Archiv der Kategorie: Persönliche Eindrücke

Persönliche Wertungen von Mitgliedern des Vereins Spenderkinder zu verschiedenen Themen

Spender oder Vater?

Welche Begriffe verwenden Spenderkinder für ihren biologischen und ihren sozialen Vater?

Eigentlich ist alles ganz einfach – sollte man meinen. „Nur gemeinsam können eine Frau und ein Mann ein Kind bekommen. Darum hat jeder Mensch zu Beginn seines Lebens einen Vater und eine Mutter.“ So erklärt es das Buch „Unser Baby“, mit dem Kleinkinder auf ein Geschwisterkind vorbereitet werden, und stützt sich dabei ganz klar auf die biologische Elternschaft.1 Es gibt aber auch eine andere Meinung, die Elternschaft als nur sozial ansieht – danach ist der Vater eines Kindes (nur) der Mann, der die Vaterrolle ausfüllen möchte und mit dem das Kind aufwächst.

Im Fall einer Familiengründung zu dritt mit dem Sperma eines Mannes, der nicht Partner der Mutter ist (Samenspende), wird der Mann, von dem der Samen stammt, allgemein als „Spender“ und nicht als „Vater“ bezeichnet. Die Begriffe „Vater“ und „Spender“ sind dabei emotional besonders aufgeladen, weil zwischen ihnen bestimmte Wertungen über die Bedeutung von genetischer Verwandtschaft und sozialen Beziehungen liegen. Sobald man einer Sache einen Namen gibt, trennt man oder verbindet man Dinge bzw. schafft zu Menschen Nähe oder Distanz.

Wie sind die Begriffe Spender und Vater besetzt?

Der Begriff der „Spende“ legt einen gewissen Altruismus nahe und ist daher gesellschaftlich positiv besetzt. Gleichzeitig schafft er eine ausdrückliche Distanz zum Kind, indem der Begriff „Vater“ für diesen Mann vermieden wird. Das lässt die biologische Nähe außer acht, die zwischen ihm und dem Kind eindeutig besteht. Diese Distanz ist von vielen Reproduktionsmedizinern und Wunscheltern sehr klar gewünscht, da sie eine Thematisierung der unauflösbaren Verbindung des Kindes zum genetischen Vater verhindert. Die Bezeichnung „Spender“ soll dabei verdeutlichen, dass der genetische Vater nicht sozialer Vater sein wollte: „Männer spenden Samen, um zu spenden – nicht um ein Kind zu zeugen. Sie haben daher (zumindest zum Zeitpunkt ihrer Spende) kein Interesse, Vater zu werden.“2

Es gibt also gute Gründe, den Begriff des „Spenders“ abzulehnen. Wir verwenden ihn in unserem Vereinsnamen und auf unserer Internetseite vor allem deswegen, weil es der gebräuchliche Begriff ist, bei dem die Lesenden wissen, welcher Sachverhalt gemeint ist.

Der Begriff des „Vaters“ dagegen wird von vielen Menschen mit einer bestimmten emotionalen Beziehung verbunden. Den „Spender“ (ebenfalls) als „Vater“ zu bezeichnen, bedeutet für sie eine Abwertung oder Bedrohung des sozialen Vaters.3 Andere sehen dagegen als „richtigen“ Vater nur den Mann, zu dem die biologische Verwandtschaft besteht. Spenderkindern, die den vermeintlichen „Spender“ als „Vater“ bezeichnen, wird zum Teil Undankbarkeit gegenüber dem sozialen Vater, eine emotionale Grenzüberschreitung gegenüber dem „Spender“ oder übertriebener Biologismus vorgeworfen.

Etwas eindeutiger wird es, wenn man zwischen dem biologischen bzw. genetischen Vater einerseits und dem sozialen Vater andererseits unterscheidet. Allerdings kann es auch hier die Besonderheit geben, dass mehrere soziale Väter vorhanden sind, oder der Mann, der in die Samenspende eingewilligt hat, nicht wirklich sozialer Vater geworden ist, weil er früh gestorben ist oder die Familie verlassen hat.

Spenderkinder wählen die Bezeichnungen bewusst und individuell

Welche Bezeichnung Spenderkinder für ihren biologischen Vater und ihren sozialen Vater wählen, ist daher sehr individuell und wird von mehreren Faktoren beeinflusst:

  • Der Bedeutung, die sie biologischer Verwandtschaft bzw. sozialen Beziehungen zumessen.
  • Dem Adressatenkreis (Eltern, Freunde, Bekannte oder eher unbekannte Dritte bzw. die Öffentlichkeit) und der Gesprächssituation. Mit der Verwendung bestimmter Begriffe können (unangenehme oder zu private) Nachfragen vermieden werden, die Gefühle des Gegenübers geschützt werden oder bestimmte eigene Gefühle betont werden.
  • Eigene biografische Erfahrungen (z. B. ob die Rolle des sozialen Vaters überhaupt ausgefüllt wurde). Viele bezeichnen ihren sozialen Vater zum Beispiel als „Papa“, um die emotionale Verbundenheit zu betonen.

Die Benennung des überwiegend unbekannten Dritten ist für die meisten unserer Mitglieder ein großes und wichtiges Thema. Das gilt aber auch für diejenigen, die ihren biologischen Vater kennen, da sie ja zugleich mit der Benennung dieses Mannes auch den familiären, verwandtschaftlichen und zwischenmenschlichen Status definieren.

Daher sollte anerkannt werden, dass Spenderkinder meist bewusst wählen, welche Begriffe zu Ihrer Wahrnehmung der Familiensituation passen, und sie das Recht hierzu haben. Es ist bevormundend, einen bestimmten Begriff als allein zutreffend zu bezeichnen. Ebensowenig ist es möglich, durch die Verwendung einer bestimmten Bezeichnung die emotionale Beziehung  vorzugeben oder zu kontrollieren, die sich zwischen genetischem Vater und Kind im Laufe des Lebens entwickeln wird.

Für minderjährige Spenderkinder, die die verschiedenen Bezeichnungsmöglichkeiten noch nicht reflektieren können, ist wahrscheinlich die Bezeichnung biologischer / genetischer Vater am neutralsten, da sie berücksichtigt, dass ein Mensch mehrere Väter haben kann, wenn die genetische und soziale Vaterschaft auf verschiedene Männer verteilt ist (so übrigens auch Wikipedia zum Begriff des Vaters).4

Welche Bezeichnungen wählen Spenderkinder-Mitglieder?

Damit diese sehr persönliche Wahl etwas anschaulicher wird, haben wir Mitglieder unseres Vereins gebeten uns zu erzählen, welche Bezeichnungen sie für ihren biologischen und ihren sozialen Vater verwenden:

Ich selbst bezeichne meinen (mir unbekannten) Spendervater BEWUSST als „Vater“, nicht als „Spender“, da er damals weder „spendete“ noch war die Weitergabe seines Spermas (als „Spende“) der eigentliche Zweck der Handlung, sondern die Zeugung eines Kindes. Das eigentliche und von allen Beteiligten definierte Ziel (die Kindzeugung) dieser Handlung bedingt m. E. die Verwendung des „Vater“-Begriffes stärker als die des „Spender“-Begriffes, denn dieser bezieht sich nur auf jene Handlung der Sperma-Weitergabe. Außerdem würde auch niemand auf die Idee kommen und sagen, mein „Verkäufer“ oder „Geber“ und dergleichen (ich übertreibe bewusst) (…). Damit ich nicht immer die Begriffe meines „biologischen/genetischen Vaters“ und meines „sozialen Vaters“ verwenden muss, habe ich mir mehr und mehr angewöhnt, zwischen „Vater“ und „Papa“ zu unterscheiden.
S., 35 Jahre

Ich nenne meinen sozialen Vater noch immer „Papa“, weil er der immer für mich war, ist und immer sein wird. Den „Spender“ nenne ich mal „Spender“ und mal bezeichne ich ihn als „genetischen Vater“, je nachdem welche Bezeichnung sich für mich situativ richtig anfühlt. Der Bezeichnung „genetischer Vater“ hefte ich alle positiven Aspekte, Charaktereigenschaften und Vorstellungen an, die ich mit diesem Menschen verbinde, der Bezeichnung „Spender“ alles Negative.
V., 39 Jahre

An der Bezeichnung „Spender“ stört mich die damit verbundene Depersonalisierung bzw. Instrumentalisierung des Mannes, der seinen Samen abgibt. „Spender“ ist eine Funktionsbeschreibung, keine Bezeichnung für einen Menschen. (…) Zum anderen ist die Bezeichnung „Spender“ eigentlich eine Bezeichnung aus Elternperspektive, denn denen hat der Mann etwas gegeben, nicht dem Kind. Würde man „Spender“/„Donor“ mit „Geber“ übersetzen, würde das noch deutlicher. Ich bezeichne meinen sozialen Vater auch weiterhin als „meinen Vater“ und nenne ihn „Papa“, weil ein Bezeichnungswechsel ihn deutlich abwerten würde, was ich auch nicht passend fände. Meinen Eltern gegenüber spreche ich auch eher vom „Spender“, sie bezeichnen ihn so und da habe ich mich irgendwie automatisch angepasst, damit wir eine gemeinsame Sprache haben. Ich selbst sehe ihn jedoch als genetischen Vater und verwende gegenüber Dritten beide Bezeichnungen. Als ich mit zehn Jahren von der Samenspende erfahren habe, fragte ich meine Mutter, wie denn der Mann heiße. Als sie mir keinen Namen nennen konnte, sagte ich ihr, dass ich ihn dann einfach „Heinrich“ nennen werde. Das war mir wohl irgendwann zu kindlich, jedenfalls bin ich im Gespräch wieder davon abgekommen.
A., 33 Jahre

Für mich kommt es darauf an, mit wem ich spreche. Wenn ich die „Situation“ Leuten erkläre, dann ist der „Spender“ mein „Bio-Dad“ oder „biologischer Vater“ und der Mann, der mich groß gezogen hat, mein „sozialer Vater“. Dazwischen gab es dann noch den ersten Mann meiner Mutter, mit dem sie bei meiner Zeugung verheiratet war, der ist dann der „gedachte Vater“, weil ich erst mit 18 von der Spende erfahren habe. Abgesehen davon, im Alltag, ist der „Spender“ einfach der „Spender“. Allerdings vermute ich, dass der Arzt der „Spender“ war, und habe daher bei dem Begriff eine sehr konkrete Person vor Augen. Der „soziale Dad“, der mich groß gezogen hat, ist mein „Vater“. Ich war zwei Jahre, als er in mein Leben kam. Obwohl es in meiner Jugend mal Phasen gab, in denen ich ihn beim Vornamen genannt habe, und ich den „gedachten Vater“ auch immer vermisst habe, so war und ist dieser „soziale Vater“ einfach nur mein „Vater“, zusammen mit allen guten und schlechten Eigenschaften, die ich durch Sozialisation von ihm angenommen habe.
M., 40 Jahre

Mein „sozialer Vater“ ist vor fast 30 Jahren verstorben. Ich nenne ihn eigentlich nur noch „sozialer Vater“, weil mir der bisherige Begriff „Vater“ kaum noch über die Lippen kommt. Das klingt irgendwie falsch. Vielleicht wäre das anders, wenn ich mit ihm aufgewachsen wäre, aber in meiner Situation liegt in der Bezeichnung schon ganz viel Distanz. Bevor ich von meinem Spenderkind-Dasein erfahren habe, war er für mich z.B. am Grab aber durchaus häufig der „Papa“. Da ich den Spender nicht kenne, liegt auch da natürlich eine große Distanz vor. Er ist deshalb für mich in der „Öffentlichkeit“ schlicht der „genetische“ oder „biologische“ Vater. Gegenüber Freunden spreche ich aber eher von meinem „richtigen“ Vater!
J., 33 Jahre

Mein „Papa“ ist und war immer der Mann, mit dem ich aufgewachsen bin. In der Öffentlichkeit sage ich „Vater“ aber auch „Papa“, weil es sich einfach richtig anfühlt. Wenn die Bezeichnung „Vater“ für den „Spender“ im Raum steht, dann übernehme ich das der Einfachheit halber, empfinde das aber nicht so. Ich hänge dann meist noch ein „biologischer“ vorne dran. Für mich ist er der „Spender“ oder auch „Erzeuger“. Das klingt einfach, so wie es ist, anonym. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sich das mit der Zeit ändern würde, wenn ich ihn kenne.
S., 35 Jahre

Seit ich vor 14 Jahren erfahren habe, dass ich ein Spenderkind bin, ist es für mich schwierig, das Wort „Vater“ oder „Papa“ über meine Lippen zu bringen, da dieser „soziale Vater“ überhaupt nicht mit mir verwandt ist und ich keine Gene von ihm trage. Er ist allerdings schon vor elf Jahren gestorben. Der „Spender“ ist für mich mein „Spendervater“ und ich habe eine Vermutung, wer er ist.
S., 44 Jahre

Ich nennen den biologischen Vater „Spender“. Wenn ich über meinen sozialen Vater rede, ist das immer „Papa“. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich die Bezeichnung ändert, wenn ich den „Spender“ kennen würde.
N., 35 Jahre

Ich kenne meinen „Spender“ seit 5 Jahren und nenne ihn nach wie vor „Spender“ oder „leiblichen Vater“. Wenn ich mich Bekannten von ihm vorstelle, sage ich, dass ich seine leibliche Tochter bin und er Samenspender war. Also nichtmal nur „Tochter“ käme mir in den Sinn. Das Wort „Vater“ / „Papa“ ist die Bezeichnung für meinen (sozialen) Vater.
S., 26 Jahre

Kurz nachdem ich von der Samenspende erfahren habe, konnte ich den „Spender“ finden und bezeichne ihn seitdem als „leiblichen“ oder „biologischen Vater“. Mein sozialer Vater ist „Vater“ oder „Daddy“, beide Begriffe habe ich schon verwendet, bevor ich von der Samenspende wusste. (…) Mit dem Wort „Spender“ an sich habe ich mich persönlich irgendwie immer schwer getan, denn es fühlt sich in mir selbst irgendwie verletzend an, da es so technisch und anonym klingt. Das empfinde ich in meiner Geschichte nicht als ganz stimmig. Ich stelle mir meine Zeugung so vor, dass meine Mutter, mein „Vater“ und mein „leiblicher Vater“ um einen großen Kessel stehen, in dem es blubbert. Jeder gibt seine Zutaten hinein, und dann entstehe ich in dem Kessel. Damit komme ich gut zurecht – mit diesem Projekt zu dritt. Dass ich dann in meiner jetzigen Familie verblieben bin und mein leiblicher Vater in den Hintergrund getreten ist, damit komme ich mittlerweile auch recht gut zurecht. Ich habe mich jetzt auch mit dem späten Kennenlernen versöhnen können. Es war eben so. Mein leiblicher Vater, der mittlerweile verstorben ist, war eben irgendwie von einer ferneren Warte aus in meinem Leben.
J., 36 Jahre

Für mich ist mein sozialer Vater mein „Papa“. So würde ich nie meinen Spender nennen. Eine passende Bezeichnung für meinen Spender zu finden, fällt mir immer noch schwer, daher bin ich bei meinen Bezeichnungen für ihn auch ziemlich inkonsequent. Eigentlich halte ich den Begriff „Vater“ für den Spender am besten. Dieser ist für mich sehr mit Genetik, Biologie, Herkunft verknüpft, ohne ihn mit irgendwelchen „sozialen“ Vorstellungen und Werten aufzuladen. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch nur einen „Vater“ und das ist in meinem Fall eben mein „Spender“. In Abgrenzung zu meinem „Papa“, nenne ich ihn aber „biologischer Vater“. Letztlich hängt es für mich aber auch davon ab, wer jetzt eigentlich von meinem „Spenderhintergrund“ weiß und wer nicht. Bei Leuten, die davon wissen, bezeichne ich ihn auch als „Spender“, wobei ich diesen Begriff ehrlich gesagt nicht sonderlich mag. Ich mache das vor allem aus dem Grund, weil ich denke, dass die anderen das von mir erwarten… weil alles andere zu viel Nähe und Emotion signalisieren würde (…) Mir wäre es am liebsten, wenn ich meinem „Spender“ beim Vornamen nennen könnte. Dann ist er der Mensch, der er ist, und der in der Beziehung zu mir steht, wie sie sich eben entwickelt. Ohne dass man dafür irgendwelche Definitionen finden müsste… sollte ich ihn irgendwann mal kennen lernen, würde ich vielleicht auch die Bezeichnung wählen, die er selbst am passendsten findet…
A., 27 Jahre

Ich differenziere klar zwischen den Bezeichnungen des „biologischen“ und „sozialen Vaters“. Beide haben für mich einen Anteil an meiner Entwicklung gehabt, sei es nun auf genetischer oder Erziehungsbasis. Daher halte ich diese Bezeichnung für passend.
S., 27 Jahre

Für mich war und ist mein sozialer Vater immer „Papa“ und das wird auch so bleiben, egal was passiert, wie unterschiedlich wir uns sind oder wie sehr wir uns voneinander distanzieren. Beim „Spender“ ist es anders, da habe ich bereits innerhalb des letzten Jahres gewissermaßen eine Evolution durchlebt. Ich habe ihn, seitdem ich mich überhaupt wieder mit dem Thema Samenspende auseinandergesetzt habe, zunächst „Spender“ genannt, weil ich fand, dass dadurch meine emotionale Distanz zu ihm (er ist ja nun mal nicht mein „Papa“) und andererseits auch die Nüchternheit des Aktes meiner Entstehung und damit auch seine emotionale Distanz zu mir gut ausgedrückt wird. Im Laufe der Monate wurde mir jedoch klar, dass ich gar nicht so emotional distanziert bin, ich will herausfinden, wer er ist und was ich von ihm geerbt habe. Daher benutze ich nun eher die Bezeichnung „genetischer Vater“, da diese m.M.n. genau das betont.
N., 33 Jahre

Ich bezeichne den Spender als „Spender“ oder „genetischen Vater“ und meinen sozialen Vater als „Vater“. Der Vorteil an dem Spenderbegriff ist für mich, dass man nicht so viel erklären muss, weil ungefähr klar ist, welcher Sachverhalt dahinter steht. Da ich nicht weiß, wer der „Spender“ ist und um was für einen Menschen es sich bei ihm handelt, möchte ich ihn außerdem mit diesem Begriff vermutlich etwas auf Distanz halten. Wenn ich die genetische Verwandtschaft betonen möchte, zum Beispiel bei Gesprächen mit Ärzten, nenne ich ihn den „biologischen Vater“. Sollte ich einmal erfahren, wer er ist, könnte ich mir vorstellen, ihn auch als „Vater“ zu bezeichnen. Ich sehe darin keine Abwertung meines sozialen Vaters, weil ein Mensch mehrere Arten von Vater haben kann. Innerhalb der Familie war mein sozialer Vater eh „Papa“, in öffentlichen Äußerungen wäre mir die Bezeichnung aber zu persönlich.
C., 37 Jahre

Bei mir gibt es drei Männer, für die ich in unterschiedlicher Weise den Begriff „Vater“ verwende:
1. Mein „Spender“, von dem ich meist als „biologischem Vater“ (den ich nicht kenne) spreche.
2. Den ersten Mann meiner Mutter, der (angeblich) unfruchtbar war und die Samenspende mit initiiert hat. Er war die ersten 5 Jahre meines Lebens der einzige „Vater“ für mich und ich habe ihn „Papa“ genannt. Dann wurde er durch einen Unfall schwer behindert und man kann kaum mit ihm sprechen. Mittlerweile verwende ich oft seinen Vornamen, wenn ich über ihn spreche, ich sage auch manchmal „mein erster Vater“ oder „mein erster sozialer Vater“ oder mittlerweile sogar manchmal „der erste Mann meiner Mutter“ (die emotionale Distanz zu ihm ist mit der Zeit immer größer geworden).
3. Der zweite Mann meiner Mutter, der mich mit aufgezogen hat seit ich 6 bin. Er ist mir emotional am nächsten. Allermeistens spreche ich von ihm als „meinem Vater“ und viele Menschen wissen gar nicht, dass es noch andere Väter gibt. Ihn nenne ich schon immer beim Vornamen.
J., 33 Jahre

Bei mir gibt es theoretisch drei Vaterfiguren:
1) Mein „Spender“ oder auch „Spendervater“. In manchen Runden habe ich ihn auch schon „BIOLOGISCHEN VATER“ genannt, der Begriff setzt sich bei mir gerade zunehmend durch.
2) Mein „Vater“ – mein „Papa“ – der erste Mann meiner Mutter. Die Ehe zwischen ihm und meiner Mum ging in die Brüche als ich ca. zwei Jahre alt war. Er ist leider verstorben, als ich Anfang 20 war. Wenn ich heute von ihm spreche, spreche ich von meinem „SOZIALEN VATER“. Allerdings kam der Begriff eher über die Beschäftigung mit der Thematik Spenderkind in mein Leben. Wir hatten wenig Bindung zueinander, Gespräche über meine Entstehung gab es zwischen uns nie.
3) Mein Stiefvater, der zweite Mann meiner Mutter, der mich mit aufgezogen hat. Für mich war er eigentlich immer mein „Vater“ und ich habe ihn als Kind „Papi“ genannt, um zwischen meinen beiden anwesenden „Vätern“ zu unterscheiden. Zu ihm hatte ich eine engere Bindung. Seit auch diese Ehe zerbrochen ist und auch wir im Streit auseinander gingen, nenne ich ihn auf seinen eigenen Wunsch hin beim Vornamen.
S., 33 Jahre

  1. Angelika Weinhold, Unser Baby, Reihe Wieso Weshalb Warum, Ravensburger 2005. []
  2. B Klenke-Lüders, P Thorn, Alternative Perspektiven zum leiblichen Kind – Welche Möglichkeiten passen zu uns?, in: D Wallraff, P Thorn, T Wischmann (Hrsg.), Kinderwunsch. Der Ratgeber des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland (BKiD), Stuttgart: Kohlhammer 2015, S. 194. []
  3. Ärger verursachen zum Beispiel regelmäßig Zeitungsartikel über Spenderkinder, die die Suche nach den genetischen Wurzeln mit Titeln wie „Ich suche meinen Vater“ oder „Vater unbekannt“ versehen. []
  4. Zur Frage, ob Vaterschaft delegiert werden kann und welche elterliche Verantwortung einem Samenspender zukommt, äußert sich die Philosophin Rivka Weinberg in einem sehr interessanten Artikel von 2008: Weinberg, R. (2008). The Moral Complexity of Sperm Donation. Bioethics, 22(3), 166-178. []

Zehnter und elfter Halbgeschwistertreffer

Im Februar dieses Jahres berichteten wir von unserem neunten Halbgeschwistertreffer und gleichzeitig ersten Halbgeschwistertreffer von Spenderkindern aus einer Klinik der ehemaligen DDR. Wir wunderten uns über diesen Treffer, da wir aus der betreffenden Klinik erst drei Mitglieder haben. Auch das dritte Spenderkind aus dem Heinrich-Braun-Krankenhaus hat mittlerweile den DNA-Test Family Finder durchgeführt. Es ist offenbar eine Halbschwester von Jörg und Philipp. Damit gehen nun alle unsere Mitglieder aus Zwickau auf denselben genetischen Vater zurück. Wir hoffen auf weitere Spenderkinder aus Zwickau um dem Zufall etwas gründlicher auf die Spur zu kommen.

Außerdem hatten wir einen weiteren Halbgeschwister-Treffer von Novum in Essen.

Beiträge zum Thema „Kinderwunsch“ in der Süddeutschen Zeitung online am 27./28. März 2017

In der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung wurden am 27. und 28. März 2017 mehrere Beiträge zum Thema Kinderwunsch zusammengestellt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven damit auseinandersetzen: Eine Leihmutter, eine Adoptivmutter, der Mann eines Paares mit unerfülltem Kinderwunsch und Spenderkinder kommen neben Reproduktionsmedizinern zu Wort.

Während Spenderkinder-Mitglied Sunny schon als 10jährige davon erfuhr und stolz ist, dass ihre Eltern Geld dafür bezahlten, um sie zu bekommen, konnte Spenderkinder-Mitglied Björn erst mit 34 Jahren seine Gefühle richtig einordnen. Als er ihnen nachging, fand er heraus, dass er durch eine Samenspende entstanden ist – wie sein Bruder, der bis heute nichts davon weiß. Mittlerweile hat er selbst einem Paar privat Samen gespendet – allerdings unter der Bedingung, dass er Eltern und Kind bekannt ist und kein Geld dafür erhält. Am Beispiel von Björn wird auch deutlich, dass das Verschweigen der Entstehung durch Samenspende von Eltern gegenüber ihren Kindern immer noch ein großes Thema ist – sowohl für die heutigen Kinder als auch für die bereits erwachsenen Spenderkinder.

Etwas fragwürdig ist allerdings der Beitrag zu Leihmutterschaft, in dem eine US-amerikanische Leihmutter zu Wort kommt. Wie so oft in Beiträgen über Leihmutterschaft hat sie kein Problem damit, das Kind abzugeben, und möchte vor allem einem kinderlosen Paar helfen. Es ist relativ wahrscheinlich, dass diese Interviewpartnerinnen von Leihmutteragenturen vermittelt werden und damit vor allem die Aspekte äußern, die die Kunden gerne hören möchten. Und wer möchte schon hören, dass die Leihmütter es primär wegen des Geldes machen und es ihnen möglicherweise doch schwer fällt, keine Gefühle für das Kind zu entwickeln? Bezeichnend ist zum Beispiel, dass es kaum Leihmütter gibt, die aus einer relativ wohlhabenden Gesellschaftsschicht stammen. Dass es auch andere, durchaus kritische Erfahrungsberichte über Leihmutterschaft gibt wie die des Center for Bioethics and Culture Network wird leider oft übersehen.

Die Familie der Spender

Entscheidet sich ein Mann, seinen Samen zu spenden (oder eine Frau, ihre Eizellen zu spenden), hat das auch Auswirkungen auf die Menschen in ihrem Umfeld. Für die Eltern der Spender sind die so gezeugten Spenderkinder ihre genetischen Enkelkinder. Für die Partner kann es alles andere als einfach sein zu wissen, dass ihr Mann oder ihre Frau bereits mehrere genetische Kinder hat, von denen sie nichts wissen (und die sie, je nach der Rechtslage, in Zukunft einmal kontaktieren könnten). Für die mit dem Partner bewusst gezeugten Kinder sind die Spenderkinder Halbgeschwister. Für all diese Menschen kann die Abspaltung von genetischer und sozialer Elternschaft deutlich schwieriger als für die Spender sein. Für einen genaueren Einblick in die Gefühle der Familie der Spender möchte ich gerne auf zwei englische Online-Artikel hinweisen.

In dem Artikel „My husband, the sperm donor“ (Februar 2017) schildert eine neuseeländische Frau ihre Gefühle, deren Mann früher Samenspender war und über 20 Kinder gezeugt hat. Obwohl sie vor der Ehe davon wusste und anerkennt, dass die durch ihn gezeugten Spenderkinder ein Recht darauf haben zu erfahren von wem sie abstammen, findet sie es gleichzeitig beunruhigend, selbst nichts über diese Kinder zu wissen und in der Situation zu sein, dass diese sie jederzeit kontaktieren können.

My scattered grandchildren aus dem Jahr 2009 gibt einen Einblick in die Gefühle und Erfahrungen der leiblichen Großeltern von Spenderkindern. Teilweise führt die Entscheidung der Kinder zur Spende zu familiären Spannungen. Die Großeltern (vor allem die Großmütter) schildern, dass es schwierig für sie war zu wissen, dass sie Enkelkinder haben, die einen Teil von ihnen darstellen und die sie vielleicht niemals kennenlernen werden. Wenn die Spenderkinder als Erwachsene Kontakt zu der leiblichen Familie aufnahmen, reagierten die Großeltern daher oft sehr positiv, äußern aber auch oft Bedauern darüber, dass sie die Kinder erst so spät kennen lernen konnten.

Etwas einfach würde es für die Familie des Spenders anscheinend durch Informationen über die Spenderkinder werden und durch die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme bereits in der Kindheit. Aber das erfordert auch von den sozialen Eltern die Bereitschaft anzuerkennen, dass für die Kinder die genetische Familie eine ebenso große Bedeutung besitzen könnte.

Bericht über die Kinderwunsch Tage in Berlin am 18./19. Februar 2017

Am 18. und 19. Februar 2017 fanden in Berlin die „Kinderwunsch-Tage“ statt. Nach Angaben des Veranstalters sollte die Messe Informationen zur Erfüllung des Kinderwunsches übermitteln, Produkte und Dienstleistungen zeigen und den Austausch der Teilnehmer ermöglichen. Der Verein Spenderkinder kritisiert, dass unter dem Deckmantel einer Informationsveranstaltung jedoch von Seiten der Aussteller vor allem kommerzielle Interessen verwirklicht wurden, die aus dem Leid kinderloser Menschen Profit schlagen und dabei auch die Überschreitung rechtlicher Grenzen hinnehmen. Die Bedürfnisse Dritter, insbesondere der entstehenden Kinder, werden dabei nicht ausreichend berücksichtigt.

Für eine Eintrittsgebühr von 20 Euro präsentierten sich überwiegend Reproduktionszentren aus dem Ausland, die keine Kosten und Mühen scheuen, das Leid der Wunscheltern mit allen technisch möglichen Methoden zu beheben – auch mit Eizellspenden und Leihmutterschaften. Diese Verfahren sind in Deutschland verboten, da die Spenderinnen und Leihmütter bei ihrer Leistung erheblichen gesundheitlichen und psychischen Risiken ausgesetzt sind. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf das entstehende Kind und dessen Bedürfnisse. Auch anonymisierte Keimzellspenden waren im Angebot. Das widerspricht dem in Deutschland geltenden Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung, das auch für Spenderkinder 2015 höchstrichterlich bestätigt wurde (Urteil des BGH vom 28.01.2015).

Als Besucher haben Mitglieder des Vereins Spenderkinder mit VertreterInnen verschiedener Organisationen und BesucherInnen der Messe sehr aufschlussreiche Gespräche geführt. Kliniken mit umstrittenen Verfahren, wie z.B. die ukrainische Klinik Intersono, begründeten ihre Verfahren damit, dass es letztlich die Entscheidung und Verantwortung der Eltern bleibe, an welchen ethischen und rechtlichen Grenzen sie sich orientieren. Als sie auf die in Deutschland geltenden Rechte der Kinder angesprochen wurden, lächelten sie darüber hinweg. Dagegen wurde mit Erleichterung festgestellt, dass zumindest die auf der Veranstaltung vertretenen deutschen Reproduktionszentren und Samenbanken die Ansicht teilen, dass anonyme Spenden nicht vertretbar sind.

Erfreulich war, dass sich viele Wunschelternpaare in ihrem Entscheidungsprozess für oder gegen reproduktionsmedizinische Verfahren prinzipiell offen für die Perspektive der Kinder zeigten und diese ernst nahmen. Umso bedenklicher ist es, wenn VertreterInnen wichtiger Anlaufstellen, wie DI-Netz, offensichtliche Problematiken, die z.B. das familiäre Ungleichgewicht genetische und soziale Elternteile betreffend, öffentlich von sich weisen. Dazu gab es sogar einen Workshop einer DI-Mutter, die mit den TeilnehmerInnen zusammen überlegen wollte, wie so unangenehme Begriffe wie „künstlich“, „gespaltene Elternschaft“ und „Bestellung“ aus dem öffentlichen Diskurs genommen werden können. Aus Spenderkinderperspektive bilden diese Begriffe jedoch ethische Problematiken ab, die auch mit geschönten Formulierungen nicht aufgelöst werden können.

Eine ernste und kritische Auseinandersetzung mit ethischen Aspekten, Trauer und Abschied oder individuellen Grenzen des Kinderwunsches fand, wenn überhaupt, nur sehr vordergründig statt. Reproduktionsmedizinische Verfahren wurden übereinstimmend als notwendige Weiterentwicklung gesehen, die zu einer modernen Gesellschaft eben dazugehöre. Es machte den Eindruck, dass die Mehrheit der dort Anwesenden eine ethische Debatte über Werte und Grenzen als religiös motiviert und/oder fortschrittsfeindlich ansieht. Eine echte Debatte, die Vor- und Nachteile aus verschiedenen Perspektiven akzeptiert und zur Sprache bringt, war offensichtlich nicht erwünscht. So wurde auch das Angebot des Vereins Spenderkinder, einen Vortrag über die Notwendigkeit der Aufklärung aus der Perspektive der Spenderkinder zu halten, im Vorhinein abgelehnt.

Wir hoffen, dass die umstrittene Veranstaltung wenigstens dazu beitragen konnte, im Nachhinein die aus unserer Sicht überfällige umfassende Debatte darüber anzustoßen, welche Werte und Grenzen unser Handeln als Gesellschaft leiten sollen.

Autorin: Anja

Neunter Halbgeschwistertreffer

Wir freuen uns, von unserem neunten Halbgeschwistertreffer berichten zu können: Jörg und Philipp haben ihre Verbindung über unseren DNA-Test FamilyFinder herausgefunden und sich am Wochenende erstmals getroffen. Diesem ersten sehr entspannten und vertrauten Treffen sollen viele weitere folgen.

Sie sind im Heinrich-Braun-Krankenhaus in Zwickau entstanden und damit unser erster Halbgeschwistertreffer aus einer Klinik der ehemaligen DDR. Da wir aus der betreffenden Klinik erst drei Mitglieder haben, wundert uns der direkte Treffer umso mehr. Zwischen den beiden liegt außerdem ein Altersunterschied von sechs Jahren.

Dokumentation „Sehnsuchtsziel Wunschkind – Deutsche Baby-Touristen“ am 11. Januar 2017 im Bayerischen Fernsehen

Am 11. Januar 2017 wurde im Rahmen der Sendereihe „DokThema“ im Bayerischen Fernsehen die Dokumentation „Sehnsuchtsziel Wunschkind – Deutsche Baby-Touristen“ ausgestrahlt.

Spenderkindermitglied Kerstin und ihr jüngerer Bruder Marco haben sich dafür bei der Suche nach ihrem Samenspender ein Stück weit begleiten lassen.  Beide erfuhren erst Mitte 2016 – mit 34 und 31 Jahren – von ihrer Mutter, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist. Diese Nachricht kam zwar überraschend, hat jedoch nicht zu einem Bruch in der Familie geführt, da beide eine sehr glückliche Kindheit hatten und der realen Beziehung zu ihrem sozialen Vater eine höhere Bedeutung beimessen, als der genetischen Abstammung. Dennoch haben sie sich auf die Suche nach ihrem Spender gemacht …

Die Geschichte von Kerstin und Marco zeigt in der Dokumentation die Seite der Kinder, die durch Leihmutterschaft, Samenspende oder Eizellspende zur Welt kommen. Erfreulicherweise schimmerte an einigen Stellen der Sendung auch die problematische Seite, insbesondere von Leihmutterschaft, durch, wenn zum Beispiel eine Leihmutter ankündigte, dass sie ihren Bauch während der Schwangerschaft nicht streicheln und auch nicht mit dem Kind im Bauch sprechen wolle, weil es ja nicht ihr Kind sei.

Am Ende der Sendung fällt der Satz, dass ungewollt Kinderlose in Deutschland keine Lobby hätten. Das erscheint uns angesichts des breitgefächerten Angebots der Reproduktionsmedizin – zur Not im Ausland – doch fraglich. Den Wunsch, ein Kind zu bekommen, können die meisten Menschen intuitiv gut nachempfinden. Die Verbote, die es in Deutschland und anderen Ländern gibt, wurden nicht formuliert um ungewollt Kinderlose zu bestrafen, sondern um dafür zu sorgen, dass bei der Entstehung von Menschen die Würde aller Beteiligten gewahrt bleibt. Eizellspende und Leihmutterschaft werden nicht allein dadurch ethisch und psychologisch unbedenklich, wenn Spenderinnen und Leihmüttern Freiwilligkeit garantiert und eine Kommerzialisierung verhindert würde. Schon die konkrete Umsetzung dieser beiden Forderungen dürfte schwierig sein.

Achter Halbgeschwistertreffer

Unser achter Halbgeschwistertreffer ist ein Treffer zwischen insgesamt fünf Halbschwestern. Christin und Christina davon wussten bereits über die Spendernummer, die ihnen von dem ihre Eltern behandelnden Arzt mitgeteilt wurde, dass sie Halbschwestern sind. Die Übereinstimmung fiel ihnen über ein Suchprofil auf unserer Internetseite auf. Beide haben von der Samenbank Novum außerdem Auskunft darüber erhalten, wer ihr genetischer Vater ist.

Im Frühjahr hatten Nicole und Sophie über den DNA-Test Family Finder herausgefunden, dass sie Halbschwestern sind. Nun hat sich auch Christin bei Family Finder registrieren lassen und dort direkt einen Halbgeschwistertreffer mit Nicole und Sophie entdeckt. So kam die Verbindung der beiden Halbgeschwisterpaare ans Licht. Eine Woche später kam ein Treffer mit einer weiteren Halbschwester über Family Finder hinzu.

Für die Hinzugetroffene bedeutet dies, dass sie auf einen Schlag vier Halbschwestern gefunden hat und außerdem weiß, wer ihr genetischer Vater ist. Für die anderen kamen erst eine und dann drei weitere Halbschwestern sowie ihr genetischer Vater dazu. Da die Essener Samenbank Novum derzeit behauptet, keine Behandlungsdaten mehr aus den Jahren vor 1996 zu besitzen und daher nicht nachvollziehen zu können, welcher Spender für welche Empfängerin verwendet wurde, hätten sie ansonsten nur unter großen Schwierigkeiten herausfinden können, wer ihr genetischer Vater ist.

Gleichzeitig wirft dies aber auch die Frage auf, wie viele Kinder dieser eine Spender gezeugt hat – wenn sich schon jetzt fünf Halbgeschwister gefunden haben.

Wir freuen uns sehr über diesen Treffer, weil er zeigt, dass die Chancen steigen, Verwandte zu finden, je mehr Spenderkinder sich bei Family Finder registrieren. Gleichzeitig zeigt es auch, dass die wenigen Spenderkinder, die Auskunft über ihren genetischen Vater erhalten haben, anderen Spenderkindern, bei denen die Daten angeblich nicht mehr vorhanden sind, durch die Registrierung bei Family Finder helfen können, den Spender doch noch ausfindig zu machen.

Nicht alle Spenderkinder haben Interesse an ihrer Abstammung – aber das Recht dazu ist entscheidend

Am Samstag den 30. Juli ist in der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Spender? Vater? Heiliger Geist?“ erschienen (leider bislang nur vollständig in der Bezahlversion). In diesem schildert unter anderem das Spenderkind Lena Herrmann-Green, 21 Jahre alt und nicht Mitglied unseres Vereins, dass sie kein Interesse hat, den Samenspender kennenzulernen. Lena ist die Tochter der LSVD-Aktivistin Lisa Green, mit deren grundsätzlicher Befürwortung von anonymen Samenspenden wir ebenfalls nicht übereinstimmen. (siehe dazu unser älterer Beitrag „Ist der Wunsch nach Kenntnis der Abstammung heteronormativ?“)

In unserem Verein mit inzwischen über 100 Mitgliedern möchten die meisten Spenderkinder dagegen zumindest wissen, wer ihr genetischer Vater und / oder Halbgeschwister ist / sind. Gleichzeitig ist uns natürlich bewusst, dass es auch Spenderkinder gibt, denen das nicht wichtig ist. Das ist nicht überraschend, denn es gibt auch Adoptierte, die kein Verlangen nach Nachforschungen haben.

Wichtig ist uns aber, dass jedes Spenderkind grundsätzlich das Recht hat, Informationen über die genetische Abstammung zu erfahren. Das ist bei anonymen Samenspenden nicht der Fall. Jedes Spenderkind soll selbst entscheiden können, ob es sein Recht in Anspruch nehmen möchte, oder nicht.

Das sieht Lena Herrmann-Green anders (wenn sie denn richtig im Artikel wiedergegeben wurde): Sie stellt es sich problematisch vor, wenn Kinder den Spender mit dem 18. Lebensjahr kennenlernen können. Sie befürchtet, dass Spenderkinder dazu gedrängt würden, sich für den Spender und sein genetisches Erbe zu interessieren. Damit würde es sich um eine von außen auferlegte moralische Kenntnispflicht handeln, die dazu führen könne, dass man sich die gesamte Kindheit und Jugend eine bestimmte Person vorstelle und bereits Abschied vom sozialen Elternteil nehme. Sie findet es daher für sich und ihre Familie gut, dass sie einen anonymen Spender hatte, weil sie so eine klare Beziehung zu ihren Eltern gehabt habe und keine komische Familiendynamik entstehen habe können.

Es wirkt auf uns befremdlich, wenn jemand die Beschneidung der eigenen Rechte befürwortet, weil offenbar die eigenen Gefühle zu sehr gefürchtet werden, wenn hier mehr Freiheit bestünde. Auch sind die Gedanken zum Familienmodell sehr konservativ, was angesichts des Alters von Lena und ihrer eher alternativen Familie doch verwundert: Diese Gedanken implizieren dass ein Kind nur zwei Elternteile haben kann, dass ein sozialer Elternteil eine schwächere Position besitzt als der genetische und dass eine Anerkennung des genetischen Vaters daher zur Abschwächung der Gefühle gegenüber dem nicht-genetischen Elternteil führen würde.

Das sind Gedanken, die wir so sonst nur von Teilen der Wunscheltern hören und die leider auch einige häufig geäußerte Befürchtungen von Eltern und Vorurteile gegenüber Spenderkindern bekräftigen könnten. Auch wenn fast alle unserer Mitglieder ihren genetischen Vater kennen möchten, sehen sie dies völlig getrennt von der Beziehung zu ihrem nicht-genetischen Elternteil. Sie möchten ihren sozialen Vater nicht mit dem genetischen Vater ersetzen, sondern sind auf der Suche nach Informationen über ihre Abstammung. Das entspricht auch den Ergebnissen zu den Gefühlen von Spenderkindern in wissenschaftlichen Studien. Psychologisch ist es außerdem nicht haltbar, dass die Anonymität vor ungünstigen Familiendynamiken schützt. Vielmehr erschwert Anonymität die Integration und Auseinandersetzung mit dem Dritten und wird ungünstige Dynamiken eher fördern.

Das wichtigste ist aber der Aspekt, dass Eltern das Recht ihres Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung achten sollten: Gerade weil sie nicht wissen, ob ihr Kind einmal wie Lena oder wie die Mitglieder unseres Vereins empfinden wird, sollten sie sich nicht für eine anonyme Samenspende entscheiden, weil dies im Nachhinein nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Radiobeitrag auf WDR5 Leonardo am 20. Juli 2016

WDR 5 berichtete am 20. Juli 2016 im Gespräch mit dem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Wolfgang Oelsner und Spenderkinder-Mitglied Maria darüber Wie Kinder damit leben von einem Samenspender zu stammen .

Etwas irreführend ist die Nennung von zunächst 10.000 und etwas später von 100.000 Spenderkindern in Deutschland. Verlässt man sich auf die Angaben von Reproduktionsmedizinern, stimmt eher die zweite Zahl.1

Nicht korrekt ist die Aussage, dass das Auskunftsrecht von Spenderkindern erst seit 2015 gelte. Das Auskunftsrecht von Spenderkindern wurde in einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm 2013 erstmalig gerichtlich bestätigt. Bereits im deutschen Ärzteblatt von 1970 wird darauf hingewiesen, dass ein Spenderkind ein Auskunftsrecht hat. Mehr dazu in unserer Rubrik Die rechtliche Situation. In Marias Klage ging es nicht um das Auskunftsrecht, sondern um die Herausgabe der nötigen Unterlagen. Diese wurden in der Vergangenheit angeblich häufig entgegen entsprechender Hinweise frühzeitig vernichtet. Dadurch wird deutlich, dass Auskunftsrecht und Auskunftsmöglichkeit zwei verschiedene Dinge sind, die in Deutschland noch klarer gesetzlich geregelt werden sollten. Seit 2007 ist eine ausdrückliche Aufbewahrungsfrist von mindestens 30 Jahren vorgeschrieben, zuvor gab es keine explizite Angabe von Jahren, sondern es galt die 10jährige Mindestaufbewahrungsdauer mit dem Zusatz „…soweit nicht nach anderen gesetzlichen Vorschriften eine längere Aufbewahrungsfrist besteht. Eine längere Aufbewahrung ist auch dann erforderlich, wenn sie nach ärztlicher Erfahrung geboten ist.“ 2

Abgesehen von diesen Informationsdrehern ist die Sendung sehr einfühlsam und informativ gemacht und stellt die Herausforderungen differenziert dar, die sich für die Kinder ergeben können. Maria, die erst als Erwachsene über ihre Entstehung aufgeklärt wurde, erlebte bereits als Kind Fremdheitsgefühle ihrem Vater gegenüber, die sie sich nicht erklären konnte. Sie beschreibt zum Beispiel, dass sein Geruch sie irritierte.  Gleichzeitig spürte und wusste sie, dass ihr Vater sie liebt. Das zusammen erzeugte bei Maria Schuldgefühle und ließ sie an sich und ihrer Wahrnehmung zweifeln.

Das sind Wahrnehmungen und Gefühle, die wir bereits von mehreren Spenderkindern gehört haben. Wir möchten deshalb alle Eltern eindringlich bitten, ihre Kinder auf jeden Fall von Anfang an im Wissen um ihre Herkunft aufwachsen zu lassen und ihnen keine falschen Tatsachen vorzuspielen.

  1. T Katzorke (2008), Entstehung und Entwicklung der Spendersamenbehandlung in Deutschland. Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie 5 (1), 14-20, S. 18. []
  2. Berufsordnung für die deutschen Ärzte (MBO) – Deutsches Ärzteblatt 1979, 2442. []