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Wenn die Wahrheit ans Licht gekommen ist – unsere Empfehlungen an Spenderkinder, die gerade erst von ihrer Zeugungsart erfahren haben

Oft melden sich Spenderkinder bei uns, die gerade erst von ihrer Zeugung durch Samenvermittlung erfahren haben. Manche hatten schon lange eine Ahnung, dass ihre Eltern ihnen etwas über ihre Abstammung verschweigen, andere haben es aus relativ heiterem Himmel erfahren, manche auch erst über die Anzeige von Halbgeschwistern oder ihren genetischen Vater in einer DNA-Datenbank.

Menschen sind verschieden und reagieren deswegen auch unterschiedlich auf eine solche Neuigkeit. Deswegen können wir nur ganz allgemeine Empfehlungen für diese Situation geben, die aber vielleicht trotzdem wichtig sind:

1. Alle Gefühle sind berechtigt

Viele spät aufgeklärte Spenderkinder empfinden die Neuigkeit, durch Samenvermittlung entstanden zu sein, als schockierend.

Ich fühle mich wie ein Haus nach einem Erdbeben mit nur noch 3 Wänden, bei dem die halbe Badewanne raushängt und man in alle Zimmer gucken kann. Ich bin unglaublich wütend, dass man mir das nicht vorher gesagt hat, mir nicht zugetraut hat, mit der Information umzugehen und sie in mein Ich einzubauen. 

Es gibt aber auch Spenderkinder, die eher erleichtert sind, zum Beispiel weil sie schon vorher den Eindruck  hatten, dass irgendetwas nicht stimmt. 

Für mich war es damals im ersten Moment eine Erleichterung, da ich zu meinem sozialen Vater kein gutes Verhältnis hatte.

Oft hören wir auch, dass Geschwister ganz anders reagieren und sich mit der Neuigkeit entweder gar nicht beschäftigen möchten oder kein Interesse am genetischen Vater oder Halbgeschwistern äußern. Manche Spenderkinder spüren eher Wut, andere eher Verständnis für die Entscheidungen ihrer Eltern.

Wichtig ist, dass alle Gefühle berechtigt sind. Es ist okay, schockiert, beunruhigt oder wütend zu sein, und umgekehrt ist es genauso okay, wenn man all dies nicht ist. Gefühle sind einfach da, und man sollte sie erst einmal zulassen und erforschen. Es können auch ganz unterschiedliche Gefühle gleichzeitig oder kurz nacheinander auftreten. Das kann ganz schön verwirrend sein. 

Es kommt öfters vor, dass Menschen aus dem näheren Umfeld eine bestimmte Reaktion erwarten oder erhoffen. Oft sind das die Eltern, die nicht mit negativen Gefühlen wie Wut, Enttäuschung oder Trauer konfrontiert werden möchten. Es können aber auch Freunde oder Bekannte sein, die (vielleicht auch auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen) den Eindruck entstehen lassen, die Gefühle des Spenderkindes zu bewerten oder relativieren (siehe hierzu unseren Beitrag 12 Bemerkungen, die Spenderkinder nerven).

2. Gib Dir selbst Zeit

Allen frisch aufgeklärten Spenderkindern, die diese Neuigkeit als Schock empfinden, raten wir vor allem, sich selbst Zeit zu geben. Manche Spenderkinder können sich in den ersten Wochen danach kaum auf etwas anderes konzentrieren.Die Gedanken schwirren im Kreis, und wenn sie kurz abgelenkt werden, trifft es sie nachher wieder wie ein Schlag. Manche haben das Gefühl, viele ihrer Erinnerungen an ihre Kindheit neu bewerten zu müssen, was sehr herausfordernd sein kann. Oder sie müssen überlegen, wie sie in Zukunft damit umgehen werden und fühlen sich davon überfordert.

Ich habe mich am Anfang gefühlt, als hätte man mich in einer Nussschale im Meer ausgesetzt. 

Ich hatte eine schwierige Zeit, litt an Depressionen und Panikattacken. 

Die ersten Tage waren ein Albtraum für mich. Meine Identität schien für mich zuvor gefestigt, seit ich selber Mama geworden bin noch mehr. Ich habe mich vom Kindsein eigentlich seit 15 Jahren gelöst. Jetzt bin ich wieder komplett im Kind-Ich drin und es fällt mir schwer, die Stabilität zurück zu gewinnen, die ich für meine eigene Familie brauche. 

Ich habe mit 28 herausgefunden, woher ich komme und es war eine Sache, die so sehr an meinen Grundfesten gerüttelt hat, etwas, was viel zu groß war, es in den ersten Jahren zu begreifen – ich war in zwei Psychotherapie-Kliniken. Wir haben zusammen insgesamt fünf Jahre für die Verarbeitung gebraucht. 

Es kann einige Zeit dauern, bis man die Tatsache verarbeiten kann, einen unbekannten genetischen Vater zu haben und von den Eltern hierüber lange Zeit im Unklaren gelassen oder aktiv belogen worden zu sein.  Es wird nach einer Zeit aber auf jeden Fall einfacher und nach einigen Jahren wird es vermutlich einfach ein Puzzlestück Deiner Identität sein – wie groß, entscheidest Du selbst.

Mit der Zeit wurde meine Entstehung durch eine Samenspende ein normaler Teil meiner Geschichte, über den ich manchmal mehr, manchmal weniger nachgedacht habe. 

Außerdem ist es gut möglich, dass Deine Gefühle sich über die Zeit noch verändern. Manche Spenderkinder interessieren sich zum Beispiel erst für ihre Abstammung, wenn sie selbst Kinder bekommen. Andere finden das Konzept einer Samen“spende“ möglicherweise anfangs unproblematisch und lehnen es später nach intensiverer Beschäftigung mit dem Thema eher ab (oder umgekehrt).

3. Finde heraus, was Du möchtest und was Dir gut tut

Du bist für Dich selbst die wichtigste Person – daher solltest Du herausfinden, was Du selbst möchtest und was Dir gut tut.

Das kann zum einen der Umgang mit Deiner Zeugungsart sein.Viele Spenderkinder sind auch nach ihrer Aufklärung noch sehr davon beeinflusst, wie ihre Eltern sich fühlen oder wie andere Menschen aus ihrem sozialen Umkreis ihre Situation einschätzen. So sagen manche Spenderkinder im Nachhinein, dass sie sich anfangs nicht eingestehen wollten, dass sie sich für ihren genetischen Vater oder Halbgeschwister interessieren, weil sie Angst hatten, ihre Eltern zu verletzen oder zu beunruhigen. Vielleicht möchtest Du offen mit Deiner Zeugungsart umgehen und nicht mit einem Geheimnis leben.

Ich würde das Geheimnis nicht mehr so viele Jahre wahren, weil meine Eltern es von mir verlangen. Ich würde viel früher mit anderen darüber reden und mich nicht mehr von relativierenden Vergleichen von anderen verunsichern lassen. Ich würde sehr viel selbstbewusster damit umgehen.

Ich würde jedem empfehlen, der aufgrund seiner Familienangehörigen nicht darüber spricht und das Geheimnis für sich behält und selber daran zerbricht, es einfach zu tun. Egal in welcher Form, ob es öffentlich ist, Freunden davon zu erzählen oder es einfach niederzuschreiben. Einfach machen. 

Vielleicht hast Du aber auch das Gefühl, dass Du gerade keine Kraft hast, Dich mit Deiner Abstammung und Deiner Familiensituation auseinanderzusetzen – dann musst Du das auch nicht tun. Manchmal braucht man auch einfach mal eine Pause. Du musst Dich auch nicht mit Deinen Eltern auseinandersetzen, wenn Du dazu keine Kraft hast. Es gibt Spenderkinder, die den Kontakt zu ihren Eltern erst einmal abgebrochen haben, weil sie Zeit für die Verarbeitung brauchten. Anderen liegt viel daran, die Situation zusammen mit ihren Eltern zu klären.

Helfen können auch bestimmte Herangehensweisen: 

Mir hat geholfen, meine Gedanken aufzuschreiben, weil ich meine Gefühle dafür ordnen und genauer benennen und erklären musste. Und danach waren sie auf Papier gebannt (bzw. in einer Datei) und nicht mehr ganz so quälend.

Wir haben uns ein White board besorgt, das hängt jetzt an unserer Familienfotowand. Mein genetischer Vater hat einen Namen erhalten (Papa/Opa Otto) und auf dem white board tragen wir mit abwaschbarem Stift alle Eigenschaften ein, die wir an uns feststellen und von denen wir glauben, dass sie von „Otto“ stammen könnten. So ist Papa/Opa Otto sehr flexibel und ein bißchen auch unser „Eigenartenmülleimer“, aber auch das hilft mir sehr.

Wenn Du empathische Partner, Freunde, Familienangehörige hast, sprich mit ihnen darüber. Wenn Du merkst, dass Deine Gefühle nicht ernst genommen werden, lass dich dadurch nicht runterziehen oder verunsichern, sondern umgib Dich mit Menschen, die Dir gut tun. Viele Spenderkinder haben vor allem den Kontakt zu anderen Betroffenen als besonders hilfreich empfunden (siehe 4.).

Ich spreche viel mit meiner Familie und mit meinen Kindern darüber, sie haben eine wunderbar natürliche Art, damit umzugehen. 

Am meisten geholfen haben mir Interviews mit Journalisten, die ernsthaftes Interesse an meinen Gefühlen hatten, ohne sie dabei zu relativieren oder zu bewerten.

Nicht zuletzt kann auch Hilfe von außen durch eine Behandlung bei einem Psychotherapeuten helfen. Die Kosten für eine Psychotherapie (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische oder psychoanalytische Therapie) werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Voraussetzung dafür ist, dass eine krankheitswertige Störung vorliegt, z.B. eine Anpassungsstörung und die Therapeutin/der Therapeut mit der Krankenkasse abrechnen kann. Du kannst unverbindlich eine psychotherapeutische Sprechstunde wahrnehmen, um diese Punkte abzuklären. Gerade weil es in einer Psychotherapie um ganz persönliche Themen geht, ist es wichtig, dass “die Chemie” stimmt. Du kannst bei mehreren Psychotherapeut*innen in die Sprechstunde gehen und dann spüren, wo Du Dich am besten aufgehoben fühlst. Leider ist es auch im professionellen Kontakt in Einzelfällen vorgekommen, dass Spenderkinder das Gefühl hatten, dass ihre Gefühle relativiert werden. Daher kann es sinnvoll sein, wenn der oder die Beratenden schon Adoptierte oder im Kontext von Familiengeheimnissen beraten hat.

4. Du bist nicht alleine

Manche amerikanischen Spenderkinder sagen zur Begrüßung: „Welcome to the club nobody wanted to join!“ Als Trost ist es ein ziemlich netter Club, in dem Du viel Unterstützung finden kannst. Du bist nicht alleine mit Deiner Zeugungsart. Egal ob es rechtliche Probleme sind, Fragen bei der Recherche in DNA-Datenbanken oder solche zum Umgang mit den Eltern – vermutlich wird Dir jemand helfen können oder zumindest interessante Anregungen oder eine andere Perspektive geben können.

Heute würde ich mich direkt auf die Suche begeben und bei den Spenderkindern melden. Es war wichtig zu wissen dass ich nicht alleine bin und meine Mutter nicht die einzige Mutter ist, die mit diesem Thema große Schwierigkeiten hatte. 

Was mir hilft: reden, reden, reden. Dann hilft mir der Spenderverein sehr, hier habe ich das Gefühl, dass man mein Durcheinander versteht. 

Ich würde mich immer wieder sofort beim Spenderkinderverein melden. Der Kontakt mit anderen Spenderkindern war unglaublich hilfreich. 

Mir hat natürlich der Verein generell ganz arg geholfen. Während in meinem privaten Umfeld viele mit Floskeln reagiert haben, mit denen ich nicht viel anfangen konnte, habe ich hier mit Menschen zu tun, durch die ich eine Legitimation dafür bekommen habe, mich so zu fühlen, wie ich es tue.

Deshalb ist das der bisher einzige Tipp, den ich anderen geben würde – sehr frühzeitig (von Beginn an) Kontakt zu anderen Spenderkindern zu pflegen. 

Der Kontakt zu anderen Spenderkindern hat mir sehr weitergeholfen – ich fühlte mich nicht mehr alleine. Mein erstes Treffen mit einem anderen Spenderkind werde ich nicht vergessen. Und ich finde auch nach 13 Jahren immer noch faszinierend, wie viele Gemeinsamkeiten es bei allen Unterschieden zwischen uns gibt. 

Außer unserem Verein gibt es die sehr aktive internationale Gruppe „We are donor conceived“ auf Facebook (auf Englisch).

Die Erfahrungsberichte von Spenderkindern auf unserer Internetseite und die Medienberichte über unsere Mitglieder (siehe Links) geben einen guten Überblick darüber, wie unterschiedlich Spenderkinder mit ihrer Situation umgehen. Empfehlenswert ist auch das Buch “Spenderkinder” von Wolfgang Oelsner und Gerd Lehmkuhl (Rezension) sowie das Buch “Inheritance” der US-amerikanischen Schriftstellerin Dani Shapiro, die im Alter von fast 50 Jahren durch einen DNA Test entdeckte, dass sie ein Spenderkind ist (bislang leider nur auf Englisch erschienen).

5. Du kannst die Nadel im Heuhaufen finden

Wenn Du wissen möchtest, wer Dein genetischer Vater ist oder ob Du Halbgeschwister hast, denkst Du vielleicht, dass Du vor einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen stehst. Das war bis vor wenigen Jahren tatsächlich so – inzwischen sind die Chancen aber durch die modernen DNA-Datenbanken recht gut, dass Du Halbgeschwister oder Deinen genetischen Vater finden wirst (siehe Verwandtensuche mit DNA-Datenbanken). Vielleicht nicht sofort, aber womöglich nach einiger Zeit. Außerdem ist in Deutschland inzwischen höchstrichterlich geklärt, dass Spenderkinder ein Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung haben. Inzwischen haben daher auch einige unserer Mitglieder Auskunft von dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin ihrer Eltern erhalten. Aus unserem Verein haben inzwischen mehr als 30 Spenderkinder erfahren, wer ihr genetischer Vater ist, und es haben sich 45 Halbgeschwistergruppen gefunden (Stand Juni 2020).

6. Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade draus

Es kann eine große Herausforderung darstellen, ein Familiengeheimnis über die eigene Abstammung erst als Erwachsener herauszufinden. Aber Menschen können an Krisen wachsen. Auch wenn Du erst einmal eine sehr schwierige Zeit hast, kannst Du diese Erfahrung vielleicht in etwas Positives umwandeln. Das kann zum Beispiel a) die Gewissheit sein, dass Du auch solche Erschütterungen verkraftest, b) die Möglichkeit, die Beziehung zu den Eltern neu zu gestalten, c) mehr Empathie, Engagement, Kontakt zu interessanten Menschen, die Du sonst nie getroffen hättest, oder d) ein tieferes Verhältnis zu Menschen, die Dir etwas bedeuten, oder e) die Erweiterung ihrer Familie oder f) etwas ganz anderes, an das man nicht direkt denkt.

Es war nicht schön, so spät von meiner Zeugung durch eine Samenspende zu erfahren, aber ich wäre glaube ich ein ganz anderer Mensch, wenn das nicht passiert wäre. Ich habe in den letzten vierzehn Jahren viele tolle Menschen deswegen kennengelernt. Außerdem habe ich mich mit so vielen auch unangenehmen Gefühlen auseinandergesetzt, dass ich daran als Person gewachsen bin. Deswegen schätze ich alles im Nachhinein doch als etwas Gutes ein. 

Es hat mich so sehr befreit, die Wahrheit zu erfahren, das ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es war als wenn ich in tiefes klares Wasser schaue, bis zu meinem Ursprung hin und endlich sehe ich, was da ist. Es war ein Gefühl, als dürfte ich endlich aus einem Gefängnis gehen, in dem ich mich so lange befunden hatte. Endlich die Türen auf, endlich alles richtig und stimmig, endlich frei in mein ganzes Leben zu gehen. 

Könnte ich mir einen Brief in die Vergangenheit schicken, würde ich mir gerne sagen: „Entspann Dich mal, denn alles wird gut, am Ende findest Du Dich selbst in einer Klarheit, die es mit der Lüge nie gegeben hätte“! 

Viele Spenderkinder haben sich über das Finden von Halbgeschwistern oder ihres genetischen Vaters gefreut, einige so sehr, dass es sie mit ihrer Zeugungsart versöhnt hat.

Ich hatte Glück, meinen Vater finden zu dürfen und konnte somit meine Geschichte und auch die meiner Familie heilen.

Spenderkinder bei Marco Schreyl und Deutschlandfunk Nova

Am 12. Mai waren Spenderkinder-Mitglieder Britta und Christiane und Brittas Vater Dietrich live zu Gast in der Fernsehsendung von Marco Schreyl (RTL): Von einem hervorstehenden Nagel und leiblichen Vätern, die Verantwortung übernehmen.

In der Sendung Eine Stunde Liebe auf Deutschlandfunk Nova vom 15. Mai erzählt außerdem Spenderkinder-Vorstandsmitglied Stina von der Arbeit des Vereins und wie wichtig DNA-Datenbanken inzwischen sind.

Rezension: The Lost Family von Libby Copeland

Das englischsprachige Buch „The Lost Family“ von Libby Copeland ist ein faszinierendes Buch über DNA-Datenbanken (wie Ancestry, Family Finder, 23andme und MyHeritageDNA) und wie diese Familienbeziehungen auf eine bislang unbekannte Art auf den Kopf stellen. Indem die Tests ihren Teilnehmern bislang unbekannte Informationen über die eigene Abstammung zeigen, werden auch Geheimnisse enthüllt wie Unfruchtbarkeit, unehelich zur Welt gebrachte Kinder, uneheliche Beziehungen, sexuelle Gewalt oder eine geheim gehaltene ethnische Zugehörigkeit.

Anhand der Geschichte von Alice Plebusch, einer siebzigjährigen Frau, die mit Erstaunen feststellte, dass Ancestry ihr einen beträchtlichen Anteil jüdischer DNA auswies,1 werden verschiedene, mit DNA-Datenbanken verbundene Themen diskutiert und anhand weiterer persönlicher Geschichten illustriert – von Adoptierten, Findelkindern, Kuckuckskindern, Spenderkindern und andere Menschen die einen anderen Elternteil hatten als sie annahmen (auf englisch wird dies als NPE beschrieben – „Not Parent Expected“).

Die Suchenden, die Unwissenden und die Gefundenen

Libby Copeland teilt die von den Tests betroffenen Menschen in 3 Gruppen ein: Genealogiker, Suchende (Adoptierte, Spenderkinder, Kuckuckskinder und andere Personen, die Zweifel an ihrer Abstammung haben) und bislang Unwissende. Die letzte Gruppe nimmt an den DNA-Tests oft teil, weil sie diese als Geschenk erhält oder denkt, dass sich die Tests interessant anhören, weil man damit Informationen über ihre allgemeine ethnische Abstammung erhält – zum Beispiel, welcher Anteil der eigenen Vorfahren aus Irland kommt oder ob die Familiengeschichten über indianische Vorfahren stimmen. Das Interesse hieran ist insbesondere in den USA sehr groß, da die USA eine Einwanderungsgesellschaft sind und die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Einwanderergruppen und Subkulturen eine große Bedeutung besitzt.

Vielen Unwissenden ist dabei nicht bewusst, dass sie über den Test auch nähere Verwandte finden können oder von ihnen gefunden werden können – und wer weiß schon Bescheid, ob der Vater früher seinen Samen verkauft hat oder eine Affäre hatte? Inzwischen warnen die DNA-Datenbanken sogar ausdrücklich vor diesen Folgen – aber vermutlich denkt niemand, dass sie selbst davon betroffen sein könnten. Ancestry hat in den USA daher ein Team, dass sich besonders um Menschen kümmert, die ein unerwartetes Testergebnis erhalten. Da Kunden mit unerwarteten Testergebnissen den Test oft für falsch halten, bietet FamilyTreeDNA standardmäßig einen zweiten Test für die Hälfte des Geldes an und verspricht, das Geld zurückzuerstatten, wenn der erste Test falsch war. Es komme fast nie vor, dass der Test fehlerhaft sei.

Manche der Unwissenden forschen nach, andere lassen die Testergebnisse „wie eine zufällig am Strand entdeckte Granate“ liegen. Die Testergebnisse führen zum Teil dazu, dass Menschen mit lange zurückliegenden Ereignissen und damit verbundenen schmerzhaften Gefühlen konfrontiert werden oder diese erst entdecken. Vielen Spenderkindern, Adoptierten und Kuckuckskindern wurde nicht die Wahrheit über ihre Entstehungsweise gesagt. Einige Männer erfahren als Sechzigjährige, dass sie als junge Männer ein Kind gezeugt haben und fühlen sich, als hätten sie ihr Kind verlassen. Ehemalige Samen“spender“ entdecken, dass sehr viele Kinder mit ihrem Samen gezeugt wurden, manche Spenderkinder erfahren, dass sie möglicherweise mehr als 100 Halbgeschwister haben. Fünfzigjährige müssen sich damit auseinandersetzen, dass ihre bereits verstorbene Mutter ein Kind ausgesetzt oder zur Adoption freigegeben hat. Andere fanden schmerzhafte Erklärungen für ihre Abstammung wie Inzest oder Vergewaltigung. Von diesen Informationen betroffen sind meistens nicht nur die unmittelbaren Verwandten, sondern ihre ganze Familie. Erfährt ein Mann, dass er vor Jahrzehnten ein Kind in einer Affäre gezeugt hat, wird vermutlich auch seine Frau von der Untreue erfahren wird und seine ehelichen Kinder, weil sie Halbgeschwister haben.

Ob die Gefundenen offen oder mit Zurückweisung reagieren, kann nicht vorhergesagt werden. Mache reagieren abweisend und sehen die neuen Verwandten als Eindringlinge, andere Gefundene freuen sich dagegen, weil für sie mehr Verwandte mehr Liebe bedeuten. Eine Betroffene vergleicht es mit russischem Roulette, eine andere rät: Rechne mit dem Schlimmsten und hoffe auf das Beste! Für viele Suchende, die sich falsch in ihrer Familie gefühlt haben, kann Desinteresse oder Zurückweisung ihrer genetischen Verwandten sehr schmerzhaft sein. Das Buch erzählt Geschichten von Zurückweisung, bei denen man die Betroffenen am liebsten in den Arm nehmen möchte – und von herzlichen Aufnahmen, die einem Tränen der Rührung in die Augen steigen lassen. Genauso berührend sind die Geschichten, bei denen die Tests enthüllten, dass die Betroffenen entgegen ihrer vorherigen Annahme nicht verwandt waren – und dennoch entschieden, sich emotional weiterhin als Verwandte zu sehen. Wie eine Betroffene meint: DNA ist nicht Liebe.

Auch bei gegenseitiger Freude über die Familienerweiterung wird teilweise von Schmerz darüber begleitet, dass man viele Jahre in Unwissenheit lebte und diese Zeit nicht miteinander verbringen konnte. Manche Verwandte wuchsen wenige Kilometer voneinander entfernt auf. Vielen stellt sich die Frage: wäre ich ein anderer Mensch, wenn ich es früher gewusst hätte?

Die Datenbanken

Da der Verein Spenderkinder den Test Family Finder von Family Tree DNA zur Verwandtensuche nutzt, aber die Registrierung in allen großen Datenbanken empfiehlt, fand ich die Interviews mit den Gründern bzw. Leitern der Tests besonders spannend.

Family Tree DNA wurde primär aus genealogischem Interesse im Jahr 2000 gegründet. Mit nur rund 150 Angestellten ist das in Houston sitzende Unternehmen immer noch relativ klein. Bei den autosomalen DNA-Tests handelte es sich zunächst um ein Nischenprodukt, erst im Jahr 2013 wurde die Marke von mehr als einer Million verkaufter Tests überschritten. Bereits in der Testphase vor Verkaufsbeginn fanden die Testpersonen unerwartete Ergebnisse in ihrer Abstammung – man wusste also, was passieren könnte. Gründer Bennett Greenspan sagt dazu, er sei kein Ethiker, es würde immer jemand verletzt werden – der Suchende, dem Informationen über seine Abstammung vorenthalten werden, oder dem Gefundenen, der möglicherweise nicht gefunden werden möchte. Er bezeichnet den Begriff „anonymer Samenspender“ als Oxymoron wie „Jumbo Shrimp“ und rät scherzhaft Großeltern, ihren Enkelsöhnen Geld für Bier zu schicken, damit die jungen Männer von heute nicht ihr Sperma verkaufen müssten, damit nicht in zwanzig Jahren jemand an ihre Tür klopft und sie „Dad“ nennt.

23andme wurde im Jahr 2006 gegründet. Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens begann mit dem Angebot des ersten autosomalen DNA-Tests im Jahr 2009, der damals noch stolze 999 USD kostete. Die Datenbank ist auf die DNA-Analyse von Gesundheitsanlagen spezialisiert (die aber überwiegend nur auf Vermutungen beruhen, da der Einfluss der Gene auf viele Krankheiten noch nicht ausreichend geklärt ist). Daher hat das Unternehmen Forschungskooperationen mit mehreren Unternehmen, die Zugriff auf anonymisierte DNA-Daten haben. Die Kunden können sich gegen eine Teilnahme entscheiden oder aber durch zusätzliche Informationen über ihre Gesundheit die Kooperationen fördern.

Ancestry sitzt in Lehi, Utah und ist inzwischen die größte DNA-Datenbank. Das im Jahr 1996 gegründete Unternehmen bot zunächst lediglich den Zugang zu historischen Dokumenten für die Ahnenforschung an. Erst ab 2012 wurden zusätzlich autosomale DNA-Tests aufgenommen. Das Geschäftsmodell ist (wie bei MyHeritageDNA) die Kombination von autosomalen DNA Tests und Abonnements für Datenbanken mit historischen Dokumenten. Inzwischen ist es mit mehr als 15 Millionen Teilnehmern die größte DNA-Datenbank.

Zusammensetzung der Abstammung

Alle großen DNA-Datenbanken bieten die Funktion an, die Zusammensetzung der Abstammung einzuschätzen (in Form der regionalen Herkunft). Während die Einschätzung noch 2012 auf einer relativ geringen Datenbasis erfolgte, ist sie inzwischen manchmal sehr genau.2 Allerdings kommt es sehr auf die Größe der jeweiligen Referenzgruppe bei der jeweiligen Datenbank an. So konnte die regionale Abstammung aus Afrika lange nur sehr ungenau zugewiesen werden. Die Resultate können sich zwischen den Datenbanken zudem erheblich unterscheiden, da jede Datenbank einen anderen Algorithmus verwendet.

Die Abstammungsschätzung ist eine sehr beliebte Funktion und wird daher als Werbung verwendet: So warb 23andme bei der Fußball WM, dass man anhand der eigenen ethischen Herkunft ein Team unterstützen sollte (Root for your roots). Um die Olympischen Winterspiele 2018 herum warb Ancestry mit einer Eiskunstläuferin, bei der ihre ethnische Abstammung mit kulturellen Stereotypen in Zusammenhang gebracht wurde (48 % Skandinavien für die Präzision, 27 % Zentralasien für die Grazie, 21 % Großbritannien für ihren Ehrgeiz).

Diese Funktion wird zum Teil kritisiert, da es bei Menschen die Vorstellung hervorrufen oder verstärken könnte, dass Rassen oder Ethnien genetisch bedingt sind und zu erheblichen Unterschieden führen, während die Wissenschaft Ethnie vor allem als soziales oder gesellschaftliches Konzept sieht. Andere erhoffen eine gegenteilige Wirkung: weil die meisten Menschen von verschiedenen Orten in der ganzen Welt abstammen, könnten sie sehen, dass Rassismus keine wissenschaftliche Basis besitzt.

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die Teilnehmer die Schätzung oft falsch verstehen oder als die Antwort für Fragen nach ihrer Identität werten. Aber nur weil die DNA zu 5 % auf Irland zurückverfolgt werden kann, bedeutet dies nicht, dass die näheren Vorfahren aus Irland kamen. Interessant ist, dass die Ergebnisse oft selektiv interpretiert werden: vor allem weiße Teilnehmer empfinden einen geringen Teil nicht-europäischer Abstammung als positiv.

Und manchmal erschüttern die Ergebnisse der Ethnizitätsschätzung die Identität: Libby Copeland erzählt die Geschichte von einem Mann, der mit einem DNA Test feststellte, dass sein eher dunkles Aussehen nicht wie gedacht auf eine südeuropäische Abstammung zurückzuführen ist, sondern dass seine Mutter einen afro-amerikanischen Vater hatte und sie aus einer verbotenen gemischten Beziehung stammte. Bei Afro-Amerikanern kommt es vor, dass sie einen Teil europäischer DNA entdecken (oder Weiße als entfernte Verwandte), weil Sklavenhalter nicht selten ihre Sklavinnen vergewaltigten.

Bei vielen Ethnien oder Gruppen stellt sich zudem die Frage, ob diese genetisch oder kulturell begründet sind und was eine Zugehörigkeit der DNA zu diesen Gruppen bedeutet. Wenn jemand in dem Glauben aufwächst, italienischer Abstammung zu sein, aber tatsächlich afro-amerikanischer Abstammung ist, was ist dann „echt“? Kann man sich jüdisch fühlen, wenn man nicht mit der Kultur aufgewachsen ist? Kann man sich „schwarz“ fühlen, wenn man nie die Erfahrung der entsprechenden Diskriminierung gemacht hat? Und wer entscheidet dies? So sehen es wohl insbesondere die amerikanischen Ureinwohner kritisch, wenn sich Menschen auf Grund indianischer DNA als „Native Americans“ bezeichnen.3.

Datenschutz

Da DNA-Daten Auskunft über Verwandtschaftsbeziehungen und Krankheitsanlagen geben können, sind sie natürlich besonders sensibel. Daher bestehen Bedenken, dass die DNA-Datenbanken als private Unternehmen über solche Daten verfügen oder dass Dritte Zugriff auf diese Daten erhalten könnten. So gab es im Jahr 2018 eine Sicherheitslücke bei MyHeritageDNA, bei der viele Kundendaten entwendet wurde, allerdings keine DNA-Daten. Bedenken bestehen insbesondere, dass Menschen bei Bekanntwerden bestimmter Krankheitsanlagen keine Versicherungen mehr erhalten könnten.4 Andere meinen dagegen, dass Informationen, die viele Menschen über soziale Netzwerke wie Facebook oder Kundenkarten weitergeben, mehr über sie verraten als ihre DNA.

Kritisch wird bei den DNA-Datenbanken gesehen, dass die Daten teilweise anonymisiert für Forschungskooperationen mit Unternehmen verwendet werden. Manche begrüßen diesen Aspekt auf der anderen Seite und helfen den Unternehmen durch zusätzliche Auskünfte über ihren Gesundheitszustand bei der Interpretation der DNA-Daten.

Dass die Daten in zunehmendem Maße zur Identifikation Dritter verwendet werden, ist nicht nur für Menschen nützlich, die Familienmitglieder aus emotionalen Gründen suchen, sondern auch für Strafverfolger. Nach einem Paper von Yaniv Erlich u.a. ist es mit den genetischen Daten von 1,28 Millionen Menschen möglich, für 60 % der Amerikaner mit europäischen Wurzeln einen Cousin dritten Grades oder näher zu finden.5 Ancestry hat im Jahr 2020 schon mehr als 15 Millionen Teilnehmer. Das bedeutet, dass inzwischen alle Amerikaner potentiell mit ein bisschen Recherche identifiziert werden können. Das nutzen inzwischen auch Strafverfolgungsbehörden wie das FBI, die hierdurch einige Jahrzehnte lang ungelöste Mordserien aufklären konnten.6 Das bedeutet, dass man durch die eigene Registrierung möglicherweise seine Angehörigen dem Risiko der Strafverfolgung aussetzt. Auch dieser Aspekt wird von anderen begrüßt, wenn er sich auf schwere Verbrechen bezieht. Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, was unterdrückerische Regimes mit diesen Daten anfangen könnten. Es gibt daher bereits Vermutungen, dass die Nachfrage nach DNA-Test wegen Datenschutzbedenken nachlässt.

Unbedingt lesen!

Jeder, der sich für die Entwicklung von Verwandtensuche und die soziale Bedeutung von DNA-Datenbanken interessiert, sollte das Buch unbedingt lesen. Es enthält eine beeindruckende Mischung aus Fakten und emotional berührenden Geschichten und war auch beim zweiten Lesen für diese Besprechung immer noch faszinierend.

Obwohl nur wenige Geschichten von Spenderkindern vorkommen, berühren viele der Fragen und Themen auch unsere eigenen Erfahrungen und zeigen, dass wir damit nicht alleine sind.

Leider gibt es das Buch derzeit noch nicht als deutsche Übersetzung. Da die DNA-Datenbanken jedoch auch in Deutschland immer mehr Teilnehmer bekommen, wird sich das Bedürfnis nach einem Buch, das diese Geschichten erzählt und Themen diskutiert, sehr bald auch in Deutschland zeigen.

  1. ich möchte an dieser Stelle nicht spoilern, aber eine Kurzfassung ihrer faszinierenden Geschichte hat Libby Copeland 2017 in einem Washington Post Artikel veröffentlicht, der derzeit leider nicht zugänglich ist. Eine Nacherzählung der Geschichte erschien in der Irish Times. []
  2. In meinen 23andme Resultaten werden zum Beispiel die Gegenden in Polen angezeigt, von denen ich weiß, dass dort meine Großväter geboren wurden. []
  3. So geschehen bei der demokratischen Senatorin und Präsidentschaftskandidatur-Bewerberin Elizabeth Warren []
  4. Die Bedenken scheinen mir aber eher nur auf die USA zuzutreffen: in Europa dürften Unternehmen solche illegal erhaltenen Daten nicht nutzen. []
  5. Yaniv Erlich, Tal Shor, Itsik Pe’er, Shai Carmi: Identity inference of genomic data using long-range familial searches, Science 09 Nov 2018: Vol. 362, Issue 6415, pp. 690-694. []
  6. Wie z. B. Den Fall des Golden State Killers, der über eine Recherche bei GEDmatch gelöst wurde. []

Rezension – She has her mother’s Laugh – The Powers, Perversions, and Potential of Heredity (Carl Zimmer)

Bei dem englischsprachigen Buch „She has her mother’s Laugh – The Powers, Perversions, and Potential of Heredity“ des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Carl Zimmer handelt es sich nicht um ein Buch über Spenderkinder oder Reproduktionsmedizin im engeren Sinne. Dargestellt werden die Grundlagen der Vererbung und wie sich bestimmte Gene auswirken, aber auch die Geschichte unseres Verständnisses von Vererbung und die modernen Möglichkeiten, in diese einzugreifen.

Das Thema Vererbung wiederum ist eng mit der Reproduktionsmedizin verbunden. Der Wunsch nach Kenntnis der eigenen Abstammung liegt in der Frage, welche Gemeinsamkeiten mit dem genetischen Vater oder der genetischen Mutter bestehen, was man geerbt hat. Aber auch der Wunsch nach dem „eigenen“ Kind und die Ansprüche an den „Spender“ oder die „Spenderin“ wurzeln in der Bedeutung, die Vererbung beigemessen wird.

Ich fand das Buch faszinierend und kann es wirklich empfehlen. Da es ein langes Buch mit sehr hoher Informationsdichte ist, möchte ich nur einige Aspekte erwähnen, die mich besonders beeindruckt haben:

Die Grundlagen der Vererbung werden gut erklärt. Interessant ist, dass die Bedeutung der Gene vor allem durch die Entdeckung von gewissen Krankheiten wie Phenylketonurie (PKU) erkannt wurde. Bei dieser absoluten wissenschaftlichen Evidenz habe ich mich erneut gefragt, wie es passieren kann, dass dennoch Reproduktionsmediziner behaupten können, der genetische Vater sei nicht wichtig. Besonders interessant: Nachdem Meiose die Chromosomen durcheinander gebracht hat, kann es passieren, dass die Eizelle einer Frau mehr DNA von ihrer Mutter enthält als von ihrem Vater oder umgekehrt. Meiose kann auch dazu führen, dass zwei Geschwister genetisch mehr miteinander verwandt sind als mit ihren anderen Geschwistern. Vollgeschwister teilen zwischen 61,7 und 37,4 % ihrer DNA. Noch bis 1945 entschieden Richter bei Vaterschaftsfeststellungen anhand des Aussehen des Kindes, danach konnte eine Vaterschaft zumindest anhand der Blutgruppen ausgeschlossen werden. Mütter haben nach einer Geburt DNA-Zellen ihrer Kinder in ihrem Blut und können diese auch an weitere Kinder weitergeben. Damit besitzt auch eine „Leihmutter“ eine genetische Verbindung zu ihrem Kind.

Bei der Geschichte der Wahrnehmung der Bedeutung von Vererbung fand ich beeindruckend, welche Bedeutung von Anfang an die Idee der Eugenik besaß, also durch Vererbung den Menschen besser zu machen bzw. Menschen mit unerwünschten Merkmalen aus der Vererbung auszuschließen. Nach der NS-Zeit mit der Einteilung in lebensunwertes Leben war dieser Gedanke zu Recht erst einmal verfemt, ist aber in der Reproduktionsmedizin in gewissen Maße wiederauferstanden. Es soll gewährt werden, dass der „Spenders“ oder die „Spenderin“ gesund sind und wünschenswerte Anlagen haben (wie musische oder sportliche Begabung). Während solche Erwägungen in Deutschland vermutlich wegen NS-Zeit nur sehr vorsichtig eine Rolle spielen dürfen, wird in den USA ganz offen damit geworben, dass man sich Spender aussuchen kann, die Filmstars ähnlich sehen. Auch in europäischen Nachbarländern wie Dänemark oder Spanien wird eine Katalogauswahl nach verschiedenen Merkmalen angeboten.

In dem Zusammenhang ist wissenswert, dass nach wie vor sehr unklar ist, in welchem Maße viele Merkmale überhaupt vererbt werden. Dargestellt wird dies an den relativ gut erforschten und nachvollziehbaren Faktoren Größe und Intelligenz. Diese werden auch von sehr vielen externen Faktoren (wie Ernährung) beeinflusst.

Am Ende werden die modernen Möglichkeiten der Beeinflussung von Genen (z. B. Mit CRISPR) und insbesondere das Embryoscreening dargestellt. Hier stellt sich erneut die Frage, welches Risiko die Menschheit mit einer solchen Technologie eingeht und auch, nach welchen Maßstäben wir in erwünschte und unerwünschte Gene einteilen.

Das Buch enthält sehr viele Informationen, aber es erklärt die meisten Informationen anhand von Geschichten und macht es daher gut lesbar. Für alle, die es noch genauer wissen oder nachlesen möchten, gibt es einen umfangreichen Literaturanhang.

Internationale Spenderkinderdelegation am 19. November bei UN-Kinderrechtskonferenz in Genf

Anlässlich des 30. Geburtstages der UN-Kinderrechtskonvention fand vom 18. bis 20. November in Genf eine große Konferenz statt. Besonders gefreut hat uns, dass auch eine Delegation von Spenderkindern aus verschiedenen Ländern dort die Möglichkeit hatte, in 45 Minuten zu verdeutlichen, wo in der Reproduktionsmedizin Kinderrechte verletzt werden. Die Präsentation bestand aus sieben Statements verschiedener Spenderkinder, in denen verschiedene Aspekte thematisiert wurden. Unsere belgische Schwesterorganisation hat Videomitschnitte der einzelnen Statements auf ihrer Homepage veröffentlicht. Einen Audiomitschnitt gibt es bei Youtube:

Präsentation der internationalen Spenderkinderdelegation bei der UN in Genf (Schweiz) am 19.11.2019

Konsens war, dass das Wohl der Kinder, das beste Interesse der Kinder, entscheiden sollte, welche Regeln und Grenzen der Reproduktionsmedizin gesetzt werden. Dies ist gegenwärtig in keinem Land der Fall. Notwendig wären internationale Regeln, die den Handel mit Keimzellen verbieten und die Rechte der Kinder sichern. Dazu gehört, dass die Kinder unbedingt aufgeklärt werden müssen und die Möglichkeit haben müssen, Kontakt zu ihrer biologischen und genetischen Verwandtschaft aufzunehmen.

Mehrere Spenderkinder sagten, dass sie – als sie noch nicht aufgeklärt waren – gespürt hätten, dass etwas in ihrer Familie „nicht stimmt“ und sie das Gefühl gehabt hätten, ihren eigenen Gefühlen nicht trauen zu können.

Die Kenntnis der (wahren!) medizinischen Krankheitsgeschichte und genetischer Verwandte kann sogar lebensrettend sein, wenn es um die richtige Diagnose seltener erblicher Krankheiten geht oder ein Spenderkind z.B. eine Knochenmarksspende benötigt. Fallberichte veranschaulichten, dass solche Situationen bereits eingetreten sind. Besonders perfide ist es, wenn selbst in solchen Fällen Informationen zurückgehalten werden und die Anonymität des genetischen Vaters höher geschätzt wird, als das Leben des Spenderkindes.

Zum Recht auf wahre Informationen über die eigene Herkunft gehört auch die Forderung, dass Abstammungsdokumente wahrheitsgemäße Angaben zu den leiblichen Eltern machen. Ein Spenderkind formuliert es so „I do not need a piece of paper to tell me to love the man who raised me.“

Vielen Spenderkindern ist der persönliche Kontakt zur biologischen/genetischen Familie wichtig, also auch zu weiteren Verwandten der genetischen Elternteile und natürlich zu Halbgeschwistern. Sehr viele Halbgeschwister zu haben, so dass es kaum möglich ist, zu allen eine persönliche Beziehung aufzubauen, erzeugt dabei einen unangenehmen Eindruck von Massenproduktion beim einzelnen Spenderkind. Außerdem wurde es als belastend erwähnt, nicht zu wissen, wie viele es überhaupt gibt.

Eindrücklich war auch die Schilderung eines Spenderkindes, das von seinem Vater schwer misshandelt worden war. Angesichts solcher Erfahrungen von Spenderkindern ist es naiv, wenn Menschen das angebliche Wohl von Spenderkindern damit begründen, dass ihre rechtlichen Eltern mal einen Kinderwunsch hatten.

Mindestens zwei der anwesenden Spenderkinder waren genetische Kinder des Reproduktionsmediziners, der ihre Mütter behandelt hatte. Einerseits handelt es sich um eine persönliche, ethisch-medizinische Grenzüberschreitung des Arztes. Die Tatsache, dass mehrere Ärzte, zum Teil vielfach, ethisch-moralische Grenzen überschritten, zeigt aber auch, wie wichtig es ist, die Reproduktionsmedizin nicht sich selbst zu überlassen, sondern zu regulieren und zu kontrollieren.

Jahresrückblick 2018

Wieder mehr Halbgeschwistertreffer durch DNA Tests

Erfreulicherweise registrieren sich immer mehr Spenderkinder in der von uns empfohlenen DNA-Datenbank Family Tree. Nachdem wir 2017 bereits mehr Halbgeschwistertreffer als in allen Jahren zuvor zusammen hatten, stellte 2018 mit 12 weiteren Treffern einen neuen Rekord auf. Wir haben mittlerweile etwa 25 Halbgeschwistergruppen (eheliche Kinder der genetischen Väter nicht mitgezählt), die aus 2 bis 9 Halbgeschwistern bestehen.

Außerdem konnten im Jahr 2018 8 Spenderkinder ihren biologischen Vater identifizieren. Vor allem die Ausweitung unserer Suche auf weitere DNA-Datenbanken wie Ancestry, 23andMe und MyHeritage führte zu mehreren weiteren Treffern. Erstmals erfuhren auch Spenderkinder in Deutschland erst durch Treffer mit Halbgeschwistern über DNA-Datenbanken von ihrer Entstehungsweise. Neu ist auch, dass erstmals in Deutschland ehemalige Samenspender lediglich über Verwandte identifiziert werden konnten, die sich in einer DNA-Datenbank eingetragen hatten. Besonders erfreulich und überraschend dabei war, dass einige unserer ältesten Mitglieder ihre genetischen Väter identifiziert haben.

Internetseite

Auf unserer Internetseite haben wir die Informationen zu DNA-Datenbanken erweitert und erklären dort auch, die Rohdaten welcher Tests sich bei welchen anderen DNA-Datenbanken importieren lassen. Die Rubrik „Die rechtliche Situation“ wurde mit den Änderungen durch das Samenspenderregistergesetz zum 1. Juli 2018 aktualisiert.

Öffentlichkeitsarbeit

Unsere Vorstandsmitglieder haben im Jahr 2018 bei verschiedenen Veranstaltungen als Gäste und auch als ReferentInnen teilgenommen:

  • Referentin beim Infoabend der Adoptionsvermittlungsstelle Fulda im März (Anne)
  • Teilnahme am Podiumsgespräch „Reproduktionsmedizin – Wessen Wünsche, welche Wirklichkeit?“ auf dem 101. Deutschen Katholikentag in Münster, 10. Mai 2018, organisiert vom Bundesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes e.V. (KDFB) und dem donum vitae Bundesverband e.V. (Sven)
  • Referentin bei der Fachveranstaltung „Familie im Wandel der Zeit“ des Netzwerks Frühe Kindheit und Entwicklung in der Stadt Osnabrück im Oktober (Anne)
  • Sachverständige bei öffentlicher Anhörung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages am 28. November zum Thema Kostenübernahme für Maßnahmen der künstlichen Befruchtung (Stina)
  • Herbsttagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung im November; Podiumsgespräch zum Thema „Familiengründung durch Reproduktionsttechnologie. Ethische Fragen, elterliche Verantwortung und kindliche Entwicklung“ (Sven)

Der Verein Spenderkinder positionierte sich erneut kritisch zur zum zweiten und dritten Mal in Deutschland durchgeführten Verbrauchermesse „Kinderwunsch-Tage“  und . Unterstützung bekamen wir durch die in Österreich neugegründete Initiative „Stoppt Leihmutterschaft“, einem Zusammenschluss von Experten und Expertinnen verschiedener Fachgruppen, der sich für ein weltweites Verbot von Leihmutterschaft einsetzt.

Kritisch äußerten wir uns auch zur Plakatwerbung der Erlanger Samenbank in Nordbayern, die mit Männern in Superheldenkostümierung für Samenspende warb. Die bildliche und verbale Darstellung verschleierte die Tragweite der Familiengründung zu dritt für alle Beteiligten und die Bedürfnisse der entstehenden Menschen. Hierzu gab Leonard im Juni der Regionalzeitung „In Franken“ ein Interview.

Weitere Medienbeiträge mit Mitgliedern unseres Vereins waren 2018:

  • Die Dokumentation von Julia Kaulbars mit Nicole und Jörg „Risiko Samenspende“ im Februar,
  • ein Beitrag zu Eizellspende und Leihmutterschaft im Aprilheft der Deutschen Hebammenzeitschrift,
  • ein Interview mit Claire für den Blog „Solomamapluseins“ im Oktober,
  • ein Beitrag im GEO-Magazin 12/2018, „Wie ich wurde, wer ich bin. Die neue Ahnenforschung“, für den ebenfalls Claire interviewt wurde.
  • Anknüpfend an die Herbsttagung 2017 der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung veröffentlichten Sven und Anne im zugehörigen Tagungsband jeweils einen Beitrag.1

Rechtliches
Zum 1. Juli 2018 trat das Samenspenderregistergesetz in Kraft. Es gibt nun ein zentrales Samenspenderregister in Deutschland, über das ab dem 1. Juli gezeugte Spenderkinder Auskunft über ihren genetischen Vater erhalten können. Das Gesetz ist ein guter Anfang und erfüllt eine langjährige Forderung unseres Vereins, es gibt aber noch einigen Nachbesserungsbedarf.

2016 und 2017 gewannen vier unserer Mitglieder Klagen gegen ein Reproduktionszentrum in Essen. Informationen über die genetischen Väter wurden aber immer noch nicht herausgegeben.

Gegen das „Netzwerk Embryonenspende e.V.“ fand vor dem Amtsgericht Dillingen und dem Landgericht Augsburg ein Strafverfahren gegen Verstoßes gegen das Embryonenschutzgesetz wegen der Verwendung von sogenannten Zellen im Vorkernstadium statt. Die beklagten Vorstandsmitglieder wurden vom Vorwurf der missbräuchlichen Verwendung von Fortpflanzungstechniken freigesprochen, allerdings nur wegen eines Rechtsirrtums, weil sie sich vorher lediglich (falsch) beraten lassen hatten. Damit ist jedoch geklärt, dass die Weiterkultivierung von Zellen im Vorkernstadium mit dem Ziel, sie einer anderen Frau einzusetzen als der Frau, von der die Eizelle stammt, verboten ist.

Ausblick auf das Jahr 2019

Alle DNA-Datenbanken hatten über Thanksgiving und in der Vorweihnachtszeit ihre Tests erheblich reduziert. Nach Berichten hat dies zu sehr vielen Bestellungen geführt, so dass wir gespannt auf neue Matches im Frühjahr 2019 sind.

  1. Meier-Credner, A. (2018). Familiengründung mit Samenzellen eines Dritten und ihre besonderen Herausforderungen. u. Riesel, S. (2018). Wie in ein fremdes Nest gesetzt. Erfahrungsbericht eines Spenderkindes. In Johne et al. (Hrsg.), Veränderung im psychoanalytischen Prozess – Entwicklung und Grenzen. (S. 306-315 u. 315-330). Herbsttagung 2017 Deutsche Psychoanalytische Vereinigung, Bad Homburg. Gießen: Psychosozial-Verlag. []