Psychologisches

Psychologische Aspekte zur Familiengründung durch Samenspende – Familiengründung zu dritt

„…aber Sie sind doch ein absolutes Wunschkind!“ – Diesen Satz haben viele Spenderkinder schon mehr als einmal gehört. Häufig wird er dann vorgebracht, wenn Schwierigkeiten oder Probleme im Zusammenhang mit der Familiengründung durch Samenspende thematisiert werden – als dürfe es die nicht geben. Aber natürlich gibt es sie trotzdem. Aus psychologischer und insbesondere familiensystemischer Sicht sind für alle Beteiligten dabei die folgenden Aspekte wichtig:

Familiengründung durch Samenspende ist Familiengründung zu dritt

Familiengründung durch Samenspende ist keine Behandlung von Unfruchtbarkeit, auch wenn sie mit dem Begriff „Spendersamenbehandlung“ häufig so bezeichnet wird.1 Sie stellt nicht nur die Erfüllung eines Kinderwunsches dar, sondern ist eine besondere Form der Familiengründung. Die Bezeichnung „Familiengründung zu dritt“ soll deutlich machen, dass ab der Entscheidung für diese Form der Familiengründung drei Erwachsene beteiligt sind – das Paar mit Kinderwunsch und der Spender als biologischer Vater des Kindes.

Aus psychologischer Sicht ist die Familiengründung zu dritt mit Hilfe einer Samenspende eine lebenslange Herausforderung für alle Beteiligten. Der biologische Vater spielt eine existenzielle Rolle für die Entstehung des Kindes. Das hat Auswirkungen – auf das Kind, die Mutter sowie den sozialen Vater und auch auf die Beziehungen der beteiligten Personen untereinander.

1. Die einzelnen Positionen im Familiensystem

1.1 Die Positiondes sozialen Vaters

Der soziale Vater ist unfruchtbar. Er kann keine Kinder zeugen. Diese Tatsache ist unabänderlich. Er muss sich also von seinem leiblichen Kinderwunsch verabschieden, wozu das Gefühl der Traurigkeit, vielleicht auch Ärger oder Hilflosigkeit angesichts der Situation gehört und Neid auf die Männer, die Kinder zeugen können. Zeugungsfähigkeit ist für viele Männer außerdem eng mit ihrer männlichen Identität verbunden. Dabei wird Zeugungsfähigkeit traditionell mit Potenz = Macht, Stärke assoziiert und damit mit zentralen Attributen der männlichen Geschlechterrolle. Zeugungsunfähigkeit bedeutet in diesem Sinne eine Depotenzierung, eine Schwächung der Männlichkeit des Mannes. Das wiederum kann Scham sowie Gefühle der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit begünstigen.

Ein unfruchtbarer Mann kann mit seiner Partnerin keine leiblichen Kinder bekommen. Neben Trauer darüber können auch Schuldgedanken auftreten, insbesondere, wenn bei der fruchtbaren Partnerin ein starker Kinderwunsch besteht. Zudem können Ängste auftreten, dass die Partnerin in der Konsequenz die Beziehung auflösen könnte, um ihren Kinderwunsch mit einem anderen Mann zu realisieren.

Bei einem unfruchtbaren Mann können Gedanken auftreten, selbst „versagt“ zu haben – obwohl ihm eigentlich etwas versagt wurde, nämlich leiblicher Vater zu werden. Es ist eine große Herausforderung für den unfruchtbaren Mann, diese Situation für sich so zu sortieren, dass er seine Unfruchtbarkeit und den unerfüllbaren leiblichen Kinderwunsch angemessen betrauert und eventuell seine bisherigen Vorstellungen männlicher Identität hinterfragt um die Unfruchtbarkeit in sein (männliches) Selbstkonzept zu integrieren und einen selbstbewussten Umgang damit zu ermöglichen, ohne anhaltende Unzulänglichkeitsgefühle.2

Die Familiengründung zu dritt über eine Samenspende bedeutet nicht nur ein Kind anzunehmen, sondern auch anzuerkennen, dass ein anderer Mann biologischer, leiblicher Vater dieses Kindes ist. Das kann Neid und Konkurrenzgefühle mit sich bringen, auf den Mann, der zeugungsfähig ist und von dem die eigene Partnerin schwanger wurde – und das sogar mit Einverständnis des Ehemanns. Unsicherheit und Angst können auftreten, ob das Kind, wenn es aufgeklärt wurde, den sozialen Elternteil weiterhin akzeptiert und ob es gelingt, das Kind so anzunehmen, wie ein biologisch eigenes.

Die Position des sozialen Vaters ist die schwächste im Familiensystem. Mutter, biologischer Vater und Kind(er) sind biologisch miteinander verbunden – der soziale Vater steht in dieser Hinsicht außen vor. Er kann sich seiner Beziehung zum Kind nicht sicher sein, wie Mutter und biologischer Vater, weil keine biologische Verbindung besteht. Damit dennoch eine Verbindung zum Kind entsteht, ist es deshalb für ihn besonders wichtig, eine soziale Beziehung zum Kind aufzubauen. Eine soziale Beziehung lässt sich jedoch nicht erzwingen. Es gibt im Vorfeld keine Garantie dafür, dass sie entsteht. Menschen begegnen im Laufe ihres Lebens vielen Menschen – zu manchen entsteht eine enge Beziehung, es besteht Sympathie und eine gleiche Wellenlänge. Andere bleiben einem eher fremd, vielleicht passt der Humor nicht oder man kann sich einfach nicht riechen. Die Bedeutung des individuellen Körpergeruchs von Kind und sozialem Vater ist bislang gänzlich unerforscht. Es ist also möglich, dass selbst bei redlichem Bemühen der Erfolg ausbleibt. Das kann beim sozialen Vater Druck erzeugen und Angst auslösen. Er ist in seiner Vaterrolle abhängig von der Anerkennung durch das Kind.

Vor diesem Hintergrund ist auch das Anliegen von Wunschelternseite zu verstehen, die teilweise vehement fordert, dem rein sozialen Elternteil seine Elternrolle gesetzlich zu garantieren und dem Kind sein Recht auf Anfechtung der Vaterschaft zu nehmen. Es ist zu vermuten, dass diese Angst auch die geringe Bereitschaft der sozialen Väter beeinflusst, ihre Kinder über deren biologische Abstammung aufzuklären.3

Manchmal taucht bei Paaren, die sich mit dem vorliegenden Thema beschäftigen, die Frage auf, wie echt sich das Kind schließlich für die Eltern, insbesondere für den sozialen Vater anfühle. Das Ziel dieser Paare ist es, so wirkt es, ein Kind zu haben, das sich so echt wie möglich anfühlt. Doch was ist damit gemeint? Die Frage nach der Echtheit zeigt ein Missverständnis hinsichtlich des Ziels auf: Ein Kind, das durch eine Samenspende entsteht, ist nicht das eigene Kind, ist NICHT ECHT im Sinne von genetisch verwandt, und wird es auch nicht werden. Es hat die genetischen Anlagen der Mutter und seines biologischen Vaters. Es ist wichtig, dass sich die Eltern, insbesondere der soziale Vater, das vergegenwärtigen. An dieser Stelle wird deutlich, wie notwendig es ist, dass der soziale Wunschvater seine bestehende Unfruchtbarkeit akzeptiert und auch betrauert, damit das angenommene Kind kein Ersatzkind für das nicht mögliche genetisch eigene Kind wird. Erst dann kann das Fremde im Kind, das tatsächlich teilweise fremde Kind, angenommen und akzeptiert werden.

1.2 Die Position der sozialen und genetischen Mutter

Die Mutter verfügt – anders als der soziale Vater – über eine soziale und biologische Verbindung zum Kind. Es besteht – anders als bei einer Adoption – eine asymmetrische Beziehung der Eltern zum Kind – ein Ungleichgewicht. Das kann zu Spannungen der Eltern untereinander führen. Die Mutter ist durch ihre Doppelbindung in einer mächtigeren Position, als der soziale Vater, ihre Verbindung zum Kind ist garantiert. Die Bereitschaft zur Aufklärung des Kindes über seine Entstehungsweise geht meistens von der Mutter aus, was mit ihrer garantierten Verbindung zum Kind zusammenhängen könnte. Gleichzeitig können auch bei der Mutter Schuldgefühle gegenüber dem sozialen Vater bestehen, insbesondere wenn bei ihr ein stärkerer Kinderwunsch vorhanden war als bei ihrem Partner.

Gefühle des sozialen Vaters angesichts seiner machtvolleren Partnerin könnten Wut und Neid auf seine Partnerin sein, aber auch auf den biologischen Vater, der ihm zwar die erwünschte rechtliche Elternrolle ermöglicht hat, aber über die biologische Elternrolle eine unauflösliche Verbindung zum Kind hat. Rein biologisch hat die Mutter mit einem anderen, in der Regel unbekannten Mann ein Kind. Das eröffnet auch auf Seiten der Mutter Raum für Fantasien – sowohl für verunsichernde („ein Kind mit einem Unbekannten“) als auch für anregende („Ich habe nicht nur meine Ehe, da gibt es auch noch diesen anderen Mann, den ich zwar nicht kenne, mit dem ich aber biologisch ein Kind habe – er verleiht meinem Leben einen Hauch von Abenteuer.“). Die Mutter befindet sich in einer völlig anderen Ausgangssituation als der soziale Vater. Diese Position ermöglicht es ihr, den biologischen Vater des Kindes auch für sich selbst unmittelbar in einem positiven Licht zu sehen und nicht nur im ambivalenten Licht der Dankbarkeit für die Ermöglichung der sozialen und rechtlichen Elternrolle.

1.3 Die Position des biologischen Vaters

Der biologische Vater befindet sich in einer selbstgewählten, mächtigen Außenseiterrolle. Er verfügt über eine begehrte Ressource: fruchtbare Keimzellen. Das unfruchtbare Wunschelternpaar ist darauf angewiesen, dass er ihnen diese zur Verfügung stellt, damit es sich einen Herzenswunsch erfüllen kann. Dafür wird dem biologischen Vater nicht nur eine finanzielle Aufwandsentschädigung bezahlt, sondern er kann sich auch der Dankbarkeit der Wunscheltern sicher sein. Ganz nebenbei erhält er durch die biologische Vaterschaft eine garantierte, unauflösbare biologische Verbindung mit dem Kind, ohne dass hiermit Verpflichtungen verbunden sind. Auch wenn der biologische Vater selbst kein Interesse an der garantierten Verbindung zum Kind hat, so versetzt es ihn dennoch gegenüber dem sozialen Vater in eine familiensystemisch mächtigere Position. Der biologische Vater ist fruchtbar, er kann selbst entscheiden, (biologischer) Vater zu werden und er bekommt eine garantierte Verbindung zum Kind. Der soziale Vater hingegen ist unfreiwillig unfruchtbar, ist auf Unterstützung durch einen anderen Mann angewiesen, um trotzdem eine Elternrolle übernehmen zu können und er kann sich der Verbindung zum Kind nicht sicher sein.

1.4 Die Position des Kindes

Das Spenderkind befindet sich zwischen allen übrigen Beteiligten in einer schwierigen Mittelposition. Es steht vor der Aufgabe, allen biologischen und sozialen Elternteilen einen Platz einzuräumen, weil alle zu seinem Familiensystem dazugehören. Wie bei adoptierten Kindern auch, kann es dabei zu Unterschieden kommen in der Bedeutung, die das Kind und die Wunscheltern den Beteiligten zumessen, insbesondere dem biologischen Vater. In der Regel besteht auf Seiten der Wunscheltern wenig Interesse, den biologischen Vater des Kindes als Menschen zu würdigen und in das Familiensystem zu integrieren. Für ihn wird häufig die depersonifizierende Bezeichnung Spender gewählt, die ihn auf seine von den Eltern gewünschte Funktion als Keimzelllieferant reduziert – sofern überhaupt von ihm gesprochen wird. Weshalb ist es notwendig das Kind über seine Entstehungsweise aufzuklären?

Es ist nachvollziehbar, dass von Elternseite kaum ein Bedürfnis ausgeht, den biologischen Vater des Kindes zu integrieren, da die ursprünglich gewünschte Familie keine Familiengründung zu dritt, sondern zu zweit vorgesehen hatte. Den biologischen Vater zu integrieren, bedeutet für die Eltern anzuerkennen, dass dies nicht möglich war und sie tatsächlich ihre Familie, statt zu zweit, mit Hilfe eines Dritten gegründet haben.

Während also auf Seiten der Eltern in der Regel wenig Integrationswunsch besteht, kann das Kind ein großes Interesse daran haben, seinen biologischen Vater und möglicherweise auch seine Halbgeschwister kennenzulernen.

In der Familie, in der es aufwächst, spürt das Kind die Gefühle und die Haltung der Wunscheltern gegenüber dem biologischen Vater. Dem Kind ist in der Regel bewusst, dass seine Mutter und sein sozialer Vater sich ein Kind wünschten, dem sie gemeinsam Eltern sein können. Es spürt den mehr oder weniger dringenden Wunsch des sozialen Vaters, ihm Vater zu sein, verbunden mit dem Wunsch an das Kind, es möge ihn als Vater akzeptieren. Der Vater wird dadurch bedürftig gegenüber dem Kind.

1.4.1 Konsequenzen für das Kind – Rollenumkehr innerhalb der Familie –Parentifizierung

So befindet sich das Kind in einer emotional extrem machtvollen Position gegenüber dem sozialen Vater, die die Eltern-Kind-Rollen umkehrt. Damit ist in diesem Fall gemeint, dass das Kind Verantwortung für die Bedürfnisse des Vaters spürt, nämlich dafür zu sorgen, den Vater in seiner Rolle zu bestätigen, damit der sich nicht schlecht fühlt. Die Bezeichnung Rollenumkehr wird deshalb verwendet, weil es normalerweise Aufgabe der Eltern ist, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und angemessen darauf einzugehen, so dass das Kind schließlich lernt, seine Bedürfnisse selbst wahrzunehmen und angemessen zu regulieren. Eine Rollenumkehr wird familiensystemisch als Parentifizierung bezeichnet. Die Auswirkungen für das betroffene Kind werden psychotherapeutisch als überwiegend schädlich aufgefasst.4

Aus folgenden Gründen ist die familiensystemisch unausweichliche Rollenumkehr bei einer Familiengründung zu dritt so schwierig für das Kind:

  1. Das Kind ist – je jünger es ist – auf starke Eltern angewiesen, die sich emotional um das Kind kümmern und es materiell versorgen. Es ist darauf angewiesen, dass das Familiensystem funktioniert. Das Kind wird also – auch im eigenen Interesse – den sozialen Vater in seiner Rolle bestätigen.Das ist ungünstig, weil das Kind dabei in Gefahr läuft, zu lernen, sich mehr an den Bedürfnissen des sozialen Vaters zu orientieren, als an seinen eigenen. Es stellt dann eigene Bedürfnisse zugunsten des sozialen Vaters zurück, bzw. spürt diese gar nicht erst. Das kann zum Beispiel das eigene Bedürfnis sein, seinen biologischen Vater kennenzulernen. Erst mit zunehmender (emotionaler) Selbstständigkeit des Kindes nimmt das Kind eigene Bedürfnisse, abgegrenzt von denen der Eltern wahr. Sogar bei erwachsenen Spenderkindern ist häufig noch ein ausgeprägtes Schonverhalten gegenüber den Eltern zu spüren. Wir haben die Beobachtung gemacht, dass auch Spenderkinder, die bereits im Kindesalter über ihre Entstehungsweise aufgeklärt wurden, häufig erst als Erwachsene, im Alter von über 20 oder sogar über 30 Jahren, ihr Bedürfnis entdecken, ihren biologischen Vater kennenzulernen. Dabei bleibt ungeklärt, ob dieses Bedürfnis mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Wunscheltern nicht früher gespürt oder nicht ausgedrückt wurde, um die Eltern zu schonen, oder ob es sich möglicherweise erst im Verlauf des Erwachsenenalters entwickelt hat. Als Hinweis für ein Zurückhalten der eigenen Bedürfnisse lässt sich die Studie von Scheib, Riordan und Rubin (2005) anführen, für die 12 bis 17jährige (= noch bei ihren Eltern lebende) Spenderkinder befragt wurden, ob sie ihren biologischen Vater einmal kennenlernen wollten. Über 80% äußerten den Wunsch, ihn kennenzulernen, aber nicht unbedingt sofort.5 Auch gesellschaftlich wird von Spenderkindern in der Regel Verständnis für den Kinderwunsch und das Handeln ihrer Eltern erwartet.
  1. Ein weiteres Problem bei der Rollenumkehr ist bereits angeklungen: Das Kind erlebt den sozialen Vater als bedürftig, als auf emotionale Anerkennung durch das Kind angewiesen. Das ergibt sich unausweichlich durch seine verletzliche Position im Familiensystem. Dadurch wird die Gleichberechtigung und Eigenverantwortung der Familienmitglieder untereinander unterwandert, nach der alle Erwachsenen selbst für die Regulierung ihrer Bedürfnisse und Gefühle verantwortlich sind und den Kindern bei der Selbstregulierung helfen. Im Samenspende-Familiensystem sind nicht alle Beteiligten gleichstark (miteinander verbunden). Es gibt Stärkere und ein schwächeres Mitglied, das von den Stärkeren, insbesondere von dem Kind, Schonung und die Zurückstellung konfligierender Bedürfnisse erwartet.
  2. Ein letzter problematischer Aspekt der Rollenumkehr ist die hohe Verantwortung, die dem Kind dabei übertragen wird. Der soziale Vater wünscht sich vom Kind als sozialer Vater anerkannt zu werden, wünscht sich eine gute, enge, emotionale Beziehung zum Kind. Sich diesen Wunsch selbst zu erfüllen steht zwar nicht in der Macht des Vaters, aber auch nicht in der Macht des Kindes. Es besteht die Gefahr, dass das Kind sich mitverantwortlich für das Gelingen der erwünschten Beziehung fühlt, die es tatsächlich jedoch nur extrem begrenzt beeinflussen kann. Damit eine enge, emotionale Beziehung entsteht, spielen Faktoren eine Rolle, die weder der soziale Vater, noch das Kind beeinflussen können (Körpergeruch, gleiche Wellenlänge etc.). Das Kind spürt dann den Wunsch des sozialen Vaters und seine Hilflosigkeit angesichts der Situation, die aber auch das Kind nicht ändern kann. Dadurch können sich beim Kind unangemessene Schuldgefühle entwickeln.

1.4.2 Konsequenzen für das Erleben des Kindes

1.4.2.1 Wunsch des Kindes, den biologischen Vater kennenzulernen

Der Wunsch des Kindes, seinen biologischen Vater in seine Familie zu integrieren, ihn kennenzulernen, stößt in der Regel nicht nur auf wenig Begeisterung bei den Wunscheltern, sondern ist mitunter auch vom biologischen Vater so nicht gewünscht. Aus der Mail eines jüngeren Spenderkindes an unseren Verein: „Mein Erzeuger (Samenspender) ist bekannt, er wünscht jedoch keinen Kontakt zu mir, weil er seine Familie nicht zerstören will.“ Es ist eine massive Kränkung für das Kind, wenn sein biologischer Vater Kontakt ablehnt und eine doppelte Kränkung, wenn die Wunscheltern gezielt einen biologischen Vater zur Zeugung gewählt haben, der möglichst wenig Interesse an seinem entstehenden Kind hat.

Bei dem Wunsch, den biologischen Vater kennenzulernen geht es dem Kind nicht darum, eine Art idealen Vater zu finden, der in irgendeiner Form besser ist, als der soziale Vater. Vielmehr geht es darum, einen Teil von sich, der unabwendbar zu einem gehört, zur eigenen Biographie, in das eigene Selbstverständnis zu integrieren – egal wie der biologische Vater ist.

1.4.2.2 Künstlichkeit und zeitgeschichtliche Einordnung

Durch Samenspende gezeugte Menschen äußern teilweise ein Gefühl der Künstlichkeit, weil einer ihrer genetischen Eltern ein Keimzellspender ist und sich die genetischen Eltern tatsächlich nie getroffen und möglicherweise auch nicht attraktiv gefunden hätten. Ein Teil ihres genetischen Materials war eingefroren. Dadurch kann sich auch eine Irritation bei der eigenen zeitlichen biographischen Einordnung ergeben. Es ist zum Beispiel denkbar, dass die Samenzellen bereits zehn Jahre lang tiefgefroren lagerten, bevor sie zur Zeugung verwendet wurden.6 Im Sprachgebrauch hat sich mittlerweile der Begriff Wunschkinder durchgesetzt, während in den 80er Jahren der Begriff Retortenbaby deutlicher auf die Künstlichkeit verwies.

2. Notwendigkeit einer verpflichtenden Beratung (=Aufklärung) über die psychosozialen Zusammenhänge und Konsequenzen und Anliegen des Vereins Spenderkinder

Das Familiensystem ist bei einer Familiengründung durch Samenspende für die Beteiligten mit einigen Herausforderungen – oder auch ungeschönt ausgedrückt – Schwierigkeiten verbunden.

Der Verein Spenderkinder setzt sich deshalb für eine ideell und finanziell unabhängige, verpflichtende psychosoziale Aufklärung ein, in der die Wunscheltern vor einer Samenspende kindzentriert beraten werden. Obwohl bei ärztlichen Interventionen ein sogenannter „informed consent“, eine informierte Entscheidung vorgeschrieben ist, ist eine solche psychosoziale Aufklärung vor einer Samenspende bislang nicht verpflichtend. Sie wird lediglich als psychosoziale Beratung angeboten und nur von wenigen Kinderwunschzentren als Voraussetzung für eine Samenspende erwartet. Eine psychosoziale Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch hat außerdem oft ganz andere, elternzentrierte Inhalte und wird eher von Paaren aufgesucht, die zum Beispiel unter bereits gescheiterten Versuchen einer künstlichen Befruchtung leiden.

Zu einer solchen Aufklärung gehört es, die Wunscheltern darüber aufzuklären, dass ihr auf diese Weise entstehendes Kind im Wissen um seine Entstehungsweise aufwachsen sollte und dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit im Laufe seines Lebens Kontakt zu seinem biologischen Vater aufnehmen wollen wird. Dieses Interesse ist auch von Adoptivkindern bekannt und unabhängig von der Beziehung zu den sozialen Eltern.7

Aus Sicht des Vereins Spenderkinder sollten Familiengründungen mit Samenspenden aufgrund der ethischen Aspekte und familiensystemischen Zusammenhänge nicht aktiv gefördert werden oder ein Unbedenklichkeitsattest erhalten. Stattdessen sollte die Gesellschaft sich verstärkt für den Schutz der auf diesem Weg gezeugten Menschen einsetzen. Zu solchen Schutzmechanismen gehört es, dass Wunscheltern vor einer ärztlich vermittelten Samenspende eine unabhängige psychosoziale Beratung in Anspruch nehmen müssen, und dass abgesichert wird, dass Spenderkinder ihr Recht auf Kenntnis der Abstammung sicher und einfach ausüben können.

  1. „Spendersamenbehandlung“, z.B. B Klenke-Lüders, P Thorn, Alternative Perspektiven zum leiblichen Kind – Welche Möglichkeiten passen zu uns?, in: D Wallraff, P Thorn, T Wischmann (Hrsg.), Kinderwunsch. Der Ratgeber des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland (BKiD), Stuttgart: Kohlhammer 2015, S. 192. []
  2. Siehe zur Situation und den Gefühlen des sozialen Vaters beispielsweise P Thorn, T Wischmann (2014), Der Mann in der Kinderwunschbehandlung (unter besonderer Berücksichtigung der donogen Insemination). Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie, Pre-Publishing Online; A Indekeu et. al. (2012), Parenthood motives, well-being and disclosure among men from couples ready to start treatment with intrauterine insemination using their own sperm or donor sperm. Human Reproduction (1) 27, 159–166, S. 164; D Beeson, P Jennigs, W Kramer (2011), Offspring searching for their sperm donors: how family type shapes the process. Human Reproduction (9) 26, 2415–2424, S. 2422; M Kirkman (2004), Genetic Connection And Relationships In Narratives Of Donor-Assisted Conception. Australian Journal of Emerging Technologies and Society (1) 2, 1-21, S. 15; A Baran, R Pannor (1997), The Psychology of donor insemination, in: S Kaplan Roszia, A Baran, L Coleman. Creating Kinship, University of Southern Maine, 11-19, S. 12-13. []
  3. H Riley (2013), Confronting the conspiracy of silence and denial of difference for late discovery adoptive persons and donor conceived people. Australian Journal of Adoption (2) 7, S. 2. []
  4. vgl.: Eintrag: Parentifikation. In: Fritz B. Simon, Ulrich Clement, Helm Stierlin: Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94395-1, S. 255–256, hier S. 256 (Seitenansicht in der Google-Buchsuche []
  5. Vgl. dazu V Jadva, T Freeman, W Kramer, S Golombok (2010), Experiences of offspring searching for and contacting their donor siblings and donor. Reproductive BioMedicine Online 20, 523–532, S. 531. D Beeson, P Jennings, W Kramer (2011), Offspring searching for their sperm donors: how family type shapes the process. Human Reproduction 9 (26), 2415–2424, S. 2420; R Hertz, M Nelson, W Kramer (2013), Donor conceived offspring conceive of the donor: The relevance of age, awareness, and family form. Social Science & Medicine 86, 52-65, S. 62. []
  6. Siehe beispielsweise A Kemalvezen, Ganz der Papa! Samenspender unbekannt, Düsseldorf: Patmos 2009. []
  7. Siehe beispielsweise W Oelsner, G Lehmkuhl, Adoption: Sehnsüchte – Konflikte – Lösungen,Düsseldorf: Patmos 2008. []