Archiv der Kategorie: Aufklärung

Bücher zur Aufklärung von Spenderkindern über ihre Entstehungsweise

Unserer Ansicht nach sollten Spenderkinder von Geburt an im Wissen um ihre Entstehungsweise und Herkunft aufwachsen. Aufklärung verstehen wir daher als einen Prozess von Anfang an – und nicht als einen Zeitpunkt, zu dem das Spenderkind die Wahrheit erfährt. Für Spenderkinder sollte es nie eine Zeit geben, in der sie nicht von ihre Entstehungsweise wussten. Aufklärung sollte daher kein einmaliges Gespräch sein – sondern sie sollte immer wieder Thema sein und auch von Eltern aktiv zum Thema gemacht werden (denn es gibt Kinder, die würden nie fragen). Mehr zum Thema Aufklärung haben wir in einem eigenem Beitrag zusammengetragen.

Für die Aufklärung braucht es eigentlich kein Buch: Entscheidend ist, dass die Eltern selbst erstmal Worte für sich finden und üben, über das Geschehen zu sprechen. Wenn sie das untereinander besprechen können, können sie es auch ihrem Kind erklären.

Bücher können aber den Eltern bei der Aufklärung helfen, denen es noch schwer fällt, ihre Geschichte in eigene Worte zu fassen. Aus unserer Sicht gibt es kein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch für Kinder speziell zur Familiengründung mit Hilfe eines oder einer Dritten (oder „Spenders“), da sie sehr elternzentriert geschrieben sind.Fast alle versuchen mehr oder weniger ausdrücklich, die Bedeutung des genetischen Vaters oder der genetischen Mutter zu minimieren. Meistens wird er nur als ein „anderer Mann“ oder ein „netter Mann“ erwähnt (bzw. in dem Buch über Eizellspende als „nette Frau“). Sicher ist es immer noch besser, mit diesen Büchern über die Samenspende zu sprechen als gar nicht, aber wir würden uns Bücher wünschen, die auch dem genetischen Elternteil einen legitimen Platz einräumen. Uns gefallen aber viele der allgemeineren Bücher zu Sexualaufklärung und Vererbung, die sich als Anlass anbieten, die eigene Geschichte locker einzubinden.

Wir möchten einige der Bücher vorstellen – auch diejenigen, die wir für weniger empfehlenswert halten, weil sie von anderen Stellen regelmäßig empfohlen werden.

I. Bücher, die wir für empfehlenswert halten:

Wie entsteht ein Baby – ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind (Cory Silverberg)

Das Buch „Wie entsteht ein Baby“ legt den Fokus der Aufklärung auf Ei und Samenzelle und nicht auf die Menschen selbst. Es erzählt keine richtige Geschichte, sondern spricht eher von Themen und stellt Fragen. Es wird von Menschen mit Gebärmutter gesprochen, von Menschen mit Eizellen oder Samenzellen, die Geschichten enthalten und von Menschen, die sich auf das Baby gefreut haben. So können verschiedene Familienformen und verschiedene Entstehungsgeschichten und Geburten selbst angepasst werden – weil bei allen Menschen eines gleich ist: sie entstehen aus Ei- und Samenzelle. Und es fragt nach Menschen, die dabei geholfen haben, dass die Ei- und die Samenzelle zusammen kamen und nach Menschen, die glücklich waren, dass ausgerechnet dieses Kind dabei entstanden ist.

Das Buch enthält starke Farbkontraste und ist modern gezeichnet. Das gefällt vielleicht nicht jedem (oder manchen deswegen umso mehr). Thematisch ist es aus unserer Sicht aber gut gelungen, weil es vielfältig ist und Platz für jede Form von Familie lässt, ohne dass Homosexualität, „Samenspende“, Adoption oder ähnliches erwähnt werden.

Alles Familie (Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl)

Unter dem Motto, das jede Familie einzigartig ist, stellt das mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Buch „Alles Familie“ unterschiedliche Verwandtschaftsbeziehungen und Familienkonstellationen kindgerecht vor, begleitet von Zeichnungen im Comic-Stil. Es kommen vor: Großfamilien, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Scheidungsfamilien, Adoption, Pflegekinder, verwaiste Kinder. Es geht auch um Vererbung und was Familie bedeutet (besondere Nähe, aber auch regelmäßig Streit). Über eine Reproduktionsklinik vermittelte Samen- oder Eizellen kommen nicht vor, aber eine Co-Parenting Familie mit zwei lesbischen und zwei schwulen Eltern. Hieran kann man zum Beispiel anknüpfen und dem Kind erklären, dass es bei ihm so ähnlich war, weil Mama und Papa auch nicht zusammen ein Kind bekommen konnten und deswegen die Spermien von einem anderen Mann genommen haben. Vom Alter her funktioniert das Buch aber frühestens ab vier, da es relativ viel Text beinhaltet.

„Meine ganze Familie: Was den Urmenschen und mich verbindet. Alles Wichtige über Generationen“

Das Buch handelt von Abstammung, Herkunft, Vererbung und Evolution und inwiefern wir alle ein bisschen miteinander verwandt sind. Es ist vom Stil her sehr ähnlich zu „Alles Familie“ und eignet sich ebenfalls gut zur Anknüpfung, dass ein Spenderkind Merkmale von seinen genetischen Eltern erbt, andere Sachen wie Traditionen oder Kultur aber sozial vermittelt werden.

II. Bücher, die wir nur eingeschränkt für empfehlenswert halten:

Die Geschichte unserer Familie (Petra Thorn)

Petra Thorn hat verschiedene Versionen eines Aufklärungsbilderbuches zur „Samenspende“ für Hetero-Eltern, ein lesbisches Paar oder Solo-Mütter geschrieben, die man sich zusammen mit dem Kind ansehen kann.

Das Buch für Hetero-Eltern trägt den Untertitel „Ein Buch für Familien, die sich mit Hilfe der
Spendersamenbehandlung gebildet haben“. Den Samen eines fremden Mannes zur Erfüllung des Kinderwunsches zu verwenden, stellt jedoch keine Behandlung dar. Die Darstellung vermittelt recht deutlich eine Wertung der Situation und Position der beteiligten Menschen: Die Eltern werden als furchtbar traurig dargestellt, und dann gehen sie zu einem Arzt, bei dem sie hoffen dass er ihnen helfen kann und der einen anderen Mann fragt, ob der nicht seinen Samen schenken möchte. Damit wird klargestellt, dass die Eltern auf jeden Fall Mitleid in ihrer Situation verdienen und der Arzt der Erlöser ist. Der genetische Vater des Kindes wird lediglich als „anderer Mann“ eingeführt und dann nicht weiter erwähnt. Er soll erkennbar keine zu große Rolle spielen. Völlig unklar bleibt sein Bezug zum Kind, ob er sich das Kind auch gewünscht hat. Unerwähnt bleibt auch, dass das Kind den anderen Mann kennenlernen kann und ob er sich darüber freuen würde.

Im Buch für Solo-Mütter heißt es erst, die Mama habe keinen Mann gefunden, der auch ein Kind gewollt habe. Dann sei sie zum Arzt gegangen, der dann einen Mann gefunden habe, der ihr Samen gibt. Aus Kindersicht steht jetzt die unausgeschriebene Frage im Raum, ob dieser Mann denn wohl ein Kind gewollt habe. Das Recht des Kindes, seine genetischen Eltern zu kennen, wird ebenfalls nicht erwähnt.

Zwei Mamas für Oscar: Wie aus einem Wunsch ein Wunder wird (Susanne Scheerer)

Das Buch erzählt die Kinderwunschgeschichte eines lesbischen Paares mit einem privaten „Spender“. Es erklärt aber auch, wie Kinder im Allgemeinen entstehen. Das Buch ist schön illustriert und die Texte sind einfach und daher auch für jüngere Kinder geeignet. Die Figuren sind modern: es gibt diversifizierte Hetero-Paare, tätowierte Hipster-Samenspender, Regenbogenfamilien usw. Die Aufklärungsbilder sind angenehm explizit. Die „Samenspende“ selbst steht gar nicht so sehr im Vordergrund, sondern eher das Anliegen, die Regenbogenfamilien als gleichwertig und gesellschaftlich normal zur gewohnten Kernfamilie darzustellen.

Das Anliegen ist nachvollziehbar. Was uns an dem Buch aber nicht gefällt, ist dass der Wunsch der beiden Mütter als so übermächtig dargestellt wird, dass fast befürchtet wird, dass die beiden Frauen Lina und Bine sterben („Und wenn ein Wunsch immer größer wird und nicht in Erfüllung geht – dann ist irgendwann nur noch der Wunsch da und die große Traurigkeit, und man selbst löst sich vor lauter Sehnen einfach auf“). Es scheint daher nur noch darum zu gehen, wie man das Leid der Wunscheltern endlich beenden kann. Der private „Spender“ Hans und seine Partnerin entscheiden sich daher dafür, den beiden etwas von seinem Samen zu geben. Es wird so dargestellt, als hätten sich alle vier gemeinsam für das Baby entschieden. Mit der übermächtigen Wunschvorgeschichte ist das jedoch unglaubwürdig. Hätten sie denn eine andere Wahl gehabt?

Die Zeugung wird eindeutig als Vorgang zwischen den beiden Frauen definiert: „Bine hat dann dem Samen geholfen, das Ei zu finden. Also haben die beiden Mamas zu zweit das Baby gemacht.“ Das Bedürfnis der beiden Frauen ist nachvollziehbar, den Mann aus ihrem Liebesakt herauszuhalten. Aber zur Entstehung des Kindes hat er dennoch beigetragen.

Am Ende freuen sich alle vier über Oscars Geburt. Das ist einerseits schön, weil es zeigt, dass alle eine Beziehung zu Oscar haben. Es verbleibt aber dennoch ein schaler Nachgeschmack, weil der Wunsch so drängend dargestellt wurde, dass es nicht wie eine freue Entscheidung von Hans und Leonore wirkt. Dass Hans der Vater von Oscar ist, wird an keiner Stelle erwähnt.

Wie Lotta geboren wurde (Ka Schmitz und Cai Schmitz-Weicht)

Das Buch „Wie Lotta geboren wurde“ ist schon 2013 erschienen und wird für Kinder ab zwei Jahren empfohlen. Es thematisiert Transgeschlechtlichkeit, auch wenn diese weder explizit erwähnt noch umschrieben wird, und vermeidet Geschlechtsrollen: es ist von Menschen statt von Frauen und Männern die Rede. Der Ansatz, von Menschen, die sich nicht in der Zweigeschlechtlichkeit einordnen möchten, ist nachvollziehbar, aber es irritiert daher, dass Lotta dann einen „Papa“ hat. Schön ist, dass der Freund, der Lottas Papa den Samen schenkte, am Ende wieder erwähnt wird, dass er sich freute, dass Lotta geboren war.

Seine Rolle ist jedoch trotzdem sehr randständig: Er wird bezeichnet als „netter Freund“ (von Lottas Papa), der ihm ein paar Samenzellen schenkt. Die Schwangerschaft scheint allein Lottas Papa zu betreffen, er gibt ihr auch den Namen, erst als Lotta geboren ist, taucht der „nette Freund“ wieder auf um sich zu freuen, wie auch die Omas und Opas. Trotzdem fragt man sich, ob Lotta eigentlich zwei Eltern hat, die für sie da sind.

The Pea that was me – an Egg Donation Story (Kimberly Kluger-Bell)

In dem Buch für Kinder ab drei erzählt ein Kind, dass es früher eine Erbse war und wie es in den Bauch der Mutter gekommen ist. Das Buch ist sehr elternzentriert geschrieben: die Eier haben nicht richtig funktioniert, deswegen gehen Mama und Papa zu einem Arzt, der eine wunderbare Idee hat: er findet eine sehr nette Frau, die viele Extra-Eier hat, die sie der Mutter schenkt (in einem Geschenkpaket). Mit der Hilfe von dem sehr netten Arzt, der sehr freundlichen Frau (die auch Spenderin genannt wird), Papas Samen und Mamas Bauch wurde dann aus der Erbse das Mädchen. Der Arzt ist sehr nett, die Frau auch, die Beziehung der Erzählerin bleibt unklar. Die grünen Zeichnungen sind außerdem vermutlich nicht jedermann Sache. Das Buch gibt es nur auf Englisch, aber auf den Seiten wäre genug Platz, um eine deutsche Übersetzung darunter zu schreiben.

Das Geheimnis des ehrenwerten Hauses (Stefan Remigius)

Im Rahmen einer Detektivgeschichte für Kinder ab acht Jahren geht es um verschiedene Familienformen wie Adoption und „Samenspende“. Allerdings ist auch dieses Buch stark von der Elternperspektive geprägt. So findet eine Auseinandersetzung mit den Fragen und Problemen nicht statt, die erst nach Jahrzehnten für die Kinder und in den Familien auftauchen, wie zum Beispiel ob die Kinder einen Kontakt zu ihren genetischen Eltern aufbauen können. Acht Jahre ist außerdem unseres Erachtens ein zu später Zeitpunkt für die Aufklärung. Das Buch eignet sich also eher, um das Thema ein weiteres Mal zur Sprache zu bringen.

Mama + Mamusch – Ich bin ein Herzenswunsch-Kind (Helene Düperthal und Lisa Hänsch)

Das Buch ist für Kinder ab etwa fünf mit lesbischen Eltern geschrieben und ist extrem elternzentriert. Das Buch soll unter anderem von dem Glück erzählen, „als Herzenswunsch-Kind geboren worden zu sein und aufwachsen zu dürfen.“ Damit wird vermittelt, dass gewünschte Kinder besonders glücklich sind und dankbar für ihre Existenz sein sollten – ein Gedanke, denn wir für sehr schwierig halten (siehe 12 Bemerkungen, die Spenderkinder nerven).

Erzählt wird die Geschichte anhand des ersten Schultages von Ana, die ihre Familie malen und vorstellen muss. Sie bezeichnet sich und ihren Bruder als Wunder-Wunsch-Kinder und ihre Mama und Mamusch als Wunder-Wunsch-Eltern. Später fragt ihr Klassenkamerad Tim genauer nach, weswegen sie zwei Mamas hat. Ana erinnert sich dann, wie Mama und Mamusch ihr erzählt haben, wie sie in den Bauch der Mama kam: Sie und Mamusch hätten sich auf die Suche nach einem Mann gemacht, der ihnen helfen kann. Sie hätten jemanden gefunden, der gespürt habe, wie stark ihre Sehnsucht sei. Er wäre ganz lieb gewesen und habe ihnen ein bisschen von seinem Samen gespendet. Mehr erfährt man von dem Mann nicht – auch nicht, welche emotionale Beziehung er zu Ana und ihrem Bruder und den Müttern hat.

Später freuen sich Ana und Tim, dass sie die besten Eltern der Welt haben und wissen, dass es ein echter Glücksfall war, dass sie mit ihren Mamas, ihrem Papa und Mamusch ihre eigenen Herzenswunsch-Eltern gefunden haben. Das erscheint etwas realitätsfremd: Kinder suchen sich ihre Eltern nicht aus. Diese Darstellung vermittelt recht deutlich das Anliegen, von den Kindern als tolle Eltern anerkannt zu werden sowie dass das Kind sich damit identifiziert, die Sehnsucht der Wunscheltern gestillt zu haben. So nachvollziehbar dieser Wunsch auch ist, sind Kinder aber nicht dazu da, ihre Eltern zu bestätigen.

Offen gesprochen

Die Reihe „Offen gesprochen“, die von DI-Netz aus dem Englischen übersetzt wurden , sind keine Bücher zum Lesen mit den Kindern, sondern Ratgeber zur Aufklärung von Spenderkindern verschiedener Altersstufen. Die Bücher sind aus einem elterlichen Ansatz heraus geschrieben.

III. Alternative: Ein eigenes Fotobuch zur Aufklärung

Eltern können außerdem ein eigenes (Foto)Buch zur Aufklärung machen. Bei verschiedenen Drogerien gibt es inzwischen die Möglichkeit, mit eigenen Fotos für ca. 20 Euro Papp-Bilderbücher online zu gestalten. Dann sind es die eigenen Worte und Bilder, aber doch ein etwas festerer Rahmen als nur auf Gesprächsgelegenheiten zu warten. In ein solches Buch könnte man ggf. auch eigene Bilder oder Skizzen einfügen und zum Beispiel auch eine eigene Seite über den genetischen Vater und einen erweiterten Stammbaum mit drei Eltern.

Wir würden folgenden Text für Hetero-Eltern vorschlagen: „Mama und Papa wünschten sich sehr ein Kind. Damit ein Kind entsteht, braucht es einen Mann und eine Frau. Jeden Monat wächst bei der Frau im Bauch ein Ei heran. Damit ein Baby entstehen kann, muss noch der Samen eines Mannes dazukommen. Bei manchen Männern klappt das aber nicht. So war das auch bei Papa. Mama und Papa haben überlegt, wie sie trotzdem ein Kind bekommen könnten. Schließlich haben sie einen anderen Mann gefunden, der seinen Samen abgegeben hat, damit daraus ein Kind entstehen kann. Mit seinem Samen und Mamas Ei konnte ein Kind in Mamas Bauch heranwachsen. Und das bist Du. Du hast Mama und Papa und einen genetischen Vater. Wenn Du magst, kannst Du ihn auch mal kennenlernen. Wir freuen uns alle sehr, dass Du auf die Welt gekommen bist.“

Spendenquittung – Stinas Geschichte im WDR Podcast StoryQuarks

Spenderkinder-Mitglied Stina erzählt im WDR Radio-Podcast StoryQuarks vom 28. August 2019 die Geschichte von der 12 Jahre langen Suche nach ihrem genetischen Vater – und die erschreckende Entdeckung, dass es der Arzt war, der ihre Mutter vor 40 Jahren behandelt hat. Stina hatte mit dem Arzt bereits vor vielen Jahren Kontakt aufgenommen, um mehr über ihre genetische Herkunft zu erfahren, er gab jedoch keine Auskunft.

Der Podcast ist sehr anschaulich gemacht, so dass sich hoffentlich auch Außenstehende gut in die Perspektive suchender Spenderkinder hineinversetzen können. Nicht ganz richtig wird es so dargestellt, als habe die Aufbewahrungsfrist bis 2018 nur 10 Jahre betragen. Das ist nicht der Fall. Die 10jährige Aufbewahrungsfrist war auch in der Musterberufsordnung für Ärzte von 1979 als Mindestaufbewahrungsfrist vorgesehen, mit dem Zusatz, dass Daten, von denen man annimmt, dass sie „soweit nicht nach anderen gesetzlichen Vorschriften eine längere Aufbewahrungsfrist besteht. Eine längere Aufbewahrung ist auch dann erforderlich, wenn sie nach ärztlicher Erfahrung geboten ist.“ Die ärztliche Erfahrung hätte eine längere Aufbewahrung geboten. Das Recht auf Kenntnis der Abstammung ist seit den 60er Jahren herrschende juristische Meinung.

Die Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Dr. Petra Thorn weist aber auf einen wichtigen Punkt hin, der möglicherweise mit erklären kann, weshalb einige Reproduktionsmediziner zu Samenvermittlung in den 70er und 80er Jahren keine Auskunft geben möchten: Vermutlich haben noch viel mehr Ärzte ihren eigenen Samen verwendet, ein Verhalten, das eindeutig unethisch ist, weil sie eigenmächtig entschieden haben, sich mit einer Patientin ohne deren Wissen fortzupflanzen.

Stinas Geschichte im Audible-Podcast „der Moment“ vom 27. Juli 2019

In der aktuellen Folge des audible-Podcasts „der Moment“ vom 27. Juli 2019 erzählt Spenderkinder-Mitglied Stina die Geschichte vom Tag ihrer Aufklärung im Jahr 2006 bis zum Finden ihres genetischen Vaters 2018.

Anders als in den Zeitungsartikeln in der Zeit und der WAZ zu Beginn dieses Jahres, erzählt Stina im Podcast selbst ihre Geschichte. Dadurch fühlt man sich noch dichter dran am Geschehen und Stinas stets besonnene Reaktion auf emotional sehr schwierige SItuationen, die – wären sie nicht wirklich wahr – surreal anmuten, wirkt umso bemerkenswerter.

Noch ist die Folge nur mit einem Audible-Abo zu hören, wahrscheinlich wird sie aber nach einiger Zeit für alle freigeschaltet. Die ganze Staffel kostet 10 Euro – die anderen Folgen klingen aber auch interessant!

WDR Menschen hautnah „Vater unbekannt – Anonym gezeugt“ (Teil 2) am 4. April um 22.40 Uhr

Die Spenderkindermitglieder Anja und Sunny wurden vor einigen Jahren für den ersten Teil der WDR-Sendung „Menschen hautnah“ begleitet. Daraufhin hat sich Gerald gemeldet, der als junger Mann seine Samenzellen in der Müncher Arztpraxis abgegeben hat, in der Anja entstanden ist. Er ist aufgeschlossen, seine damals entstandenen Kinder kennenzulernen. Auch sonst hat sich in den folgenden Jahren einiges getan.

Am Donnerstag, dem 4. April, wird um 22.40 Uhr der zweite Teil der Dokumentation ausgestrahlt. Neben Anja, Sunny und Gerald kommt auch Spenderkindermitglied Stina zu Wort. Anschließend ist der Beitrag in der WDR-Mediathek abrufbar.

Urteil in den Niederlanden im Fall Karbaat – Spenderkinder dürfen DNA mit der des verstorbenen Arztes abgleichen

Am 13. Februar 2019 ist in den Niederlanden ein spannendes Urteil gefallen: Ein Gericht in Rotterdam hat entschieden, dass Spenderkinder, die davon ausgehen, dass der Reproduktionsmediziner Jan Karbaat selbst ihr genetischer Vater ist, dies nun in einem Abgleich mit seiner DNA überprüfen dürfen. Bislang hatten sich vor allem über DNA-Datenbanken etliche Halbgeschwister gefunden. Der Arzt ist im April 2017 im Alter von 89 Jahren verstorben, seine Frau hatte einen Abgleich mit der DNA des Verstorbenen abgelehnt.

In Deutschland gibt es bisher nicht die Möglichkeit, die genetische Vaterschaft gegen den Willen des mutmaßlichen Vaters zu überprüfen, wenn dieser nicht auch als rechtlicher Vater festgestellt werden soll.  Damit Spenderkinder auch dann über ihre Herkunft Gewissheit erhalten können, wenn sie weiterhin ihrem rechtlichen Vater zugeordnet bleiben möchten, oder wenn sie nach Inkrafttreten des Samenspenderregistergesetzes gezeugt wurden,  fordern wir auch in Deutschland einen allgemeinen rechtsfolgenlosen Anspruch auf Klärung der Abstammung.

19. Halbgeschwistergruppe

Eine weitere Halbgeschwistergruppe aus dem Novum in Essen hat sich gefunden: Spenderkindermitglied Sabrina hatte sich schon vor einiger Zeit bei der DNA-Datenbank FTDNA registriert. Nun wurde ihr eine Halbschwester angezeigt: Melanie, ebenfalls Mitglied bei uns. Sabrina und Melanie haben jeweils noch einen Bruder, so dass sich höchstwahrscheinlich direkt eine Vierer-Gruppe gefunden hat. Die DNA-Überprüfung steht noch aus, aber die optische Ähnlichkeit der Brüder bestätigt die Vermutung.

Obwohl Sabrina schon von anderen Treffern gehört hatte, hätte sie nicht für möglich gehalten, dass sie selbst auch Halbgeschwister findet und freut sich nun sehr über den Doppeltreffer.

Bemerkenswert ist, dass zwischen den Brüdern ein Altersunterschied von etwa einem Jahrzehnt liegt. Möglicherweise handelt es sich bei dem genetischen Vater der Vier also um einen weiteren Langzeitspender.

Interview auf Online-Blog „Solomamapluseins“ mit Spenderkinder-Mitglied Claire am 17. Oktober 2018

Spenderkinder-Mitglied Claire nimmt in einem Interview mit der Betreiberin des Online-Blogs „Solomamapluseins“ Stellung zur Familiengründung von Singlefrauen mit Samen eines Mannes, der nicht auch sozialer oder rechtlicher Vater werden möchte. Im ersten Teil des Interviews schildert Claire ihre eigene Geschichte vom frühen Gefühl „falsch“ zu sein, über die späte Aufklärung bis hin zum Finden ihres genetischen Vaters und einem Gefühl, endlich vollständig zu sein. Im zweiten Teil reflektiert sie diese Form der Familiengründung kritisch:

„auch wenn ein Kind eine wirklich tolle Beziehung zu seiner Mutter hat, so bleibt am Ende doch diese Kränkung, dass der andere Elternteil, von dem man 50 % hat, nicht wirklich an einem interessiert ist oder es sogar ablehnt/ignoriert.“

Und Menschen, die über dieser Form der Familiengründung nachdenken, empfiehlt sie:

„Überlege es Dir gut. Ist das wirklich Dein Weg?

Lerne den Vater Deines Kindes persönlich kennen.

Rieche ihn. Rede mit ihm.

Lerne ihn so gut es geht kennen.

Kannst Du ihn ertragen?

Ist er Dir wirklich sympathisch?
Bedenke, dass Dein Kind viel von ihm bekommen könnte; später vielleicht einmal in Teilen so sein oder aussehen könnte wie er.

Auch könnte es Wesenszüge von ihm haben. Nicht nur Du wirst Dich in Deinem Kind reflektieren. Es sind da auch immer die Facetten des ANDEREN, mit dem Du ein Kind bekommen wirst.“

Vielen Dank an Hanna, die Betreiberin des Blogs, die so ernsthaft interessiert nicht davor zurückschreckt, auch die weniger glänzenden Seiten dieser Form der Familiengründung auf ihrem Blog abzubilden!

Halbgeschwistergruppe aus München ist mittlerweile zu neunt

Im Frühjahr 2016 hatten Manuel und Désirée – beide gezeugt in der Praxis von Dr. Poluda in München – über den DNA-Test Family Finder bei der DNA-Datenbank FamilyTreeDNA (FTDNA) herausgefunden, dass sie Halbgeschwister sind. 2017 kam mit Vera eine weitere Halbschwester dazu. Im Laufe der letzten Monate hatten die drei sechs weitere Halbgeschwistertreffer über die DNA-Datenbanken FTDNA, MyHeritageDNA und 23andMe: mit Lisa und ihrem Zwillingsbruder Matthias, Sarah, Stephanie (die in der Praxis von Dr. Bollmann in München gezeugt wurde), Markus und Fadi. Markus und Fadi haben jeweils noch jüngere Zwillinge als Geschwister, von denen nicht bekannt ist, ob sie denselben genetischen Vater haben. Beide hatten den DNA-Test nur „aus Spaß“ gemacht und nicht damit gerechnet, plötzlich ihre Herkunft und das bisherige Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern neu sortieren zu müssen. Zwei der Halbbrüder haben den Kontakt erstmal abgebrochen. Zwischen den anderen besteht ein „gutes ‚familiäres‘ Verhältnis“.

Damit ist die Münchner Gruppe die derzeit größte identifizierte Gruppe von Halbgeschwistern in Deutschland. Der Verdacht, dass es sich bei dem genetischen Vater um einen Langzeitspender handelt, scheint sich zu bestätigen: Zwischen dem ältesten und jüngsten Halbgeschwister liegt ein Altersunterschied von 13 Jahren, die anderen liegen recht gleichmäßig dazwischen. In die Freude über die gefundenen Verbindungen mischt sich auch ein mulmiges Gefühl, wie viele Halbgeschwister dieser Gruppe es noch geben mag.

Loyalitätskonflikt der anderen Art

1. Teil

Leonard hat endlich seinen biologischen Vater gefunden. Zuvor hatte er den auskunftspflichtigen Arzt mehrmals kontaktiert. Dieser verwies immer wieder darauf, dass die entsprechenden Unterlagen nicht mehr vorhanden seien. Nach Ankündigung einer Klage vermittelte der Reproduktionsmediziner Leonard schließlich den Kontakt zu seinem biologischen Vater und es kam zu einem Treffen.

2. Teil

Nach dieser vordergründigen Identifizierung und Begegnung enden viele Berichte von Spenderkindern. Leonards Geschichte geht aber noch weiter: Sein genetischer Vater hatte niemandem in seiner Familie von der Samenspende erzählt und es ist bis heute seine größte Angst, dass jemand aus seiner Familie es herausfinden könnte.
Leonard hatte sich – wie viele andere Spenderkinder – in einer DNA-Datenbank registriert. Dort wurde ihm plötzlich eine Halbschwester angezeigt. Das brachte Leonard in einen sehr unangenehmen inneren Konflikt: Einerseits wollte er die gerade aufkeimende Beziehung zu seinem genetischen Vater nicht gefährden, indem ihn weitere seiner Kinder über die Verbindung zu Leonard identifizierten. Andererseits konnte wohl niemand so gut wie Leonard das Bedürfnis seiner Halbschwester verstehen, zu wissen, wer der eigene genetische Vater ist. Nach großem innerem Ringen traf er sich mit seiner Halbschwester und erzählte ihr, dass er ihren gemeinsamen genetischen Vater kennt. Schließlich willigte der genetische Vater ein, dass Leonard seiner Halbschwester seine Daten weitergab. Um ähnliche Situationen künftig zu vermeiden, hat sich Leonard vorläufig von der Datenbank abgemeldet. Leonard hat Angst, dass sich sein genetischer Vater wieder von ihm abwendet, wenn ihn weitere Kinder über Leonard finden.

Leonards Geschichte zeigt auf, wie wichtig es ist, dass sich Samenspender im Vorfeld ihrer Entscheidung umfassend mit den Konsequenzen ihrer Handlung auseinandersetzen. Es entstehen Menschen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre genetischen Väter kennenlernen möchten. Es ist nicht Aufgabe von Spenderkindern, ihren genetischen Vätern zu helfen, eine Scheinwelt aufrecht zu erhalten, in der es die genetischen Kinder nicht gibt. Wäre es nicht auch Spenderkindern zu wünschen, dass ihre genetischen Väter sie nicht vor anderen verleugnen, sondern zu ihnen stehen?

Weiterer Halbgeschwistertreffer

Ein weiterer Halbgeschwistertreffer ist dank eines zufälligen Treffers in einer DNA-Datenbank zustanden gekommen. Dana, die schon immer wusste, dass sie Spenderkind ist und schon seit ihrer Kindheit gerne Kontakt zu Halbgeschwistern gehabt hätte, hat sich letzten Monat neben FTDNA zusätzlich bei der DNA-Datenbank 23andMe registrieren lassen. Dort war auch ein Halbbruder von ihr registriert, der bis dahin nicht wusste, dass er Spenderkind ist.

Dies ist schon der zweite Halbgeschwistertreffer zwischen Spenderkindern, die in einer kleinen gynäkologischen Praxis in Hamburg-Harburg gezeugt worden sind, in der vor allem in den 1980er Jahren Inseminationen durchgeführt wurden.

Wir zählen ab jetzt nicht mehr einzelne Halbgeschwistertreffer, sondern Halbgeschwistergruppen. Mit dem aktuellen Treffer haben wir mittlerweile 18 Halbgeschwistergruppen, die aus zwei bis sieben Spenderkindern bestehen.

Die letzten Halbgeschwister-Zufallstreffer lassen uns vermuten, dass es teilweise sehr große Halbgeschwistergruppen gibt. Dafür spricht auch, dass es vor Inkrafttreten des Samenspenderregisters zum 1. Juli 2018 keine wirksame Kontrolle darüber gab, wie viele Kinder durch einen Samenspender gezeugt wurden. Leider gibt es auch immernoch keine verbindliche Obergrenze. Aus Erzählungen wissen wir, dass manche Samenspender jahrelang aktiv waren. In den USA sind über die Donor Sibling Registry Halbgeschwistergruppen von 50 bis 100 Menschen bekannt. Viele Spenderkinder freuen sich über Halbgeschwister. Solch große Halbgeschwistergruppen erschweren es aber, die einzelnen Menschen als Individuen wahrzunehmen und wecken eher unangenehme Assoziationen an gewinnmaximierende „Massenproduktion“.