Rezension – She has her mother’s Laugh – The Powers, Perversions, and Potential of Heredity (Carl Zimmer)

Bei dem englischsprachigen Buch „She has her mother’s Laugh – The Powers, Perversions, and Potential of Heredity“ des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Carl Zimmer handelt es sich nicht um ein Buch über Spenderkinder oder Reproduktionsmedizin im engeren Sinne. Dargestellt werden die Grundlagen der Vererbung und wie sich bestimmte Gene auswirken, aber auch die Geschichte unseres Verständnisses von Vererbung und die modernen Möglichkeiten, in diese einzugreifen.

Das Thema Vererbung wiederum ist eng mit der Reproduktionsmedizin verbunden. Der Wunsch nach Kenntnis der eigenen Abstammung liegt in der Frage, welche Gemeinsamkeiten mit dem genetischen Vater oder der genetischen Mutter bestehen, was man geerbt hat. Aber auch der Wunsch nach dem „eigenen“ Kind und die Ansprüche an den „Spender“ oder die „Spenderin“ wurzeln in der Bedeutung, die Vererbung beigemessen wird.

Ich fand das Buch faszinierend und kann es wirklich empfehlen. Da es ein langes Buch mit sehr hoher Informationsdichte ist, möchte ich nur einige Aspekte erwähnen, die mich besonders beeindruckt haben:

Die Grundlagen der Vererbung werden gut erklärt. Interessant ist, dass die Bedeutung der Gene vor allem durch die Entdeckung von gewissen Krankheiten wie Phenylketonurie (PKU) erkannt wurde. Bei dieser absoluten wissenschaftlichen Evidenz habe ich mich erneut gefragt, wie es passieren kann, dass dennoch Reproduktionsmediziner behaupten können, der genetische Vater sei nicht wichtig. Besonders interessant: Nachdem Meiose die Chromosomen durcheinander gebracht hat, kann es passieren, dass die Eizelle einer Frau mehr DNA von ihrer Mutter enthält als von ihrem Vater oder umgekehrt. Meiose kann auch dazu führen, dass zwei Geschwister genetisch mehr miteinander verwandt sind als mit ihren anderen Geschwistern. Vollgeschwister teilen zwischen 61,7 und 37,4 % ihrer DNA. Noch bis 1945 entschieden Richter bei Vaterschaftsfeststellungen anhand des Aussehen des Kindes, danach konnte eine Vaterschaft zumindest anhand der Blutgruppen ausgeschlossen werden. Mütter haben nach einer Geburt DNA-Zellen ihrer Kinder in ihrem Blut und können diese auch an weitere Kinder weitergeben. Damit besitzt auch eine „Leihmutter“ eine genetische Verbindung zu ihrem Kind.

Bei der Geschichte der Wahrnehmung der Bedeutung von Vererbung fand ich beeindruckend, welche Bedeutung von Anfang an die Idee der Eugenik besaß, also durch Vererbung den Menschen besser zu machen bzw. Menschen mit unerwünschten Merkmalen aus der Vererbung auszuschließen. Nach der NS-Zeit mit der Einteilung in lebensunwertes Leben war dieser Gedanke zu Recht erst einmal verfemt, ist aber in der Reproduktionsmedizin in gewissen Maße wiederauferstanden. Es soll gewährt werden, dass der „Spenders“ oder die „Spenderin“ gesund sind und wünschenswerte Anlagen haben (wie musische oder sportliche Begabung). Während solche Erwägungen in Deutschland vermutlich wegen NS-Zeit nur sehr vorsichtig eine Rolle spielen dürfen, wird in den USA ganz offen damit geworben, dass man sich Spender aussuchen kann, die Filmstars ähnlich sehen. Auch in europäischen Nachbarländern wie Dänemark oder Spanien wird eine Katalogauswahl nach verschiedenen Merkmalen angeboten.

In dem Zusammenhang ist wissenswert, dass nach wie vor sehr unklar ist, in welchem Maße viele Merkmale überhaupt vererbt werden. Dargestellt wird dies an den relativ gut erforschten und nachvollziehbaren Faktoren Größe und Intelligenz. Diese werden auch von sehr vielen externen Faktoren (wie Ernährung) beeinflusst.

Am Ende werden die modernen Möglichkeiten der Beeinflussung von Genen (z. B. Mit CRISPR) und insbesondere das Embryoscreening dargestellt. Hier stellt sich erneut die Frage, welches Risiko die Menschheit mit einer solchen Technologie eingeht und auch, nach welchen Maßstäben wir in erwünschte und unerwünschte Gene einteilen.

Das Buch enthält sehr viele Informationen, aber es erklärt die meisten Informationen anhand von Geschichten und macht es daher gut lesbar. Für alle, die es noch genauer wissen oder nachlesen möchten, gibt es einen umfangreichen Literaturanhang.

Pressemitteilung: Spenderkinder starten SocialMedia-Kampagne, um ihre genetischen Väter zu finden

Der Verein Spenderkinder startet am 1. März 2020 eine SocialMedia-Kampagne, um auf den Wunsch vieler durch „Samenspende“ gezeugter Menschen hinzuweisen, ihre leiblichen Väter zu kennen. Unter dem Hashtag #zeigedich werden in den nächsten Wochen regelmäßig unvollständige Bilder der Vereinsmitglieder auf Instagram, Twitter und Facebook gepostet. „Wir hoffen, dass wir mit den Bildern ehemalige „Samenspender“ erreichen“, beschreibt Anne Meier-Credner, Vorstandsmitglied des Vereins, das Ziel der Kampagne. Es ist das erste Mal, dass sich so viele Spenderkinder mit einem Foto zeigen.

In Deutschland haben alle Menschen – auch Kinder eines „Samenspenders“ – ein Recht darauf, zu erfahren, wer ihre leiblichen Eltern sind. Das war Reproduktionsmedizinern bereits in den 70er Jahren bekannt.[1] Dennoch haben viele den „Samenspendern“ Anonymität versprochen. „Wir haben über 10 Jahre lang an die Reproduktionsmedizin appelliert, Verantwortung zu übernehmen und uns bei der Rekonstruktion zu helfen. Jetzt wenden wir uns direkt an unsere genetischen Väter und hoffen, dort auf mehr Verantwortungsbewusstsein zu treffen“, so Meier-Credner, „Spenderkinder wünschen sich einen genetischen Vater, der seine Vergangenheit als ‚Spender‘ nicht verleugnet. Es ist stark, Verantwortung zu übernehmen und zu seinen Kindern zu stehen.“

Viele Spenderkinder sind in den großen DNA-Datenbanken Ancestry, 23andMe, FamilyTreeDNA und MyHeritage registriert, um genetische Verwandte zu finden. Der Verein Spenderkinder freut sich sehr, dass sich bereits einige ehemalige „Spender“ aus eigener Initiative bei DNA-Portalen registrieren lassen und möchte dazu weiter ermuntern. Je mehr Menschen sich in DNA-Datenbanken registrieren lassen, desto mehr Chancen haben Spenderkinder, ihre genetischen Väter auch über andere Verwandte zu finden.

Wer Spenderkinder bei der Suche unterstützen möchte, kann die Suchprofile z.B. über Twitter teilen und möglichst viele Menschen darauf aufmerksam machen. Männer, die ihren Samen über Samenbanken haben vermitteln lassen, werden gebeten, sich beim Verein Spenderkinder zu melden (info@spenderkinder.de).


[1] 1970 erklärte der damalige Justiziar Dr. Arnold Hess auf dem Deutschen Ärztetag, dass der Arzt dem Kind Auskunft geben müsse, wenn er nicht schadensersatzpflichtig werden wolle (DtÄbl 1970, 1982). 1985 bestätigten zwei Essener Reproduktionsmediziner: „Ein wesentliches juristisches Problem dieser Behandlungsmethode ergibt sich aus der bewussten Verletzung des im Grundgesetz verankerten Rechtes auf Kenntnis der biologischen Abstammung. Juristisch spricht man von der planmäßigen Vereitelung der Abstammung, die missbilligt wird“. (Katzorke, K. & Propping, D.; 1985. Voraussetzungen und Ergebnisse der heterologen (donogenen) Inseminationsbehandlung. Pro Familia Magazin, Schwerpunktthema: Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin. S. 20-22.)

Pressemitteilung: Verbrauchermesse „Kinderwunsch-Tage“ wirbt für in Deutschland verbotene Verfahren – Verein Spenderkinder äußert ethische und rechtliche Bedenken

Am 7. und 8. März 2020 findet in Berlin erneut die umstrittene Verbrauchermesse „Kinderwunsch-Tage“ statt. Auf dieser Messe werden offensiv sämtliche in Deutschland aus ethischen und psychologischen Gründen verbotene Verfahren wie Eizellvermittlung, kombinierte Samen- und Eizellvermittlung, Leihmutterschaft bis hin zur PID zur Geschlechterselektion angeboten. Der Verein Spenderkinder, der sich für die Rechte und Bedürfnisse von durch Keimzellvermittlung entstandenen Menschen einsetzt, findet es sehr bedenklich, dass diese Veranstaltung bereits zum vierten Mal in Berlin stattfinden soll, obwohl regelmäßig Methoden angeboten werden, die gegen die deutsche Rechtslage verstoßen.

Die gesamte Veranstaltung ist darauf ausgerichtet, KundInnen zu gewinnen und die – zum großen Teil in Deutschland verbotenen – Dienstleistungen zu vermarkten. Anders wären die zahlreichen ausländischen Aussteller, die zum Teil auch als Sponsoren genannt werden, wohl kaum bereit, an einer Veranstaltung in Deutschland mit entsprechenden Ausstellungsgebühren teilzunehmen.

Nach Werbe-Richtlinie[1] ist jegliche Maßnahme, die über die Schilderung der Rechtslage zu reproduktionsmedizinischen Verfahren in anderen Ländern hinausgeht, Werbung. Hierzu gehört zum Beispiel, wenn ein Aussteller niedliche Babyfotos verwendet, um an den Kinderwunsch der Interessierten anzuknüpfen. Werbung ist auch, wenn eine Klinik ihr Vorgehen bei dem jeweiligen reproduktionsmedizinischen Verfahren schildert.[2]

Die Themen der im Seminarbereich angebotenen Vorträge zeigen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den ethischen Hintergründen der Verbote nicht vorgesehen ist. Stattdessen scheint es, als sei es wesentlicher Inhalt der Veranstaltung, Wege zu vermitteln, wie die kindzentriert engen Grenzen der deutschen Rechtslage umgangen werden können.

Der Verein Spenderkinder fordert ein Einschreiten gegen die Werbung für Eizellvermittlung, anonyme Keimzellvermittlung und Leihmutterschaft und eine umfassende Auseinandersetzung mit den ethischen Verbotshintergründen.


[1] Werbe-Richtlinie 2006/114/EG, Artikel 2 Buchst. a

[2] Unter den Begriff der Werbung können selbst sachliche Informationen fallen, vgl. dazu das Urteil des Amtsgerichts Gießen zu verbotener Werbung für Schwangerschaftsabbruch nach § 219a StGB (AG Gießen, Urteil v. 24.11.2017, 507 Drs – 501 Js 15031/15).

Vererbung dringend gesucht – Reproduktionsmedizin wirbt mit Epigenetik

Die Reproduktionsmedizin rechtfertigt den Einsatz von Samen- und Eizellen Dritter zur Erfüllung des Kinderwunsches mit der primären Bedeutung sozialer Beziehungen vor genetischer Verwandtschaft. Logisch beeinträchtigt wurde dies seit jeher dadurch, dass zur weiteren Rechtfertigung auch darauf hingewiesen wurde, dass wenigstens einer der Elternteile mit dem Kind verwandt sein sollte. Außerdem wurde relativ großen Wert darauf gelegt, dass die genetischen Elternteile gut überprüft werden, manche Praxen äußerten gegenüber den Wunscheltern, dass sie nur Akademiker akzeptieren würden. Damit wurde (für die Wunschelternseite!) anerkannt, dass genetische Verwandtschaft Bedeutung besitzt. Nur für die Kinder sollte sie das nicht. Die fehlende genetische Verwandtschaft des nur-sozialen Elternteils bleibt aber eine Schwachstelle in der Familie, die mit einem weiteren genetischen Elternteil entsteht.1

„Liebe lässt sich vererben“

Einige Reproduktionsmediziner verweisen daher auf Epigenetik, um zu suggerieren, dass auch der nicht genetische Elternteil das Erbgut des Kindes beeinflussen könne. So hielt Frau Constanze Bleichrodt, die Geschäftsführerin der Samenbank Cryobank-München und derzeit zweite Vorsitzende des Arbeitskreises Donogene Insemination, auf der Herbsttagung des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland (BKiD) im letzten Jahr einen Vortrag mit dem Titel „Liebe lässt sich vererben – die epigenetische Prägung des Kindes insbesondere auch im Hinblick auf die Familiengründung mit Gametenspende„.

Den Inhalt des Vortrags von Frau Bleichrodt kenne ich nicht, der Titel orientiert sich offensichtlich an dem populärwissenschaftlichen Buch über Epigenetik „Liebe lässt sich vererben“ von Prof. Dr. Johannes Huber. Allerdings legt der Titel den – nicht zutreffenden – Schluss nahe, dass Eltern Kindern etwas von der eigenen DNA mitgeben könnten, auch wenn sie genetisch nicht verwandt sind. Einen Einblick auf den Inhalt des Vortrags geben möglicherweise zwei andere Quellen: Auf der Internetseite der Cryobank München wird in einem Eingangsgespräch auch informiert „.. über die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik und darüber, dass Sie auch „von außen“ durch Liebe und Fürsorge Einfluss auf die Gene Ihres Kindes nehmen können.

Bei der Ablehnung der Bitte eines unserer Mitglieder nach Auskunft über den genetischen Vater verwies Herr Dr. med. Wulf Bleichrodt, Reproduktionsmediziner und Frau Bleichrodts Vater, auf die Forschungen zu Epigenetik und behauptete, das genetische Erbe von Vater und Mutter und deren Familien würde ein Kind nur zu höchsten 10 % „prägen“.2 Dabei entfielen 5 % auf die mütterliche und 5 % auf die väterliche Genetik. Mehr als 90 % würde ein Kind zu dem, was es ist, durch den Einfluss seiner innersten und nächsten Umgebung, in die es hineinwachse. Damit entschieden die Eltern, was aus ihrem Kind im Erwachsenenalter werde. Die Forschung zu Epigenetik wird also auch dazu bemüht, Spenderkindern zu sagen, dass ihre genetische Abstammung nicht wichtig sein sollte.

Was ist Epigenetik?

Epigenetik ist noch ein relativ junger Forschungszweig, der davon ausgeht, dass Umweltbedingungen, wie zum Beispiel intensiver Stress, zu vererbbaren Modifikationen an der DNA führen können, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. 3 So soll zum Beispiel eine Hungersnot in der Generation der Großeltern noch die Gesundheit der Generation der Enkelkinder beeinflussen.4 Durch die Umwelteinflüsse wird nicht der genetische Code der DNA verändert, sondern die nur die Ableserate von bestimmten Genen. Man kann es mit einem Buch vergleichen: mit der Epigenetik wird ausgewählt, welche Seiten jemand liest oder lesen kann. Es können aber nur die Seiten aufgeschlagen werden, die sich im jeweiligen Buch befinden – es kommt also nichts Neues dazu.

Allerdings sind die Ergebnisse epigenetischer Forschung bei Säugetieren durchaus umstritten, weil die Studien oft klein sind, die Ergebnisse oft nicht in Folgestudien repliziert werden konnten und unklar ist, ob die Auswirkungen tatsächlich wie behauptet über mehrere Generationen hinweg vererbt werden können.5

Vor allem populärwissenschaftliche Bücher über Epigenetik bemühen gerne einen bisher angeblich vorherrschenden Determinismus, dass die Gene alles bestimmen. Zur Erschütterung verweisen sie auf die (natürlich bewiesenen) Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Damit werden aber die epigenetischen Veränderungen eines Menschen gleichgesetzt mit Vererbung über mehrere Generationen hinweg.

Außerdem stützen sich die mir bekannten epigenetische Studien auf traumatische Ereignisse und nicht auf positive Ereignisse. Möglicherweise ist der Einfluss positiver Effekte daher „nur“, dass die DNA nicht negativ beeinflusst wird.

Vererbung durch soziale Einflüsse soll das Kind ein bisschen mehr zum „Eigenen“ machen

Klar und unbestritten ist: die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen engen Bezugspersonen macht, bestimmen stark sein späteres Wesen und Selbstwertgefühl.6 Ein Mensch, dessen Grundbedürfnisse als Kind erfüllt wurden, wird auch als Erwachsener mit höherer Wahrscheinlichkeit selbstbewusst und zufrieden sein. Für diesen (natürlich absolut wichtigen!) Einfluss aber Genetik und Vererbung zu bemühen, weist darauf hin, dass vielen Wunscheltern die genetische Verbindung zum Kind wichtig ist und sie das Fehlen dieser Verbindung zu einem Elternteil als Verlust empfinden.

Mit der Behauptung, dass Erziehung sich auch genetisch auswirke, wird der Wunsch ausgedrückt, das Kind möge doch ein bisschen mehr das „eigene“ werden, nämlich auch über Einwirkung auf die (fremden) Gene, als es das tatsächlich ist. Das ist aber irreführend und wäre im Kontext von Werbung unzulässig. Nach den Berufsordnungen der Ärzte ist anpreisende, irreführende oder vergleichende Werbung berufswidrig.7 Diese Verschleierung des fremden Anteils im Kind ist außerdem aus psychologischer Sicht langfristig nicht hilfreich, weil sie verhindert, dass sich die Wunscheltern mit der fremden und nicht so erwünschten Herkunft des Kindes auseinandersetzen und diese Anteile in ihre Familie integrieren.

Nature or Nurture Debatte in neuem Gewand

In der Argumentation von Herrn Dr. Bleichrodt gegenüber einem unserer Mitglieder scheint außerdem die alte „Nature or Nurture“ Debatte wieder auf – die Herr Dr. Bleichrodt mit der Behauptung, dass 90 % der Anlagen auf dem Einfluss der nächsten Umgebung beruhen würden, eindrucksvoll für „Nurture“ entscheidet. Das ist natürlich ein erfreuliches Ergebnis für Wunscheltern, weil es bedeuten würde, dass der fremde genetische Elternteil nur 5 % der Anlagen des Kindes ausmache. Mit dieser Haltung liegt der Schluss nah, dass man diesen vermeintlich so unbedeutenden genetischen Elternteil des Kindes nach der Zeugung ruhig vergessen darf.

Letztlich lässt sich vielleicht auch gar nicht wissenschaftlich eindeutig aufklären, was an einem Menschen auf Vererbung und was auf sozialen und anderen Umwelteinflüssen beruht. Es erscheint unmöglich, dies bei jedem einzelnen Wesenszug oder Interesse eines Menschen objektiv zu klären. Daher kommt es entscheidend auf das Selbstverständnis jedes Einzelnen an – was ihm oder ihr in dem eigenen Leben als einflussreicher erscheint.

Auch in unserem Verein haben Mitglieder dazu unterschiedliche Meinungen: Manche haben sich immer fremd in ihrer Familie gefühlt und führen das auf ihre Abstammung von einem anderen Mann zurück. Manche haben viele Ähnlichkeiten zu ihrem genetischen Vater entdeckt, wenn sie ihn kennenlernen konnten. Es gibt aber auch Mitglieder unter uns, die sagen, dass sie sich auch ihrem sozialen Elternteil sehr nahe fühlen und vieles von ihm gelernt und übernommen haben. Solche Gefühle können nicht richtig oder falsch sein, sie sind einfach da.

Da aber jahrelang Reproduktionsmediziner das Recht von Spenderkindern auf Kenntnis ihrer Herkunft verletzt haben, weil sie entschieden haben, dass die genetische Herkunft für Spenderkinder nicht wichtig sein soll, ist es besonders bevormundend, weiterhin die Bedeutung des genetischen Elternteils zu marginalisieren, obwohl mittlerweile hinreichend bekannt sein sollte, dass niemand für einen anderen Menschen die Bedeutung der genetischen Elternteile vorgeben kann.

Eltern sollten nicht erwarten, sich in Ihren Kindern verewigen zu können

Den Vortragstitel finde ich aber auch in zwei weiteren Aspekten ziemlich ärgerlich.

Mit „Liebe lässt sich vererben“ wird quasi vorausgesetzt, dass Spenderkinder in liebevollen Familien aufwachsen. Dahinter steht die altbekannte Erwartung: Du bist ein Wunschkind – dann hast Du es doch besonders gut. Ein Satz, der viele Spenderkinder regelmäßig nervt. Viele Eltern lieben ihr Kind und sind trotzdem nicht fähig, gute Jeden-Tag-Eltern zu sein. Und manchmal merken die nur-sozialen Elternteile leider auch, dass es ihnen schwerer fällt als geplant, das nicht von ihnen abstammende Kind anzunehmen.

Ich finde es außerdem schwierig, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder zu „prägen“, sich in ihren Kindern zu verewigen, etwas zu hinterlassen, sie zu beeinflussen. Das sind (recht egoistische) Interessen der Eltern. Diese Wünsche können durchaus enttäuscht werden, selbst wenn beide Eltern genetisch mit dem Kind verwandt sind. Je nach Zusammensetzung der Gene kann ein Kind den Eltern ähnlich oder auch ziemlich verschieden von ihnen sein.8 Das gilt sowohl für äußere Ähnlichkeiten als auch für Wesen und Interessen. Schon zwischen Geschwistern bestehen oft erhebliche Unterschiede. Sollte es nicht die Aufgabe von Eltern sein, die Individualität ihres Kindes zu akzeptieren und zu fördern und nicht, Ähnlichkeit zu einem selbst zu erwarten?

Das gilt besonders für eine Familiengründung mit einer oder einem Dritten als genetischem Elternteil des Kindes. Wie bei allen anderen Eltern auch, kann das Kind dem unbekannten genetischen Elternteil ähnlich sein. Es ist wichtig, dass das Kind dann nicht von den Eltern das Gefühl vermittelt bekommt, dass diese Ausprägungen unerwünscht sind, weil sie am liebsten vergessen möchten, dass sie ihre Familie mit einem dritten Menschen gegründet haben.

  1. Sie schafft ein Ungleichgewicht zwischen den Wunscheltern und auch gegenüber dem Kind. Studien zufolge reagiert der nicht-genetische Elternteil wesentlich sensibler, wenn das Kind nach seinen genetischen Verwandten sucht – Scheib J, Riordan M, Rubin S (2005) Adolescents with open-identity sperm donors: reports from 12–17 year olds. Human Reproduction (1) 20, S. 239–252, S. 249; Isaksson S et al. (2011) Two decades after legislation on identifiable donors in Sweden: are recipient couples ready to be open about using gamete donation? Human Reproduction, (4) 26 S. 853–860, S. 855. []
  2. „Prägung“ ist in diesem Zusammenhang inhaltlich eigentlich nicht passend, weil es eine Form des Lernens beschreibt, bei der die Reaktion auf einen bestimmten Reiz der Umwelt derart dauerhaft ins Verhaltensrepertoire aufgenommen, dass diese Reaktion wie angeboren erscheint und daher nichts mit Epigenetik zu tun hat: Die genetisch begründete Form des „Imprinting“ (die auf Deutsch manchmal irreführenderweise mit „Prägung“ übersetzt wird) hat auch nichts mit Epigenetik zu tun. []
  3. z. B. Venney u.a., DNA Methylation Profiles Suggest Intergenerational Transfer of Maternal Effects,
    Mol Biol Evol. 2020 Feb 1;37(2):540-548. []
  4. Die sogenannte Överkalix Studie: Bygren, Lars O. et al.: Change in Paternal Grandtmothers‘ Early Food Supply Influenced Cardiovascular Mortality of the Female Grandchildren, BMC Genetics 15 (2014), S. 12 ff., Eine Folgestudie aus dem Jahr 2018 bestätigte einen Teil der Ergebnisse: Vågerö u. a., Paternal grandfather’s access to food predicts all-cause and cancer mortality in grandsons, Nature Communications volume 9, Article number: 5124 (2018). []
  5. Edith Heard and Robert A. Martienssen, Transgenerational Epigenetic Inheritance: myths and mechanisms https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4020004/; Carl Zimmer, She has her mother’s laugh. The Power, perversions, and Potential of Heredity. Picador 2018, S. 434; SWR2 Verändert der Lebensstil die Vererbung? []
  6. z. B. Stefanie Stahl, Das Kind in dir muss Heimat finden, 9. Aufl., Kailash 2015, S. 14. []
  7. Unser Verein hat sich bereits bei einer Ärztekammer wegen irreführender und anpreisender Werbung für „Samenspende“ beschwert. []
  8. Largo, Kinderjahre – die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, S. 68. []

VICE berichtet am 29. Januar 2020 über Britta und Dietrich

Das Online-Magazin der VICE berichtete am 29. Januar 2020 unter dem Titel „Samenspende: Wie Britta ihren Vater kennenlernte“ über die Geschichte von Britta und Dietrich.

Spenderkinder-Mitglied Britta identifizierte ihren Vater DIetrich im Mai 2019 über eine DNA-Datenbank. Beide haben sich über den Treffer gefreut, auch Dietrichs Frau wusste von Anfang an Bescheid und unterstützte das Kennenlernen der Beiden. Beste Voraussetzungen also auf allen Seiten.

In dem Artikel beschreiben Britta und Dietrich sehr ehrlich ihre Gedanken und Gefühle, von der Entscheidung „Samen zu spenden“ bis zu ihrem Kennenlernen und der großen Herausforderung, die gefundenen Verbindungen in den Alltag zu integrieren.

Der Artikel widmet sich damit einem Thema, das Spenderkinder und ihre Verwandten zunehmend beschäftigt: Wie geht es weiter, wenn der genetische Vater und Halbgeschwister gefunden wurden? Wie entwickeln sich die emotionalen Beziehungen zueinander weiter? Welcher Platz ist im Alltag füreinander?

Jahresrückblick 2019

1. Verein

  • 2019 fand etwas unbemerkt das zehnjährige Jubiläum unseres Vereins statt. Auf unserer Internetseite geben Anne, Dana und Christina einen kleinen Rückblick und erzählen, was sich seitdem in ihrer Wahrnehmung verändert hat.
  • In diesem Jahr hatten wir so viele Neuzugänge wie in keinem Jahr zuvor.
  • Am 23. Februar fand unser offizielles Vereinstreffen in Essen statt. Außerdem fand am 12. Oktober ein regionales Treffen in Berlin statt.
  • Ab dem Jahr 2020 wird das jährliche offizielle Vereinstreffen am zweiten Samstag im Oktober in Berlin stattfinden. Darüber hinaus hoffen wir auf mehr Regionaltreffen!
  • Im September hat der Verein eine E-Mail Gruppe für Eltern von älteren oder bereits erwachsenen Spenderkindern angestoßen.

2. Verwandtentreffer

  • Für Spenderkinder, die noch keinen DNA-Test gemacht haben, empfehlen wir derzeit wieder Ancestry, weil man die Rohdaten dieses Tests auch bei Family Finder und MyHeritageDNA kostenlos hochladen kann. Das geht zwar mit 23andMe auch, aber Ancestry hat die größere Datenbasis.
  • Dieses Jahr haben mindestens 8 Spenderkinder herausgefunden, wer ihr genetischer Vater ist. Außerdem hatten wir 15 neue Halbgeschwistertreffer.
  • Von insgesamt 193 Spenderkindern, von denen wir wissen, dass sie einen beliebigen DNA-Test gemacht haben, haben 124 Personen mindestens ein Halbgeschwister und/oder ihren genetischen Vater gefunden.
  • Insgesamt haben 33 Spenderkinder ihren genetischen Vater gefunden. 13 von ihnen über Herausgabe von Daten durch den Arzt, der den Samen vermittelt hatte. Bei vier Spenderkindern steht bislang fest, dass der ihre Mutter behandelnde Arzt seinen eigenen Samen eingesetzt hatte.

3. Internetseite

Aus dem letzten Jahr möchten wir Ihnen und Euch folgende Beiträge auf unserer Internetseite besonders ans Herz legen:

4. Öffentlichkeitsarbeit

  • Am 3. Juni hat Anne unseren Verein beim 17. Fachforum Pränatalmedizin der Katharina Kasper-Stiftung vertreten mit dem Titel „Vater – Mutter – Kind?! Kinderwunschbehandlung und die Suche nach der eigenen Abstammung“.
  • Am 28. August hat Anne unseren Verein bei einem nicht-öffentlichen Fachgespräch im Bundesgesundheitsministerium zu Embryonenadoption mit dem Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, vertreten.
  • Sven vertrat unseren Verein am 12. September auf der Fachtagung und der anschließenden öffentlichen Abendveranstaltung „Kinder unter allen Umständen?!“ des AWO-Bundesverbandes und der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Berlin.
  • Am 8. Oktober hat Anne den Verein bei einer Fortbildung vom Landesverband donum vitae NRW in Bonn vertreten.
  • Am 7. November hat Anne uns bei der Fachtagung Adoption: Wunsch- oder Bestellkind? Adoption nach Leihmutterschaft und Samenspende in Köln vertreten.
  • Seit Oktober veröffentlicht Sunny wöchentlich Videos zum Thema „Samenspende“ auf ihrem YouTube Kanal.

Darüber hinaus haben wir uns auch schriftlich geäußert:

  • Eine ausführliche Stellungnahme zum Positionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina „Fortpflanzungsmedizin in Deutschland – für eine zeitgemäße Gesetzgebung“ aus dem Juni 2019, in der ein neues Fortpflanzungsmedizinrecht gefordert wurde. In der Stellungnahme kritisieren wir, dass die Forderungen und zentralen Aussagen der Stellungnahme einseitig aus der Sicht von Wunscheltern und Reproduktionsmedizin geprägt sind.
  • Im Oktober haben wir kritisiert, dass eine Veranstaltung der FDP-Fraktion mit dem Titel „Auf dem Weg zur modernen Fortpflanzungsmedizin“ einseitig mit VertreterInnen derjenigen Interessensgruppen besetzt war, die von einer Legalisierung der fraglichen Erzeugungsweisen profitieren würden bzw. von denen eine positive Haltung hinsichtlich einer weitergehenden Legalisierung zu erwarten ist.
  • Im April erschien der Sammelband „Auf neuen Wegen zum Kind. Chancen und Probleme der Reproduktionsmedizin aus ethischer, soziologischer und psychoanalytischer Sicht“, herausgegeben von Prof. Dr. Rita Marx und Ann Kathrin Scheerer. In dem Buch sind zwei Beiträge von Anne und Sven enthalten sowie ein zwischen den Herausgeberinnen mit Kerstin, Rebecca und Sven geführtes Interview.

5. Rechtliches

  • Am 18. März hat Anne als Sachverständige an einer öffentlichen Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages teilgenommen zu dem Gesetzentwurf der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen „Anpassung der abstammungsrechtlichen Regelungen an das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“.
  • Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat im März einen „Diskussionsteilentwurf“ zur Reform des Abstammungsrechts veröffentlicht. Dieser enthält umfassende Regelungen zur Begründung von Elternschaft mit den Keimzellen Dritter und möchte insbesondere auch voluntative Elemente zur Begründung von Elternschaft anerkennen. In unserer Stellungnahme haben wir kritisiert, dass der Entwurf weit über das Ziel hinausschießt und soziale Elternschaft letztlich genauso unangreifbar stellt wie eine bestehende genetische Vater- oder Mutterschaft. Insbesondere wird das Recht der Kinder zur Anfechtung der rein sozialen Elternstellung im Vergleich zur bestehenden Rechtslage stark eingeschränkt. Bis Ende 2019 hat das BMJV keinen überarbeiteten Entwurf in Form eines so genannten „Referentenentwurfs“ veröffentlicht, vermutlich wegen bestehender Unstimmigkeiten innerhalb der Bundesregierung zu diesem Thema.
  • Am 23. Januar hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass sich auch Samenspender in der DDR heute nicht auf eine zugesicherte Anonymität berufen können. Wir hoffen, dass es für Spenderkinder, die noch vor der deutschen Wiedervereinigung auf dem Gebiet der DDR gezeugt wurden, nun einfacher wird, ihr Recht auf Kenntnis der Abstammung durchzusetzen.
  • Auf Grund dieses Urteils hat das Landgericht Dresden mit Urteil vom 28. Juni 2019 der Klage eines unserer Mitglieder stattgegeben (Az. 3 S 390/17). Die Uniklinik Dresden hat daraufhin die Daten seines genetischen Vaters übermittelt. Trotz dieser Entscheidung weigert sich die Uniklinik Dresden aber weiterhin in mindestens einem bereits gerichtlich anhängigen Fall, Auskunft zu geben.
  • Insbesondere gegen Novum in Essen laufen weiter Verfahren zur Herausgabe von Informationen über die genetischen Väter. In mindestens vier Fällen wurde die Praxis bzw. einzelne Gesellschafter bereits verurteilt, Auskunft zu geben, weigern sich aber diesen Urteilen nachzukommen und berufen sich darauf, die betreffenden Akten im Jahr 2007 vernichtet zu haben. Die Vollstreckung ist in mindestens drei Fällen bereits beantragt worden. Die Vollstreckungsgegenklagen wurde abgewiesen. Das Novum bzw. einzelne Gesellschafter haben jedoch Berufung eingelegt, so dass die rechtlichen Auseinandersetzungen uns auch 2020 weiter begleiten werden.
  • Novum hat für eine Auskunftserteilung von manchen Spenderkindern eine Gebühr von mindestens 90 Euro verlangt. Nachdem die Ärztekammer Nordrhein darauf hinwies, dass die Auskunft kostenlos erteilt werden müsse, verzichtete Novum schließlich in einem uns bekannten Fall auf die Gebühr . Es ist nicht bekannt, ob Novum seitdem auch gegenüber anderen Spenderkindern kostenlos Auskunft erteilt hat.
  • Im Januar 2019 wurde bekannt, dass das Landgericht Augsburg im Strafverfahren gegen mehrere Vorstandsmitglieder des Netzwerks Embryonenspende die angeklagten Mediziner am 13. Dezember 2018 auch in zweiter Instanz freigesprochen hat. In letzter Instanz wird nun bald der Bundesgerichtshof entscheiden. Wir hoffen, dass ein BGH-Urteil zur politischen Regelung der rechtlichen Fragen der „Embryonenspende/Embryonenadoption“ führen wird.

6. Medienbeiträge

  • Im Februar machte das Zeit-Dossier „Tief in den Genen“ erstmals Stinas Geschichte der Suche nach ihrem genetischen Vater öffentlich – und die überraschende Entdeckung, dass er Prof. Thomas Katzorke ist, derjenige Arzt, der die Anonymität von „Samenspendern“ lange Zeit vehement als Vorsitzender des Arbeitskreises für donogene Insemination verteidigt hat und aus dessen Praxis Novum fast ein Viertel der Mitglieder unseres Vereins stammt. Die Geschichte wurde daraufhin von einigen Zeitungen aufgenommen (u.a. WAZ, tz). Eine richtige Erörterung des Skandals, dass ein angesehener Reproduktionsmediziner Patientinnen ohne deren Einverständnis mit seinem eigenem Sperma befruchtethat, blieb aber aus.
  • Der österreichische Radiosender Ö1 interviewte Sven am 24. April in der Live-Sendung „Punkt eins“ zum Thema „Mein unbekannter Vater. Über Samenspender und ihre Kinder“.
  • Ebenfalls im April wurde eine zweite Folge von „Menschen hautnah“ mit den Spenderkinder-Mitgliedern Anja und Sunny im WDR ausgestrahlt. Die Sendung zeigt mit Gerald erstmals einen ehemaligen „Spender“, der offen für Kontakt ist – und nur wenige Zeit später mit Britta seine erste Tochter gefunden hat.
  • Am 3. Juni erzählte Henk in der Sendereihe „Die Sofa-Richter“ im SWR seine Geschichte.
  • Stina hat ihre Geschichte außerdem selbst im Sommer in zwei Podcasts erzählt: im WDR bei StoryQuarks und in der audible-Serie „der Moment“ (bislang leider nur für Abonnenten).
  • Im August war Anne zu Gast bei der rbb-Sendung Zeitpunkte und hat die Forderungen der Leopoldina und der FDP zur Legalisierung von Eizellvermittlung und „altruistischer“ Leihmutterschaft kritisiert.
  • Sven erzählte im Oktober in der Radiossendung „Einhundert“ bei Deutschlandfunk Nova seine Geschichte.
  • Britta hat im Oktober bei Radio Charivari und in einem Interview mit YouTuber Leeroy Matata erzählt, wie sie mit Gerald ihren genetischen Vater gefunden hat.
  • Kurz vor Weihnachten erschien im Spiegel ein zweiseitiger Artikel, in dem Sarah und ihr genetischer Vater Hubertus davon erzählen, wie sich ihre Beziehung entwickelt hat, seit sie sich vor sechs Jahren kennengelernt haben und dass sie in diesem Jahr weitere Halbgeschwister von Sarah, bzw. Kinder von Hubertus gefunden haben.

7. Reproduktionsmediziner, Wunscheltern und Berater

  • Herr Prof. Katzorke veröffentlichte im Oktober einen Aufsatz im Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie über „Samenspende“ in Deutschland. Dabei erwähnte er nicht den Interessenskonflikt, dass er bei mindestens einer Patientin entschieden hat, ohne deren Wissen seinen eigenen Samen einzusetzen und dass er nach wie vor in Gerichtsverfahren zur Auskunft über den genetischen Vater involviert ist. Wir haben sowohl gegenüber den Herausgebern als auch öffentlich kritisiert, dass die fehlende Erwähnung des Interessenskonflikts gegen eine gute wissenschaftliche Praxis verstößt und einer Rehabilitierung von Herrn Prof. Katzorke gleichkommt.
  • Das Vorgehen von Katzorke und des Verlags wurde ebenfalls von der Arbeitsgemeinschaft der Ärztinnen in der Reproduktionsmedizin und Endokrinologie öffentlich kritisiert. Die Zeit vom 28. November hat den Artikel und die Reaktion der Ärztinnen in einem kurzen Artikel aufgenommen.
  • Der Verein Spenderkinder hat bei einer Ärztekammer eine Beschwerde wegen unsachlichen und anpreisenden Informationen zu „Samenspenden“ auf der Internetseite eines Kinderwunschzentrums eingelegt. Dort wurde unter anderem behauptet, dass die Ehen von Eltern, die ein Kind mit einer „Samenspende“ bekommen, besonders stabil seien und sich die Frage nach der Aufklärung immer seltener stelle. Die Darstellung auf der Internetseite wurde inzwischen geändert.
  • Im Dezember hat Anne unseren Verein bei der Leitlinienkonsensuskonferenz zur AWMF-Leitlinie „Psychosomatische Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen“ vertreten.

8. Internationales

  • Am 19. November hat erstmals eine internationale Spenderkinderdelegation bei der UN-Kinderrechtskonferenz in Genf auf die Verletzung von Kinderrechten durch Reproduktionsmedizin hingewiesen und Regelungen gefordert, die primär dem Kindeswohl dienen.
  • Auf Arte lief die beeindruckende Dokumentation Les enfants du secret über die Situation von Spenderkindern in Frankreich.
  • In den Niederlanden hat am 13. Februar ein Gericht in Rotterdam entschieden, dass Spenderkinder, die davon ausgehen, dass der Reproduktionsmediziner Jan Karbaat selbst ihr genetischer Vater ist, dies nun in einem Abgleich mit seiner DNA überprüfen dürfen. Bislang hatten sich vor allem über DNA-Datenbanken etliche Halbgeschwister gefunden. Der Arzt ist im April 2017 im Alter von 89 Jahren verstorben, seine Frau hatte einen Abgleich mit der DNA des Verstorbenen abgelehnt.

9. Ausblick auf 2020

  • Wir werden unseren Twitter-Kanal starten und zugleich eine Suchkampagne in den Sozialen Medien beginnen – und hoffen auf viel Feedback aus der Öffentlichkeit und natürlich von ehemaligen „Samenspendern“.
  • Sunny wird im Januar auf Youtube ein fast einstündiges Interview mit Dietrich Gerald veröffentlichen, Brittas genetischem Vater.
  • Die FAQ auf der Internetseite wird Anfang Januar überarbeitet werden. Geplant sind außerdem Beiträge über Epigenetik und die Aufklärung von Spenderenkeln.
  • Im Februar wird das Buch „Assistierte Reproduktion mit Hilfe Dritter“, herausgegeben von Prof. Dr. Claudia Wiesemann u. a., erscheinen. In dem Sammelband werden zwei Beiträge von Anne und Sven enthalten sein.
  • Sven wird als Vorstandsmitglied für einen Dokumentarfilm zum Thema „Solomütter“ interviewt werden, der im Laufe des Jahres ausgestrahlt werden soll.
  • Am 10. Oktober 2020 wird das offizielle Vereinstreffen in Berlin stattfinden.
  • Wir werden uns weiter mit dem Thema befassen, ob und wie man per DNA-Datenbanken gefundenen Halbgeschwistern mitteilt, dass sie womöglich ein Spenderkind sind, ohne es selbst zu wissen. Immer mehr wird sich nun auch die Frage stellen, wie es weiter geht, wenn Spenderkinder ihre genetischen Verwandten gefunden haben und der Kontakt begonnen hat.

Wenn die Wahrheit ans Licht kommt: acht Ratschläge für Eltern von durch Samenspende gezeugten Erwachsenen

Viele Eltern von durch „Samenspende“ gezeugten Kindern sagen ihren Kindern bis ins Erwachsenenalter nicht die Wahrheit über ihre Zeugungsart. Mit zunehmendem Alter steigt aber auch die Gefahr einer zufälligen Entdeckung durch das Kind selbst, insbesondere durch einen DNA-Test, den inzwischen viele Menschen aus allgemeinem Interesse an ihrem genetischen Erbe machen. Wendy Kramer ist Mutter eines mit „Samenspende“ gezeugten Sohnes und hat das Donor Sibling Registry gegründet, über das man nach genetischen Verwandten suchen kann. Auf ihrem Blog hat sie Ratschläge für Eltern für ein Aufklärungsgespräch mit erwachsenen Spenderkindern veröffentlicht, die wir vollends unterstützen. Viele unserer Mitglieder halten insbesondere eine Entschuldigung für das lange Verschweigen und die Unterstützung bei der Suche nach Verwandten für wichtig. Mit Wendys freundlichem Einverständnis hat Veronika Somnitz für den Verein Spenderkinder ihren Text auf Deutsch übersetzt. Wer Wendy direkt anschreiben möchte, kann Sie unter wendy@donorsiblingregistry.com erreichen.


Sind Sie ein Elternteil eines durch Samenspende gezeugten erwachsenen Kindes, das erst jetzt die Wahrheit über seine Zeugung erfährt – weil Sie das aufklärende Gespräch darüber immer wieder aufgeschoben haben oder weil es die Wahrheit alleine herausgefunden hat? Wenn Sie ängstlich sind und nicht wissen, wie Sie dieses heikle Gespräch mit Ihrem Kind in Angriff nehmen sollen, können Ihnen folgende Ratschläge bei der Führung dieses Gesprächs helfen.


Acht Ratschläge, falls Sie eine baldige Aussprache planen…

“Es gibt keine größere Qual, als eine unerzählte Geschichte in dir herumzutragen.“ – Maya Angelou

1.Wann ist der beste Zeitpunkt? Jetzt.

Es steht Ihnen nicht zu, dieses Geheimnis weiter mit sich herumzutragen. Es wird niemals den „perfekten“ Zeitpunkt geben. Daher gilt für Sie das Motto: je eher desto besser. Stellen Sie sicher, dass Sie sich vorher psychologisch darauf vorbereitet haben, um dazu in der Lage zu sein, dieses Gespräch zu führen, z. B. mit Hilfe eines Therapeuten oder durch Ihre eigene seelische Auseinandersetzung mit dem Thema. Atmen Sie mehrmals tief durch und versuchen Sie, sich zu entspannen. Es haben schon viele Menschen vor Ihnen diesen Pfad beschritten und sie haben alle überlebt!

2. Erzählen Sie ein wenig von Ihrer Geschichte und wie Sie dazu kamen, einen Samenspender zu wählen.

Sie geben den Tonfall im Gespräch an. Versuchen Sie, das Gespräch leicht zu halten und flechten Sie wenn möglich etwas Humor ein. Sie müssen für dieses Gespräch so gut wie möglich geerdet sein und es besonnen angehen, da es die Grundlage für alle künftigen Gespräche schafft.

3. Erklären Sie sehr ehrlich, warum Sie es erst jetzt erzählen.

Gehen Sie nicht in die Defensive und verwenden Sie Ihre Geschichte nicht, um sich zu rechtfertigen. „Wir haben es vergessen“ ist keine gute Entschuldigung. Ihr Kind möchte das Gefühl hinter dem Grund dafür hören, warum Sie es ihm nicht gesagt haben. Wovor hatten Sie und Ihr(e) Partner(in) Angst? Das kann Ihrem Kind dabei helfen, seine eigenen Gefühle besser zu verarbeiten. Dazu können Wut, Trauer, Verwirrung oder auch Erleichterung gehören.

4. Lassen Sie Ihr Kind wissen, dass Sie mit den Informationen, die Sie damals hatten, die bestmögliche Entscheidung getroffen hatten.

Erklären Sie, was Ihnen Ihr behandelnder Arzt erzählt hat, einschließlich aller etwaigen Informationen zum Spender. Sagen Sie Ihrem Kind, wie es sich anfühlte, diese Informationen geheim zu halten. Erzählen Sie ihm, was Sie vor Kurzem im Hinblick auf die Wichtigkeit der Ehrlichkeit gegenüber dem Kind erfahren haben. Sagen Sie ihm, wer sonst noch davon weiß.

5. Ganz wichtig: Entschuldigen Sie sich. Übernehmen Sie die Verantwortung.

Diese Informationen standen Ihrem Kind zu und Sie haben sie ihm vorenthalten. Entschuldigen Sie sich immer wieder. Dies erlaubt es Ihrem Kind, alle Emotionen zu durchleben, ohne in der Wut stecken zu bleiben. Fordern Sie es nicht dazu auf, das „Geheimnis“ weiterhin zu wahren, da eine Geheimhaltung Scham impliziert. Die Scham über die Unfruchtbarkeit sollte nicht als eine Scham über die Zeugung durch Samenspende auf Ihr Kind übertragen werden.

6. Bleiben Sie offen für eine spätere Fortführung des Gesprächs.

Es handelt sich nicht um ein einmaliges Gespräch. Es ist äußerst wichtig, dass Ihr Kind weiß, dass es sich um ein willkommenes, fortlaufendes Gespräch handelt und dass Sie es unterstützen werden, während es diese neuen Informationen verarbeitet, Familie und Freunden davon erzählt und dieses Wissen in seine Identität integriert. Stoßen Sie das Thema sanft an, wenn Ihr Kind nicht von allein erneut auf Sie zukommt, sodass es weiß, dass Sie da sind, um ihm zu helfen zu verstehen, was diese neue Information für es und sein Leben bedeutet.

7. Erzählen ist nur der erste Schritt.

Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind weiß, dass all seine Neugier bezüglich seiner Halbgeschwister und/oder seines unbekannten biologischen Elternteils, seiner Abstammung und seiner medizinischen Vorgeschichte normal und zu erwarten ist. Wenn Sie sich damit nicht vollständig wohl fühlen, ist es wichtig, dass Sie den Grund dafür verstehen, damit Sie sich in diesem Bereich weiter entwickeln können. Seien Sie ehrlich, wenn Sie mit Ihrem Kind darüber sprechen.

8. Wenn Ihr Kind neugierig ist …

Wenn Ihr Kind mehr über seine Abstammung wissen will, bieten Sie ihm an, diesen Weg gemeinsam mit ihm zu beschreiten, um die Informationen und genetischen Verwandten zu finden, von denen es der Ansicht ist, dass es sie kennen muss. Stellen Sie sicher, dass es weiß, dass seine Neugier in keiner Weise einen Verrat an Ihnen bedeutet. Dies ist besonders wichtig für den nicht leiblichen Elternteil. Es ist wichtig, dass Ihr Kind weiß, dass viele andere Menschen vor ihm denselben Weg beschritten haben. Sie können es für weitere Unterstützung auch an das englischsprachige Register für Spendergeschwister – Donor Sibling Registry verweisen. Ergänzung von Spenderkinder: im deutschsprachigen Raum natürlich auch sehr gerne an unseren Verein oder die Möglichkeit eines DNA Tests.


8 Ratschläge, wenn Ihr Kind es gerade selbst herausgefunden hat …

„Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang verändern. Aber du kannst starten wo du bist und das Ende verändern.“ – C.S. Lewis

1.Entschuldigen Sie sich. Übernehmen Sie die Verantwortung.

Diese Informationen standen Ihrem Kind zu und Sie haben sie ihm vorenthalten. Entschuldigen Sie sich immer wieder. Dies erlaubt es Ihrem Kind, alle Emotionen zu durchleben, ohne in der Wut stecken zu bleiben. Fordern Sie es nicht dazu auf, das „Geheimnis“ weiterhin zu wahren, da eine Geheimhaltung Scham impliziert. Die Scham über die Unfruchtbarkeit sollte nicht als eine Scham über die Zeugung durch Samenspende auf Ihr Kind übertragen werden.

2. Erzählen Sie ein wenig von Ihrer Geschichte und wie Sie dazu kamen einen Samenspender zu wählen.

Versuchen Sie, das Gespräch leicht zu halten und flechten Sie wenn möglich etwas Humor ein. Sie müssen für dieses Gespräch so gut wie möglich geerdet sein und es besonnen angehen, da es die Grundlage für alle künftigen Gespräche schafft.

3. Erklären Sie sehr ehrlich, warum Sie es erst jetzt erzählen.

Gehen Sie nicht in die Defensive und verwenden Sie Ihre Geschichte nicht, um sich zu rechtfertigen. „Wir haben es vergessen“ ist keine gute Entschuldigung. Ihr Kind möchte das Gefühl hinter dem Grund dafür hören, warum Sie es ihm nicht gesagt haben. Wovor hatten Sie und Ihr(e) Partner(in) Angst? Das kann Ihrem Kind dabei helfen, seine eigenen Gefühle besser zu verarbeiten. Dazu können Wut, Trauer, Verwirrung oder auch Erleichterung gehören.

4. Lassen Sie Ihr Kind wissen, dass Sie mit den Informationen, die Sie damals hatten, die bestmögliche Entscheidung getroffen hatten.

Erklären Sie, was Ihnen Ihr behandelnder Arzt erzählt hat, einschließlich aller etwaigen Informationen zum Spender. Sagen Sie Ihrem Kind, wie es sich anfühlte, diese Informationen geheim zu halten. Erzählen Sie ihm, was Sie vor Kurzem im Hinblick auf die Wichtigkeit der Ehrlichkeit gegenüber dem Kind erfahren haben. Sagen Sie ihm, wer sonst noch davon weiß.

5. Bleiben Sie offen für eine spätere Fortführung des Gesprächs.

Es handelt sich nicht um ein einmaliges Gespräch. Es ist äußerst wichtig, dass Ihr Kind weiß, dass es sich um ein willkommenes, fortlaufendes Gespräch handelt und dass Sie es unterstützen werden, während es diese neuen Informationen verarbeitet, Familie und Freunden davon erzählt und dieses Wissen in seine Identität integriert.

6. Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind weiß, dass all seine Neugier bezüglich seiner unbekannten Spenderfamilie normal und zu erwarten ist.

Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind weiß, dass Sie seinen Wunsch danach zu erfahren, wer seine unbekannten genetischen Verwandten sind, anerkennen und respektieren. Wenn Sie sich damit nicht vollständig wohl fühlen, ist es wichtig, dass Sie den Grund dafür verstehen, damit Sie sich in diesem Bereich weiter entwickeln können. Seien Sie ehrlich, wenn Sie mit Ihrem Kind darüber sprechen.

7. Wenn Ihr Kind neugierig ist …

Wenn Ihr Kind mehr über seine Abstammung, seine medizinische Vorgeschichte und nahe genetische Verwandte wissen will, bieten Sie ihm an, diesen Weg gemeinsam mit ihm zu beschreiten, um die Informationen und Menschen zu finden, von denen es der Ansicht ist, dass es sie kennen muss. Stellen Sie sicher, dass es weiß, dass seine Neugier in keiner Weise einen Verrat an Ihnen bedeutet. Dies ist besonders wichtig für den nicht leiblichen Elternteil. Es ist wichtig, dass Ihr Kind weiß, dass viele andere Menschen vor ihm denselben Weg beschritten haben. Sie können es für weitere Unterstützung auch an das englischsprachige Register für Spendergeschwister – Donor Sibling Registry verweisen. Ergänzung von Spenderkinder: im deutschsprachigen Raum natürlich auch sehr gerne an unseren Verein oder die Möglichkeit eines DNA Tests.

8. Halten Sie das Gespräch in Gang. Entschuldigen Sie sich immer wieder dafür, dass Sie es Ihrem Kind nicht früher erzählt haben und dass Ihr Kind es auf so eine schockierende Weise herausfinden musste.

Atmen Sie mehrmals tief durch und versuchen Sie, sich zu entspannen. Es haben schon viele Menschen vor Ihnen diesen Pfad beschritten und sie haben alle überlebt! Es sollte Ihnen ein gutes Gefühl geben, dass Ihre Familie von nun an eine gute Grundlage in der Wahrheit haben wird. Stoßen Sie das Thema sanft an, wenn Ihr Kind nicht von allein erneut auf Sie zukommt, sodass es weiß, dass Sie da sind, um ihm zu helfen zu verstehen, was diese neue Information für es und sein Leben bedeutet.

Spenderkinder ist zehn Jahre alt!

Etwas unbemerkt ist am 18. Juli 2019 das zehnte Jubiläum der Gründung unseres Vereins verstrichen. Das möchten wir zum Anlass für einen Rückblick nehmen, wie sich unser Verein, aber auch die persönliche Geschichte einiger unserer Gründungsmitglieder entwickelt hat.

Ein kleines Treffen mit wenigen Teilnehmerinnen und wichtigen Themen

Unser Gründungstreffen am 18. Juli 2009 fand in Göttingen mit fünf Teilnehmerinnen statt – die übrigen Unterschriften der Gründungsmitglieder mussten per Post eingeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir insgesamt nur zwanzig Mitglieder. Beim Treffen haben wir darüber geredet, wie wir ein nationales DNA-Register starten könnten, um unsere genetischen Väter und Halbgeschwister finden zu können. Wir wussten, dass es so etwas in den Niederlanden und Großbritannien gibt, wussten aber, dass eine Übertragung insbesondere wegen der Datensicherheit schwierig wäre. Von den neuen DNA-Datenbanken aus den USA wussten wir damals noch nicht, sie waren noch nicht sehr bekannt und noch sehr teuer. 

Außerdem ging es bei dem Treffen um den Namen Spenderkinder und das Logo – beides entwickelt von Dana. 

Ich hatte schon mehrere Jahre in einer Hochschulgruppe von Amnesty International gearbeitet und daher Erfahrungen mit ehrenamtlicher Arbeit in Gruppen. Mir war bewusst, dass wir noch ganz am Anfang stehen, auch weil bei uns nur Spenderkinder Mitglied werden konnten und viele nichts von ihrer Zeugungsart wussten. Etwas alleine zu bewegen ist schwierig die Motivation kommt vor allem aus dem Austausch mit anderen engagierten Personen. Ich habe gehofft, dass sich alle einbringen und weitere engagierte Personen zu uns stoßen werden und so war es. Stina

Wenn ich an 2009 zurückdenke – da war ich 25 und gerade mit dem Studium fertig. Ich hatte den Eindruck, dass unser Verein eher als „Kinder“ wahrgenommen wurde, einfach auch deshalb, weil viele von uns noch recht jung waren. Anne

Zehn Jahre später

Zehn Jahre später hat unser Verein fast 200 Mitglieder, in Deutschland gibt es seit Mitte 2018 ein Spenderkinder-Register, und die rechtliche Situation wurde durch mehrere Gerichtsurteile in unserem Sinne geklärt. 

Ein Aspekt, der für mich persönlich in den letzten 10 Jahren die größten Veränderungen gebracht hat, ist die neue Öffentlichkeit für das Thema durch die kontinuierliche Arbeit im Verein und all die mutigen Leute, die bereit waren, mit den Medien zu arbeiten und an die Öffentlichkeit zu gehen mit ihrer Geschichte. Für mich ist das direkt spürbar gewesen. Als ich den 90er Jahren jemandem erzählt habe, dass ich Spenderkind bin, war das immer etwas GAAAAANZ besonderes und die Leute (ausnahmslos positive Reaktionen) waren total erstaunt und neugierig. Und heute ist Reaktion meist sehr abgeklärt: „Ach so, ja, hab ich letztens eine Doku drüber gesehen!“ – meist ein Medienbericht von jemandem aus dem Verein. Dana

Die Bezeichnung Spenderkinder hat sich trotz Widerstands von einigen Wunscheltern und Beratungsfachkräften etabliert und wird ganz selbstverständlich auch von öffentlichen Stellen verwendet. 

Mittlerweile sind viele von uns selbst Eltern, wir sind im Berufsleben angekommener und in einem Alter, in dem es anderen Menschen leichter fällt, uns als Erwachsene wahrzunehmen.  Anne

Wir sind politisch deutlich sichtbarer geworden und werden fachlich einbezogen. Wir waren als Sachverständige im Deutschen Bundestag, halten regelmäßig Vorträge bei Fortbildungsveranstaltungen für Adoptionsfachkräfte und haben Aufsätze veröffentlicht. 

Im Laufe der letzten 10 Jahre sind wir mit unserer Erfahrung gewachsen, routinierter geworden, haben Abläufe entwickelt für Medienanfragen, wir haben journalistische und politische Kontakte, auf die wir zurückgreifen können. Die Anfragen neuer Mitglieder wurden irgendwann so viele, dass dafür ein extra Vorstandsmitglied zuständig ist. Wir haben insgesamt viel mehr Wissen gesammelt. Anne

Auch inhaltlich haben wir uns stark weiter entwickelt: zu vielen Themen haben wir differenzierte Informationen und Stellungnahmen veröffentlicht. Ein besonderes Anliegen und eine oft auch persönliche Entwicklung stellte dar, die vorgegebenen Wertungen zu den verschiedenen ethischen und psychologischen Aspekten von „Samenspende“ zu hinterfragen. Das betrifft zum einen Begrifflichkeiten wie „Spender“, aber auch Erwartungen wie dass der soziale Vater doch der „richtige“ Vater sei und ein Spenderkind kein Interesse vom genetischen Vater erwarten könne und schon dankbar für ein kurzes Treffen sein solle. 

International haben wir mit Donor Offspring Europe eine europäische Plattform zur Vernetzung mitgegründet.

Persönliche Entwicklungen

Auch persönlich hat sich viel bei uns entwickelt – viele unserer Mitglieder haben Halbgeschwister oder ihren genetischen Vater gefunden. 

Bei der Vereinsgründung hätte nie jemand voraussehen können, dass uns die technische Entwicklung diese Türen öffnen würde… Wenn wir ehrlich sind, wäre das sonst ein ganz schönes Trauerspiel wie viele Spender haben sich denn schon gemeldet? Da hätten wir heute vielleicht 3-4 Matches Und dank der DNA-Datenbanken konnten wir all diejenigen finden, die uns nicht gesucht haben 😉 Und das hat ja auch mir letztlich den Halbbruder-Match ermöglicht diese Erfahrung hat mir extrem viel gebracht! Dana

Seit 2018 sind unsere Verwandtentreffer über DNA-Datenbanken rasant angewachsen, was mich unglaublich freut. Ich selbst habe auf diese Weise drei Halbgeschwister gefunden. 2011, als wir uns FamilyTreeDNA angeschlossen hatten, hatte ich den DNA-Test dort eher gemacht, um nichts unversucht zu lassen. Mit solch einer Trefferquote hatte ich nicht gerechnet.  Anne

Vor zehn Jahren habe ich eigentlich nicht damit gerechnet, dass ich je herausfinden werde, wer mein genetischer Vater ist. Ich dachte, das ist wie eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Mein Ziel war eher, das System zu verändern, damit nicht weiter die Rechte von Spenderkindern verletzt werden. Und dann habe ich im Dezember 2017 Ancestry und 23andme gemacht und die Wahrheit herausgefunden: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Herr Prof. Katzorke, der meiner Erinnerung nach wegen seiner kontroversen Äußerungen und abschottenden Informationspolitik auch bei unserem Gründungstreffen Thema war, mein genetischer Vater ist. Auch wenn mit dieser Vorgeschichte eine positive Beziehung nicht möglich war, bedeutet es mir unglaublich viel, nicht mehr diese Leerstelle zu haben. Auch mein persönlicher Umgang mit meiner Zeugungsart hat sich verändert: nachdem ich anfangs sehr darauf bedacht war, meine Identität nicht öffentlich zu machen, habe ich mich langsam geöffnet und gehe inzwischen absolut offen damit um und wurde durch viele positive Begegnungen darin bestärkt. Stina

Dass auch so viele unserer älteren Mitglieder mittlerweile ihre genetischen Väter finden konnten, stimmt mich sehr optimistisch, dass dies vielen anderen auch noch gelingen wird. Dieser Trend zeigt sich ja auch international. Das kehrt in meiner Wahrnehmung die Machtverhältnisse fast ein bisschen um – erst hatten Ärzte die Macht, unsere Verwandtschaftsverhältnisse vor uns geheimzuhalten, jetzt ist die Technik auf unserer Seite, mehr und mehr Verwandtschaftsverhältnisse aufzudecken. Dadurch steigt auch die Zahl der aufgeklärten Spenderkinder, die sich selbst äußern können, wie die kürzliche erstmalige Präsentation von Spenderkindern vor der UN zeigte. Anne

Ausblick

Ich bin sehr stolz, dass wir mit dem Verein etwas gegründet habent, dass das Leben vieler Menschen positiv beeinflusst hat und viel verändert hat. Wenn ich eine Nachricht erhalte, dass eins unserer Mitglieder den Vater oder Halbgeschwister gefunden hat, erfreut mich das den ganzen Tag. Stina

Aber trotz unserer erfolgreichen Vereinsgeschichte gibt es im öffentlichen Bewusstsein, aber auch bei den anstehenden politischen Entwicklungen noch viel zu tun. So steht die Reform des Abstammungsrechts immer noch auf der politischen Agenda und der Druck von Wunscheltern und der Reproduktionsmedizin ist stark, hierbei den Wünschen der Wunschelternteile, dass ihnen ein bestimmtes Kind zugeordnet werden möge, eine sehr starke Bedeutung zuzumessen und in Deutschland bislang nicht zugelassene Verfahren wie die Eizellvermittlung und die Leihmutterschaft zuzulassen. Wir hoffen, dass die Erfahrungen aus der Vergangenheit aufgegriffen werden und die Bedeutung der genetischen Elternteile für das Kind nicht erneut unterschätzt wird. Wichtige Erkenntnis aus 50 Jahren Samenvermittlung in Deutschland: Niemand kann für einen anderen Menschen festlegen, wie wichtig ihm seine genetischen Elternteile sind.

Auch im persönlichen Bereich sind die Entwicklungen noch nicht abgeschlossen:

Wir haben viel erreicht, aber mindestens ebenso viel liegt noch vor uns: Für mich selbst heißt es weiter „Finden“. Gleichzeitig finde ich für unseren Verein aber auch das Thema spannend „Gefunden – und nun?“ – also die Frage, wie es danach eigentlich weitergeht, denn Kontaktaufnahme, Kennenlernen, Integration stellen ja weitere Herausforderungen dar, über die bisher kaum etwas bekannt ist. Anne

The Kids are alright – Rezension

Als der Film „The Kids are alright“ im Jahr 2010 in die Kinos kam, war ich sehr interessiert – immerhin ging es das erste Mal in einem Film um erwachsene Spenderkinder, die Kontakt zu ihrem genetischen Vater aufnehmen, was das Familiengefüge ziemlich durcheinander bringt. In vielen Filme davor geht es vor allem um die Wunscheltern oder den Samenspender, und die Kinder kommen nur als Nebenrolle vor. Irgendwie habe ich den Film dann aber doch bis heute nie gesehen – vielleicht auch weil mich das mit dem Titel vermittelte Klischee stört, dass es den Spenderkindern gut geht (siehe dazu unser Artikel Wie gut geht es Spenderkindern wirklich).

Im Dezember 2019 habe ich ihn aber erstmals gesehen und mein Urteil ist gemischt. Der Film ist unterhaltsam, die Dialoge gut und die Schauspieler sind hervorragend, aber es handelt sich um einen Film aus der Perspektive von Wunscheltern und das mit der erzählten Geschichte vermittelte Familienbild ist überraschend konservativ.

Es geht um Wunscheltern, nicht um Spenderkinder

Die erste Erkenntnis war, dass der Titel „The kids are alright“ sich eher auf den Kontrast zu den Eltern bezieht, die stark mit Problemen von Menschen im mittleren Alter beschäftigt sind. Bei den Frauen ist die Beziehung etwas eingeschlafen, der etwa vierzigjährige immer noch alleinstehende Vater fragt sich, ob er nicht doch eine Familie hätte gründen sollen. Damit ist aber klar: die Hauptpersonen sind auch in diesem Film nicht die Spenderkinder, sondern die Wunscheltern und ihre Perspektive.

Man könnte einen sehr interessanten Film über die Schwierigkeiten von Spenderkindern machen, wenn sie einen weiteren Elternteil und neue Halbgeschwister in ihre Familiengefüge integrieren müssen. Der genetische Vater ist meistens nicht wie im Film alleinstehend, sondern hat eine eigene Familie, die auch von den Veränderungen betroffen ist. Dazu kommt, dass es möglicherweise auch sehr viele Halbgeschwister gibt. Insbesondere der nur-soziale Elternteil kann durch die Kontaktaufnahme verletzt und verunsichert sein, was viele Spenderkinder in einen Loyalitätskonflikt bringt.

Diese Konflikte klingen in dem Film nur an: das erste Telefonat und Treffen zwischen den Kindern und dem Vater ist etwas unentspannt. Sie können kaum miteinander reden, so sehr sind sie von der Kluft zwischen Anonymität und biologischer Verwandtschaft überfordert.1 Schön ist, dass der Vater so offen für Kontakt ist und die Kinder tatsächlich mag und ihnen das auch sagt. Ansonsten kommen die Kinder aber ziemlich gut klar mit ihrer neuen Verwandtschaft.

Diese Probleme der Familienintegration werden auch realistisch dargestellt, indem die beiden Kinder den Müttern zuerst nicht sagen, dass sie Kontakt zum Spender aufgenommen haben, weil sie die beiden nicht verletzten wollen. Ich weiß von mehreren Spenderkindern, deren soziale Eltern nicht wissen, dass sie über ihre Zeugungsart Bescheid wissen und eine Beziehung zu ihren Vater aufgebaut haben. Und tatsächlich äußert die eine Mutter, dass sie den Wunsch ihrer Kinder schon versteht, sich aber doch fragt, ob sie nicht genug ist. Später äußert diese Mutter Frustration darüber, dass ihre Kinder begeister vom genetischen Vater sind und viel Zeit mit ihm verbringen.

Der genetischer Vater als Bedrohung der sozialen Familie

Mein zweiter großer Kritikpunkt ist, dass der genetische Vater als Gefahr für die Familie dargestellt wird, der zu Recht ausgeschaltet werden muss. Bereits der Aufbau einer Beziehung zu den Kindern führt zu Konflikten mit den Mütter, dann fängt er aber auch noch ein Verhältnis mit der einen Mutter an. Dass es zu so etwas kommt, halte ich für extrem konstruiert, aber die Befürchtung besteht anscheinend immer im Hinterkopf – vielleicht diese Verbindung als so naheliegend erscheint, wenn die Personen zusammen ein Kind gezeugt haben. In der älteren Literatur über Samenspende wird diese auch oft mit einem Ehebruchs verglichen. Der Film vermittelt damit aber die Wertung, dass die Integration des genetischen Vater die Familie zerstören kann. Leider ist die Lösung aber nicht, dass die Erwachsenen sich zusammenreißen und ihre Probleme im Interesse der Kinder klären, auch einen Beziehung zum genetischen Vater zu haben.

Die „Lösung“ ist stattdessen Ausschluss: Der Film endet damit, dass der Vater während des Abschiedessens für die Tochter draußen vor der Tür steht, vergeblich versucht sich bei der Tochter zu entschuldigen und ihm empfohlen wird, dass er seine eigene Familie gründen soll, wenn er so gerne eine hätte. Der Vorwurf ist klar: Der genetische Vater gehört nicht zur Familie der Spenderkinder und versucht aber, sich reinzudrängen. Diesen Vorwurf kennen viele Spenderkinder auch von der anderen Seite, nämlich wenn ihnen vorgeworfen wird, dass sie versuchen die Familie des genetischen Vaters durch ihre Kontaktaufnahme zu stören.

Die Spenderkinder scheinen den Ausschluss des Vaters okay zu finden – als wäre die Grenzverletzung durch die Affäre nur von ihm ausgegangen. Nachher versöhnen sich die Mütter wieder, als sie ihre Tochter ins College bringen. Das wirkt so, als wäre der Kontakt zum genetischen Vater eine Phase, die jetzt wieder vorbei ist, während die soziale Kernfamilie trotz aller Konflikte wie bisher weiterbesteht. „Das Versprechen der Reproduktionsmedizin, das Gück der sozialen Allianzen hat über den Einbruch des Biologischen und den von weiterher kommenden Sog der Deszendenz gesiegt.“2

Kaum Kritik in der öffentlichen Diskussion

Die Regisseurin Lisa Cholodenko ist selbst lesbisch und hat mit einer früheren Partnerin ein Kind mit einer Samenvermittlung bekommen. Es kann also gut sein, dass die mit dem Film vor allem die Vorstellung bestimmter Wunscheltern stützen möchte, dass eine soziale Verbindung zwischen Eltern und Kind ausreicht und der Vater aus ihrer Familie herausgehalten werden sollte.

Bedenklich ist, dass diese Aspekte in der öffentlichen Diskussion kaum vorkamen – der Film wurde sehr gut besprochen und für vier Oscars prämiert. Eine kritische Besprechung habe ich erstmals von Andreas Bernard in dem Buch Kinder machen gelesen. Vielleicht wäre das inzwischen anders, wo viele Spenderkinder dank DNA-Tests ihre genetischen Verwandten identifizieren und zum Teil auch eine Beziehung zu ihnen aufbauen konnten.

  1. Andreas Bernard, Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung; Frankfurt am Main 2014, S. 85. []
  2. Andreas Bernard, Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung; Frankfurt am Main 2014, S. 87. []

Mangelnde Wissenschaftlichkeit beim Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie? Kommentar zu Prof. Dr. Katzorkes Artikel

Im Herbst 2019 erschien der Artikel „Entstehung, Entwicklung und gegenwärtiger Stand der Spendersamenbehandlung in Deutschland“ im Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie1. Autor des Aufsatzes ist der Reproduktionsmediziner Prof. Dr. Thomas Katzorke, einer der Inhaber der Essener Fortpflanzungspraxis „Novum – Zentrum für Fortpflanzungsmedizin und Endokrinologie“, von der über ein Viertel unserer Vereinsmitglieder stammen. Im letzten Jahr stellte sich heraus, dass Thomas Katzorke bei mindestens einer Patientin entschieden hat, ohne deren Wissen seinen eigenen Samen einzusetzen.2 Herr Prof. Dr. Katzorke hat sich in der Vergangenheit stets für die Anonymität von sogenannten Samenspendern ausgesprochen. Seine Meinung erscheint in anderem Licht, wenn man berücksichtigt, dass es dabei immer auch um ihn persönlich ging.

Verschweigen wesentlicher Interessenkonflikte Katzorkes widerspricht guter wissenschaftlicher Praxis

Der Verein Spenderkinder kritisiert, dass der Beitrag, in dem Herr Prof. Dr. Katzorke auch auf die angebliche Schutzwürdigkeit der sogenannten Samenspender hinweist, unkritisch veröffentlicht wurde, ohne kenntlich zu machen, dass der Autor selbst heimlich als „Samenspender“ tätig war. Vor diesem Hintergrund ist er eindeutig befangen, mögliche Regelungen zu den Rechten und der Verantwortung von „Spendern“ (genetischen Elternteilen) sowie der Bedeutung von sozialer und genetischer Elternschaft zu diskutieren.

Als „Interessenkonflikt“ wird lediglich erwähnt, dass Herr Prof. Dr. Katzorke in der Vergangenheit an Gerichtsverfahren beteiligt war, in denen es um Auskunft über die genetischen Väter von Spenderkindern ging. Tatsächlich ist Katzorke aber weiterhin an laufenden gerichtlichen Auskunftsverfahren beteiligt, weil er sich nach wie vor weigert, Spenderkindern Informationen preiszugeben, obwohl er zu deren Herausgabe bereits verurteilt wurde. Eindeutige Interessenkonflikte nicht zu benennen, verstößt gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis.

„Nur“ Unwissen in der Reproduktionsmedizin oder Versuch der Rehabilitation Katzorkes?

Der Verein Spenderkinder hat die Herausgeber des Journals für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie auf diese Umstände aufmerksam gemacht und um eine eigene öffentliche Stellungnahme sowie um eine entsprechende Erweiterung des deklarierten Interessenkonfliktes gebeten. Die Schriftleitung hat bislang lediglich verhalten-rechtfertigend reagiert. Statt den Hinweis aufzugreifen und auf den Interessenkonflikt entsprechend hinzuweisen, verwies die Schriftleitung auf den formellen Begutachtungsprozess, mit dem sichergestellt werde, dass die veröffentlichten Artikel aktuellem wissenschaftlichen Standard entsprächen. Es ist kaum zu glauben, dass weder die reproduktionsmedizinischen Gutachter noch die Herausgeber der reproduktionsmedizinischen Fachzeitschrift über Herrn Prof. Dr. Katzorkes persönliche Betroffenheit informiert waren. Immerhin gab es 2019 mehrere Medienberichte dazu, z. B. in der ZEIT. Sogar der Arbeitskreis donogene Insemination, dessen Vorsitzender Katzorke seit 1996 war, distanzierte sich in einer kritischen Stellungnahme von Katzorkes Verhalten und er selbst trat als Vorsitzender zurück.

Insgesamt war die Resonanz und Empörung in den Fachkreisen der Reproduktionsmedizin nach Aufdeckung der ethische Grenzen überschreitenden Praktik jedoch beschämend gering. Das Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie bietet Herrn Katzorke nun eine Plattform, sein Wirken als Reproduktionsmediziner und seine persönliche Meinung als heimlicher genetischer Vater einseitig und unkritisch darzulegen.

So erwähnt Katzorke eingangs, dass eine frühzeitige Aufklärung der durch Samenvermittlung gezeugten Kinder heutzutage generell empfohlen werde, begründet das jedoch lediglich mit der leichten Verfügbarkeit von DNA-Analysen. Unerwähnt bleibt, dass Herrn Prof. Dr. Katzorkes heimliche Vaterschaft selbst über eine DNA-Datenbank aufgedeckt wurde. Eine Auseinandersetzung mit ethisch-moralischen, entwicklungspsychologischen, psychosozialen, rechtlichen oder medizinischen Argumenten findet im Artikel nicht statt.

Mit der unreflektierten Veröffentlichung des Artikels erkennt der Herausgeber Herrn Katzorkes Handlungen an, bietet die Möglichkeit der persönlichen Rehabilitation und lässt darüber hinaus Herrn Katzorkes Wirken und das anderer früher Reproduktionsmediziner unkritisch und unreflektiert in eine Entwicklung bis in die Gegenwart einreihen, die sozial- und medizinhistorisch sehr einseitig und damit grundsätzlich infrage zu stellen ist.

Historiografische Unzulänglichkeiten des Artikels

Der Artikel beansprucht einen chronologischen Abriss über die Entwicklung der ärztlichen Samenvermittlung in Deutschland aufzuzeigen. Dass dies nicht gelingt, macht bereits der Gesamtheitsanspruch des Aufsatztitels deutlich, eine Entwicklung in „Deutschland“ zu beschreiben Zur Geschichte von Samenvermittlung in der DDR verliert Katzorke auf zwölf Seiten lediglich drei Sätze. Das ist knapp, berücksichtigt man, dass DDR-Mediziner hinsichtlich ihrer Methoden (Kryokonservierung, Embryotransfers etc.) und Erfolgsquoten mit der Bundesrepublik gleichauf, teilweise sogar erfolgreicher waren, obwohl es fundamentale Unterschiede in der sozialen und finanziellen Abwicklung der „Behandlungen“ im Vergleich zur Bundesrepublik gab. So war in der DDR beispielsweise die „Behandlung“ kostenfrei für die Wunscheltern. Es ist unzutreffend, dass in der DDR die „Behandlung“ rechtlich geregelt war. Die Mediziner agierten ebenso wie ihre bundesdeutschen Kollegen in einer rechtlichen Grauzone, was so gut wie allen bewusst war, wie zahlreiche zeitgenössische Veröffentlichungen zwischen Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre von DDR-Juristen und -Medizinern belegen.3 Es gab kein Gesetz, das die reproduktionsmedizinischen Praktiken regelte. Jeder Arzt, jede Klinik hatte gewissermaßen eine eigene Auslegung der rechtlichen Situation und ethischen Fragen. Manche Mediziner vermittelten sogar an alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch, andere hingegen nur an über mehrere Jahre verheiratete Paare. Andere wiederum hörten in den 1980er Jahren trotz medizinischer Erfolge mit der Kinderwunscherfüllung mittels Samenvermittlung auf, weil sie befürchteten, gerichtlich als Väter festgestellt werden zu können, da sie die Zeugung der Kinder zu verantworten hätten. In Herrn Prof. Dr. Katzorkes Aufsatz fehlt zudem die Berücksichtigung jüngster Gerichtsurteile, die auf die Rechtssituation in der DDR Bezug nehmen.4

Der Aufsatz lässt eine ausführliche Kontextualisierung der Samenvermittlungspraxis innerhalb der jeweiligen Machtblöcke im Osten wie im Westen vermissen. Ohne die Entwicklungen in den USA und in anderen westlichen Staaten zu berücksichtigen, kann die Geschichte der Samenvermittlungspraxis in der Bundesrepublik nicht geschrieben werden, da Mediziner auf ausländisches Fachwissen zurückgriffen.5 Gleiches gilt für die historische Einordnung innerhalb der DDR, da auch in anderen Ostblockstaaten, insbesondere der Sowjetunion, Entwicklungen in diesem medizinischen Sektor stattfanden. Die jeweiligen grundverschiedenen politischen Systeme und Ideologien brachten jeweils ganz eigene Gesellschafts- und damit Familienbilder mit jeweils unterschiedlichen Rollenverständnissen von Frauen, insbesondere Männern und Kindern mit sich. Diese Einbettung wäre für ein Grundverständnis der historischen Entwicklungen wichtig, ebenso wie auch die seit den 1970er Jahren existierenden Verschränkungen zwischen Ost- wie Westdeutschland: Ärzte beider deutscher Staaten trafen sich auf internationalen Fachtagungen und tauschten sich über ihre Forschungsergebnisse aus. Bis heute fehlt eine Aufarbeitung der reproduktionsmedizinischen Praktiken in der DDR, obwohl – zwischen Mitte der 1970er Jahre bis 1989/90 mehrere tausend Menschen nach Samenvermittlung gezeugt wurden (1985 waren es laut einer von DDR Medizinern erstellten Studie mindestens 1590 Kinder).6 Die Verfehlungen mancher der damaligen Akteure, die Repressionen gegenüber zahlreichen Eltern und die bis heute restriktive Informationspolitik der Rechtsnachfolgeeinrichtungen gegenüber Spenderkindern erwähnt Herr Prof. Dr. Katzorke nicht.

Historisch-kritische Auseinandersetzung mit ethischen und menschenrechtlichen Implikationen fehlt

Abgesehen von dieser einseitigen Sicht als westdeutscher Mediziner und heimlicher „Samenspender“, fehlen auch in anderer Hinsicht wesentliche Fakten. In dem knappen Abriss zur künstlichen Befruchtung während des Nationalsozialismus bezieht sich Katzorke einzig auf den Aspekt der SS-Organisation „Lebensborn“, ordnet diesen angesichts des dahinterstehenden völkisch-rassisch und rassistischen Gedankengutes recht unkritisch ein und geht überhaupt nicht auf Forschungen von einzelnen Ärzten oder Kliniken im „Dritten Reich“ ein, obwohl bspw. Herrmann Görings Ehefrau Emmy erst durch künstliche Befruchtung schwanger wurde.7 Die nationalsozialistische Ideologie attestierte Menschen mit bestimmten äußeren Merkmalen einen Überlegenheitsanspruch, was sich in der nationalsozialistischen Rassenhygiene als eine radikale Variante der Eugenik in der Praxis widerspiegelte und zu Eheverboten, Zwangssterilisationen und -abtreibungen, zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ und zur sogenannten „Kinder-Euthanasie“ führte.

Damals missachtete ethische und menschenrechtliche Implikationen und argumentative Traditionslinien waren später in der Bundesrepublik wie in der DDR im reproduktionsmedizinischen Diskurs wiederzufinden – und sind es bis heute, vor allem wenn es um die Auswahl der genetischen Väter geht, deren Zuordnung zu den Wunscheltern, der Familienbilder oder der Rolle des Staates hinsichtlich assistierter Familiengründungen. Weder an dieser Stelle, noch in Herrn Prof. Dr. Katzorkes Aufsatz wäre der entsprechende Raum, dies alles differenziert und angemessen zu diskutieren. Katzorke aber lässt das in seinem Beitrag komplett unerwähnt.

Fazit

Wer eine Übersicht über die historische Entwicklung der Samenvermittlungspraxis in Deutschland oder auch innerhalb Europas lesen wollte – in medizinischer, sozialer, ethischer und rechtlicher Perspektive –, konnte dies bereits in „Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie“ von Andreas Bernard (Frankfurt am Main, 2014) tun. Neueres ist in Katzorkes Aufsatz nicht zu finden. Stattdessen wirkt es so, als arbeite er am eigenen Mythos, indem er sich und andere frühere westdeutsche Reproduktionsmedizinier wie Schaad, Ockel, Mutke unkritisch gewissermaßen als “Pioniere während dieser Zeit“ (S.155) stilisiert, denen Berufsverbot drohte, während sie märtyrergleich dennoch weitermachten. Diese Männer sind es jedoch, die geradezu selbstgerecht das Recht der entstehenden Kinder missachtet haben und mit deren Dokumentationssäumigkeit sich Spenderkinder jetzt auseinandersetzen müssen.8

Im Sinne guter Wissenschaftlichkeit täte für die Aufarbeitung und Geschichtsschreibung der Reproduktionsmedizin ein weniger persönlich verstrickter Blick von Dritten gut – oder zumindest eine transparente, selbstkritische persönliche Darstellung.

Ausblick

Die Hintergründe der Veröffentlichung dieses Artikels in dem renommierten Fachjournal sind uns nicht bekannt. Bleibt nur zu hoffen, dass dadurch keine Rehabilitation von Herrn Prof. Dr. Katzorkes Fehlverhalten beabsichtigt war und ihm auch nicht die Deutungshoheit über die Geschichte der deutschen Reproduktionsmedizin zuerkannt werden sollte. Vielleicht gelingt es den gegenwärtigen VertreterInnen der Reproduktionsmedizin, den Artikel als Einstieg in eine kritische Diskussion zu nutzen, vor allem innerhalb der ärztlichen Fachverbände und Arbeitskreise (wie sie bspw. die Reproduktionsmedizinerin und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Ärztinnen in der Reproduktionsmedizin und Endokrinologie Julia Bartley fordert. Akteure mit einer moralischen Haltung wie jener Katzorkes schaden eher dem Ansehen dieses medizinischen Zweiges. Der Verein Spenderkinder hofft weiterhin, dass Herr Prof. Dr. Katzorke (und andere Reproduktionsmediziner) eines Tages Verantwortung für ihre Grenzüberschreitungen in der Vergangenheit übernehmen und zumindest heute die Rechte von Spenderkindern anerkennen.

Autor: Sven

  1. Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology 2019; 16 (4): 151-162 []
  2. vgl. http://www.spenderkinder.de/zeit-dossier-die-macht-der-gene/ und http://www.spenderkinder.de/waz-vom-8-april-2019-wie-ein-essener-frauenarzt-zu-einer-unerwarteten-tochter-kam/ []
  3. „Über praktisches Vorgehen, juristische Probleme, Spenderauswahl und die Befunddokumentation besteht jedoch [für die heterologe Insemination] keine einheitliche Auffassung.“, vgl. Hagen, H. und Keune, H. G.: Zur Praxis der heterologen Insemination bei der Behandlung der androgenen Sterilität. In: Zentralblatt für Gynäkologie 24/1976. S. 1484-1490. S. 1484; sowie „Die Behandlung der sterilen Ehe mittels extrakorporaler Befruchtung hat eine Reihe ethischer, moralischer, sozialer und juristischer Fragen aufgeworfen, die die Gynäkologen, Anthropologen, Naturwissenschaftler, Juristen, Gesellschaftswissenschaftler, Theologen und nicht zuletzt die Bevölkerung bewegen. Sie betreffen z. B. die ledige Frau, die Bezahlung des Spenders des Spermas oder der Eizelle, den verheirateten Spermaspender, die Verwendung von Mischsperma, die Information des Ehemannes oder der Ehefrau, den Begriff der Ehe überhaupt, Spender-Register, Zugriff zu diesen, Aufklärung des ET-Kindes usw.“, vgl. Kyank, Helmut: Artefizielle Insemination, In-vitro-Fertilisation und Embryotransfer beim Menschen. In: Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Nr. 4/1984. S. 15; sowie: „Zu diesem Punkt [der rechtlichen Situation der Samenspende in der DDR, SR] sollten folgende Fragen geklärt werden: 1. Stellt die Durchführung der ADI aktiv oder passiv, einen Verstoß gegen geltende Gesetze oder Moralnormen unseres Staates dar? 2. Sind die familienrechtlichen Fragen der Stellung beider Ehepartner zum Kind geklärt? 3. Ist die familienrechtliche Stellung des ADI-Kindes abgesichert? 4. Wie ist die Position des Spenders? 5. Worauf bezieht sich der Haftungsbereich des inseminierenden Arztes und der Einrichtung? […] Um die Frage der Vaterschaft noch direkter zu definieren, wäre eine Formulierung notwendig, die die Anfechtung der Vaterschaft für unzulässig erklärt, wenn die Ehefrau mit Einverständnis des Ehegatten künstlich inseminiert wurde.“, vgl. Held, Hans-Jürgen: Die Behandlung der androgenen kinderlosen Ehe durch artefizielle donogene Insemination mit Nativsperma. Potsdam, Dresden 1982. S. 23 und S. 25 []
  4. Vgl. Entscheidung des Bundesgerichtshofes vom 23.01.2019; am 28.06.2019 wurde das Urteil am Landgericht Dresden endgültig gefällt und der Klägerin das Recht zugesprochen, dass die Uniklinik Dresden als Rechtsnachfolgerin der DDR-Einrichtung „Medizinische Akademie Dresden“ Auskunft zur Identität des biologischen Vaters geben muss und dass sich Samenspender in der DDR heute nicht auf eine damals zugesicherte Anonymität berufen können, vgl. Landgericht Dresden, Aktenzeichen 3 S 390/17. []
  5. So hat auch Herr Prof. Dr. Katzorke eine Zeit in den USA gearbeitet. []
  6. Vgl. Günther, Erwin: Nationales ADI-Register „Sterilität der Ehe“ 1985. In: Zentralblatt für Gynäkologie 109/1987. S. 1255-1257. S. 1255. []
  7. Vgl. Sigmund, Anna Maria: Die Frauen der Nazis. München 2013, S. 134. []
  8. Im Jahr 1985 schrieb Herr Prof. Dr. Katzorke mit seinem Kollegen Dirk Propping bereits in einem Aufsatz Folgendes: „Ein wesentliches juristisches Problem dieser Behandlungsmethode ergibt sich aus der bewussten Verletzung des im Grundgesetz verankerten Rechtes auf Kenntnis der biologischen Abstammung. Juristisch spricht man von der planmäßigen Vereitelung der Abstammung, die missbilligt wird“. – Katzorke, K. & Propping, D. (1985). Voraussetzungen und Ergebnisse der heterologen (donogenen) Inseminationsbehandlung. Pro Familia Magazin, Schwerpunktthema: Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin. S. 234. []