie immer wieder beruhigen muss.

Die Entscheidung für eine Eizellspende fällt Marta so: Bei Adoptiv- und Pflegekindern befürchtet sie, dass sie krank oder behindert sind. Also muss sie selbst eins bekommen. „In vielen Ländern der EU ist Eizellspende legal, praktiziert wird sie regelmäßig aber nur in Tschechien, Spanien und seit 2015 auch in Österreich. Die Tschechen betrügen uns bestimmt, vorverurteile ich, und die Österreicher müssen noch üben, also werden wir nach Spanien gehen, eine renommierte Kinderwunschklinik liegt auf Mallorca“. Genau, da ist dann ja auch schönes Wetter. Dass Eizellspenden in Österreich anders als in Spanien nicht anonym sind, ist nicht Teil ihrer Entscheidung. Nicht anonyme Eizellspenden sind auch in einigen anderen europäischen Ländern möglich – aber das wird im Buch noch nicht einmal thematisiert.

Die Perspektive des Kindes wird im gesamten Buch nicht angesprochen – es ist nur das Wesen, was sehnlichst erwünscht wird. Das Verbot der Eizellspende in Deutschland sieht Marta als Ausdruck einer patriarchalischen Gesellschaft, deren Entscheidungsträger weiterhin Männer sind. Dass das Verbot auch das Kind schützen soll, interessiert sie überhaupt nicht, bei Restriktionen kann es sich nur um Schikane handeln. Ethische Bedenken hat Marta wenig – „Skrupel steigen in mir hoch – aber die müssen weg, damit wir unser Mädchen holen können.“ Zur Anonymität von Eizellspenderinnen in Spanien sagt sie nur: „Damit wird unser Kind leben müssen und auch können. Wir werden ihm dabei helfen.“ Bleibt nur zu hoffen, dass das Kind diese Entscheidung dann auch so akzeptieren wird.

Ihr Mann hat nach dem ersten Beratungsgespräch auf Mallorca Zweifel, ob die Eizellspende das Richtige für sie ist. „Weißt Du, Du bist nun mal etwas labil, und ich kann nicht immer alles auffangen. Wir beide wissen nicht wie das sein wird für dich, wenn unser Kind meine Gene hätte, aber deine nicht, sondern die einer Unbekannten. Wirst du nicht doch neidisch sein, dich ausgegrenzt fühlen? Und für das Kind wird es auch nicht einfach, dass es seine biologische Mutter nie kennenlernen kann.“ Sehr wahre Bedenken – und was macht Marta? Setzt ihm ein Ultimatum, dass sie es notfalls alleine durchzieht. Das widerspricht natürlich diametral dem Ratschlag, dass beide Eltern voll hinter der Entscheidung für eine Gametenspende stehen müssen.

Nach der Lektüre des Buches hoffe ich nur, dass der Großteil der Kinderwunsch-Eltern in Deutschland anders als die Protagonistin ist und sich etwas tiefer gehende Gedanken macht und dass das Buch zum Nachdenken über die elternzentrierte Erfüllung eines Kinderwunsches durch Eizellspende anregt.

Reportage im Bayerischen Rundfunk am Sonntag, 31. Januar 2016, 14:35 Uhr und 21.35 Uhr

Unter dem Titel „Umstrittener Eizellentourismus nach Tschechien – Brauchen wir ein neues deutsches Embryonenschutzgesetz?“ sendet der Bayerische Rundfunk am kommenden Sonntag (31. Januar 2015) eine Reportage. Eine schriftliche Version ist bereits online verfügbar.
Darin findet sich auch das Zitat einer Mutter durch Eizellspende, die überlegt, wie sie ihrem Kind helfen könnte, mit seiner Entstehungsweise zurecht zu kommen. Sie möchte dem Kind helfen, indem sie ihm sagt, dass es ohne die Eizellspende gar nicht entstanden wäre. Tatsächlich ist diese – Spenderkindern gut bekannte – Argumentation ein sehr elternzentrierter Rechtfertigungsversuch. Das lässt sich gut mit der Frage überprüfen, wer unter der Nicht-Existenz des Kindes leiden würde – die Frau mit Kinderwunsch oder das nicht-existierende Kind? Es gibt furchtbare Möglichkeiten, Kinder zu zeugen, die die daraus entstehenden Kinder deshalb hoffentlich nicht gutheißen müssen.
Die Eizellspenderin hebt in dem Beitrag, beinahe erleichtert, hervor, dass sie ihre Eizellen nur als Eizellen sehe und sich mit den daraus entstehenden Kindern nicht verbunden fühle. Diese Tatsache mag für die Spenderin und auch für die Wunscheltern erfreulich und entlastend sein. Für den entstehenden Menschen bedeutet es jedoch eine tiefe Kränkung, wenn ein biologischer Elternteil kein Interesse an ihm hat und eine doppelte Kränkung, wenn gezielt ein solch beziehungsloser Elternteil zur Zeugung ausgewählt wurde.

Kevin Staudt bei DRadio Wissen am 22. September 2015

Spenderkinder-Mitglied Kevin Staudt war am 22. September 2015 zu Gast in der Redaktionskonferenz von Deutschlandradio Wissen unter dem Titel „Samenspende – mein Sperma – dein Kind“. Im Interview mit Moderator Thilo Jahn berichtete Kevin von seiner kürzlich gestarteten Suchaktion nach seinem Spender, unter anderem mit Hilfe seines eigens dafür geschriebenen Songs „novum“, der über Youtube und Facebook verbreitet wird.

Gefragt nach seiner Motivation zur Suche, die von außen betrachtet ziemlich viel Aufwand bei sehr geringer Erfolgswahrscheinlichkeit bedeutet, erklärt Kevin: „Ungewissheit“ – „so lange ich lebe, werde ich mich fragen, wo ich herkomme.“ Kevin sagt auch, er wisse, dass er nichts erwarten könne, habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben.

Diese Haltung teilt Kevin mit vielen Spenderkindern, die sich trotz minimaler Erfolgschancen auf die Suche begeben. Weil das mit Anstrengungen verbunden ist, kommt von Außenstehenden häufig die Frage nach Kriterien für einen Abschluss der Suche, oder die Idee, sich doch mit der Ungewissheit abzufinden. Nach diesem Interview ist hoffentlich etwas deutlicher geworden, dass all die suchenden Spenderkinder viel Stärke, Kreativität und Hoffnung mitbringen, auch wenn sie ihre Suche ihr Leben lang begleiten wird und dass Resignation keine wünschenswerte Alternative ist. Sicherlich gibt es Zeiten, in denen das Thema mal mehr und mal weniger präsent ist und die Suche mal aktiver und mal passiver verfolgt wird. Aber auch wenn es manchmal den Anschein hat, sind wir nicht auf der Suche nach Phantomen, sondern leibhaftigen Menschen, die irgendwo noch andere Spuren als uns hinterlassen haben.