Informationen für mögliche Samenspender

Männer, die vorhaben, ihr Sperma einer Samenbank, einem Paar oder einer Frau für eine Familiengründung mit einer Samenspende zu überlassen, sollten sich im Vorfeld mit folgenden Fragen und Aspekten ihrer Handlung beschäftigen, um das Wohl des entstehenden Kindes und aller Beteiligten bestmöglich zu berücksichtigen.

Die folgenden drei zentralen Aspekte sollten vor dieser Entscheidung bedacht werden:

  1. Ein Samenspender ist neben den Ärztinnen und Ärzten, Samenbanken und Kinderwunsch-Eltern ein entscheidender Akteur. Verantwortlich Samen zu spenden bedeutet, sich seiner Handlung und der damit verbundenen Verantwortung für die daraus entstehenden Kinder bewusst zu sein.
  2. Als Folge der Samenspende soll ein Kind entstehen, ein real existierender Mensch.
  3. Eine Samenspende hat weitreichende und lebenslange Konsequenzen für den spendenden Mann, seine Familie, all seine Kinder und seine „Drittfamilien“.

Mögliche Samenspender sollten sich folgende Fragen stellen:

  1. Motivation: Warum möchten Sie Samen spenden? Möchten Sie kinderlosen Paaren oder Menschen helfen, haben Sie den Wunsch, sich selbst fortzupflanzen oder sogar nach „eigenen Kindern“?, geht es Ihnen auch um die Aufwandsentschädigung, entgegengebrachte oder gefühlte Dankbarkeit?, oder geht es Ihnen auch um moralische und ethische Aspekte wie zum Beispiel das Durchbrechen gesellschaftlicher Tabus oder in Frage stellen bzw. Verändern von tradierten Familienbildern?
  2. Offenheit: Sicherlich wissen Sie, dass Wunscheltern von entwicklungspsychologischer Seite sehr zu einem offenen Umgang mit der Familiengründung durch eine Samenspende geraten wird. Menschen, die durch eine Samenspende entstehen, haben das Recht zu erfahren, wer ihr genetischer Vater ist. Können Sie auch als Samenspender bewusst und offen zu Ihrer Samenspende stehen, so dass dies in Ihrem Umfeld kein Tabuthema ist? Wie können Sie innerhalb Ihrer Familie/Verwandten/Freunden/Arbeitskollegen/Nachbarn usw. offen mit Ihrer Entscheidung umgehen?
  3. Bedeutung für Partnerin oder Partner: Erfahrungsgemäß ist eine Samenspende auch für aktuelle oder künftige Partnerschaften bedeutsam. Wie würde Ihre Partnerin oder Ihr Partner damit umgehen, dass Sie mit für sie bzw. ihn fremden Frauen gemeinsame Kinder haben? Wenn Sie aktuell in einer Partnerschaft leben, fragen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin danach.
  4. Bedeutung für „eigene“ Kinder: Wenn Sie bereits Vater von Kindern sind oder selbst Kinder groß ziehen möchten, – wie werden Ihre Kinder damit umgehen, dass sie Halbgeschwister haben? Viele Spenderkinder möchten auch ihre Halbgeschwister kennenlernen.
  5. Bedeutung für das durch die Samenspende entstehende Kind: Können Sie langfristig zu Ihrer Vergangenheit als Spender stehen, auch vor Ihrer Familie? Für Ihr genetisches Kind würde es eine Kränkung darstellen, wenn Sie das Kind oder Ihre Verwandtschaft zu ihm geheim halten würden. Spenderkinder brauchen einen genetischen Vater, der zu seinen früheren Handlungen steht und sie nicht verleugnet, denen seine Spenderkinder nicht peinlich sind, die er als Makel und Geheimnis ansieht oder als Störfaktor in seinem jetzigen Leben. Auch für Sie wäre eine dauerhafte Verheimlichung Ihrer Spenderkinder belastend und anstrengend („Doppelleben“, ständige Angst vor unkontrollierter Aufdeckung usw.).
  6. Kontakt zu dem durch Samenspende entstehenden Kind:Wie geht es Ihnen, wenn Sie daran denken, dass die Menschen, die durch Ihre Samenspende möglicherweise entstehen, Sie kennenlernen möchten? Könnten Sie sich auf einen Kontakt freuen? Viele Spenderkinder sagen, dass es ihnen sehr viel bedeuten würde, ihren genetischen Vater, den Samenspender, auch persönlich kennenzulernen.
  7. Bedeutung von genetischer und sozialer Elternschaft: Die Bezeichnung „Spender“ benennt die im Zusammenhang mit der Samenspende von den Eltern und ärztlicherseits gewünschte Funktion und Rolle des Mannes, der seinen Samen zur Verfügung stellt. Der lebendige Mensch, der Mann dahinter, wird durch diese Bezeichnung auf Distanz gehalten. Samenspende kann dadurch wie eine Dienstleistung wirken. Auch wenn Sie sich als Mann in dieser Rolle als depersonifizierter Dienstleister wohlfühlen, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass durch die genetische Verbindung eine unauflösbare Beziehung zum entstehenden Menschen existiert. Und dieser Mensch wünscht sich möglicherweise eine ganz andere Rolle für Sie und möchte Sie höchstwahrscheinlich im Laufe seines Lebens persönlich kennenlernen.
  8. Gefühle gegenüber dem Spenderkind: Stellen Sie sich doch probehalber einmal vor, durch Ihre Samenspende wäre ein Kind entstanden. Welche Gefühle stellen sich bei Ihnen gegenüber diesem Kind ein? Und was meinen Sie, was würde sich das Kind wünschen, welche Gefühle Sie ihm gegenüber haben? Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken daran, dass ein oder mehrere genetische Kinder von Ihnen existieren? Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken, dass Sie selbst zu diesen Kindern keinen Kontakt aufnehmen dürfen? Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, nicht zu wissen, wie es diesen Kindern geht und unter welchen Bedingungen sie aufwachsen? Was glauben Sie, werden Sie antworten, wenn Sie sich diese Fragen in 20 oder 30 Jahren erneut stellen werden?
  9. Kontrollverlust: Wie geht es Ihnen mit dem Gedanken, dass möglicherweise auch in vielen Jahren noch Kinder mit Ihrer heute tiefgefrorenen Samenspende gezeugt werden? Wie fühlen Sie sich mit dem Gedanken an eine solche „zeitversetzte“ Zeugung?
  10. Kontakt zu den Spenderkindern: Wären Sie bereit, sich den Fragen eines Ihnen bis dahin unbekannten Menschen, Ihres Spenderkindes, zu stellen? Ihre Spenderkinder zu begleiten, wenn diese ihre genetischen Wurzeln suchen und ergründen möchten?
  11. Rolle gegenüber den Wunscheltern: Wie gehen Sie damit um, wenn die Eltern Ihrer genetischen Kinder keinen Kontakt zu Ihnen wünschen und Sie eher als störenden Dritten innerhalb der Familienstruktur ansehen? Wie gehen Sie damit um, wenn der soziale Vater Ihnen gegenüber Konkurrenz- oder Eifersuchtsgefühle aufkommen lässt?
  12. Rolle als genetischer Vater: Wollen Sie ein Samenspender sein, der weder mit seinen genetischen Kindern noch mit deren Eltern Kontakt haben wird? Oder können Sie sich neben ihrer genetischen Vaterrolle auch als emotionale und soziale Bezugsperson sehen, als weiteren Vater für Ihre Kinder? Können Sie sich damit arrangieren, wenn das Kind eine ganz andere Rolle für Sie vorsieht? Studien unter Spendern, denen zum Zeitpunkt ihrer Spende Anonymität zugesichert worden war, zeigen, dass Spender ihre Beziehung zu den von ihnen abstammenden Kindern unterschiedlich wahrnehmen. Manche sahen ihre Spende wie eine Blutspende an. Andere sahen sich als Elternteil der mit ihrer Hilfe gezeugten Kinder. Manche Spender sahen sich moralisch verpflichtet, den von ihnen abstammenden Kindern zu helfen, wenn diese sich in finanzieller oder seelischer Not befänden.1

Empfehlungen an mögliche Samenspender

  1. Informieren Sie sich am besten bei mehreren Samenbanken über deren Umgang mit dem Thema Familiengründung zu dritt durch eine Samenspende. Werden die Wunscheltern und Samenspender ausreichend beraten? Werden auch schwierige und kritische Aspekte nicht verschwiegen? Erfahren Samenspender, wenn mit ihrer Spende ein Kind geboren wurde? Wird die Anzahl der durch Samenspenden gezeugten Kinder beschränkt und die Beschränkung wirksam kontrolliert? Wie geht die Samenbank mit dem Recht der Spenderkinder auf Kenntnis ihrer Abstammung um? Besteht die Möglichkeit, bei gegenseitigem Wunsch einen Kontakt zwischen Wunscheltern, Kind, und Spender herzustellen?
  2. Neben ärztlich vermittelten Samenspenden gibt es auch die Möglichkeit der privaten Samenspende, bei der viele verschiedene Modelle in der Praxis denkbar sind. Teilweise ist dabei der Kontakt zwischen allen Beteiligten von Anfang an gewünscht und vorgesehen und das Kind kann auch eine soziale Beziehung zu seinem genetischen Vater erleben. Nur bei einer privaten Samenspende haben Samenspender die Möglichkeit zu beeinflussen, in welcher Familienkonstellation das Kind aufwächst (verheiratet, feste Partnerschaft, alleinlebender Elternteil, heterosexuell oder lesbisch). Allerdings gibt es bei einer privaten Samenspenden wenig Möglichkeiten für das Kind, Informationen über seine Abstammung zu erhalten, wenn die Wunscheltern es nicht aufklären oder keine Informationen herausgeben möchten.
  3. In der Fachsprache wird häufig die Bezeichnung „Spendersamen-Behandlung“ verwendet. Diese Bezeichnung hilft, sich emotional von dem, was da passiert, zu distanzieren. Familiengründung mit Hilfe eines Samenspenders ist keine medizinische Behandlung im eigentlichen Sinne. Eine fruchtbare Frau mit Kinderwunsch bekommt – zum Beispiel Ihr – Sperma eingeführt, damit daraus ein Kind entsteht. Bereits in den 1980er Jahren weisen einige Reproduktionsmediziner selbst darauf hin, dass man nicht von „künstlicher Befruchtung“ oder „Behandlung“ sprechen sollte. Das einzige „künstliche“ ist die Art und Weise, wie die Keimzellen zueinander kommen – nämlich mit ärztlicher Hilfe.2 Biologisch betrachtet zeugen aber zwei gesunde Menschen – Sie und eine Ihnen unbekannte Frau – ein Kind. An dieser Tatsache ändert sich auch dadurch nichts, dass der Partner der Frau sein Einverständnis dafür gibt und selbst gerne die soziale und rechtliche Vaterschaft für das gewünschte Kind übernehmen möchte. Der Zeugung eines Kindes kann ein Kinderwunsch und die Entscheidung für eine bestimmte Form der Familiengründung vorausgehen. Die Zeugung selbst ist jedoch ein sehr biologischer Vorgang, bei dem Ei- und Samenzelle miteinander verschmelzen.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Konsequenzen

  1. Anonyme Samenspenden sind in Deutschland nicht erlaubt. Jeder Mensch, auch wenn er durch eine Samenspende gezeugt wurde, hat das Recht, zu erfahren, wer seine genetischen Eltern sind. Das wurde für Spenderkinder 2015 vom Bundesgerichtshof höchstrichterlich bestätigt.
  2. Wenn Sie darüber nachdenken, Samen zu spenden, ist es empfehlenswert dazu eine unabhängige juristische Beratung in Anspruch zu nehmen.3 Besonders wichtig ist dies bei privaten Samenspenden, da hier die von Spendern und Wunscheltern gewünschten Konstellationen sehr unterschiedlich sein können.
  3. Jeder Mensch in Deutschland hat das Recht auf Kenntnis seiner eigenen Abstammung. Für Sie als Samenspender bedeutet dies, dass Ihre genetischen Kinder mit sehr großer Wahrscheinlichkeit im Laufe ihres Lebens Kontakt mit Ihnen aufnehmen werden. Die meisten aus Samenspenden entstandenen Menschen – über 80 Prozent – haben den Wunsch, ihren genetischen Vater kennenzulernen. Verträge zwischen Spendern und Eltern, die die Rechte der entstehenden Menschen beschneiden sollen, zum Beispiel das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner genetischen Abstammung, sind rechtlich unwirksam.
  4. Männer, die Samen über eine Samenbank spenden, verzichten mit dieser Entscheidung in der Regel bewusst darauf, eine soziale und rechtliche Vaterschaft für den entstehenden Menschen zu übernehmen. Als Samenspender an einer Samenbank haben Sie keinen Rechtsanspruch, Kontakt zu den durch Ihre Samenspenden entstandenen Menschen aufzunehmen und verzichten bewusst auf alle Rechte und Pflichten eines rechtlichen Vaters. Diese Entscheidung kann auch dann nicht nachträglich aufgehoben werden, wenn später beispielsweise ein eigener Kinderwunsch unerfüllt bleibt.
  5. Der Handel mit menschlichen Keimzellen ist in Deutschland verboten. Samenspender erhalten deswegen eine sogenannte „Aufwandsentschädigung“. Das ist wichtig, weil es die durch Samenspende entstehenden Menschen als herabwürdigend erleben können, wenn ihr genetischer Vater sie nur aufgrund eines finanziellen Anreizes hat zeugen lassen, ohne Interesse am entstehenden Menschen.
  6. Der Begriff der „Spende“ ist außerdem insofern irreführend, als dass bei einer Spende im herkömmlichen Sinne etwas abgegeben wird, von dem man sich trennt. Bei einer Samenspende entsteht jedoch gerade durch die Spende eine neue, unauflösbare genetische Beziehung zwischen dem Spendenden und dem entstehenden Menschen. Die meisten Spenderkinder möchten im Laufe ihres Lebens auch direkten Kontakt mit dem Spender aufnehmen, ihn persönlich kennenlernen.

Das Verhältnis zwischen Samenspender und Spenderkind

  1. Aus Ihrer Samenspende entstehen ein oder mehrere „echte“ Menschen, sie endet nicht mit ihrer Abgabe. Durch die biologische Verwandtschaft entsteht eine unauflösbare Verbindung zwischen genetischem Vater und genetischem Kind.
  2. Für Spenderkinder nimmt der Spender nicht nur die Rolle des netten Mannes ein, der seinen Samen gespendet hat, sondern er ist gleichzeitig der genetische Vater des Kindes. Damit hat er eine ganz wesentliche Bedeutung für seine Entstehung und die genetische Ausstattung des Kindes. Viele Spenderkinder möchten ihm langfristig einen bedeutenderen Platz in ihrem Familiensystem geben als den eines Außenseiters. Damit haben sie in der Regel ein ganz anderes Bedürfnis als ihre Eltern vorgesehen haben – und vielleicht auch als der Mann, der seinen Samen spendete. Aus Spenderkinderperspektive wird bei der Familiengründung durch Samenspende die Definition von „Familie“ verändert und erweitert. Spenderkinder stehen vor der Aufgabe, alle Beteiligten in ihr Familiensystem integrieren zu müssen.
  3. Viele Spenderkinder möchten ihren genetischen Vater im Laufe ihres Lebens persönlich kennenlernen. Sie möchten sich mit ihrem genetischen Vater vergleichen und Ähnlichkeiten und Differenzen feststellen, um ihre Identität zu ermitteln – das Bild davon, durch wen und was sie wurden und was sie selbst sind. Spenderkinder kennen über ihre Mutter nur die Hälfte ihrer genetischen Herkunft. Nur eine reale Person, der genetische Vater, kann die gefühlten „Leerstellen“ füllen (Eigenheiten, Charakterzüge, Aussehen usw., die das Kind in seiner Familie sonst nicht findet).
  4. Auch aus medizinischer Sicht kann es aufschlussreich sein, zu wissen, welche Krankheitsgeschichte ein genetischer Elternteil und dessen Familie mitbringt, um Neigungen und Risiken in bestimmten gesundheitlichen Bereichen einschätzen zu können (zum Beispiel Brustkrebs, Diabetes, Arteriosklerose). Aus diesem Grund sollten bei später bekannt werdenden Krankheiten die Samenbank bzw. bei privaten Spenden die Familien informiert werden, damit die Kinder dies wissen.
  5. Spenderkinder möchten bei ihrem Wunsch, Sie als ihren biologischen Vater kennenzulernen, keinen idealen oder besseren Vater finden. Sie möchten einen Teil von sich, der unabwendbar zu ihnen selbst gehört und der Teil der eigenen Biographie ist, in das eigene Selbstverständnis integrieren – egal wie der genetische Vater ist.

Die Familiengründung durch Samenspende wird häufig als einfach dargestellt. Wie die aufgeworfenen Fragen Ihnen vielleicht verdeutlicht haben, ist sie das jedoch nur in technischer Hinsicht. Aus psychologischer und sozialer Sicht ist sie eine lebenslange Herausforderung für alle Beteiligten, weil es um menschliche Beziehungen und ganz verschiedene und sich im Laufe der Zeit auch verändernde Bedürfnisse geht. Deswegen ist es sehr empfehlenswert, sich im Vorfeld nicht nur rechtlich, sondern auch psychologisch zu informieren, welche Aspekte aus den verschiedenen Perspektiven langfristig zu berücksichtigen sind.

  1. Kirkman M et. al (2014) Gamete donors’ expectations and experiences of contact with their donor offspring. Human Reproduction (4) 29, S. 731–738, S. 734; Jadva V, Freeman T, Kramer W, Golombok S (2011) Sperm and oocyte donors’ experiences of anonymous donation and subsequent contact with their donor offspring. Human Reproduction, (3) 26, S. 638–645, S. 644. Weitere Studienergebnisse zu Samenspendern finden Sie zusammengefasst unter http://www.spenderkinder.de/infos/psychologische_studien/#frage28. []
  2. Günther, Erwin: Heterologe Insemination. In: Zeitschrift für ärztliche Fortbildung, 67. Jg, Heft 17 (1973), S. 884-886. []
  3. Siehe zu den Gründen im Einzelnen: http://www.spenderkinder.de/infos/dierechtlichesituation/#frage15. []