Archiv der Kategorie: Abstammung

Wie gut geht es Spenderkindern wirklich?

In vielen Artikeln über Samenspenden oder den Forderungen nach der Zulassung von Eizellspenden oder sogar Leihmutterschaft in Deutschland wird darauf verwiesen, dass Studien belegten, dass die Kinder sich gut entwickeln würden und keine psychologischen Auffälligkeiten zeigen würden. Meistens werden als Quelle die Studien um ein Team von Susan Golombok angegeben.1

Damit sollen eher schematisch Bedenken entkräftet werden, dass eine Zeugung mit Keimzellen Dritter zu Belastungen für die entstehenden Kinder führen könnte. Das scheint oft nicht zu der schönen Erzählung zu passen, dass es in modernen Familien ausreiche, dass ein Kind sehr gewollt wurde.

Die Aussagekraft dieser Studien ist jedoch begrenzt – was in dem Berichten hierüber (vielleicht auch ergebnisorientiert) leider untergeht. Was die Studien zeigen, ist lediglich, dass Familien, die mit den Geschlechtszellen einer dritten Person entstanden sind, „gut funktionieren“, die Kinder im Durchschnitt eine gute soziale Bindung zu ihren Wunscheltern aufweisen sowie sozial und emotional altersgemäß entwickelt („well adjusted“) sind. Das zeigt, dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung auch ohne genetische Verbindung möglich ist und dass eine Zeugung mit den Geschlechtszellen einer dritten Person nicht zu Entwicklungen des Kindes führt, die sich merklich von der anderer Kinder unterscheiden.

Kritisch an diesen Studien zum angeblichen Wohlbefinden von Spenderkindern ist einerseits, dass sie auf Stichproben beruhen, die ziemlich wahrscheinlich nicht repräsentativ sind für Familien, die mit Hilfe von Keimzellen Dritter gezeugt wurden z.B. nur Kinder teilnehmen, deren Eltern eingewilligt haben und ein bestimmtes Ergebnis erzielen wollen, das Untersuchungsinhalt der Studie ist.2 Es wurde nur das äußerlich wahrnehmbare Verhalten der Kinder beobachtet bzw. allgemeine Fragen gestellt. Nur in wenigen Fällen, in denen die Kinder aufgeklärt waren und die Eltern eingewilligt hatten, wurden den Kindern auch Fragen gestellt, wie sie ihre besondere familiäre Situation wahrnehmen und welche Rollen die Beteiligten einnehmen.

Studien können Loyalitätskonflikt und zunehmende emotionale Differenzierung kaum wiedergeben

Kinder, für die ihr genetischer Vater/ihre genetische Mutter eine Bedeutung hat, haben einen ernstzunehmenden Loyalitätskonflikt. Die Kinder wachsen in einem Umfeld auf, das ihnen durch Begriffe (z.B. „Vater“/“Mutter“/“Spender“/“Spenderin“) und Präsenz (wer ist sichtbar, wer nicht?) eine Realität und Erwartungen vermittelt. Es ist fraglich, ob ein Kind, das auch an seinen genetischen Vater/seine genetische Mutter denkt, sich traut, dies gegenüber Forschern darzustellen, wenn es davon ausgeht, dass seine rechtlichen Eltern, mit denen es täglich zu tun hat und die es mag und nicht traurig stimmen möchte, davon erfahren. Dieser Konflikt besteht im Übrigen auch für nicht-aufgeklärte Kinder, wenn sie für sich unerklärlicherweise weniger Nähe zu einem Elternteil empfinden, als sie meinen, dass dieser von ihnen wünscht. Dies kann besonders belastend für das Kind sein, wenn es keine äußere Erklärung hat, sondern die Gründe bei sich selbst sucht.

Die Studien liefern keine Erkenntnisse, wie es den „Kindern“ im Laufe ihres Lebens mit ihrer Entstehungsweise geht. Für das Kind stellen sich mit zunehmender emotionaler Ausdifferenzierung jedoch möglicherweise die Fragen „Wie lebt es sich damit, dass ich einen anderen genetischen Vater bzw. eine andere genetische Mutter und möglicherweise Halbgeschwister habe? Weswegen hat er bzw. sie mich abgegeben? Ist er bzw. sie an mir interessiert? Würde ich sie stören, wenn ich Kontakt aufnehme? Welchen Platz kann ich in ihrer/seiner sozialen Familie einnehmen?“ Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungen, die Spenderkindern mitgegeben werden. Jedes unserer Mitglieder hat schon mehrere Male den Hinweis gehört, dass es berücksichtigen müsse, dass es die Familie seines genetischen Vaters gefährde, wenn es Kontakt aufnähme und dass es verstehen müsse, dass es für seinen genetischen Vater ganz schrecklich wäre, wenn es sich meldet. So absurd diese Forderungen eigener Geringschätzung sind, sie sind allgegenwärtig.

Was bedeutet „gut entwickelt“ (well adjusted)? 

Was bedeutet es aber, gut entwickelt zu sein? Dass Spenderkinder keine offensichtlichen Normabweichungen aufweisen, wird häufig gleichgesetzt mit der Aussage, dass Spenderkinder ihre Entstehungsweise akzeptieren oder sogar begrüßen. Das würde aber bedeuten, unter „guter Anpassung“ eine unkritische Haltung zu verstehen, die elterliche und gesellschaftliche Erwartungen nicht hinterfragt.3

Neben der erwähnten methodischen Kritik stellen Wissenschaftler (und diejenigen, die sie zitieren) in qualitativer Forschung möglicherweise nicht die richtigen Fragen, um „Entwicklung“ beurteilen zu können. So können Kinder altersgemäß gut entwickelt sein und sich trotzdem durch ihre Entstehungsgeschichte belastet fühlen, zum Beispiel weil sie ihre Halbgeschwister nicht kennen oder wenig Kontakt zu ihnen haben.

Wie würde man es einordnen, wenn Kinder ihre rechtlichen Eltern lieben, gute Ergebnisse in der Schule erzielen und Freundschaften pflegen – aber sich dennoch unwohl mit dem Gedanken fühlen, dass sie die Identität ihrer biologischen Eltern nicht kennen oder dass sie viele unbekannte Geschwister haben? Oder damit, dass es damit rechnen muss, dass sein genetischer Elternteil kein Interesse an ihm hat? Sind diese Kinder immer noch gut entwickelt? Viele Spenderkinder sagen, dass sie in ihrer Kindheit den Test, ob sie gut angepasst sind, erfolgreich bestanden hätten – aber dass sie zutiefst beunruhigt von ihrer Entstehungsgeschichte oder dem Umgang ihrer Eltern damit waren. Und auch wenn ein Kind sozial gut angepasst ist, kann es trotzdem Zugang zur Identität der genetischen Eltern wollen oder ethische Bedenken gegenüber der Reproduktionsmedizin haben.4

Der Nebel (the fog)

Hinzu kommt, dass für Spenderkinder ihre Entstehungsweise häufig erst im Erwachsenenalter an Bedeutung gewinnt, wenn sie sich zunehmend emotional von ihrer Herkunftsfamilie lösen. Kinder sind oft noch stark geprägt von der Sichtweise ihrer Eltern, welche Gefühle und Gedanken sie haben sollen, und haben oft auch ein Bedürfnis, ihre Eltern vor negativen Gefühlen zu schützen. Insbesondere bei einer Zeugung mit den Geschlechtszellen Dritter ist die Sichtweise der Kinder für die rechtlichen Eltern besonders wichtig, da sie dadurch emotional als Eltern legitimiert werden.

Adoptierte sprechen von einem Anpassungsmechanismus, den sie als „Nebel“ bezeichnen: wenn Adoptierte (und zum Teil auch deren Geburtseltern) glauben und ausdrücken, dass Adoption wunderbar oder problemlos sei. Erst wenn sie sich aus diesem Nebel herausbewegen, können sie das Trauma und die besonderen Belastungen der Adoption adressieren und verarbeiten.5

Gut angepasst, aber kritisch

In Studien zu erfassen, wie es Spenderkindern wirklich geht, ist bereits methodisch äußerst komplex, insbesondere wenn junge Spenderkinder untersucht werden sollen. Abgesehen davon müssen aber sogar allgemeine Zufriedenheit und Wut über die eigene Entstehungsweise oder z.B. das Desinteresse des genetischen Vaters oder der genetischen Mutter keine Gegensätze darstellen, sondern können nebeneinander existieren. Fast alle unserer Mitglieder stehen mitten im Leben, sind beruflich erfolgreich, haben Freunde, sind in Beziehungen und haben zum Teil selbst Kinder. Selbst wenn Spenderkinder also gut funktionierende Mitglieder der Gesellschaft sind, kann das kein Argument sein um diese Erzeugungsweise von Menschen zu legitimieren. Viele Spenderkinder hinterfragen diese Form der Familiengründung kritisch.

Es gibt keine Möglichkeit sicherzustellen, dass ein Kind die Zeugung mit den Keimzellen einer dritten Person okay finden wird, Reproduktionsmedizin befürworten oder glücklich über die Zeugungsart sein wird. Kritisch gegenüber der Zeugung durch „Spender“ zu sein ist nicht das Gegenteil davon, gut angepasst zu sein.6

Wir wünschen uns, dass in der Diskussion und medialen Berichterstattung die Gefühle von erwachsenen Spenderkindern ernst genommen werden – und nicht damit abgebügelt werden, dass wir nicht psychologisch auffällig sind. Wir wünschen uns auch, dass gesellschaftliche Erwartungen an Spenderkinder, wie z.B. dass es besonders dankbar sein soll oder verstehen soll, dass sein genetischer Vater kein Interesse an ihm hat, hinterfragt werden. Eine ehrliche Berichterstattung beinhaltet, dass die Zeugung mit Geschlechtszellen Dritter das entstehende Kind in eine schwierige Familiensituation bringt, weil es die eigenen Gefühle und die der Eltern hinsichtlich sozialer und genetischer Elternschaft miteinander vereinbaren muss, und sich daher belastend für das entstehende Kind auswirken kann.

  1. z.B. Golombok, S., Blake, L., Casey, P., Roman, G., &Jadva, V. (2013). Children Born Through Reproductive Donation: A Longitudinal Study of Psychological Adjustment. Journal of Child Psychology and Psychiatry, and Allied Disciplines, 54(6), 653–660. http://doi.org/10.1111/jcpp.12015; Blake, L., Casey, P., Jadva, V. &Golombok S. (2013). ‘I Was Quite Amazed’: Donor Conception and Parent–Child Relationships from the Child’s Perspective. Children & Society. http://doi:10.1111/chso.12014. Murray, C.,MacCallum, F. &Golombok, S. (2006). Egg donation parents and their children: follow-up at age 12 years. Fertil Steril, 85(3), 610–618. []
  2. Familien mit erheblichen familiären Problemen werden vermutlich selten an solchen Untersuchungen teilnehmen. []
  3. https://medium.com/@rzekameansriver/why-no-one-can-say-the-kids-are-alright-7f66b42622d4 []
  4. https://medium.com/@rzekameansriver/why-no-one-can-say-the-kids-are-alright-7f66b42622d4 []
  5. Howtobeadopted – Six things I have learned since coming out of the adoption fog https://howtobeadopted.com/home/2017/11/1/six-things-ive-learned-since-coming-out-of-the-adoption-fog; Diskussion im Adoptionsforum adoption.com https://adoption.com/forums/thread/394957/quot-the-fog-quot/; This Adoptee Life https://thisadopteelife.com/2019/02/08/my-adoption-story-part-8-out-of-the-fog-into-grieving-and-depression-and-onto-healing/comment-page-1/ []
  6. https://medium.com/@rzekameansriver/why-no-one-can-say-the-kids-are-alright-7f66b42622d4 []

Spendenquittung – Stinas Geschichte im WDR Podcast StoryQuarks

Spenderkinder-Mitglied Stina erzählt im WDR Radio-Podcast StoryQuarks vom 28. August 2019 die Geschichte von der 12 Jahre langen Suche nach ihrem genetischen Vater – und die erschreckende Entdeckung, dass es der Arzt war, der ihre Mutter vor 40 Jahren behandelt hat. Stina hatte mit dem Arzt bereits vor vielen Jahren Kontakt aufgenommen, um mehr über ihre genetische Herkunft zu erfahren, er gab jedoch keine Auskunft.

Der Podcast ist sehr anschaulich gemacht, so dass sich hoffentlich auch Außenstehende gut in die Perspektive suchender Spenderkinder hineinversetzen können. Nicht ganz richtig wird es so dargestellt, als habe die Aufbewahrungsfrist bis 2018 nur 10 Jahre betragen. Das ist nicht der Fall. Die 10jährige Aufbewahrungsfrist war auch in der Musterberufsordnung für Ärzte von 1979 als Mindestaufbewahrungsfrist vorgesehen, mit dem Zusatz, dass Daten, von denen man annimmt, dass sie „soweit nicht nach anderen gesetzlichen Vorschriften eine längere Aufbewahrungsfrist besteht. Eine längere Aufbewahrung ist auch dann erforderlich, wenn sie nach ärztlicher Erfahrung geboten ist.“ Die ärztliche Erfahrung hätte eine längere Aufbewahrung geboten. Das Recht auf Kenntnis der Abstammung ist seit den 60er Jahren herrschende juristische Meinung.

Die Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Dr. Petra Thorn weist aber auf einen wichtigen Punkt hin, der möglicherweise mit erklären kann, weshalb einige Reproduktionsmediziner zu Samenvermittlung in den 70er und 80er Jahren keine Auskunft geben möchten: Vermutlich haben noch viel mehr Ärzte ihren eigenen Samen verwendet, ein Verhalten, das eindeutig unethisch ist, weil sie eigenmächtig entschieden haben, sich mit einer Patientin ohne deren Wissen fortzupflanzen.

Stinas Geschichte im Audible-Podcast „der Moment“ vom 27. Juli 2019

In der aktuellen Folge des audible-Podcasts „der Moment“ vom 27. Juli 2019 erzählt Spenderkinder-Mitglied Stina die Geschichte vom Tag ihrer Aufklärung im Jahr 2006 bis zum Finden ihres genetischen Vaters 2018.

Anders als in den Zeitungsartikeln in der Zeit und der WAZ zu Beginn dieses Jahres, erzählt Stina im Podcast selbst ihre Geschichte. Dadurch fühlt man sich noch dichter dran am Geschehen und Stinas stets besonnene Reaktion auf emotional sehr schwierige SItuationen, die – wären sie nicht wirklich wahr – surreal anmuten, wirkt umso bemerkenswerter.

Noch ist die Folge nur mit einem Audible-Abo zu hören, wahrscheinlich wird sie aber nach einiger Zeit für alle freigeschaltet. Die ganze Staffel kostet 10 Euro – die anderen Folgen klingen aber auch interessant!

12 Bemerkungen, die Spenderkinder nerven und welche Reaktion sie sich stattdessen wünschen

Spenderkinder hören von Außenstehenden regelmäßig einige Sätze, die echt nerven.

Eine Auswahl aus einer Umfrage unter unseren Mitgliedern:

1. Sei doch dankbar, dass Du lebst!
2. Du bist doch ein absolutes Wunschkind!
3. Und was hast du jetzt davon, das zu wissen?
4. Wen interessiert schon ein Erzeuger, wenn ein Vater da war/ist? Wie kann man sich so für den Spender interessieren, wenn man doch mit Liebe aufgezogen wurde? Du hast doch einen Vater! Dein genetischer Vater ist doch nicht so wichtig wie Dein sozialer Vater!
5. Versetz‘ Dich doch mal in die Lage Deiner Eltern.
6. Deine Eltern haben es doch nur gut gemeint!
7. Es ist undankbar deinem sozialen Vater gegenüber, wenn du nach deinem Spender suchst.
8. Die Ärzte haben doch nichts falsch gemacht, indem sie die Unterlagen schon vernichtet haben. Damals wurde sich eben auf Anonymität geeinigt und die Rechtslage war eben so.
9. Der Spender hat bewusst anonym gespendet und will nichts von dir wissen.
10. Warum suchst du, was willst du von dem biologischen Vater, er hat dir doch gar nichts gegeben, sondern „nur“ seinen Samen.
11. Ich verstehe nicht warum das so eine große Sache für dich ist.
12. Warum beschäftigst Du Dich mit der Vergangenheit, sieh in die Zukunft! Willst Du jetzt die ewig Suchende sein? Damit Du dann später frustriert und alt bist, ohne Dein eigenes Leben gelebt zu haben? Die geliebten und gelebten Jahre sind viel wichtiger als die genetische Herkunft.

Was nervt an diesen Sätzen?

An diesen Sätzen nervt, dass das Gegenüber sich nicht in die Situation von Spenderkindern einfühlt und unsere Situation nicht versteht.. Natürlich kann man auch von Familienmitgliedern und Freunden nicht erwarten, dass sie jedes Gefühl verstehen. Manches wird aber verstehbarer, wenn versucht wird, die Perspektive zu wechseln. Wir möchten dafür sensibilisieren, wie die oben genannten Sätze auf Spenderkinder wirken.

Viele der Sätze sind aus der Eltern-Perspektive formuliert und setzen wie selbstverständlich voraus, dass Spenderkinder ihre Situation aus der Eltern-Perspektive betrachten. Wir wünschen uns, dass sich unser Gegenüber auch in unsere Perspektive hineinversetzt oder zumindest die von uns geäußerten Gefühle anerkennt.

1. Sei doch dankbar, dass Du lebst!

Der Kommentar nimmt die Gefühle des Adressaten nicht ernst und relativiert sie am Leben an sich. Mit diesem Satz werden Spenderkinder aufgefordert, von anderen als unangenehm erlebte Gefühle (wie z.B. Unzufriedenheit über die eigene Entstehungsweise, Trauer über die Unkenntnis des genetischen Vaters oder dessen Desinteresse, Ärger über missbrauchtes Vertrauen, etc.) hinter einer grundsätzlichen Dankbarkeit für das Leben zurückzustellen.

Der Satz legt außerdem die Erwartung nahe, Spenderkinder müssten dankbarer als andere Menschen sein, dass sie leben.

Dass dieser Satz aus der Elternperspektive formuliert ist, merkt man, wenn man danach fragt, wer evtl. traurig wäre, wenn es das Spenderkind nicht gäbe. Wenn es das Spenderkind nicht gäbe, könnte es auch nicht traurig darüber sein. Die Eltern wären jedoch vermutlich traurig, wenn sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt hätte.

Man kann den Satz übrigens auf jede Lebenssituation anwenden: „Mein Vater ist gestorben.“ „Sei doch dankbar, dass Du lebst.“ „Mein Mann und ich lassen uns scheiden.“ „Sei doch dankbar, dass Du lebst.“ „Ich bin unfruchtbar.“ „Sei doch dankbar, dass Du lebst.“ Er ist in jeder Lebenssituation unpassend.

2. Du bist doch ein absolutes Wunschkind!

Diese Bemerkung nimmt die Gefühle des Spenderkinds nicht ernst und relativiert sie an der Tatsache, dass Spenderkinder von ihren Wunscheltern gewünschte und geplante Kinder sind. Mit diesem Satz werden Spenderkinder aufgefordert, von anderen als unangenehm erlebte Gefühle (wie z.B. Unzufriedenheit über die eigene Entstehungsweise, Trauer über die Unkenntnis ds genetischen Vaters oder dessen Desinteresse, Ärger über missbrauchtes Vertrauen, etc.) hinter einer grundsätzlichen Dankbarkeit dafür zurückzustellen, ein gewünschtes Kind zu sein. Mit dem Begriff Wunschkind wird oft verbunden, dass gewollte Kinder eine glückliche Kindheit haben (siehe dazu auch unser Beitrag Wunschkind – Elternwunsch oder Kinderwunsch). Sich von den Eltern nicht gewollt zu fühlen, kann sehr verletzend für ein Kind sein. Allerdings bedeutet es umgekehrt nicht, dass Spenderkinder stets eine glückliche Kindheit haben. Auch Spenderkinder erleben z.B. Trennungen und psychische Krankheiten von Elternteilen. Nicht alle ursprünglichen Wunscheltern kommen mit der Familienform so gut zurecht, wie sie geplant hatten. Für den nicht-verwandten Wunschelternteil ist es teilweise schwieriger als erwartet, einen Fremden im Kind zu erkennen.

Spenderkinder sind außerdem nicht nur gewünscht – sie haben einen genetischen Elternteil, der eingewilligt hat, sie möglicherweise niemals kennenzulernen, der kein Interesse an ihnen als Person hat.

3. Und was hast du jetzt davon, dass zu wissen?

Die Frage wertet die Bedeutung von Wahrheit und die Kenntnis der Abstammung ab. Die meisten Menschen möchten über wichtige Grundlagen ihres Lebens Bescheid wissen. Die eigene Herkunft ist eine solche wesentliche Grundlage. Wer die Wahrheit kennt, kann sich mit ihr auseinandersetzen und bewusst wahrnehmen, welche Bedeutung die genetische und welche die soziale Abstammung für einen selbst hat und wie man damit umgeht, wenn die Eltern dieses Wissen lange geheim gehalten haben. Das Wissen über die genetische Abstammung ist außerdem wichtig für bestimmte Krankheitsanlagen.

4. Wen interessiert schon ein Erzeuger, wenn ein Vater da war/ist? / Wie kann man sich so für den Spender interessieren, wenn man doch mit Liebe aufgezogen wurde? / Du hast doch einen Vater! / Dein genetischer Vater ist doch nicht so wichtig wie Dein sozialer Vater! / Die geliebten und gelebten Jahre sind viel wichtiger als die genetische Herkunft.

Diese Art von Bemerkungen wertet die Bedeutung des genetischen Elternteils ab. Bei vielen Spenderkindern ruft der Vergleich mit der Bedeutung des sozialen Vaters außerdem Schuldgefühle hervor, weil sie ihre sozialen Eltern mögen oder lieben und mit ihrem Interesse am genetischen Vater nicht verletzen möchten.

Viele Menschen interessieren sich für ihre genetische Abstammung, wenn auch nicht alle. Welche Bedeutung Spenderkinder dieser Verbindung geben, variiert. Es ist aber anmaßend, wenn andere Menschen ihnen vorgeben, welche Art von Verbindung – sozial oder genetisch – welchen Stellenwert einnehmen soll. Viele Spenderkinder halten sowohl soziale als auch genetische Elternschaft für wichtig und möchten sich nicht ausschließlich für die eine oder andere entscheiden.

Für einen Perspektivwechsel sollte man sich vorstellen, dass man selbst erfährt, dass das eigene Kind im Krankenhaus vertauscht wurde. Obwohl man das Kind sehr liebt und es mittlerweile vielleicht sogar schon erwachsen oder im Teenager-Alter ist, so denkt man doch bestimmt darüber nach, was aus dem biologischen Kind geworden ist. Man würde eine Art Unruhe oder Getriebenheit verspüren, zumindest wären die Dinge in Unordnung geraten. Niemand würde hier versuchen, die Situation zu relativieren, indem er sagt: „sei doch froh, Du hast doch ein Kind.“ Spenderkinder sind aber in genau dieser Situation, nur dass ihnen der biologische Elternteil vorsätzlich vorenthalten wurde.

Besonders oberflächlich ist diese Art von Kommentaren von Menschen, die die Wunscheltern und die Familiensituation gar nicht oder kaum kennen und daher gar nicht wissen, ob man einen sozialen Vater/einen zweiten Wunschelternteil hatte oder mit Liebe aufgezogen wurde.

5. Versetz‘ Dich doch mal in die Lage Deiner Eltern!

Der Kommentar beinhaltet die Wertung, dass die Situation der Wunscheltern wichtiger sei als die des Kindes und dass das Kind seine eigenen Bedürfnisse aufgeben sollte. Der Satz deutet an, dass sich das Spenderkind bislang nicht in die Lage der Eltern hineinversetzt habe und ich-bezogen sei. Unserer Erfahrung nach ist es eher so, dass viele Spenderkinder die Situation anfänglich vor allem die Lage ihrer Eltern sehen und das Gefühl haben, sie beschützen zu müssen – vor anderen und vor eigenen negativen Gefühlen. Zum Teil können Sie erst nach einer Zeit wahrnehmen, dass sie selbst eigene Wünsche und Bedürfnisse haben, die wichtig sind, auch wenn sie nicht zu den Wünschen ihrer Wunscheltern passen.

6. Deine Eltern haben es doch nur gut gemeint!

Diesen Hinweis bekommen oft spät aufgeklärte Spenderkinder, wenn sie ihre Gefühle dazu ausdrücken, dass ihre Eltern ihnen lange die Wahrheit über ihre Abstammung verschwiegen haben. Der Satz wertet die Gefühle des Spenderkindes ab und unterstellt, dass es die Intention der Eltern nicht wahrnehme und ich-bezogen sei. Leider können auch gut gemeinte Handlungen verletzen. Spenderkinder haben ein Recht auf ihre eigenen Gefühle dazu. Wenn sie erst als Erwachsene von ihrer Zeugungsart erfahren, haben sie jedes Recht, wütend oder traurig zu sein. Auch wenn sie das Kind damit schützen wollten, haben die Eltern das Kind nicht als gleichwertigen Menschen behandelt, indem sie ihm wesentliches Wissen über seine Herkunft vorenthalten haben. Viele Wunscheltern verschweigen den anderen genetischen Elternteil auch deshalb, weil sie Angst haben, dass die Beziehung zum nicht-genetischen Wunschelternteil darunter leiden könne. Damit wird unterstellt, dass keine stabile Beziehung besteht, sondern das Kind sie nur unter der Annahme genetischer Verwandtschaft aufrechterhält. In jedem Fall wird das Vertrauen des Kindes in eine von beiden Seiten ehrliche Beziehung ausgenutzt.

7. Es ist undankbar deinem sozialen Vater gegenüber, wenn du nach deinem Spender suchst.

Der Kommentar drückt aus, dass Spenderkinder ihrem sozialen Vater dankbar sein und ihn schützen müssen. Das Kind wird aufgefordert, die Perspektive des sozialen Vaters einzunehmen und mit Rücksicht auf ihn seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Es ist anmaßend, einem anderen Menschen vorzuschreiben, nicht nach seinen genetischen Wurzeln zu suchen. Der soziale Vater hat sich entschieden, ein Kind von einem anderen Mann zeugen zu lassen, damit er Vater werden konnte. Es scheint daher folgerichtig, dass er sich in diesem Zusammenhang mit seiner Unfruchtbarkeit auseinander setzt und das Recht seines Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung anerkennt und unterstützt.

8. Die Ärzte haben doch nichts falsch gemacht, indem sie die Unterlagen schon vernichtet haben. Damals wurde sich eben auf Anonymität geeinigt und die Rechtslage war eben so.

Der Kommentar beinhaltet die Wertung, dass damals alles rechtmäßig ablief und das Spenderkind sich nicht beklagen/seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen solle. So ist es aber nicht – die Zusicherung von Anonymität hatte in Deutschland nie eine rechtliche Grundlage, wurde aber trotz eines entsprechenden Hinweises der Ärztekammer gegeben.1.

9. Der Spender hat bewusst anonym gespendet und will nichts von dir wissen.

Diese Bemerkung legt nahe, dass es alleine auf die Gefühle des Spenders ankommt und das Spenderkind daher nicht nach ihm suchen soll. Die tatsächlichen Gefühle des genetischen Vaters sind jedoch nicht bekannt. Auch wenn der genetische Vater sich nicht für das Spenderkind interessiert, möchten ihn manche Spenderkinder dennoch gerne kennenlernen und erreichen, dass er sich wenigstens nachträglich mit seiner Entscheidung auseinandersetzt, Kinder in die Welt zu setzen.

10. Warum suchst du, was willst du von dem biologischen Vater, er hat dir doch gar nichts gegeben, sondern „nur“ seinen Samen.

Dieser Kommentar wertet die Bedeutung des genetischen Elternteils ab, von dem 50 % der Erbanlagen stammen. Die tatsächlichen Gefühle des genetischen Vaters sind nicht bekannt und können sich über die Jahre auch geändert haben. Es gibt einige Männer, die sich durchaus für die durch sie gezeugten Kinder interessieren und zu einem Kontakt bereit sind. Davon abgesehen ist es für viele Spenderkinder bereits bedeutsam, den Namen des genetischen Vaters zu kennen.

11. Ich verstehe nicht, warum das so eine große Sache für dich ist.

Zumindest bei nahestenden Menschen wünschen sich Spenderkinder, dass diese versuchen, ihre Gefühle zu verstehen. Wenn dies nicht möglich ist, ist es respektvoll die Gefühle zumindest anzuerkennen.

12. Warum beschäftigst Du Dich mit der Vergangenheit, sieh in die Zukunft! / Willst Du jetzt die ewig Suchende sein? Damit Du dann später frustriert und alt bist, ohne Dein eigenes Leben gelebt zu haben? 

Auch wenn diese Ratschläge gut gemeint sind, nehmen sie die Gefühle und Bedürfnisse der Suchenden nicht ernst. Zu wissen, wer die genetischen Elternteile sind, ist vielen Menschen – auch Spenderkindern – wichtig. Die Suche nach der Abstammung und möglichen Halbgeschwistern ist mit den modernen DNA-Daten deutlich erfolgsversprechender geworden.Viele Spenderkinder suchen nach ihrer genetischen Abstammung, leben aber parallel ein ganz normales Leben und haben auch andere Interessen und Projekte.

Von wem stammen die Sätze?

Es macht natürlich einen großen Unterschied, wer diese Sätze sagt. Online-Kommentare stammen von Fremden, die sich teilweise das erste Mal mit dem Thema Spenderkinder beschäftigen. Dazu kennen sie keine Spenderkinder persönlich. Sie kommentieren oft so, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Generell sind viele Online-Kommentare nicht sonderlich empathisch oder höflich.2 Gerade wegen dieser unvoreingenommenen Unhöflichkeit zeigen Social-Media-Kommentarspalten aber am deutlichsten, wie sehr sich die Gesellschaft mit den Eltern identifiziert und wie sehr das Spenderkind darauf reduziert wird, „Wunschkind“ zu sein, das dankbar für seine Existenz sein soll.3

Verletzend und entfremdend können diese Sätze jedoch sein, wenn sie von Familienmitgliedern und Freunden stammen – Menschen, von denen Spenderkinder Verständnis und Empathie erhoffen. Gerade in Situationen, in denen sich Spenderkinder bewusst öffnen, indem sie ihre Gefühle äußern, können sie sich auf Grund solcher Sätze unverstanden und in einer Verteidigungsposition fühlen. Dies kann dazu führen, dass das Spenderkind seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt. Wegen des Gefühls der Unverstandenheit und mangelnden Empathie kann es zur Entfremdung von Familie und Freunden kommen.

Auch im professionellen Beratungskontext erleben Spenderkinder leider immer wieder Unverständnis für ihre Gefühle und dass von ihnen erwartet wird, die Perspektive ihrer Eltern einzunehmen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Für diese Bemerkungen gibt es verschiedene Gründe:

Einerseits kann eine generelle Empathielosigkeit vorliegen. Manche Menschen sagen dann lieber gar nichts (wahrscheinlich die bessere Idee), andere äußern sich unpassend. Es kann aber auch dahinterliegende Motive geben:

Wenn das Kind negative Gefühle äußert, kann bei Wunscheltern das Gefühl entstehen, ihre Entscheidung für eine Familiengründung mit den Keimzellen Dritter rechtfertigen zu müssen. Anstatt die Gefühle des Kindes anzuerkennen oder sich zum Beispiel für das Vorenthalten von Wissen zu entschuldigen, verteidigen sie sich durch einen Angriff: das Kind wird ermahnt, dankbar dafür zu sein, dass die Eltern die Mühen einer künstlichen Befruchtung auf sich genommen haben und das Kind gewollt haben.

Bei Freunden können die Themen genetische Abstammung, Familiengeheimnisse und Kinderwunsch eigene Gefühle und Erfahrungen berühren. Wenn sie auf Grund dieser Erfahrungen andere Gefühle und Wünsche haben, kann dies dazu führen, dass sie Gefühle von Spenderkindern nicht anerkennen können. Dazu kommt, dass viele Menschen das Wissen über die Abstammung als so selbstverständlich wahrnehmen, dass ihnen die Auswirkungen nicht klar sind, wenn man dieses Wissen nicht besitzt. Einige Beispiele: Manche Menschen haben vielleicht einen Vater, zu dem sie keinen Kontakt haben oder den sie ablehnen. Die Situation ist nicht mit der von Spenderkindern vergleichbar, weil diese Menschen ihre genetische Abstammung trotzdem kennen und sich zum Teil bewusst entschieden haben, dass sie nicht wichtig für sie ist. Für solche Menschen kann es trotzdem schwer sein, nachzuvollziehen, dass man eine Person finden möchte, nur weil man genetisch mit ihr verwandt ist und auch, wenn man dann möglicherweise feststellt, dass man ihre Einstellungen oder ihr Verhalten ablehnt. Oder ein Freund ist adoptiert und möchte seine Geburtsfamilie nicht ausfindig machen. Häufiger kommt auch die Situation vor, dass Frauen sich als Notfall-Plan überlegt haben, ein Kind mit einer Samenspende zu bekommen, wenn sie bis zu einem bestimmten Alter keinen Partner haben. Dann kann es schwierig sein, mit ihnen kritische Aspekte von Samenspende zu diskutieren.

Bei Freunden kann ein weiterer Grund sein, dass manche Menschen es schwer ertragen können, wenn andere sich verletzt, verärgert oder entmutigt fühlen. Um sich selbst nicht hilflos zu fühlen, geben sie Ratschläge zur aktiven Bekämpfung der Gefühle des Erzählenden oder versuchen, den Kummer wegzureden („ist doch nicht so schlimm“).

Was empfinden Spenderkinder nach diesen Sätzen?

Im besten Fall verbleibt bei Spenderkindern nach solchen Bemerkungen ein Gefühl der Irritation.

Kommen diese Botschaften von Eltern, können sie zu Entfremdung und Frustration führen, wenn das Kind seine Bedürfnisse weiterhin ernst nimmt und nicht den wahrgenommenen Bedürfnissen der Eltern wieder unterordnet. Wenn eine unvoreingenommene Kommunikation über die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes abgelehnt wird, kann das Kind dies als mangelnden Respekt wahrnehmen. Vielleicht ist es sogar wütend, dass die Eltern versuchen, ihm die eigene Einschätzung des emotionalen Schmerzes auszureden oder dass sie Schuldgefühle bei ihm wecken. Eine mögliche Reaktion ist, dass das Spenderkind aufhört, mit seinen Eltern über seine Gefühle zu sprechen und ihnen zum Beispiel nicht erzählt, wenn es Halbgeschwister oder seinen genetischen Vater ausfindig macht.

Kommen diese Botschaften von Freunden, können sich Spenderkinder unverstanden und nicht ernstgenommen fühlen, schlimmstenfalls isoliert. Möglicherweise suchen sie sich nach solchen Erfahrungen andere Freunde oder zögern, sich ein weiteres Mal emotional zu öffnen.

Auch gut gemeinte Ratschläge können irritieren oder verärgern – weil der oder die Erzählende vielleicht gar keinen Ratschlag hören wollte, sondern sich nur jemanden gewünscht hat, der ihr oder ihm zuhört.

Welche Reaktionen wünschen sich Spenderkinder stattdessen?

Die Reaktion, die sich viele Spenderkinder wünschen, ist nicht Spenderkinder-spezifisch, sondern eine respektvolle Kommunikation:

  • Trösten und Mitfühlen sind wesentliche Faktoren des menschlichen Zusammenlebens.Oft reicht schon das Signal aus, dass man für die Person da ist. Gefühle können nicht richtig oder falsch sein. Es ist daher nicht hilfreich, sie zu bewerten oder abzuwerten, sondern es geht darum sie anzunehmen – zum Beispiel, indem Bedauern ausgedrückt wird, dass es dem Gegenüber gerade nicht gut geht.
  • Für Spenderkinder sind Zuhörende hilfreich, die sich empathisch in ihre Situation hineinzuversetzen und aufgeschlossen dafür sind, dass diese neue Perspektive vielleicht sogar die eigene Meinung und Einstellung verändert.
  • Für ein einfühlsamen Zuhören ist es hilfreich, wenn die zuhörende Person eigene Gedanken und Gefühle zunächst zurückhält und stattdessen mit Rückfragen signalisiert, dass Sie daran interessiert ist, die Wahrnehmung des Spenderkindes zu verstehen. Wenn sie das Verstandene in eigenen Worten zusammenfasst, kann sie überprüfen, ob sie es richtig verstanden hat.
  • Spenderkinder erleben so viel Unverständnis für ihre Perspektive, dass es meistens erstmal darum geht, sicherzustellen, dass das Gegenüber einen verstanden hat. Erst wenn deutlich geworden ist, dass die zuhörende Person die Perspektive des Spenderkindes verstanden hat, kann anschließend ggf. ein Wechsel stattfinden und die zuhörende Person ihre eigene – davon abgegrenzte – Perspektive einbringen.
  • Ratschläge werden oft als Versuch erlebt, ein unangenehmes Gefühl zu beenden, dabei geht es oft darum, das unangenehme Gefühl auszuhalten. Es ist sehr hilfreich, Menschen zu kennen, mit denen man auch über unangenehme Gefühle sprechen kann und die einem nur dann einen Rat geben, wenn man sie danach fragt. (Oder die zumindest fragen, ob sie eine gute Idee anbringen dürfen.) Die meisten Menschen finden gerne selbst Lösungen für ihre Probleme.

Ein paar andere Beispiele für nervige Aussagen gegenüber Menschen, die Geheimnisse über ihre Abstammung entdecken, nennt das Severance Mag: After a DNA Surprise 10 Things No One Wants To Hear 

  1. Siehe die Hinweise unter Rechtliches []
  2. Instagramm richtet deswegen nun einen Warn-Filter vor dem Posten ein. []
  3. Wobei auch Wunscheltern teilweise sehr abwertenden Kommentaren ausgesetzt sind wie „Dann adoptiert doch“ oder „Es gibt eh schon genug Kinder“. []

Les enfants du secret – Dokumentation über französische Spenderkinder auf Arte

Auf Arte wird derzeit die Dokumentation „Les enfants du secret“ (deutscher Titel: Papa ist nicht mein Papa) über die Situation der etwa 70.000 Spenderkinder in Frankreich gezeigt – einer der schönsten und berührendsten Filme, die ich über das Thema Spenderkinder bislang gesehen habe. In Frankreich ist die Anonymität der Spender gesetzlich vorgeschrieben, Spenderkinder haben – anders als in Deutschland – kein Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung. Sie dürfen noch nicht einmal den Spender fragen, ob er mit einem Kontakt einverstanden wäre.

Der Filmregisseur Rémi Delescluse ist selbst ein Spenderkind. Er wurde von seinen Eltern im Alter von fünf Jahren aufgeklärt. Als er selbst 31 Jahre später Vater wird, begibt er sich auf die Suche nach seinem genetischen Vater. Auf dieser Suche interviewt er mehrere Reproduktionsmediziner, seine Eltern, Spender und andere Spenderkinder, die überwiegend Mitglieder unserer französischen Schwester-Organisation PMA sind.

Die Dokumentation ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: sie ist sehr bewegend, da seine eigene Betroffenheit es Rémi ermöglicht, auch sehr persönliche und emotionale Gespräche vor der Kamera zu führen. Gleichzeitig wird klar, dass Spenderkinder auch in Frankreich die gleichen Probleme haben und ähnliche Fragen stellen wie in Deutschland und in anderen Ländern.

Typisch hierfür ist zum Beispiel, dass Rémi bereits im Alter von fünf Jahren aufgeklärt wurde, aber erst 31 Jahre später wieder mit seinen Eltern darüber spricht. Er begründet dies mit den folgenden Worten: „Weil ihr nie darüber gesprochen habt, habe ich mich nicht getraut zu fragen.“ Es entspricht den Erfahrungen einiger unserer frühaufgeklärten Mitglieder, dass die Samenspende trotz der Aufklärung des Kindes ein Tabu in der Familie darstellen kann. Rémis Mutter bestätigt, dass sie auch aus Unbehagen über die Unfruchtbarkeit ihres Mannes nicht darüber gesprochen hätten. Ganz selbstverständlich sagt Rémi inzwischen: ich habe drei Eltern. Auch der Verein Spenderkinder bevorzugt den Begriff der „Familiengründung zu dritt“.

In den Interviews mit der behandelnden Ärztin seiner Mutter und einer Oberärztin in einer der staatlichen Samenbank CECOS schafft Rémi es, seine Perspektive freundlich aber nachdringlich durch Fragen einzubringen. So schafft er es, dass die Ärztin der Samenbank recht offen zugibt, dass sie und andere Ärzte es bereits bei der Schaffung des Systems für wahrscheinlich hielten, dass die Kinder wissen möchten, wer ihr genetischer Vater ist. Sie entschieden sich aber, die Anonymität der genetischen Väter höher zu gewichten. Sie vermuteten, dass Samenspenden nur unter dieser Voraussetzung akzeptiert würden, weil sie ansonsten in der damaligen konservativen Gesellschaft zu sehr mit Ehebruch assoziiert worden wären.

Rémi ist auch dabei, als die Mitglieder von PMA sich entschließen, sich bei einer amerikanischen DNA-Datenbank einzutragen (es sieht im Film aus wie 23andme). Das ist in Frankreich zwar außerhalb eines Gerichtsverfahrens verboten und bei einer Zuwiderhandlung droht ein Bußgeld von 3750 Euro – aber wie die Mitglieder von PMA sagen, lässt ihnen der französische Staat keine andere Wahl, Klarheit über ihre Herkunft und Verwandtschaftsverhältnisse untereinander zu erhalten.

Eine große Rolle in dem Film nimmt die Geschichte von Arthur und Audrey Kermalvezen ein. Beide sind in Frankreich relativ bekannt, da sie Bücher über ihre Geschichte veröffentlicht haben.1 Selbst als sie heiraten wollten, und Auskunft darüber begehrten, ob sie denselben genetischen Vater haben, wurde ihre Klage auf Auskunft abgewiesen. Daher überlegten sie, ob sie ihren Kinderwunsch lieber aufschieben sollten. Schließlich erfuhren sie inoffiziell, dass sie nicht verwandt sind. Über den DNA-Test erfährt Audrey, dass sie zwei Halbschwestern hat, die sie bereits aus dem Verein PMA kennt. Eine ihrer Halbschwestern hatte sie bereits als Anwältin vertreten.

Arthur findet schließlich als erstes französisches Spenderkind seinen genetischen Vater mit Hilfe eines DNA-Tests. Er sagt fast verwundert: „Nach drei Wochen habe ich alles, was ich seit dreißig Jahren wissen wollte.“ Er hat Glück und sein genetischer Vater ist offen für einen Kontakt. Rémi ist bei ihrer dritten Begegnung dabei und es ist rührend zu sehen, wie vertraut die beiden bereits miteinander umgehen. Arthur sagt zur Bedeutung seiner Entdeckung: „Mein Leben hat ein viel stabileres Fundament“. Das entspricht meinen eigenen Gefühlen, als ich vor mehr als einem Jahr meinen Vater ebenfalls durch einen DNA-Test identifizieren konnte – obwohl er – anders als Arthurs Vater – nicht offen für einen Kontakt war.

Arthur macht allerdings auch eine gesundheitlich wichtige Entdeckung: Sein genetischer Vater hat eine Erbkrankheit in Form einer Proteinstörung, die das Risiko für eine Lungenembolie erhöht. Möglicherweise hat Arthur oder eines seiner beiden kleinen Kinder die Störung ebenfalls. Durch dieses Wissen kann er zumindest bewusst mit der Möglichkeit dieser Krankheit umgehen.

Rémi selbst überlegt länger, ob er den DNA-Test wirklich machen möchte. Als er sich dafür entschieden hat, findet er aber leider nicht sofort direkte Hinweise auf Verwandte väterlicherseits. Der Film endet dennoch versöhnlich mit der Geburt von Rémis Tochter. Es ist relativ wahrscheinlich, dass Rémi in den nächsten Jahren nähere Verwandte findet, da sich immer mehr Menschen bei DNA-Datenbanken eintragen lassen.

Zwei Kritikpunkte an dem Film gibt es allerdings doch: 1. Die deutsche Übersetzung des Titels in „Papa ist nicht mein Papa“ ist unpassend. Rémi sagt mehrmals, dass sein sozialer Vater sein Papa sei. Auch viele deutsche Spenderkinder wehren sich dagegen, „Papa“ und „genetischer Vater“ gleichzusetzen. 2. Am Schluss sagt Rémi, dass er seinem genetischen Vater „nur“ „danke“ sagen wolle, dafür, dass es ihn gibt. Manche Spenderkinder empfinden tatsächlich Dankbarkeit gegenüber ihren genetischen Vater. Andere Spenderkinder kritisieren, dass von Ihnen oft Dankbarkeit für ihre Existenz erwartet wird und damit verlang wird, von anderen als unangenehm erlebte Gefühle (wie z.B. Unzufriedenheit über die eigene Entstehungsweise, Trauer über die Unkenntnis des genetischen Vaters oder dessen Desinteresse, Ärger über missbrauchtes Vertrauen, etc.) hinter einer grundsätzlichen Dankbarkeit für das Leben zurückzustellen.

In Frankreich wird derzeit erwogen, die Rechtslage zu künstlicher Befruchtung und den Rechten von Spenderkindern zu ändern. Umfragen zufolge finden inzwischen mehr Franzosen, dass Spenderkinder zumindest das Recht haben sollten, ihren genetischen Vater zu kontaktieren. Außerdem läuft derzeit noch eine Klage von Audrey Kermalvezen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Es gibt also Hoffnung, dass die restriktive Rechtslage in Frankreich zumindest etwas gelockert wird.

Der Film kann bis zum bis zum 6. September 2019 in der Arte Mediathek auf Deutsch und auf Französisch angesehen werden. Hoffentlich wird er aber noch öfter gezeigt werden.

  1. Arthur Kermalvezen, Ganz der Papa: Samenspender unbekannt, Patmos 2009; Audrey Kermalvezen, Mes origines : Une affaire d’état, 2014; Arthur Kermalvezen, Le Fils, Iconoclaste 2019. []

Keine Anonymität für DDR-Spender

Der BGH hat bereits am 23. Januar 2019 entschieden, dass sich auch Samenspender in der DDR heute nicht auf eine zugesicherte Anonymität berufen können (Vollständiges Urteil). Daher muss die betroffene Reproduktionsklinik einer durch Samenspende gezeugten Person Auskunft über die Identität des damaligen Samenspenders geben. Das Landgericht Dresden musste nun noch klären, ob es konkrete Anhaltspunkte beim Spender gibt, die dafür sprechen, dass ausnahmsweise sein Recht auf Privatsphäre überwiegt. Das hat es mit Urteil vom 28. Juni 2019 verneint (Az. 3 S 390/17).

Der Verein Spenderkinder begrüßt diese Entscheidung und hofft, dass es für Spenderkinder, die noch vor der deutschen Wiedervereinigung auf dem Gebiet der DDR gezeugt wurden, nun einfacher wird, ihr Recht auf Kenntnis der Abstamung durchzusetzen. Der BGH hatte bereits im Jahr 2015 entschieden, dass das Interesse des Kindes an seiner Abstammung regelmäßig ein höheres Gewicht besitzt als das Interesse des Samenspenders an Anonymität (BGH, Urteil vom 28.01.2015 – XII ZR 201/13). Er wies dabei insbesondere darauf hin, dass der Samenspender sich auch bei einer Zusicherung von Anonymität bewusst mit einem maßgeblichen Beitrag an der Zeugung menschlichen Lebens beteiligt habe und hierfür eine soziale und ethische Verantwortung trage, die bei der Abwägung zugunsten des die Auskunft begehrenden Kindes streite. Aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht des Samenspenders könne sich auch im Übrigen ein geschütztes rechtliches Interesse ergeben, das gegen die Rechtsposition des Kindes abzuwägen sei. Nicht maßgeblich seien insoweit allerdings die wirtschaftlichen Interessen des Samenspenders.

Mit Urteil vom 23. Januar 2019 hat der BGH den Auskunftanspruch von durch Samenspende gezeugten Menschen erneut bekräftigt und entschieden, dass dieser auch nicht von einer in der ehemaligen DDR zulässigen Anonymitätszusage beeinträchtigt wird (BGH, Urteil vom 23.01.2019 – XII ZR 71/18). Eine Anonymitätszusage lasse das verfassungsrechtlich geschützte allgemeine Persönlichkeitsrecht des Kindes mit dem daraus folgenden Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung vollständig unberücksichtigt und sei insoweit nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Daher könne DDR-Recht nicht angewendet werden. Dies verstoße auch nicht gegen das Rückwirkungsverbot, denn dieses schütze nur das Vertrauen in die Verlässlichkeit und Berechenbarkeit der unter der Geltung des Grundgesetzes geschaffenen Rechtsordnung, nicht das Vertrauen auf die (insoweit) nicht dem Grundgesetz entsprechende Rechtslage in der ehemaligen DDR.

Unser Mitglied hat ihr Gerichtsverfahren gegen die Uniklinik Dresden jetzt endgültig gewonnen: die Klinik muss ihr den Namen ihres genetischen Vaters nennen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg, der auch vielen anderen Spenderkindern aus der DDR helfen wird.

Thema Samenspende – Wer ist mein Vater? im Rechtsmagazin „Die Sofa-Richter“ am 3. Juni 2019 im SWR

Am 3. Juni 2019 wurde in der Sendereihe „Die Sofa-Richter“ im SWR unter dem Titel Samenspende – Wer ist mein Vater? das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung von Spenderkindern aufgegriffen.

Spenderkinder-Mitglied Henk möchte wissen wer sein genetischer Vater ist. Er wurde 1994 in Essen gezeugt. Die Praxis weigert sich, Henk Auskunft über die Identität seines genetischen Vaters zu geben.

Die Frage, ob Henk erfahren können soll, wer sein genetischer Vater ist, wird im Rahmen der Sendung von verschiedenen Personen auf dem heimischen Sofa diskutiert. Dabei wird nacheinander sowohl Henks Perspektive als auch die seines genetischen Vaters eingenommen. Der Jurist Frank Bräutigam beantwortet die Frage schließlich aus rechtlicher Sicht.

Auch ein Jahr nach der Aufzeichnung ist Henks Gerichtsprozess noch nicht abgeschlossen, und ein Ende ist bislang nicht in Sicht. So wie Henk geht es vielen weiteren Spenderkindern, die auf der Suche nach ihren genetischen Vätern und Halbgeschwistern sind. Wir suchen deswegen auch auf anderen Wegen, zum Beispiel über DNA-Datenbanken wie FamilyTreeDna, My Heritage, Ancestry und 23andMe und konnten auf diese Weise bereits einige Verbindungen identifizieren. Wenn ihr Spenderkinder unterstützen wollt, dann registriert euch ebenfalls. Wenn Sie über „Samenspenden“ Kinder gezeugt haben, freuen wir uns sehr, wenn Sie sich bei uns melden. Wir können Ihnen Auskunft geben, ob wir bereits Mitglieder haben, die Ihre genetischen Kinder sein könnten und vermitteln gerne einen Kontakt.

Sisters Auf Netflix – die erste Spenderkinder-Serie

Erst vor kurzem habe ich auf eine Empfehlung aus unserem Verein entdeckt, dass es auf Netflix eine Serie zum Thema Spenderkinder gibt, und zwar wirklich aus der Sicht von Spenderkindern und nicht wie bei Starbucks oder The Kids are alright aus Sicht der Spender oder Wunscheltern: „Sisters“ aus Australien aus dem Jahr 2017.

Die Serie Sisters besteht aus 7 Folgen und kann derzeit leider nur über Netflix angesehen werden. Ich habe sie auf Englisch mit Untertiteln gesehen, ich weiß nicht ob es auch eine auf Deutsch synchronisierte Fassung gibt.

Der Inhalt

Der renommierte Melbourner Reproduktionsmediziner Julius Bechley offenbart schwerkrank, bei mehr als 100 künstlichen Befruchtungen sein eigenes Sperma verwendet zu haben. Seine eheliche Tochter Julia ist geschockt, versucht aber die neuen Halbgeschwister in ihrem Leben zu begrüßen. Insbesondere zu den beiden Schwestern Edie und Roxy entwickelt sie eine enge Beziehung und sie müssen überlegen, wie sie die neue Verwandtschaft in ihr Leben integrieren. Die Entdeckung löst für sie weitere Entwicklungen aus – auch im Verhältnis zu Eltern und Ehepartnern. Julia versucht heraus zu bekommen, warum ihr Vater so gehandelt hat, gleichzeitig droht ihm eine Sammelklage.

Bewertung (Achtung, kleine Spoiler)

Mir hat die Serie sehr gut gefallen – die Schauspieler sind gut und die Serie ist oft unerwartet witzig und gleichzeitig sehr emotional. Es kommen zwar einige Klischees vor wie dass Julia entdeckt, dass sie ausgerechnet mit einem Ihrer Halbbrüder einen One night Stand hatte. An anderer Stelle verteidigt Julia das Handeln ihres Vater vor den drohenden rechtlichen Konsequenzen damit, dass Ihre Halbgeschwister alle nicht existieren würden, wenn es ihren Vater nicht gegeben hätte. Die Serie stellt aber gleichzeitig gut dar, wie wichtig die biologische Verwandtschaft zum Vater, aber auch zu Halbgeschwistern für die Identität ist. Manche der Halbgeschwister stürzt die Offenbarung in eine Krise, manche sehen sie aber auch als Chance für neue Verbindungen zu anderen Menschen oder für eine neue Wahrnehmung von sich selbst. Die Serie endet relativ offen und leider scheint bislang unklar, ob es eine zweite Staffel geben wird. Allerdings soll es bald ein US-amerikanisches Remake geben.

Realer Hintergrund: Ärzte als Samenspender

Die Serie hat übrigens einen realen Hintergrund: in den Niederlanden hat Dr. Jan Karbaat nachgewiesenermaßen mehr als 50 Kinder mit seinem eigenem Sperma gezeugt. Das gleiche passierte bei Dr. Cline im US-Bundesstaat Indiana. Auch im Verein Spenderkinder haben schon drei Mitglieder herausgefunden, dass sie die Kinder des behandelnden Arztes waren. Diese Fälle sind im Ausmaß aber (noch) nicht vergleichbar.

 

Stellungnahme zum Diskussionsteilentwurf des Justizministeriums zum Abstammungsrecht

Am 13. März 2019 hat das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz einen „Diskussionsteilentwurf“ zur Reform des Abstammungsrechts veröffentlicht. Die Veröffentlichung war wohl nicht innerhalb der Bundesregierung abgestimmt.

Zu dem Diskussionsteilentwurf hat der Verein Spenderkinder eine Stellungnahme an das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz übermittelt (Stellungnahme_Diskussionsteilentwurf).

Anders als die bisherigen Gesetzentwürfe aus der Opposition handelt es sich um ein Gesamt-Reformpaket mit sehr weitreichenden Änderungen, das Elternschaft mit den Keimzellen Dritter rechtlich umfassend regeln soll und insbesondere auch voluntative Elemente zur Begründung von Elternschaft anerkennen möchte.

Aus unserer Sicht schießt der Entwurf aber weit über das Ziel hinaus und stellt soziale Elternschaft letztlich genauso unangreifbar wie eine bestehende genetische Vater- oder Mutterschaft. Insbesondere wird das Recht der Kinder zur Anfechtung der rein sozialen Elternstellung im Vergleich zur bestehenden Rechtslage stark eingeschränkt.
Das ist nicht sachgemäß und stellt eine Verletzung des Rechts von Spenderkindern auf Kenntnis der Abstammung dar.

Genetische und soziale Elternschaft sind nicht völlig gleichzusetzen. Bei einer genetischen Verwandtschaft teilt das Kind etwa 50 % der Gene mit jedem genetischen Elternteil. Diese sind der Bauplan für die äußere Erscheinung, bestimmen aber auch gesundheitliche Dispositionen und zum Teil auch Interessen. Die genetische Verwandtschaft besteht unabhängig von einer sozialen Beziehung. Sie ist unauflösbar und wirkt weiter fort, indem sie von dem Kind an die eigenen genetischen Kinder weitergegeben wird. Soziale Elternschaft muss im Gegensatz zu genetischer Elternschaft erst wachsen und entsteht aus gemeinsam verbrachter Zeit, die zu einer Bindung führen kann. Daher muss die Zuordnung zumindest für das Kind angreifbar sein, wenn keine soziale Elternbeziehung zu dem nicht-genetischen Elternteil entstanden ist oder wenn das Kind die Herstellung einer rechtlichen Beziehung zu dem genetischen Elternteil wünscht.

Andere Regelungen wie die beabsichtigte Freistellung von privaten Samenspendern sind erheblich missbrauchsanfällig und führen zu Wertungswidersprüchen gegenüber „normalen“ Familien und Konstellationen, in denen durch Geschlechtsverkehr unbeabsichtigt ein Kind gezeugt wurde, für das der genetische Vater keine finanzielle Verantwortung übernehmen möchte.

Wir hoffen, dass das Konzept noch einmal überarbeitet wird und insbesondere die Rechte und Interessen von durch Samenspende gezeugten Menschen stärker berücksichtigt.

Belgischer „Bioethik-Experte“ fordert Verbot von DNA-Datenbanken

Inzwischen ist auch bei den vehementesten Verfechtern von Spenderanonymität angekommen, dass selbst rechtlich geschützte Anonymitätsversprechen angesichts der neuen technologischen Entwicklungen relativ bedeutungslos sind, weil Spender gegen ihren Willen mit Hilfe von DNA-Datenbanken wie Ancestry über Verwandte identifiziert werden können. Auch in unserem Verein haben dies schon mehrere Spenderkinder geschafft.

Der belgische „Bioethik-Experte“ Guido Pennings hat nun in einem Artikel in der Zeitschrift Human Reproduction gefordert, man solle die entsprechenden Datenbanken einfach verbieten. Der Artikel selbst ist noch nicht im Volltext kostenlos erhältlich, aber sein Inhalt wird in einem Artikel in der Daily Mail wiedergegeben.

Seine Argumente kurz zusammengefasst:

  • Es sei ein Zeichen von Respektlosigkeit und mangelnder Dankbarkeit, wenn Spenderkinder versuchen, ihre biologischen Väter zu identifizieren, obwohl diesen Anonymität versprochen worden sei.
  • Es stelle eine Verletzung der Privatsphäre dar, wenn man eine Person identifiziere oder sogar kontaktiere, die selbst nicht bei der DNA-Datenbank registriert sei.
    Männer, die in der Vergangenheit Samen gespendet hätten und sich nun in einer Beziehung befänden oder weitere Kinder hätten, könnten durch eine Kontaktaufnahme gestört werden.
  • Außerdem könnten Menschen, die nicht wussten, dass sie durch Samenspenden gezeugt wurden, durch genetische Geschwister kontaktiert werden. Dies könne zu Leid und Ärger in einem größeren Netzwerk von Menschen führen, die sich nie gekannt hätten, wenn es die DNA-Tests nicht gäbe.

Die Argumente von Pennings sind sicherlich auch davon geprägt, dass in Belgien anonyme Samenspenden nach wie vor zulässig sind – wogegen sich unsere Schwesterorganisation Donorkinderen seit langem einsetzt. Abgesehen davon, dass man mit einem Verbot von DNA-Datenbanken die Handlungsfreiheit aller Menschen der (in Deutschland und vielen anderen Ländern nicht gegebenen) Anonymität von Samenspendern unterordnen würde, was ziemlich unverhältnismäßig wäre, könnte man ein Verbot auch faktisch schlecht durchsetzen. Die DNA-Datenbanken sind überwiegend in den USA ansässig, und die verschickten Speichelproben relativ unauffällig.

Bei den Forderungen handelt es sich also eher um ein ziemlich übertriebenes Herumgejammer angesichts einer technologischen Entwicklung, die das eigene Gedankenkonstrukt durchkreuzt. Dass die Forderungen ernsthaft aufgegriffen werden, ist daher unwahrscheinlich.

Halbgeschwister freuen sich überwiegend über den Kontakt

Teilweise ist die Darstellung der Auswirkungen des DNA-Tests auch einfach nicht richtig: wir hatten in unserem Verein inzwischen mehrfach die Situation, dass unseren Mitgliedern Halbgeschwister angezeigt wurden, die nichts von ihrer Zeugungsart wussten. Trotz dieser überraschenden und sicher teilweise auch schockierenden Entdeckung haben sich die neuen Spenderkinder jedoch überwiegend über ihre Halbgeschwister gefreut. Die Identifikation dieser Verbindungen ist also etwas Positives und nichts, was überwiegend Leid und Ärger auslöst. Außerdem weisen die DNA-Datenbanken inzwischen vor der Registrierung darauf hin, dass man bislang unbekannte Verwandte entdecken kann.

Keine Auseinandersetzung mit den Rechten von Spenderkindern

Bemerkenswert ist, dass ein „Bioethik-Experte“ kein Wort zu den Rechten von Spenderkindern verliert. Er erwartet im Gegenteil wie selbstverständlich von Spenderkindern, den genetischen Vater zu schützen. Normalerweise hält man in der Eltern-Kind Beziehung eher die Kinder für schutzwürdig. Grundsätzlich ist übrigens niemand vor einer Kontaktaufnahme durch andere Menschen innerhalb normaler Grenzen geschützt, so lange es nicht in ernsthafte Belästigung oder Bedrohung ausartet.

Die Forderung hat bei der internationalen Spenderkinder-Gruppe zu Belustigung geführt, da die Forderung eher Hilflosigkeit demonstriert und Guido Pennings regelmäßig einseitige Artikel zum Thema Familiengründung mit den Keimzellen Dritter veröffentlicht.

Unsere Favoriten unter den Reaktionen:

  • Guido Pennings schlägt wieder zu!
  • Der Versuch, Zahnpasta zurück in die Tube zu quetschen.
  • Vielleicht sollte man auch gleich den Zugang zum Internet verbieten.
  • Er hat bestimmt selbst Samen gespendet oder Freunde zum Spenden motiviert und jetzt sind alle sauer auf ihn.
  • Ich wusste nichts von meiner Zeugung durch Samenspende und habe mich aus anderen Gründen bei Ancestry registriert – mir wurde einfach ein Vater angezeigt – mal überlegt, wie das ist?