Archiv der Kategorie: Persönliche Eindrücke

Persönliche Wertungen von Mitgliedern des Vereins Spenderkinder zu verschiedenen Themen

15. Halbgeschwistertreffer

Wir freuen uns über einen weiteren Halbgeschwistertreffer aus der Praxis von Dr. Poluda in München, den der DNA-Test FamilyFinder identifiziert hat: Manuel und Désirée hatten ihre Verbindung bereits vor anderthalb Jahren entdeckt – nun haben sie mit Vera eine weitere Halbschwester gefunden.

Zwischen Manuel und Désirée liegt ein Altersunterschied von gut 9 Jahren. Damit kam die Frage auf, ob denn der Spender über einen so langen Zeitraum gespendet habe. Vera liegt mit sieben Jahren Altersunterschied zu Manuel zwischen den beiden. Das bestärkt die Vermutung, dass es sich bei dem genetischen Vater der drei um einen Langzeitspender handelt.

Bei mehreren Halbgeschwistern kommt der Aspekt dazu, mit jedem Halbgeschwister auch mehr und mehr über den Spender zu erfahren: Während Manuel und Désirée dunkelhaarig und braunäugig sind, ist Vera – ganz anders als ihre Mutter – blond und blauäugig.

Thema „Der Herkunft auf der Spur“ in der Sendung NACHTCAFÉ am 01. Dezember 2017 im SWR

Am 1. Dezember wurde in der Sendung NACHTCAFÉ zum Thema „Der Herkunft auf der Spur“ diskutiert. Der Beitrag ist in der Mediathek abrufbar.

Unter anderem dabei waren Spenderkindermitglied Christiane Dollmann, ein privater Samenspender und die Psychologin Irmela Wiemann. Der Moderator Michael Steinbrecher führte sehr einfühlsam das Gespräch. Der „Samenspender“, der aus Geldnot zu seiner Tätigkeit kam und mittlerweile 80 Kinder gezeugt habe, veranlasste zu einigen Fragen dahingehend, wie wohl die Kinder die Situation künftig erleben mögen und welche Verantwortung beim Kinderzeugen bleibt, auch wenn die alltägliche Versorgung des Kindes an andere abgegeben wird. Psychologin Irmela Wiemann sprach sich auch bei privaten Samenspenden für eine Obergrenze von Kindern pro genetischem Vater aus. Sie wies darauf hin, dass es eine tiefe Kränkung für ein Spenderkind sei, wenn der genetische Vater um des Geldes willen Samen abgegeben habe, von dem Kind als Person aber nichts wissen wolle.

Christiane Dollmann (ab 1:02:00) wurde am 1. Oktober 1983 in Wiesbaden in der Praxis von Dr. Schrapper mit dem Samen eines unbekannten Mannes gezeugt. Bislang konnte sie nicht herausfinden, wer ihr genetischer Vater ist. Was in der Sendung nicht gesagt wurde, aber hier ergänzt werden soll: Es gab eine Mitarbeiterin in der Praxis von Dr. Schrapper, die die Gespräche mit den Spendern geführt hat. Leider erinnert sich der Arzt nicht an den Namen der Mitarbeiterin. Vielleicht erinnert sich jemand anderes daran, wer diese Mitarbeiterin war? Diese Frau aus Wiesbaden könnte Christiane möglicherweise einen Schritt weiter helfen. Für Christiane war die Sendung eine ganz besondere Situation, auch, weil sie darin zum ersten Mal von ihrer Geschichte erzählte, über die sie bisher auch mit Freunden nicht gesprochen hatte.

Dokumentation „Mein Vater, der Samenspender“ am 03. Dezember 2017 in der ARD

Am 3. Dezember 2017 wurde in der Sendereihe „EchtesLeben“ in der ARD die Dokumentation „Mein Vater, der Samenspender. Auf der Suche nach einem Unbekannten“ von Julia Kaulbars ausgestrahlt.  Der Beitrag ist in der Mediathek abrufbar.

„Jörg Seerig sucht seinen Vater – ein anonymer Samenspender, der unauffindbar scheint. Die Fragen, von wem er die Hälfte seiner Gene geerbt hat, was seinen Charakter ausmacht, was ihn mit geprägt hat, bohrt in ihm wie ein inneres Loch.“ Jörg Seerig beschreibt sehr anschaulich, was bei der Suche in ihm vorgeht und vermittelt eine Ahnung von der ethischen und psychologischen Vielschichtigkeit des Themas. Bemerkenswert sind auch die reflektierenden Äußerungen des sehr menschlichen ehemaligen Reproduktionsediziners, der sein Handeln als junger Arzt heute kritisch sieht. Er spricht aus, was in dieser Dokumentation mehr als deutlich wird: Dass die moralische und psychologische Tragweite dieser Form der Familiengründung noch viele Fragen offenlässt.

Eine kleine rechtliche Ergänzung: Das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft wurde in dem Urteil 1989 lediglich bestätigt, nicht geschaffen. Es ist herrschende juristische Meinung seit spätestens der 60er Jahre. Auf dieses Recht wurde bereits 1970 im Deutschen Ärzteblatt hingewiesen.

Am 3. Februar 2018 folgt ein weiterer Beitrag von Julia Kaulbars zum Thema Samenspende. Darin kommen ein weiteres Spenderkind, ein Samenspender, Experten und Reproduktionsmediziner zu Wort.

14. Halbgeschwistertreffer: Erster Halbgeschwistertreffer aus Berlin

Was lange währt, wird endlich gut. Fast vier Jahre nachdem sich Spenderkindermitglied Sunny bei unserem DNA-Test Family Finder registriert hatte, wartete eine Überraschung auf sie:

Fariba aus Kalifornien, USA, hatte erst dieses Jahr im August erfahren, dass sie ein Spenderkind ist. Nach einigen Recherchen fand sie heraus, dass der behandelnde Arzt Dr. Lübke aus Berlin war, der die Inseminationen im Auguste-Viktoria-Klinikum vorgenommen hat. Bisher gab es nur ein einziges Spenderkind, von dem wir wissen, dass es ebenfalls durch ihn gezeugt wurde: Sunny, die bereits seit 2013 im Verein und beim Family Finder registriert ist.

Zwei Monate später kam die Bestätigung des DNA-Abgleichs, dass tatsächlich ein direkter Verwandschaftsgrad besteht – was für ein Zufall und eine schöne Bereicherung für die beiden Schwestern. Auch wenn ein Treffen bei der Entfernung erst einmal nicht möglich ist, stehen beide in regem Kontakt und freuen sich darüber, sich gefunden zu haben.

16. Familienkongress „Vater, wo bist Du?“ am 11. und 12. November 2017 in Halle

Der Verein Väteraufbruch für Kinder e. V. (VafK) veranstaltete am 11. und 12. November 2017 in Halle seinen 16. Familienkongress. Der VafK möchte die Rechte von Vätern stärken und setzt sich dafür ein, dass Kinder einen klar geregelten Anspruch auf alle Eltern haben. Der Verein wird auf der politischen Ebene ernstgenommen und regelmäßig befragt. So auch im Rahmen zur Einführung des Spenderregistergesetzes, wo er klar Position bezog, bei Spenderkindern den biologischen Vaters in das Geburtsregister einzutragen.

Bei der Jahrestagung mit dem Titel „Vater, wo bist Du? Kindeswohlgefährdung durch Eltern-Kind-Entfremdung oder Kontaktabbruch“ waren circa 140 Teilnehmer. In etlichen Beträgen, Workshops und einem Podiumsgespräch wurden die Ursachen und Verläufe von Eltern-Kind-Entfremdungen erkundet.

Der Verein Spenderkinder war zum Podiumsgespräch mit eingeladen und wurde durch mich (Spenderkinder-Mitglied Sven) vertreten. Als Tagungsgast verfolgte ich auch andere Beiträge, die im Folgenden zusammengefasst werden.

Kinder bestimmen selbst, wer zu ihrer Familie gehört

Eröffnet wurden die Fachbeiträge von der Psychologin Dr. Katharina Behrend mit einem Vortrag über die Folgen von Eltern-Kind-Entfremdung nach Trennung oder Scheidung der Eltern. Die Referentin erklärte, dass seit einigen Jahren bei Jugendämtern und an Familiengerichten ein Paradigmenwechsel stattfinde. Die kindzentrierte Sicht werde bei Trennungen der Eltern immer mehr als Ausgangspunkt angenommen. Dr. Behrend schilderte eindrucksvoll, wie Kinder das Bedürfnis nach allen (beiden) Eltern äußern. Kinder bestimmen, wer zu ihrer Familie gehört und wer für sie welche Rolle einnehmen sollte. Wenn getrennte Eltern mit einem bzw. einer Dritten ein neues Paar bilden, dann wird er oder sie nicht automatisch zu Vater oder Mutter. Kinder bestimmen selbst, wie sie (neue) Familienmitglieder nennen möchten. Bei Kontaktabbruch zwischen dem Kind und einem Elternteil verfalle das Kind in den Modus des „aktiven Wartens“. Im Falle des Kontaktabbruchs zum Vater während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt lebe das Kind in einer passiven Fernbeziehung zu einem Unbekannten. Eltern, die dem Kind den anderen Elternteil vorenthalten, gefährden das Wohl des Kindes. Folgen sind gestörte Identitätsbildung und langfristig Bindungs-/Verlust- und Vertrauensängste und Konfliktmeidung, um nicht „mitschuldig“ an der Situation zu werden.

Gesundheitliche Folgen für Kinder bei Abwesenheit eines Elternteils

Prof. Dr. Matthias Franz (Universitätsklinik Düsseldorf, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, forscht zur entwicklungspsychologischen Bedeutung des Vaters) ging mit einer Menge Statistiken und internationalen Studien (andere Länder sind auf dem Gebiet der Familienforschung deutlich weiter) auf die gesundheitlichen Folgen für Kinder bei Familienkonflikten ein. Grundsätzlich stellte er klar, dass Kinder nicht die Familienform an sich belaste, sondern das jeweilige Ausmaß der (offenen oder verdeckten) Konflikte. Sind die Eltern oder ein Elternteil abwesend, so fielen kleine Kinder in Ängste und Betroffenheitszustände. Kopf- und Rückenschmerzen, Reizmagen, Asthma und Angsterkrankungen seien oft Jahre später auftretende psychosomatische Effekte bei Trennungskindern, vor allem bei Kontaktabbruch eines Elternteils, was meist der Vater sei. Väter mit Kontaktabbruch zu ihrem Kind wie auch Stiefväter, die mit ihrem „sozialen“ Kind zusammenleben, neigen zu einer deutlich höheren Affinität zu Drogen wie Alkohol oder Nikotin. Laut Prof. Franz könne so ein Gefühl des Alleinseins kompensiert werden, welches durch die ständige Konfrontation mit dem nicht „eigenen“ leiblichen Kind herrühre. Für Kinder sei das Fehlen des Vaters eine eindeutige Risikoquelle für Krankheiten, Suchtverhalten und Delinquẹnz. Mit „Fehlen des Vaters“ meinte Prof. Franz meist die komplette Abwesenheit. Aber Männer, die „nur“ eine Vaterrolle einnehmen, könnten auch die Identitäts- und Autonomieentwicklung des Kindes beeinträchtigen. Nicht nur fehlende Väter, sondern auch „dysfunktionale“ Väter könnten lebenslange Auswirkungen auf das Kind haben, da es sich nicht mit dem Vater identifizieren könne. Daher lautete auch bei diesem Beitrag der Schlussappell, dass das Kind selbst die Menschen bestimmen solle, von denen es emotional und identifikatorisch abhängig sein möchte. Das sei schwierig, wenn der Vater nicht zur Verfügung stehe.

Kindeswohlgefährdung beginnt nicht erst mit körperlicher Gewalt

Sehr praxisorientiert schilderte Marc Serafin als Leiter des Niederkasseler Jugendamtes die Möglichkeiten der Jugendhilfe bei Eltern-Kind-Entfremdungen. Er hält zwei (derzeit in der Jugendhilfe einsetzende) Paradigmenwechsel für maßgeblich: Erstens werde die Rolle des Vaters deutlich aufgewertet. Zweitens beginne Kindeswohlgefährdung nicht erst bei Schlägen, sondern bei Lebenslügen, Instrumentalisierung der Kinder und fehlender Identitätsentwicklung durch Vorenthaltung eines Elternteils. Serafin präferiert klar das sogenannte Doppelresidenzmodell für Trennungskinder und fordert eine deutliche Aufwertung der Vaterrolle. Das heiße nicht nur, dass Jugendämter und Gerichte den Vätern mehr Zeit mit ihren Kindern geben, auch wenn die Mütter das nicht wünschen, sondern bedeute auch, dass Väter verpflichtet werden können, Umgang mit ihren Kinder zu haben. Wenn der Vater den Kontakt zu ihnen aktiv abbreche oder ihn passiv auslaufen lasse, könnten sich Trennungskinder massiv gekränkt fühlen. Eltern, die den fehlenden Elternteil abwerten, wiedersprächen oftmals den Gefühlen und Wertungen, die das Kind gegenüber dem fehlenden Elternteil habe.

Die angebotenen Workshops behandelten im Sinne der teilnehmenden Eltern sehr praxisnah verschiedene Themen wie „Überlebensstrategien betroffener Eltern“, „Familienrecht“, „Kinderschutz für Trennungskinder“.

Ausgegrenzte und geflüchtete Väter

Den Tagungsabschluss bildete das Podiumsgespräch „Vater, wo bist Du? Ausgegrenzte und flüchtende Väter“. Weitere Podiumsgäste waren Regina Deertz, Karin Kokot und Dr. Charlotte Michel-Biegel. Frau Deertz ist Autorin des Buches „Mondpapa“. Sie beschrieb, warum sie als Sozialpädagogin und Kindertherapeutin ein Buch für drei- bis sechsjährige Kinder mit abwesenden Vätern (die weit weg, wie auf dem Mond lebten, daher der Titel …) schrieb: Damit sich die Kinder nicht alleine fühlen, wenn im Kindergarten „Vatertag“ gefeiert wird. Damit die Kinder besser damit zurechtkommen, wenn sie nie von ihrem Vater abgeholt werden; wenn sie kein Foto von ihm im Familienalbum haben usw.

Karin K. schilderte ihre sehr persönliche Geschichte als Trennungskind, das seinen Vater entbehren musste. Sie erzählte von dem Leben mit einer sehr dominanten Mutter, die die Briefe des Vaters an die Kinder vorenthielt und die ihre Lügen auf ihre Kinder übertrug. Und sie erzählte, dass sie nun selbst Mutter ist, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern hat. Besprochen wurden die Fragen von transgenerationellen Wirkungsmechanismen von Eltern-Kind-Entfremdung sowie von jahrzehntelangen Familiengeheimnissen, die niemals für irgendjemanden gut sind.

Frau Dr. Michel-Biegel schilderte ihre Arbeit als Sozialarbeiterin und ihre Erfahrungen mit entfremdeten Eltern und Kindern. Ihr Fazit fällt klar aus: Weder Vater noch Mutter können sich aussuchen, ob sie Verantwortung haben möchten oder nicht. Sie haben sie mit der Geburt, ja der Zeugung des Kindes von Anfang an. Viele während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt flüchtende Väter seien mit der neuen Situation und ihrer neuen Rolle vollkommen überfordert. Hier gelte es – so banal es klingen möge – vor der Zeugung eines Kindes aufzuklären, dass sie lebenslange Konsequenzen für alle Beteiligten nach sich ziehe.

Abwesende Väter

Als Spenderkind, das erst spät von seiner Herkunft erfuhr, als es einem Familiengeheimnis auf die Spur kam, versuchte ich aus meiner Spenderkindersicht die Frage(n) nach der Rolle des Vaters zu ergründen. Hilfreich war mir vor allem auch unsere Diskussion „Spender oder Vater“, die wir in diesem Jahr hatten. Im Gegensatz zu den auf der Tagung im Fokus stehenden Kindern brach unser Vater nicht nach der Geburt den Kontakt ab oder flüchtete während der Schwangerschaft, sondern weder wir, noch gar unsere Mütter hatten jemals Kontakt zu ihm. Er war noch nicht einmal bei unserer Zeugung anwesend. Von vielen Spenderkindern wird die Abwesenheit des eigenen biologischen Vaters als eine maßgebliche Leerstelle im Leben und in der Identitätsfindung angesehen. Abgesehen von meiner persönlichen Sichtweise auf Vaterrolle(n) und Vaterentbehrung sprachen wir darüber, wie auch nach Jahrzehnten Kinder mit ihren leiblichen Eltern und (Halb-)Geschwistern in Kontakt kommen können. Und anhand der Rückmeldungen aus dem Publikum, das sich insbesondere aus Eltern zusammensetzte, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, können unsere Spenderkindergeschichten ermutigen: Obwohl viele von uns einen (oder gar mehrere) „sozialen“ Vater haben, möchten sie den biologischen kennenlernen. Für manche der entfremdeten Eltern kann diese Erkenntnis ein wichtiges Mittel im „aktiven Warten“ auf ihre Kinder sein – und nicht aufzugeben.

Die Expertise der Spenderkinder

Interdisziplinär Positionen austauschen, gemeinsame Ziele definieren – auf dem Familienkongress des VafK war dies möglich. Die Erfahrungen und die Sicht der Spenderkinder mit den Anliegen unseres Vereins betreffen nicht nur den Bereich der Reproduktionsmedizin, sondern sie beziehen sich auf gesamtgesellschaftliche Fragen, die die Tagungsorganisatoren selbst stellten: „Wie ernst ist dieser Gesellschaft das Kindeswohl? Wie muss Kinderschutz gestaltet werden, dass das Leitmotiv ‚Allen Kindern beide [alle, Anm. Sven] Eltern!‘ auch unter schwierigen Bedingungen von Anfang an Bestand hat?“

 

Autor: Sven

Konferenz Familienbildung mit Hilfe Dritter

Am 3. und 4. November 2017 fand in Göttingen die internationale Konferenz „Familienbildung mit Hilfe Dritter. Herausforderungen, Lösungsansätze, Familienrealitäten“ statt. Ausgerichtet wurde sie vom Institut für medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen, Leitung Prof. Claudia Wiesemann, in Kooperation mit der Elterninitiative DI-Netz und dem psychosozialen Beratungsnetzwerk BKiD. Es gab an den zwei Tagen insgesamt 16 Vorträge, in denen u. a. die Perspektiven eines Reproduktionsmediziners, von Eltern nach Samenspende, rechtliche Aspekte und verschiedene ethische Aspekte aufgegriffen wurden.
Von unserem Verein haben Anne und Sven an der Konferenz teilgenommen, Sven war am 2. Tag für ein Gespräch mit Dr. Petra Thorn eingeladen.  Beide hatten den Eindruck, dass unliebsame Aspekte wie kritische ethische Fragen oder negative Erfahrungen erwachsener Spenderkinder unerwünscht waren und daher nicht aufgegriffen wurden. Im Abschlussbeitrag „Third-party assisted reproduction in Germany – what will the future hold?“ wurde passend auch die Gründung von BKiD und DI-Netz genannt, nicht aber die Gründung unseres Vereins Spenderkinder. Diskutiert wurde hauptsächlich, was technisch möglich ist und rechtlich geregelt werden müsste. Von Seiten der Wunscheltern wurde der starke Wunsch nach Normalisierung ihrer Situation spürbar und ein Druck zur Rechtfertigung für ihre Entscheidung, der jedoch nur wenig Raum dafür lässt, auch die komplexen ethischen und psychologischen Herausforderungen der Familiengründung zu dritt wahrzunehmen.
Interessant war daher insbesondere der Vortrag von Olivia Montuschi und Walter Merricks, die das britische Donor Conception Network (DCN) im Jahr 1993 gegründet haben und auch anerkannten, dass manche erwachsene Spenderkinder trotz früher Aufklärung Probleme mit ihrer Entstehungsweise, bzw. der daraus resultierenden Situation haben. In Großbritannien ist eine verpflichtende psychosoziale Beratung vor der Samenspende ganz selbstverständlich, in Deutschland wird diese von uns erhobene Forderung von BKiD und DI-Netz abgelehnt.
Trotzdem hatten wir das Gefühl, dass einige unserer Impulse von einigen Referenten aufgenommen wurden und werden daher natürlich auch in Zukunft bei solchen Tagungen die Perspektive erwachsener Spenderkinder einbringen.

Spender oder Vater?

Welche Begriffe verwenden Spenderkinder für ihren biologischen und ihren sozialen Vater?

Eigentlich ist alles ganz einfach – sollte man meinen. „Nur gemeinsam können eine Frau und ein Mann ein Kind bekommen. Darum hat jeder Mensch zu Beginn seines Lebens einen Vater und eine Mutter.“ So erklärt es das Buch „Unser Baby“, mit dem Kleinkinder auf ein Geschwisterkind vorbereitet werden, und stützt sich dabei ganz klar auf die biologische Elternschaft.1 Es gibt aber auch eine andere Meinung, die Elternschaft als nur sozial ansieht – danach ist der Vater eines Kindes (nur) der Mann, der die Vaterrolle ausfüllen möchte und mit dem das Kind aufwächst.

Im Fall einer Familiengründung zu dritt mit dem Sperma eines Mannes, der nicht Partner der Mutter ist (Samenspende), wird der Mann, von dem der Samen stammt, allgemein als „Spender“ und nicht als „Vater“ bezeichnet. Die Begriffe „Vater“ und „Spender“ sind dabei emotional besonders aufgeladen, weil zwischen ihnen bestimmte Wertungen über die Bedeutung von genetischer Verwandtschaft und sozialen Beziehungen liegen. Sobald man einer Sache einen Namen gibt, trennt man oder verbindet man Dinge bzw. schafft zu Menschen Nähe oder Distanz.

Wie sind die Begriffe Spender und Vater besetzt?

Der Begriff der „Spende“ legt einen gewissen Altruismus nahe und ist daher gesellschaftlich positiv besetzt. Gleichzeitig schafft er eine ausdrückliche Distanz zum Kind, indem der Begriff „Vater“ für diesen Mann vermieden wird. Das lässt die biologische Nähe außer acht, die zwischen ihm und dem Kind eindeutig besteht. Diese Distanz ist von vielen Reproduktionsmedizinern und Wunscheltern sehr klar gewünscht, da sie eine Thematisierung der unauflösbaren Verbindung des Kindes zum genetischen Vater verhindert. Die Bezeichnung „Spender“ soll dabei verdeutlichen, dass der genetische Vater nicht sozialer Vater sein wollte: „Männer spenden Samen, um zu spenden – nicht um ein Kind zu zeugen. Sie haben daher (zumindest zum Zeitpunkt ihrer Spende) kein Interesse, Vater zu werden.“2

Es gibt also gute Gründe, den Begriff des „Spenders“ abzulehnen. Wir verwenden ihn in unserem Vereinsnamen und auf unserer Internetseite vor allem deswegen, weil es der gebräuchliche Begriff ist, bei dem die Lesenden wissen, welcher Sachverhalt gemeint ist.

Der Begriff des „Vaters“ dagegen wird von vielen Menschen mit einer bestimmten emotionalen Beziehung verbunden. Den „Spender“ (ebenfalls) als „Vater“ zu bezeichnen, bedeutet für sie eine Abwertung oder Bedrohung des sozialen Vaters.3 Andere sehen dagegen als „richtigen“ Vater nur den Mann, zu dem die biologische Verwandtschaft besteht. Spenderkindern, die den vermeintlichen „Spender“ als „Vater“ bezeichnen, wird zum Teil Undankbarkeit gegenüber dem sozialen Vater, eine emotionale Grenzüberschreitung gegenüber dem „Spender“ oder übertriebener Biologismus vorgeworfen.

Etwas eindeutiger wird es, wenn man zwischen dem biologischen bzw. genetischen Vater einerseits und dem sozialen Vater andererseits unterscheidet. Allerdings kann es auch hier die Besonderheit geben, dass mehrere soziale Väter vorhanden sind, oder der Mann, der in die Samenspende eingewilligt hat, nicht wirklich sozialer Vater geworden ist, weil er früh gestorben ist oder die Familie verlassen hat.

Spenderkinder wählen die Bezeichnungen bewusst und individuell

Welche Bezeichnung Spenderkinder für ihren biologischen Vater und ihren sozialen Vater wählen, ist daher sehr individuell und wird von mehreren Faktoren beeinflusst:

  • Der Bedeutung, die sie biologischer Verwandtschaft bzw. sozialen Beziehungen zumessen.
  • Dem Adressatenkreis (Eltern, Freunde, Bekannte oder eher unbekannte Dritte bzw. die Öffentlichkeit) und der Gesprächssituation. Mit der Verwendung bestimmter Begriffe können (unangenehme oder zu private) Nachfragen vermieden werden, die Gefühle des Gegenübers geschützt werden oder bestimmte eigene Gefühle betont werden.
  • Eigene biografische Erfahrungen (z. B. ob die Rolle des sozialen Vaters überhaupt ausgefüllt wurde). Viele bezeichnen ihren sozialen Vater zum Beispiel als „Papa“, um die emotionale Verbundenheit zu betonen.

Die Benennung des überwiegend unbekannten Dritten ist für die meisten unserer Mitglieder ein großes und wichtiges Thema. Das gilt aber auch für diejenigen, die ihren biologischen Vater kennen, da sie ja zugleich mit der Benennung dieses Mannes auch den familiären, verwandtschaftlichen und zwischenmenschlichen Status definieren.

Daher sollte anerkannt werden, dass Spenderkinder meist bewusst wählen, welche Begriffe zu Ihrer Wahrnehmung der Familiensituation passen, und sie das Recht hierzu haben. Es ist bevormundend, einen bestimmten Begriff als allein zutreffend zu bezeichnen. Ebensowenig ist es möglich, durch die Verwendung einer bestimmten Bezeichnung die emotionale Beziehung  vorzugeben oder zu kontrollieren, die sich zwischen genetischem Vater und Kind im Laufe des Lebens entwickeln wird.

Für minderjährige Spenderkinder, die die verschiedenen Bezeichnungsmöglichkeiten noch nicht reflektieren können, ist wahrscheinlich die Bezeichnung biologischer / genetischer Vater am neutralsten, da sie berücksichtigt, dass ein Mensch mehrere Väter haben kann, wenn die genetische und soziale Vaterschaft auf verschiedene Männer verteilt ist (so übrigens auch Wikipedia zum Begriff des Vaters).4

Welche Bezeichnungen wählen Spenderkinder-Mitglieder?

Damit diese sehr persönliche Wahl etwas anschaulicher wird, haben wir Mitglieder unseres Vereins gebeten uns zu erzählen, welche Bezeichnungen sie für ihren biologischen und ihren sozialen Vater verwenden:

Ich selbst bezeichne meinen (mir unbekannten) Spendervater BEWUSST als „Vater“, nicht als „Spender“, da er damals weder „spendete“ noch war die Weitergabe seines Spermas (als „Spende“) der eigentliche Zweck der Handlung, sondern die Zeugung eines Kindes. Das eigentliche und von allen Beteiligten definierte Ziel (die Kindzeugung) dieser Handlung bedingt m. E. die Verwendung des „Vater“-Begriffes stärker als die des „Spender“-Begriffes, denn dieser bezieht sich nur auf jene Handlung der Sperma-Weitergabe. Außerdem würde auch niemand auf die Idee kommen und sagen, mein „Verkäufer“ oder „Geber“ und dergleichen (ich übertreibe bewusst) (…). Damit ich nicht immer die Begriffe meines „biologischen/genetischen Vaters“ und meines „sozialen Vaters“ verwenden muss, habe ich mir mehr und mehr angewöhnt, zwischen „Vater“ und „Papa“ zu unterscheiden.
S., 35 Jahre

Ich nenne meinen sozialen Vater noch immer „Papa“, weil er der immer für mich war, ist und immer sein wird. Den „Spender“ nenne ich mal „Spender“ und mal bezeichne ich ihn als „genetischen Vater“, je nachdem welche Bezeichnung sich für mich situativ richtig anfühlt. Der Bezeichnung „genetischer Vater“ hefte ich alle positiven Aspekte, Charaktereigenschaften und Vorstellungen an, die ich mit diesem Menschen verbinde, der Bezeichnung „Spender“ alles Negative.
V., 39 Jahre

An der Bezeichnung „Spender“ stört mich die damit verbundene Depersonalisierung bzw. Instrumentalisierung des Mannes, der seinen Samen abgibt. „Spender“ ist eine Funktionsbeschreibung, keine Bezeichnung für einen Menschen. (…) Zum anderen ist die Bezeichnung „Spender“ eigentlich eine Bezeichnung aus Elternperspektive, denn denen hat der Mann etwas gegeben, nicht dem Kind. Würde man „Spender“/„Donor“ mit „Geber“ übersetzen, würde das noch deutlicher. Ich bezeichne meinen sozialen Vater auch weiterhin als „meinen Vater“ und nenne ihn „Papa“, weil ein Bezeichnungswechsel ihn deutlich abwerten würde, was ich auch nicht passend fände. Meinen Eltern gegenüber spreche ich auch eher vom „Spender“, sie bezeichnen ihn so und da habe ich mich irgendwie automatisch angepasst, damit wir eine gemeinsame Sprache haben. Ich selbst sehe ihn jedoch als genetischen Vater und verwende gegenüber Dritten beide Bezeichnungen. Als ich mit zehn Jahren von der Samenspende erfahren habe, fragte ich meine Mutter, wie denn der Mann heiße. Als sie mir keinen Namen nennen konnte, sagte ich ihr, dass ich ihn dann einfach „Heinrich“ nennen werde. Das war mir wohl irgendwann zu kindlich, jedenfalls bin ich im Gespräch wieder davon abgekommen.
A., 33 Jahre

Für mich kommt es darauf an, mit wem ich spreche. Wenn ich die „Situation“ Leuten erkläre, dann ist der „Spender“ mein „Bio-Dad“ oder „biologischer Vater“ und der Mann, der mich groß gezogen hat, mein „sozialer Vater“. Dazwischen gab es dann noch den ersten Mann meiner Mutter, mit dem sie bei meiner Zeugung verheiratet war, der ist dann der „gedachte Vater“, weil ich erst mit 18 von der Spende erfahren habe. Abgesehen davon, im Alltag, ist der „Spender“ einfach der „Spender“. Allerdings vermute ich, dass der Arzt der „Spender“ war, und habe daher bei dem Begriff eine sehr konkrete Person vor Augen. Der „soziale Dad“, der mich groß gezogen hat, ist mein „Vater“. Ich war zwei Jahre, als er in mein Leben kam. Obwohl es in meiner Jugend mal Phasen gab, in denen ich ihn beim Vornamen genannt habe, und ich den „gedachten Vater“ auch immer vermisst habe, so war und ist dieser „soziale Vater“ einfach nur mein „Vater“, zusammen mit allen guten und schlechten Eigenschaften, die ich durch Sozialisation von ihm angenommen habe.
M., 40 Jahre

Mein „sozialer Vater“ ist vor fast 30 Jahren verstorben. Ich nenne ihn eigentlich nur noch „sozialer Vater“, weil mir der bisherige Begriff „Vater“ kaum noch über die Lippen kommt. Das klingt irgendwie falsch. Vielleicht wäre das anders, wenn ich mit ihm aufgewachsen wäre, aber in meiner Situation liegt in der Bezeichnung schon ganz viel Distanz. Bevor ich von meinem Spenderkind-Dasein erfahren habe, war er für mich z.B. am Grab aber durchaus häufig der „Papa“. Da ich den Spender nicht kenne, liegt auch da natürlich eine große Distanz vor. Er ist deshalb für mich in der „Öffentlichkeit“ schlicht der „genetische“ oder „biologische“ Vater. Gegenüber Freunden spreche ich aber eher von meinem „richtigen“ Vater!
J., 33 Jahre

Mein „Papa“ ist und war immer der Mann, mit dem ich aufgewachsen bin. In der Öffentlichkeit sage ich „Vater“ aber auch „Papa“, weil es sich einfach richtig anfühlt. Wenn die Bezeichnung „Vater“ für den „Spender“ im Raum steht, dann übernehme ich das der Einfachheit halber, empfinde das aber nicht so. Ich hänge dann meist noch ein „biologischer“ vorne dran. Für mich ist er der „Spender“ oder auch „Erzeuger“. Das klingt einfach, so wie es ist, anonym. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sich das mit der Zeit ändern würde, wenn ich ihn kenne.
S., 35 Jahre

Seit ich vor 14 Jahren erfahren habe, dass ich ein Spenderkind bin, ist es für mich schwierig, das Wort „Vater“ oder „Papa“ über meine Lippen zu bringen, da dieser „soziale Vater“ überhaupt nicht mit mir verwandt ist und ich keine Gene von ihm trage. Er ist allerdings schon vor elf Jahren gestorben. Der „Spender“ ist für mich mein „Spendervater“ und ich habe eine Vermutung, wer er ist.
S., 44 Jahre

Ich nennen den biologischen Vater „Spender“. Wenn ich über meinen sozialen Vater rede, ist das immer „Papa“. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich die Bezeichnung ändert, wenn ich den „Spender“ kennen würde.
N., 35 Jahre

Ich kenne meinen „Spender“ seit 5 Jahren und nenne ihn nach wie vor „Spender“ oder „leiblichen Vater“. Wenn ich mich Bekannten von ihm vorstelle, sage ich, dass ich seine leibliche Tochter bin und er Samenspender war. Also nichtmal nur „Tochter“ käme mir in den Sinn. Das Wort „Vater“ / „Papa“ ist die Bezeichnung für meinen (sozialen) Vater.
S., 26 Jahre

Kurz nachdem ich von der Samenspende erfahren habe, konnte ich den „Spender“ finden und bezeichne ihn seitdem als „leiblichen“ oder „biologischen Vater“. Mein sozialer Vater ist „Vater“ oder „Daddy“, beide Begriffe habe ich schon verwendet, bevor ich von der Samenspende wusste. (…) Mit dem Wort „Spender“ an sich habe ich mich persönlich irgendwie immer schwer getan, denn es fühlt sich in mir selbst irgendwie verletzend an, da es so technisch und anonym klingt. Das empfinde ich in meiner Geschichte nicht als ganz stimmig. Ich stelle mir meine Zeugung so vor, dass meine Mutter, mein „Vater“ und mein „leiblicher Vater“ um einen großen Kessel stehen, in dem es blubbert. Jeder gibt seine Zutaten hinein, und dann entstehe ich in dem Kessel. Damit komme ich gut zurecht – mit diesem Projekt zu dritt. Dass ich dann in meiner jetzigen Familie verblieben bin und mein leiblicher Vater in den Hintergrund getreten ist, damit komme ich mittlerweile auch recht gut zurecht. Ich habe mich jetzt auch mit dem späten Kennenlernen versöhnen können. Es war eben so. Mein leiblicher Vater, der mittlerweile verstorben ist, war eben irgendwie von einer ferneren Warte aus in meinem Leben.
J., 36 Jahre

Für mich ist mein sozialer Vater mein „Papa“. So würde ich nie meinen Spender nennen. Eine passende Bezeichnung für meinen Spender zu finden, fällt mir immer noch schwer, daher bin ich bei meinen Bezeichnungen für ihn auch ziemlich inkonsequent. Eigentlich halte ich den Begriff „Vater“ für den Spender am besten. Dieser ist für mich sehr mit Genetik, Biologie, Herkunft verknüpft, ohne ihn mit irgendwelchen „sozialen“ Vorstellungen und Werten aufzuladen. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch nur einen „Vater“ und das ist in meinem Fall eben mein „Spender“. In Abgrenzung zu meinem „Papa“, nenne ich ihn aber „biologischer Vater“. Letztlich hängt es für mich aber auch davon ab, wer jetzt eigentlich von meinem „Spenderhintergrund“ weiß und wer nicht. Bei Leuten, die davon wissen, bezeichne ich ihn auch als „Spender“, wobei ich diesen Begriff ehrlich gesagt nicht sonderlich mag. Ich mache das vor allem aus dem Grund, weil ich denke, dass die anderen das von mir erwarten… weil alles andere zu viel Nähe und Emotion signalisieren würde (…) Mir wäre es am liebsten, wenn ich meinem „Spender“ beim Vornamen nennen könnte. Dann ist er der Mensch, der er ist, und der in der Beziehung zu mir steht, wie sie sich eben entwickelt. Ohne dass man dafür irgendwelche Definitionen finden müsste… sollte ich ihn irgendwann mal kennen lernen, würde ich vielleicht auch die Bezeichnung wählen, die er selbst am passendsten findet…
A., 27 Jahre

Ich differenziere klar zwischen den Bezeichnungen des „biologischen“ und „sozialen Vaters“. Beide haben für mich einen Anteil an meiner Entwicklung gehabt, sei es nun auf genetischer oder Erziehungsbasis. Daher halte ich diese Bezeichnung für passend.
S., 27 Jahre

Für mich war und ist mein sozialer Vater immer „Papa“ und das wird auch so bleiben, egal was passiert, wie unterschiedlich wir uns sind oder wie sehr wir uns voneinander distanzieren. Beim „Spender“ ist es anders, da habe ich bereits innerhalb des letzten Jahres gewissermaßen eine Evolution durchlebt. Ich habe ihn, seitdem ich mich überhaupt wieder mit dem Thema Samenspende auseinandergesetzt habe, zunächst „Spender“ genannt, weil ich fand, dass dadurch meine emotionale Distanz zu ihm (er ist ja nun mal nicht mein „Papa“) und andererseits auch die Nüchternheit des Aktes meiner Entstehung und damit auch seine emotionale Distanz zu mir gut ausgedrückt wird. Im Laufe der Monate wurde mir jedoch klar, dass ich gar nicht so emotional distanziert bin, ich will herausfinden, wer er ist und was ich von ihm geerbt habe. Daher benutze ich nun eher die Bezeichnung „genetischer Vater“, da diese m.M.n. genau das betont.
N., 33 Jahre

Ich bezeichne den Spender als „Spender“ oder „genetischen Vater“ und meinen sozialen Vater als „Vater“. Der Vorteil an dem Spenderbegriff ist für mich, dass man nicht so viel erklären muss, weil ungefähr klar ist, welcher Sachverhalt dahinter steht. Da ich nicht weiß, wer der „Spender“ ist und um was für einen Menschen es sich bei ihm handelt, möchte ich ihn außerdem mit diesem Begriff vermutlich etwas auf Distanz halten. Wenn ich die genetische Verwandtschaft betonen möchte, zum Beispiel bei Gesprächen mit Ärzten, nenne ich ihn den „biologischen Vater“. Sollte ich einmal erfahren, wer er ist, könnte ich mir vorstellen, ihn auch als „Vater“ zu bezeichnen. Ich sehe darin keine Abwertung meines sozialen Vaters, weil ein Mensch mehrere Arten von Vater haben kann. Innerhalb der Familie war mein sozialer Vater eh „Papa“, in öffentlichen Äußerungen wäre mir die Bezeichnung aber zu persönlich.
C., 37 Jahre

Bei mir gibt es drei Männer, für die ich in unterschiedlicher Weise den Begriff „Vater“ verwende:
1. Mein „Spender“, von dem ich meist als „biologischem Vater“ (den ich nicht kenne) spreche.
2. Den ersten Mann meiner Mutter, der (angeblich) unfruchtbar war und die Samenspende mit initiiert hat. Er war die ersten 5 Jahre meines Lebens der einzige „Vater“ für mich und ich habe ihn „Papa“ genannt. Dann wurde er durch einen Unfall schwer behindert und man kann kaum mit ihm sprechen. Mittlerweile verwende ich oft seinen Vornamen, wenn ich über ihn spreche, ich sage auch manchmal „mein erster Vater“ oder „mein erster sozialer Vater“ oder mittlerweile sogar manchmal „der erste Mann meiner Mutter“ (die emotionale Distanz zu ihm ist mit der Zeit immer größer geworden).
3. Der zweite Mann meiner Mutter, der mich mit aufgezogen hat seit ich 6 bin. Er ist mir emotional am nächsten. Allermeistens spreche ich von ihm als „meinem Vater“ und viele Menschen wissen gar nicht, dass es noch andere Väter gibt. Ihn nenne ich schon immer beim Vornamen.
J., 33 Jahre

Bei mir gibt es theoretisch drei Vaterfiguren:
1) Mein „Spender“ oder auch „Spendervater“. In manchen Runden habe ich ihn auch schon „BIOLOGISCHEN VATER“ genannt, der Begriff setzt sich bei mir gerade zunehmend durch.
2) Mein „Vater“ – mein „Papa“ – der erste Mann meiner Mutter. Die Ehe zwischen ihm und meiner Mum ging in die Brüche als ich ca. zwei Jahre alt war. Er ist leider verstorben, als ich Anfang 20 war. Wenn ich heute von ihm spreche, spreche ich von meinem „SOZIALEN VATER“. Allerdings kam der Begriff eher über die Beschäftigung mit der Thematik Spenderkind in mein Leben. Wir hatten wenig Bindung zueinander, Gespräche über meine Entstehung gab es zwischen uns nie.
3) Mein Stiefvater, der zweite Mann meiner Mutter, der mich mit aufgezogen hat. Für mich war er eigentlich immer mein „Vater“ und ich habe ihn als Kind „Papi“ genannt, um zwischen meinen beiden anwesenden „Vätern“ zu unterscheiden. Zu ihm hatte ich eine engere Bindung. Seit auch diese Ehe zerbrochen ist und auch wir im Streit auseinander gingen, nenne ich ihn auf seinen eigenen Wunsch hin beim Vornamen.
S., 33 Jahre

  1. Angelika Weinhold, Unser Baby, Reihe Wieso Weshalb Warum, Ravensburger 2005. []
  2. B Klenke-Lüders, P Thorn, Alternative Perspektiven zum leiblichen Kind – Welche Möglichkeiten passen zu uns?, in: D Wallraff, P Thorn, T Wischmann (Hrsg.), Kinderwunsch. Der Ratgeber des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland (BKiD), Stuttgart: Kohlhammer 2015, S. 194. []
  3. Ärger verursachen zum Beispiel regelmäßig Zeitungsartikel über Spenderkinder, die die Suche nach den genetischen Wurzeln mit Titeln wie „Ich suche meinen Vater“ oder „Vater unbekannt“ versehen. []
  4. Zur Frage, ob Vaterschaft delegiert werden kann und welche elterliche Verantwortung einem Samenspender zukommt, äußert sich die Philosophin Rivka Weinberg in einem sehr interessanten Artikel von 2008: Weinberg, R. (2008). The Moral Complexity of Sperm Donation. Bioethics, 22(3), 166-178. []

Zehnter und elfter Halbgeschwistertreffer

Im Februar dieses Jahres berichteten wir von unserem neunten Halbgeschwistertreffer und gleichzeitig ersten Halbgeschwistertreffer von Spenderkindern aus einer Klinik der ehemaligen DDR. Wir wunderten uns über diesen Treffer, da wir aus der betreffenden Klinik erst drei Mitglieder haben. Auch das dritte Spenderkind aus dem Heinrich-Braun-Krankenhaus hat mittlerweile den DNA-Test Family Finder durchgeführt. Es ist offenbar eine Halbschwester von Jörg und Philipp. Damit gehen nun alle unsere Mitglieder aus Zwickau auf denselben genetischen Vater zurück. Wir hoffen auf weitere Spenderkinder aus Zwickau um dem Zufall etwas gründlicher auf die Spur zu kommen.

Außerdem hatten wir einen weiteren Halbgeschwister-Treffer von Novum in Essen.

Beiträge zum Thema „Kinderwunsch“ in der Süddeutschen Zeitung online am 27./28. März 2017

In der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung wurden am 27. und 28. März 2017 mehrere Beiträge zum Thema Kinderwunsch zusammengestellt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven damit auseinandersetzen: Eine Leihmutter, eine Adoptivmutter, der Mann eines Paares mit unerfülltem Kinderwunsch und Spenderkinder kommen neben Reproduktionsmedizinern zu Wort.

Während Spenderkinder-Mitglied Sunny schon als 10jährige davon erfuhr und stolz ist, dass ihre Eltern Geld dafür bezahlten, um sie zu bekommen, konnte Spenderkinder-Mitglied Björn erst mit 34 Jahren seine Gefühle richtig einordnen. Als er ihnen nachging, fand er heraus, dass er durch eine Samenspende entstanden ist – wie sein Bruder, der bis heute nichts davon weiß. Mittlerweile hat er selbst einem Paar privat Samen gespendet – allerdings unter der Bedingung, dass er Eltern und Kind bekannt ist und kein Geld dafür erhält. Am Beispiel von Björn wird auch deutlich, dass das Verschweigen der Entstehung durch Samenspende von Eltern gegenüber ihren Kindern immer noch ein großes Thema ist – sowohl für die heutigen Kinder als auch für die bereits erwachsenen Spenderkinder.

Etwas fragwürdig ist allerdings der Beitrag zu Leihmutterschaft, in dem eine US-amerikanische Leihmutter zu Wort kommt. Wie so oft in Beiträgen über Leihmutterschaft hat sie kein Problem damit, das Kind abzugeben, und möchte vor allem einem kinderlosen Paar helfen. Es ist relativ wahrscheinlich, dass diese Interviewpartnerinnen von Leihmutteragenturen vermittelt werden und damit vor allem die Aspekte äußern, die die Kunden gerne hören möchten. Und wer möchte schon hören, dass die Leihmütter es primär wegen des Geldes machen und es ihnen möglicherweise doch schwer fällt, keine Gefühle für das Kind zu entwickeln? Bezeichnend ist zum Beispiel, dass es kaum Leihmütter gibt, die aus einer relativ wohlhabenden Gesellschaftsschicht stammen. Dass es auch andere, durchaus kritische Erfahrungsberichte über Leihmutterschaft gibt wie die des Center for Bioethics and Culture Network wird leider oft übersehen.

Die Familie der Spender

Entscheidet sich ein Mann, seinen Samen zu spenden (oder eine Frau, ihre Eizellen zu spenden), hat das auch Auswirkungen auf die Menschen in ihrem Umfeld. Für die Eltern der Spender sind die so gezeugten Spenderkinder ihre genetischen Enkelkinder. Für die Partner kann es alles andere als einfach sein zu wissen, dass ihr Mann oder ihre Frau bereits mehrere genetische Kinder hat, von denen sie nichts wissen (und die sie, je nach der Rechtslage, in Zukunft einmal kontaktieren könnten). Für die mit dem Partner bewusst gezeugten Kinder sind die Spenderkinder Halbgeschwister. Für all diese Menschen kann die Abspaltung von genetischer und sozialer Elternschaft deutlich schwieriger als für die Spender sein. Für einen genaueren Einblick in die Gefühle der Familie der Spender möchte ich gerne auf zwei englische Online-Artikel hinweisen.

In dem Artikel „My husband, the sperm donor“ (Februar 2017) schildert eine neuseeländische Frau ihre Gefühle, deren Mann früher Samenspender war und über 20 Kinder gezeugt hat. Obwohl sie vor der Ehe davon wusste und anerkennt, dass die durch ihn gezeugten Spenderkinder ein Recht darauf haben zu erfahren von wem sie abstammen, findet sie es gleichzeitig beunruhigend, selbst nichts über diese Kinder zu wissen und in der Situation zu sein, dass diese sie jederzeit kontaktieren können.

My scattered grandchildren aus dem Jahr 2009 gibt einen Einblick in die Gefühle und Erfahrungen der leiblichen Großeltern von Spenderkindern. Teilweise führt die Entscheidung der Kinder zur Spende zu familiären Spannungen. Die Großeltern (vor allem die Großmütter) schildern, dass es schwierig für sie war zu wissen, dass sie Enkelkinder haben, die einen Teil von ihnen darstellen und die sie vielleicht niemals kennenlernen werden. Wenn die Spenderkinder als Erwachsene Kontakt zu der leiblichen Familie aufnahmen, reagierten die Großeltern daher oft sehr positiv, äußern aber auch oft Bedauern darüber, dass sie die Kinder erst so spät kennen lernen konnten.

Etwas einfach würde es für die Familie des Spenders anscheinend durch Informationen über die Spenderkinder werden und durch die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme bereits in der Kindheit. Aber das erfordert auch von den sozialen Eltern die Bereitschaft anzuerkennen, dass für die Kinder die genetische Familie eine ebenso große Bedeutung besitzen könnte.