Radio-Diskussion bei SWR2 zum Thema „Die Fortpflanzungsmedizin und ihre Grenzen“ am 29, Oktober

Die Fortpflanzungsmedizin und ihre Grenzen“ war der Titel einer Diskussion am 29. Oktober bei SWR2 Forum. Moderiert von Doris Maull diskutierten Eva-Maria Bachinger, Autorin und Publizistin aus Wien, Prof. Dr. Beate Ditzen – Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg und Prof. Dr. Heribert Kentenich – Reproduktionsmediziner, Direktor des Fertility Centers Berlin.

Es wurden die in Deutschland bestehenden Verbote der Eizellvermittlung und Leihmutterschaft hinterfragt. Außerdem wurde das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften thematisiert und dass es deutlich verringert werden könnte, indem der Mutter nach In-vitro-Fertilisation nur ein Embryo übertragen wird.

Wir freuen uns, dass der SWR das Thema aufgegriffen hat und durch die Wahl der Gäste wirklich eine kontroverse Diskussion zustande kam. Weil es in öffentlichen Diskussionen schwer ist, thematisch in die Tiefe zu gehen – nachfolgend noch ein paar Gedanken zu den angesprochenen Aspekten:

Eizellvermittlung – keine Daten zum Erleben erwachsener Spenderkinder

Pro Eizellvermittlung wird angeführt, dass es keine Daten gebe, die darauf hindeuten, dass die soziale Mutter-Kind-Beziehung beeinträchtigt sei.

Die soziale Eltern-Kind-Beziehung ist jedoch nur ein Aspekt. Bisher gibt es keine Untersuchungen dazu, wie Menschen, die aus fremden Eizellen entstanden sind, ihre Entstehungsweise selbst und als Erwachsene erleben. Es gibt in entsprechenden Online-Foren Hinweise darauf, dass diese Menschen ihre Entstehungsweise und die Beziehung zu ihren rechtlichen und genetischen Elternteilen nicht so unproblematisch sehen, wie sie von BefürworterInnen der Eizellvermittlung dargestellt werden. Wir haben in einem extra Beitrag ethische Aspekte zu Samenvermittlung zusammengestellt. Vieles davon lässt sich auf Eizellvermittlung übertragen.

Leihmutterschaft – ein Kind kann kein Vertragsgegenstand sein!

Leihmutterschaft wird in der Diskussion mit Lebendorganspende verglichen. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass bei der Organspende Körperteile und keine Menschen weitergegeben werden.

Frau Bachinger bringt das Argument ein, dass es die Würde eines Menschen verletzt, wenn er Gegenstand eines Vertrages wird. Das ist auch bei nicht-kommerzieller Leihmutterschaft der Fall. Auch wenn kein Geld für die Übergabe fließt, wird ein Vertrag über ein Kind geschlossen.

Unerwähnt blieb die Tatsache, dass zwischen dem Kind und der austragenden Frau während der Schwangerschaft eine intensive zwischenmenschliche Beziehung entsteht. Diese Beziehung wird durch die absichtliche Trennung nach der Geburt ganz bewusst abgebrochen.

Gesellschaftlicher Wandel hat nicht verändert, wie ein Kind entsteht

In der Diskussion wird angesprochen, dass eine klare Eltern-Kind-Zuordnung notwendig sei, auch in „modernen“ Familienformen. Nach welchen Regeln die Zuordnung erfolgen sollte, wird nicht weiter ausgeführt. Ethisch böte es sich an, zu hinterfragen, wer mit welchem Recht für sich beanspruchen kann, Elternteil eines Kindes zu sein. Reicht es aus, sich ein Kind zu wünschen oder in einen Vertrag einzuwilligen? Welche Vor- und Nachteile hätte das? Ist die jeweilige Zuordnungsregel plausibel?

In diesem Zusammenhang lässt sich aus der Erfahrung von Spenderkindern ergänzen, dass sich vor allem gezeigt hat, dass die entstandenen Menschen nicht möchten, dass jemand anders für sie bestimmt, wer ihre Eltern sein sollen und genetische Elternteile ausgrenzt. Bei allem Wandel hat sich die stoffliche Entstehung eines Menschen nicht geändert: Jeder Mensch entsteht aus einer Ei- und einer Samenzelle.1

Mehrlingsrate reduzieren – Single-Embryo-Transfer ist erlaubt

In Deutschland ist die Mehrlingsrate in der Reproduktionsmedizin verglichen mit anderen Ländern recht hoch. Das stellt ein gesundheitliches Risiko für die Mutter und insbesondere für die Kinder dar. Um die Mehrlingsrate zu reduzieren, wird vorgeschlagen, dass aus allen kultivierten Embryonen derjenige ausgewählt werden können soll, von dem der Arzt die besten Entwicklungschancen vermutet. Übrige Embryonen könnten in späteren Zyklen eingepflanzt werden, wenn es zu keiner Schwangerschaft kam oder die Frau ein weiteres Kind austragen möchte.

Wie auch in der Diskussion angesprochen, ist es jedoch ethisch zu hinterfragen, ob eine menschliche Auswahl der einzupflanzenden Embryos zu befürworten ist.

Es könnte außerdem überlegt werden, wie es wohl vom Kind erlebt wird, wenn es aus einem „erfolgversprechenden“ Embryo entstanden ist oder aber wenn es z.B. als weiteres Kind geboren wird und weiß, dass es als Embryo nicht „erste Wahl“ war.

Unerwähnt blieb, dass es bereits jetzt möglich ist, der Mutter einen einzelnen Embryo einzupflanzen. Das reduziert jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau in dem Zyklus schwanger wird.

Fazit

Die in Deutschland bestehenden Grenzen der Reproduktionsmedizin sind durchaus zu rechtfertigen. Dazu ist es allerdings erforderlich, die entsprechenden Argumente auch wahrzunehmen. Solange die Erzeugung von Menschen ausschließlich als (Reproduktions-)„Technologie“ und das Austragen von Menschen als beziehungslose Dienstleistung betrachtet wird, gelingt das vermutlich nicht.

  1. Abgesehen von einzelnen Ausnahmen, in denen z.B. die Mitochondrien einer weiteren Frau beteiligt sind. []

Brittas Geschichte bei 95.5 Radio Charivari

Radio Charivari hat Münchner aufgerufen, ihre bewegensten Geschichten zu erzählen. Die Geschichte von Spenderkinder-Mitglied Britta wurde am 28. Oktober 2019 ausgestrahlt und kann auf der Seite des Senders und über unsere Seite leicht variiert nachgehört werden:

Die meisten Spenderkinder kostet es große Überwindung, ihre eigene Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen. Brittas Geschichte ist in 5 Minuten knapp gefasst und erreicht hoffentlich viele Menschen. So wie Britta suchen nicht alle Spenderkinder sofort nach ihrem leiblichen Vater. Es gehört einiges an Zuversicht dazu, sich auf die Suche nach der sprichwörtlichen „Nadel im Heuhaufen“ zu machen.

Brittas Geschichte zeigt auch, dass, nur weil Menschen sich ein Kind wünschen, nicht automatisch sichergestellt ist, dass sie gut für ein Kind sorgen werden. Es gibt viele Gründe, sich ein Kind zu wünschen und kaum jemand kann vorher abschätzen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Ein Kind zu haben, das einen weiteren genetischen Elternteiln mitbringt, obwohl man vielleicht selbst gerne auch leiblicher Elternteil geworden wäre, ist eine große Herausforderung – auch, oder vielleicht sogar erst recht, für Wunscheltern.

Der Titel „Ich habe 100 Geschwister“ ist etwas irreführend, Britta hat sich auf die Suche nach ihren Geschwistern gemacht, sie weiß aber nicht, wie viele es sind. Auch wenn wir hoffen, dass es in der Regel weniger als 100 sind, wissen wir, dass es auch Fälle gibt, in denen eine solche Anzahl von Kindern durch einen Mann im Rahmen ärztlicher Samenvermittlung erzeugt wurde. Bislang gibt es leider keine rechtsverbindliche Obergrenze.

Den DNA-Test bieten wir natürlich nicht als Verein an, sondern wir empfehlen verschiedene DNA-Tests. Die meisten unserer Mitglieder sind in der DNA-Datenbank FamilyTreeDNA registriert.

*******************Achtung Spoiler***********************

Das unglaubliche Happy-End der Geschichte kann allen Spenderkindern Mut machen, dass es auch sympathische ehemalige „Samenspender“ gibt, die zu den Kindern, die durch sie entstanden sind, stehen.

Auf der Seite des Radiosenders kann auch ein Beitrag von Brittas genetischem Vater angehört werden.

 

Elterngruppe Spenderkinder – Austauschmöglichkeit für Eltern älterer/erwachsener Spenderkinder

Im September 2019 haben wir eine Email-Gruppe gegründet, in der sich Eltern von älteren oder bereits erwachsenen Spenderkindern austauschen können.

Viele von uns Spenderkindern schätzen den Austausch unter Spenderkindern sehr. Wir haben dabei gemerkt, dass sich die Themen in den unterschiedlichen Lebensphasen unterscheiden. Mit der Gruppe möchten wir auch Eltern von älteren Spenderkindern einen Austausch mit anderen Eltern anbieten, da sich auch ihre Themen von den Themen der Eltern mit jüngeren Kindern unterscheiden.

Die Gruppe bietet die Gelegenheit, sich mit Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, auszutauschen ohne das Gefühl zu haben, auf jemanden Rücksicht nehmen oder sich rechtfertigen zu müssen. Im Vordergrund stehen die eigenen Erfahrungen und aktuelle Themen als Familie oder Elternteil. Der Austausch findet per Email über einen Verteiler statt, an dem Eltern – sofern es gewünscht wird – auch gerne anonym ohne ihren Klarnamen zu nennen, teilnehmen können.

Auch Eltern von Kindern, die bis jetzt noch nicht aufgeklärt sind, sind herzlich und vorbehaltlos willkommen.

Haben Sie Interesse, dann melden Sie sich gerne unter info(at)spenderkinder.de und teilen Sie uns bitte Ihren Namen und Ihre Email-Adresse mit. Außerdem müssten wir wissen, ob Sie gerne offen oder anonym im Verteiler aufgenommen werden möchten. Während wir auf unserer Internetseite das „Sie“ verwenden, bevorzugen wir für die Gruppe das „Du“.

Svens Geschichte in der Radiosendung „Einhundert“ bei Deutschlandfunk Nova

In der Radiossendung „Einhundert“ bei Deutschlandfunk Nova geht es am 20. Oktober um das Thema Identität. Spenderkinder-Mitglied Sven erzählt, wie er mit 34 Jahren seinem Gefühl nachging und herausfand, dass er in der ehemaligen DDR durch ärztliche Samenvermittlung entstand, wie er seine familiäre Situation als Kind erlebt hat und wie er sie heute erlebt.

Die Sendung kann als Podcast nachgehört werden und ist auch zum Download verfügbar.

Svens Geschichte macht deutlich, wie facettenreich diese Familienform ist. Nicht-aufgeklärte Spenderkinder können trotzdem Irritiationen in der Familie wahrnehmen, die sie aber nicht einordnen können, weil sie gar nicht auf die Möglichkeit der Samenvermittlung kommen. Die Klärung wird daher oft auch als Erleichterung wahrgenommen, weil der Mensch seinen Gefühlen wieder trauen kann.

FDP-Veranstaltung am 16. Oktober 2019 „Auf dem Weg zur modernen Fortpflanzungsmedizin“ – Einigkeit für Liberalisierung statt echtem Diskurs?

Am Mittwoch, den 16. Oktober, hat die FDP zur Veranstaltung „Auf dem Weg zur modernen Fortpflanzungsmedizin“ eingeladen. Dabei soll es laut Ankündigung um die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen um u.a. Eizellvermittlung, Embryonenadoption und Leihmutterschaft gehen, um die Grenze zwischen medizinisch Machbarem und ethisch Vertretbarem auszuloten. Der Verein Spenderkinder begrüßt den Ansatz. Auf dem Podium sind jedoch lediglich VertreterInnen derjenigen Interessensgruppen zur Diskussion eingeladen, die von einer Legalisierung der fraglichen Erzeugungsweisen profitieren würden bzw. von denen eine positive Haltung hinsichtlich einer weitergehenden Legalisierung zu erwarten ist. Eine echte Diskussion grundlegender ethischer Probleme ist – anders als die Ankündigung andeutet – offenbar nicht erwünscht. Wir haben die FDP auf unsere Wahrnehmung der Zusammensetzung des Podiums sowie erneut auf unsere Kritikpunkte an den zu diskutierenden Formen der Erzeugung von Menschen und Familien aufmerksam gemacht.

Aus unserem Schreiben an die Abgeordneten, die an der Veranstaltung beteiligt sind:

„Bereits an der Stellungnahme der Leopoldina in diesem Jahr hatten wir kritisiert, dass die von Spenderkindern erlebten Schwierigkeiten nicht ernstgenommen werden und Familiengründung mit Samen und Eizellen Dritter und Vierter zum Vorteil der Reproduktionsmedizin und Wunscheltern beschönigt dargestellt wird. Unsere Gegenstellungnahme hatten wir der FDP im Juli 2019 zukommen lassen.

Doch auch im Positionspapier von Frau Helling-Plahr blieb eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten an Eizellvermittlung und Leihmutterschaft aus und kamen die Interessen und Gefühle der so gezeugten Kinder nicht vor.

Diese Darstellung passt zum wirtschaftsliberalen Profil der Partei. Reproduktionsmedizin ist ein lukrativer Geschäftszweig. Sollte es wirklich um eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung gehen, haben wir nochmal zentrale Argumente zusammengestellt:

1. Fortpflanzungsfreiheit ist ein Abwehrrecht und beinhaltet keinen Anspruch, Eltern zu werden
Bei Eizellvermittlung, Embryonenadoption und Leihmutterschaft handelt es sich um Verfahren, bei denen Dritte zur Realisierung des eigenen Kinderwunsches herangezogen werden – mit einschneidenden Auswirkungen auf diese und die entstehenden Kinder.

2. Kinder entstehen aus Ei- und Samenzelle
Die Ehe für alle hat nichts daran geändert, wie Kinder entstehen. Die Menschen, von denen sie stammen, sind unabänderlich ihre genetischen Eltern. Die Kinder haben ein Recht darauf, zu erfahren, wer ihre genetischen Eltern sind und viele Kinder möchten sie früher oder später kennenlernen. Darauf sollten sich alle von Anfang an einstellen.

3. Das Verbot der Eizellvermittlung ist begründet, Samenabgabe und Eizellabgabe unterscheiden sich wesentlich
Es wird aus Sicht des Vereins Spenderkinder zu Recht befürchtet, dass die Spaltung zwischen biologischer und genetischer Mutterschaft belastend für das Kind sein kann. Das Kind kann nicht eindeutig sagen, wer die Mutter ist, weil beide – auch im biologischen Sinn – existenziell zur Entstehung des Kindes beigetragen haben. Bei Samenvermittlung kann das Kind dagegen eindeutig zwischen sozialer und genetischer Vaterschaft unterscheiden. Auch für die Frau, von der die Eizellen stammen, bestehen Risiken: sie muss sie sich Hormone spritzen und einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Medizinethisch handelt es sich um einen fragwürdigen drittnützigen Eingriff. Aus unserer Sicht muss unbedingt verhindert werden, dass ältere, wohlhabendere Frauen ihren Kinderwunsch zu Lasten der Gesundheit junger und armer Frauen realisieren.

4. Nicht-kommerzielle Leihmutterschaft bedarf keiner Regelung, keine vorgeburtlichen Verträge über Kinder (Menschen)
Nach geltender Rechtslage kann eine Frau ein Kind bekommen und es nachher von anderen, von ihr ausgesuchten Personen, adoptieren lassen. Entscheidend ist, dass sie dazu nicht verpflichtet ist. Die Mutter hat nach der Geburt eine Bedenkzeit. Das schützt die Beziehung zwischen Mutter und Kind und auch die Würde des Kindes. Wenn vor der Geburt ein Vertrag darüber geschlossen wird, wer das Kind nach der Geburt bekommt, wird damit ein Vertrag über das Kind geschlossen. Das Kind wird damit als handelbares Objekt angesehen.

Für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit kritischen Aspekten zu Eizellvermittlung, Embryonenvermittlung und Leihmutterschaft:

Stellungnahme des Vereins Spenderkinder zur Stellungnahme der Leopoldina
Stellungnahme des Vereins Spenderkinder zu Eizellvermittlung
Stellungnahme des Vereins Spenderkinder zum Thema „Embryonenspende“ anlässlich des Fachgesprächs am 28. August 2019 im Bundesministerium für Gesundheit

Wie gut geht es Spenderkindern wirklich?

In vielen Artikeln über Samenspenden oder den Forderungen nach der Zulassung von Eizellspenden oder sogar Leihmutterschaft in Deutschland wird darauf verwiesen, dass Studien belegten, dass die Kinder sich gut entwickeln würden und keine psychologischen Auffälligkeiten zeigen würden. Meistens werden als Quelle die Studien um ein Team von Susan Golombok angegeben.1

Damit sollen eher schematisch Bedenken entkräftet werden, dass eine Zeugung mit Keimzellen Dritter zu Belastungen für die entstehenden Kinder führen könnte. Das scheint oft nicht zu der schönen Erzählung zu passen, dass es in modernen Familien ausreiche, dass ein Kind sehr gewollt wurde.

Die Aussagekraft dieser Studien ist jedoch begrenzt – was in dem Berichten hierüber (vielleicht auch ergebnisorientiert) leider untergeht. Was die Studien zeigen, ist lediglich, dass Familien, die mit den Geschlechtszellen einer dritten Person entstanden sind, „gut funktionieren“, die Kinder im Durchschnitt eine gute soziale Bindung zu ihren Wunscheltern aufweisen sowie sozial und emotional altersgemäß entwickelt („well adjusted“) sind. Das zeigt, dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung auch ohne genetische Verbindung möglich ist und dass eine Zeugung mit den Geschlechtszellen einer dritten Person nicht zu einer Entwicklung des Kindes führt, die sich merklich von der anderer Kinder unterscheidet.

Kritisch an diesen Studien zum angeblichen Wohlbefinden von Spenderkindern ist einerseits, dass sie auf Stichproben beruhen, die ziemlich wahrscheinlich nicht repräsentativ sind für Familien, die mit Keimzellen Dritter gezeugt wurden z.B. nur Kinder teilnehmen, deren Eltern eingewilligt haben und ein bestimmtes Ergebnis erzielen wollen, das Untersuchungsinhalt der Studie ist.2 Es wurde nur das äußerlich wahrnehmbare Verhalten der Kinder beobachtet bzw. allgemeine Fragen gestellt. Nur in wenigen Fällen, in denen die Kinder aufgeklärt waren und die Eltern eingewilligt hatten, wurden den Kindern auch Fragen gestellt, wie sie ihre besondere familiäre Situation wahrnehmen und welche Rollen die Beteiligten einnehmen.

Studien können Loyalitätskonflikt und zunehmende emotionale Differenzierung kaum wiedergeben

Kinder, für die ihr genetischer Vater/ihre genetische Mutter eine Bedeutung hat, haben einen ernstzunehmenden Loyalitätskonflikt. Die Kinder wachsen in einem Umfeld auf, das ihnen durch Begriffe (z.B. „Vater“/“Mutter“/“Spender“/“Spenderin“) und Präsenz (wer ist sichtbar, wer nicht?) eine Realität und Erwartungen vermittelt. Es ist fraglich, ob ein Kind, das auch an seinen genetischen Vater/seine genetische Mutter denkt, sich traut, dies gegenüber Forschern darzustellen, wenn es davon ausgeht, dass seine rechtlichen Eltern, mit denen es täglich zu tun hat und die es mag und nicht traurig stimmen möchte, davon erfahren. Dieser Konflikt besteht im Übrigen auch für nicht-aufgeklärte Kinder, wenn sie für sich unerklärlicherweise weniger Nähe zu einem Elternteil empfinden, als sie meinen, dass dieser von ihnen wünscht. Dies kann besonders belastend für das Kind sein, wenn es keine äußere Erklärung hat, sondern die Gründe bei sich selbst sucht.

Die Studien liefern keine Erkenntnisse, wie es den „Kindern“ im Laufe ihres Lebens mit ihrer Entstehungsweise geht. Für das Kind stellen sich mit zunehmender emotionaler Ausdifferenzierung jedoch möglicherweise die Fragen „Wie lebt es sich damit, dass ich einen anderen genetischen Vater bzw. eine andere genetische Mutter und möglicherweise Halbgeschwister habe? Weswegen hat er bzw. sie mich abgegeben? Ist er bzw. sie an mir interessiert? Würde ich sie stören, wenn ich Kontakt aufnehme? Welchen Platz kann ich in ihrer/seiner sozialen Familie einnehmen?“ Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungen, die Spenderkindern mitgegeben werden. Jedes unserer Mitglieder hat schon mehrere Male den Hinweis gehört, dass es berücksichtigen müsse, dass es die Familie seines genetischen Vaters gefährde, wenn es Kontakt aufnähme und dass es verstehen müsse, dass es für seinen genetischen Vater ganz schrecklich wäre, wenn es sich meldet. So absurd diese Forderungen eigener Geringschätzung sind, sie sind allgegenwärtig.

Was bedeutet „gut entwickelt“ (well adjusted)? 

Was bedeutet es aber, gut entwickelt zu sein? Dass Spenderkinder keine offensichtlichen Normabweichungen aufweisen, wird häufig gleichgesetzt mit der Aussage, dass Spenderkinder ihre Entstehungsweise akzeptieren oder sogar begrüßen. Das würde aber bedeuten, unter „guter Anpassung“ eine unkritische Haltung zu verstehen, die elterliche und gesellschaftliche Erwartungen nicht hinterfragt.3

Neben der erwähnten methodischen Kritik stellen Wissenschaftler (und diejenigen, die sie zitieren) in qualitativer Forschung möglicherweise nicht die richtigen Fragen, um „Entwicklung“ beurteilen zu können. So können Kinder altersgemäß gut entwickelt sein und sich trotzdem durch ihre Entstehungsgeschichte belastet fühlen, zum Beispiel weil sie ihre Halbgeschwister nicht kennen oder wenig Kontakt zu ihnen haben.

Wie würde man es einordnen, wenn Kinder ihre rechtlichen Eltern lieben, gute Ergebnisse in der Schule erzielen und Freundschaften pflegen – aber sich dennoch unwohl mit dem Gedanken fühlen, dass sie die Identität ihrer genetischen Eltern nicht kennen oder dass sie viele unbekannte Geschwister haben? Oder damit, dass sie damit rechnen müssen, dass ein genetischer Elternteil kein Interesse an ihnen hat? Sind diese Kinder immer noch gut entwickelt? Viele Spenderkinder sagen, dass sie in ihrer Kindheit den Test, ob sie gut angepasst sind, erfolgreich bestanden hätten – aber dass sie zutiefst beunruhigt von ihrer Entstehungsgeschichte oder dem Umgang ihrer Eltern damit waren. Und auch wenn ein Kind sozial gut angepasst ist, kann es trotzdem Zugang zur Identität der genetischen Eltern wollen oder ethische Bedenken gegenüber der Reproduktionsmedizin haben.4

Der Nebel (the fog)

Hinzu kommt, dass für Spenderkinder ihre Entstehungsweise häufig erst im Erwachsenenalter an Bedeutung gewinnt, wenn sie sich zunehmend emotional von ihrer Herkunftsfamilie lösen. Kinder sind oft noch stark geprägt von der Sichtweise ihrer Eltern, welche Gefühle und Gedanken sie haben sollen, und haben oft auch ein Bedürfnis, ihre Eltern vor negativen Gefühlen zu schützen. Insbesondere bei einer Zeugung mit den Geschlechtszellen Dritter ist die Sichtweise der Kinder für die rechtlichen Eltern besonders wichtig, da sie durch die Akzeptanz dieser Familienform durch die Kinder emotional als Eltern legitimiert werden.

Adoptierte sprechen von einem Anpassungsmechanismus, den sie als „Nebel“ bezeichnen: wenn Adoptierte (und zum Teil auch deren Geburtseltern) glauben und ausdrücken, dass Adoption wunderbar oder problemlos sei. Erst wenn sie sich aus diesem Nebel herausbewegen, können sie das Trauma und die besonderen Belastungen der Adoption adressieren und verarbeiten.5

Erwachsene Spenderkinder berichten Ähnliches:6

Ich wusste es schon immer, aber erst als ich als Erwachsene Erfahrungsberichte anderer Spenderkinder gelesen habe, erkannte ich, dass ich das Recht hatte, verletzt, wütend und traurig zu sein. (Courtney Tucker)

Ich wusste schon immer, dass meine Mutter mich bewusst alleine bekommen hat. Ich war immer neugierig, aber wusste nicht, dass es möglich war oder dass es andere gab, die genauso gezeugt wurden – bis ich 17 war und eine Fernsehshow über Spenderkinder und das Donor Siblings Registry sah. Das öffnete komplett meine Augen und ich erkannte, wie kaputt alles war. (Lindsay Boyce)

Ich habe es mit 22 Jahren erfahren. Zu dem Zeitpunkt gab es niemanden in meinem Leben, der mir helfen konnte meine Gefühle zu benennen. Ich fühlte mich hilflos, und das Gefühl mochte ich nicht, daher habe ich versucht es so viel wie möglich herunterzuschlucken und zu vergessen.  Rückblickend habe ich versucht, durch Verdrängung zu verarbeiten. Erst als über zehn Jahre später DNA Tests realistisch erschienen und ich anfing, über die erfolgreichen Suchen anderer Spenderkinder zu lesen, habe ich mir Gefühle erlaubt. Es fühlte sich auch an, als wäre es respektlos und disloyal gegenüber meinem Dad, zu suchen, neugierig oder aufgebracht zu sein oder überhaupt irgend etwas anderes als dankbar, and ich wollte von mir selbst nicht als schlechte Tochter oder undankbar denken, insbesondere angesichts der unidentifizierbaren Gefühle, die ich unter der Oberfläche befürchtete. (anonym)

Ich wusste seit ich 9 bin, dass ich ein Spenderkind bin. Meine Eltern sagten mir, dass mein Vater mein Vater sei und mich lieben würde, und dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Sie waren nicht dagegen, dass ich etwas über meinen genetischen Vater herausfinde, aber ich äußerte nie Interesse. Erst als ich 25 war und in meiner ersten ernsthaften Beziehung, hörte ich einen Podcast, dass Menschen ein Recht auf Zugang zu ihrer DNA haben. Und auf einmal war es mir wichtig. Ich glaube es wurde immer wichtiger für mich, als ich mich auf die Suche machte und zunächst nicht die Antworten finden konnte, die ich haben wollte. (anonym)

Ich habe es schon mein ganzes Leben lang gewusst, aber es war erst im letzten Jahr, dass ich angefangen habe, zu entdecken, was es bedeutet ein Spenderkind zu sein. Seitdem jemand den „Nebel“ erwähnte und ich angefangen habe, darüber zu lesen, habe ich mich ernst genommen gefühlt, als hätte ich die Erlaubnis, mich auf diese Reise zu begeben. Ich bin bei einer lesbischen Mutter aufgewachsen und als Kind habe ich das Gefühl gehabt, dass es meine Verantwortung ist, jegliche Fragen oder Vorurteile zu vermeiden, dass meine Zeugungsart keine gute Sache sein könnte. Als müsste ich beweisen, dass ich nicht anders als alle anderen war, gut angepasst und dass mir nichts fehlt. Ich habe Leuten unzählige Male erzählt, dass ich keinen Vater habe und auch keinen brauche. (anonym)

Gut angepasst, aber kritisch

In Studien zu erfassen, wie es Spenderkindern wirklich geht, ist bereits methodisch äußerst komplex, insbesondere wenn junge Spenderkinder untersucht werden sollen. Abgesehen davon müssen aber sogar allgemeine Zufriedenheit und Wut über die eigene Entstehungsweise oder z.B. das Desinteresse des genetischen Vaters oder der genetischen Mutter keine Gegensätze darstellen, sondern können nebeneinander existieren. Fast alle unsere Mitglieder stehen mitten im Leben, sind beruflich erfolgreich, haben Freunde, sind in Beziehungen und haben zum Teil selbst Kinder. Selbst wenn Spenderkinder also gut funktionierende Mitglieder der Gesellschaft sind, kann das kein Argument sein, um diese Erzeugungsweise von Menschen zu legitimieren. Viele Spenderkinder hinterfragen diese Form der Familiengründung kritisch.

Es gibt keine Möglichkeit sicherzustellen, dass ein Kind die Zeugung mit den Keimzellen einer dritten Person okay finden wird, Reproduktionsmedizin befürworten oder glücklich über die Zeugungsart sein wird. Kritisch gegenüber der Zeugung durch „Spender“ zu sein ist nicht das Gegenteil davon, gut angepasst zu sein.3

Wir wünschen uns, dass in der Diskussion und medialen Berichterstattung die Gefühle von erwachsenen Spenderkindern ernst genommen werden – und nicht damit abgebügelt werden, dass wir nicht psychopathologisch auffällig sind. Wir wünschen uns auch, dass gesellschaftliche Erwartungen an Spenderkinder, wie z.B. dass sie besonders dankbar sein sollten oder verstehen sollten, dass ihre genetischen Väter kein Interesse an ihnen haben, hinterfragt werden. Eine ehrliche Berichterstattung beinhaltet, dass die Zeugung mit Geschlechtszellen Dritter das entstehende Kind in eine schwierige Familiensituation bringt, weil es die eigenen Gefühle und die der Eltern hinsichtlich sozialer und genetischer Elternschaft miteinander vereinbaren muss und dass sich dies belastend auf das entstehende Kind auswirken kann.

  1. z.B. Golombok, S., Blake, L., Casey, P., Roman, G., &Jadva, V. (2013). Children Born Through Reproductive Donation: A Longitudinal Study of Psychological Adjustment. Journal of Child Psychology and Psychiatry, and Allied Disciplines, 54(6), 653–660.; Blake, L., Casey, P., Jadva, V. &Golombok S. (2013). ‘I Was Quite Amazed’: Donor Conception and Parent–Child Relationships from the Child’s Perspective. Children & Society, 28(6), 425-437.; Murray, C.,MacCallum, F. &Golombok, S. (2006). Egg donation parents and their children: follow-up at age 12 years. Fertil Steril, 85(3), 610–618. []
  2. Familien mit erheblichen familiären Problemen werden vermutlich selten an solchen Untersuchungen teilnehmen. []
  3. Rzeka – Why No One Can Say, “The Kids Are Alright.” [] []
  4. Rzeka – Why No One Can Say, “The Kids Are Alright.” []
  5. Howtobeadopted – Six things I have learned since coming out of the adoption fog ; Diskussion im Adoptionsforum adoption.com; This Adoptee Life []
  6. Die Zitate stammen aus einer Diskussion auf der Facebook Gruppe „We are donor conceived“ und wurden mit Zustimmung der UrheberInnen veröffentlicht und auf Deutsch übersetzt. []

Fachgespräch Embryonenspende im Gesundheitsministerium am 28. August 2019

Am Mittwoch, den 28. August, hat der Verein Spenderkinder an einem Fachgespräch im Bundesministerium für Gesundheit zum Thema „Embryonenspende“ mit dem Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn teilgenommen. Wir hatten vorab eine Stn des Vereins Spenderkinder zu Embryonenadoption August 2019 eingereicht.

Außer uns nahmen teil:

Frank Plesse, Ministerialrat des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege,

Dr. med. Ulrich Hilland, Vorsitzender des Bundesverbands reproduktionsmedizinischer Zentren,

Dr. Petra Thorn und Prof. Dr. Jochen Taupitz (beide Mitglieder der Arbeitsgruppe der Leopoldina, die Anfang Juni die umstrittene Stellungnahme „Fortpflanzungsmedizin in Deutschland – für eine zeitgemäße Gesetzgebung“ veröffentlicht hatte) sowie

Hans-Peter Eiden, Gründer des Netzwerks Embryonenspende e.V.

Damit standen vier der sechs Teilnehmenden der Reproduktionsmedizin nahe. Das bayerische Staatsministerium wurde vermutlich eingeladen, weil die bayerischen Staatsanwaltschaften gegen das Netzwerk Embryonenspende vorgegangen sind. Interessant an dem Gespräch war, dass selbst zwischen den reproduktionsmedizin-freundlichen VertreterInnen sehr umstritten war, welche Eizellen genau nach der geltenden Rechtslage vermittelt werden dürfen. In dem Gespräch wurde auf jeden Fall deutlich, dass regelmäßig überprüft werden sollte, ob die bestehenden Regeln in der Reproduktionsmedizin eingehalten werden.

Wir freuen uns, dass sich das Gesundheitsministerium mit dem Thema beschäftigt und uns eingeladen hat und hoffen, dass die Forderung des Vereins Spenderkinder erfüllt wird, auch Embryonenadoption rechtlich zu regeln und hierbei die Perspektive der Kinder entscheidend zu berücksichtigen.

Bücher zur Aufklärung von Spenderkindern über ihre Entstehungsweise

Unserer Ansicht nach sollten Spenderkinder von Geburt an im Wissen um ihre Entstehungsweise und Herkunft aufwachsen. Aufklärung verstehen wir daher als einen Prozess von Anfang an – und nicht als einen Zeitpunkt, zu dem das Spenderkind die Wahrheit erfährt. Für Spenderkinder sollte es nie eine Zeit geben, in der sie nicht von ihre Entstehungsweise wussten. Aufklärung sollte daher kein einmaliges Gespräch sein – sondern sie sollte immer wieder Thema sein und auch von Eltern aktiv zum Thema gemacht werden (denn es gibt Kinder, die würden nie fragen). Mehr zum Thema Aufklärung haben wir in einem eigenem Beitrag zusammengetragen.

Für die Aufklärung braucht es eigentlich kein Buch: Entscheidend ist, dass die Eltern selbst erstmal Worte für sich finden und üben, über das Geschehen zu sprechen. Wenn sie das untereinander besprechen können, können sie es auch ihrem Kind erklären.

Bücher können aber den Eltern bei der Aufklärung helfen, denen es noch schwer fällt, ihre Geschichte in eigene Worte zu fassen. Aus unserer Sicht gibt es kein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch für Kinder speziell zur Familiengründung mit Hilfe eines oder einer Dritten (oder „Spenders“), da sie sehr elternzentriert geschrieben sind.Fast alle versuchen mehr oder weniger ausdrücklich, die Bedeutung des genetischen Vaters oder der genetischen Mutter zu minimieren. Meistens wird er nur als ein „anderer Mann“ oder ein „netter Mann“ erwähnt (bzw. in dem Buch über Eizellspende als „nette Frau“). Sicher ist es immer noch besser, mit diesen Büchern über die Samenspende zu sprechen als gar nicht, aber wir würden uns Bücher wünschen, die auch dem genetischen Elternteil einen legitimen Platz einräumen. Uns gefallen aber viele der allgemeineren Bücher zu Sexualaufklärung und Vererbung, die sich als Anlass anbieten, die eigene Geschichte locker einzubinden.

Wir möchten einige der Bücher vorstellen – auch diejenigen, die wir für weniger empfehlenswert halten, weil sie von anderen Stellen regelmäßig empfohlen werden.

I. Bücher, die wir für empfehlenswert halten:

Wie entsteht ein Baby – ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind (Cory Silverberg)

Das Buch „Wie entsteht ein Baby“ von Cory Silverberg legt den Fokus der Aufklärung auf Ei und Samenzelle und nicht auf die Menschen selbst. Es erzählt keine richtige Geschichte, sondern spricht eher von Themen und stellt Fragen. Es wird von Menschen mit Gebärmutter gesprochen, von Menschen mit Eizellen oder Samenzellen, die Geschichten enthalten und von Menschen, die sich auf das Baby gefreut haben. So können verschiedene Familienformen und verschiedene Entstehungsgeschichten und Geburten selbst angepasst werden – weil bei allen Menschen eines gleich ist: sie entstehen aus Ei- und Samenzelle. Und es fragt nach Menschen, die dabei geholfen haben, dass die Ei- und die Samenzelle zusammen kamen und nach Menschen, die glücklich waren, dass ausgerechnet dieses Kind dabei entstanden ist.

Das Buch enthält starke Farbkontraste und ist modern gezeichnet. Das gefällt vielleicht nicht jedem (oder manchen deswegen umso mehr). Thematisch ist es aus unserer Sicht aber gut gelungen, weil es vielfältig ist und Platz für jede Form von Familie lässt, ohne dass Homosexualität, „Samenspende“, Adoption oder ähnliches erwähnt werden.

Alles Familie (Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl)

Unter dem Motto, das jede Familie einzigartig ist, stellt das mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Buch „Alles Familie“ unterschiedliche Verwandtschaftsbeziehungen und Familienkonstellationen kindgerecht vor, begleitet von Zeichnungen im Comic-Stil. Es kommen vor: Großfamilien, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Scheidungsfamilien, Adoption, Pflegekinder, verwaiste Kinder. Es geht auch um Vererbung und was Familie bedeutet (besondere Nähe, aber auch regelmäßig Streit). Über eine Reproduktionsklinik vermittelte Samen- oder Eizellen kommen nicht vor, aber eine Co-Parenting Familie mit zwei lesbischen und zwei schwulen Eltern. Hieran kann man zum Beispiel anknüpfen und dem Kind erklären, dass es bei ihm so ähnlich war, weil Mama und Papa auch nicht zusammen ein Kind bekommen konnten und deswegen die Spermien von einem anderen Mann genommen haben. Vom Alter her funktioniert das Buch aber frühestens ab vier, da es relativ viel Text beinhaltet.

„Meine ganze Familie: Was den Urmenschen und mich verbindet. Alles Wichtige über Generationen“

Das Buch „Meine ganze Familie“ handelt von Abstammung, Herkunft, Vererbung und Evolution und inwiefern wir alle ein bisschen miteinander verwandt sind. Es ist vom Stil her sehr ähnlich zu „Alles Familie“ und eignet sich ebenfalls gut zur Anknüpfung, dass ein Spenderkind Merkmale von seinen genetischen Eltern erbt, andere Sachen wie Traditionen oder Kultur aber sozial vermittelt werden.

II. Bücher, die wir nur eingeschränkt für empfehlenswert halten:

Die Geschichte unserer Familie (Petra Thorn)

Petra Thorn hat verschiedene Versionen eines Aufklärungsbilderbuches zur „Samenspende“ für Hetero-Eltern, ein lesbisches Paar oder Solo-Mütter geschrieben, die man sich zusammen mit dem Kind ansehen kann.

Das Buch für Hetero-Eltern trägt den Untertitel „Ein Buch für Familien, die sich mit Hilfe der
Spendersamenbehandlung gebildet haben“. Den Samen eines fremden Mannes zur Erfüllung des Kinderwunsches zu verwenden, stellt jedoch keine Behandlung dar. Die Darstellung vermittelt recht deutlich eine Wertung der Situation und Position der beteiligten Menschen: Die Eltern werden als furchtbar traurig dargestellt, und dann gehen sie zu einem Arzt, bei dem sie hoffen dass er ihnen helfen kann und der einen anderen Mann fragt, ob der nicht seinen Samen schenken möchte. Damit wird klargestellt, dass die Eltern auf jeden Fall Mitleid in ihrer Situation verdienen und der Arzt der Erlöser ist. Der genetische Vater des Kindes wird lediglich als „anderer Mann“ eingeführt und dann nicht weiter erwähnt. Er soll erkennbar keine zu große Rolle spielen. Völlig unklar bleibt sein Bezug zum Kind, ob er sich das Kind auch gewünscht hat. Unerwähnt bleibt auch, dass das Kind den anderen Mann kennenlernen kann und ob er sich darüber freuen würde.

Im Buch für Solo-Mütter heißt es erst, die Mama habe keinen Mann gefunden, der auch ein Kind gewollt habe. Dann sei sie zum Arzt gegangen, der dann einen Mann gefunden habe, der ihr Samen gibt. Aus Kindersicht steht jetzt die unausgeschriebene Frage im Raum, ob dieser Mann denn wohl ein Kind gewollt habe. Das Recht des Kindes, seine genetischen Eltern zu kennen, wird ebenfalls nicht erwähnt.

Zwei Mamas für Oscar: Wie aus einem Wunsch ein Wunder wird (Susanne Scheerer)

Das Buch „Zwei Mamas für Oscar: wie aus einem Wunsch ein Wunder wird“ erzählt die Kinderwunschgeschichte eines lesbischen Paares mit einem privaten „Spender“. Es erklärt aber auch, wie Kinder im Allgemeinen entstehen. Das Buch ist schön illustriert und die Texte sind einfach und daher auch für jüngere Kinder geeignet. Die Figuren sind modern: es gibt diversifizierte Hetero-Paare, tätowierte Hipster-Samenspender, Regenbogenfamilien usw. Die Aufklärungsbilder sind angenehm explizit. Die „Samenspende“ selbst steht gar nicht so sehr im Vordergrund, sondern eher das Anliegen, die Regenbogenfamilien als gleichwertig und gesellschaftlich normal zur gewohnten Kernfamilie darzustellen.

Das Anliegen ist nachvollziehbar. Was uns an dem Buch aber nicht gefällt, ist dass der Wunsch der beiden Mütter als so übermächtig dargestellt wird, dass fast befürchtet wird, dass die beiden Frauen Lina und Bine sterben („Und wenn ein Wunsch immer größer wird und nicht in Erfüllung geht – dann ist irgendwann nur noch der Wunsch da und die große Traurigkeit, und man selbst löst sich vor lauter Sehnen einfach auf“). Es scheint daher nur noch darum zu gehen, wie man das Leid der Wunscheltern endlich beenden kann. Der private „Spender“ Hans und seine Partnerin entscheiden sich daher dafür, den beiden etwas von seinem Samen zu geben. Es wird so dargestellt, als hätten sich alle vier gemeinsam für das Baby entschieden. Mit der übermächtigen Wunschvorgeschichte ist das jedoch unglaubwürdig. Hätten sie denn eine andere Wahl gehabt?

Die Zeugung wird eindeutig als Vorgang zwischen den beiden Frauen definiert: „Bine hat dann dem Samen geholfen, das Ei zu finden. Also haben die beiden Mamas zu zweit das Baby gemacht.“ Das Bedürfnis der beiden Frauen ist nachvollziehbar, den Mann aus ihrem Liebesakt herauszuhalten. Aber zur Entstehung des Kindes hat er dennoch beigetragen.

Am Ende freuen sich alle vier über Oscars Geburt. Das ist einerseits schön, weil es zeigt, dass alle eine Beziehung zu Oscar haben. Es verbleibt aber dennoch ein schaler Nachgeschmack, weil der Wunsch so drängend dargestellt wurde, dass es nicht wie eine freue Entscheidung von Hans und Leonore wirkt. Dass Hans der Vater von Oscar ist, wird an keiner Stelle erwähnt.

Von Wunschkindern und Glücksboten: Zur Aufklärung von Kindern, die mit Hilfe von Eizellspende, Samenspende oder Doppelspende entstanden sind und Unsere Regenbogenfamilie! Für Babys braucht es Liebe: Familiengründung homosexueller Paare mit Hilfe von Eizellspende, Samenspende und Leihmutterschaft (Julia König)

Julia König hat zwei Versionen eines Buches zur Aufklärung von Kindern geschrieben, die durch Keimzellvermittlung sowie ggf. auch Leihmutterschaft entstanden sind und bei homo- oder heterosexuellen Wunschelternpaaren aufwachsen.

Die Geschichte beginnt mit der Frage, wie Kinder entstehen und beantwortet diese, dass es dazu zwei sich liebende Menschen brauche sowie das Ei einer Frau und den Samen eines Mannes. Die Geschlechtsorgane werden skizziert und in einfachen Worten erklärt, so dass die Bücher gut für Kindergartenkinder geeignet sind. Fehlen einem Paar Samen, Ei oder beides, kommen sogenannte „Glücksboten“ ins Spiel, die Ei oder Samen in Form eines „Glückspakets“ schenken, das durch einen Arzt oder eine Ärztin vermittelt wird. Dadurch beziehen sich die Bücher eindeutig auf ärztliche Keimzellvermittlung. Anschließend erfolgt der Rückbezug zur individuellen Situation: Die Paare beschreiben, wie sie selbst den Weg über die Reproduktionsmedizin und „Glücksboten“ gegangen sind und schließlich das Kind als großes Glück des Wunschelternpaares geboren wurde.

Ziel des Buches ist es, Wunscheltern zu unterstützen, mit ihren Kindern über deren Entstehungsweise zu sprechen. Der Weg ist recht idealisierend aus der Perspektive von Wunscheltern beschrieben. Vorab wird klargestellt „Sie [die Geschichte] handelt von uns allen. Von uns beiden, viel Liebe, einem Glückspaket und von DIR!“ Darunter die Abbildung eines Geschenks und einer Hand. Was soll dem Kind damit vermittelt werden? Das Wunschelternpaar und das Kind sind bereits „alle“? Ob die Wunscheltern anerkennen können, dass auch die weiteren genetischen Elternteile dazugehören? Im Buch wird nicht erwähnt, dass das Kind erfahren kann, wer sie sind. Die gegebenenfalls beanspruchte Leihmutter wird romantisierend als „Freundin der Papas“ bezeichnet.

Die weiteren genetischen Elternteile des Kindes würden besser wahrnehmbar, wenn sie ebenfalls als Menschen benannt und abgebildet würden. Ob sie sich auch gefreut haben, als das Kind geboren wurde? Ob sie sich freuen, das Kind mal kennenzulernen?  Ob die Wunscheltern das Kind dabei unterstützen werden, wenn es Kontakt aufnehmen möchte?

Während der Titel des Buches für homosexuelle Paare den Blick auf die Liebe richtet, dürfte die Herausforderung für die Wunscheltern gleich welcher sexuellen Orientierung darin bestehen, anzuerkennen, dass Liebe allein leider nicht ausreicht und zusätzlich Menschen mit den erforderlichen Keimzellen dazugehören. Da das Buch Raum für Fotos anbietet, könnten dazu hier zum Beispiel auch Platzhalter für Bilder der genetischen Elternteile eingefügt werden.

Wie Lotta geboren wurde (Ka Schmitz und Cai Schmitz-Weicht)

Das Buch „Wie Lotta geboren wurde“ ist schon 2013 erschienen und wird für Kinder ab zwei Jahren empfohlen. Es thematisiert Transgeschlechtlichkeit, auch wenn diese weder explizit erwähnt noch umschrieben wird, und vermeidet Geschlechtsrollen: es ist von Menschen statt von Frauen und Männern die Rede. Der Ansatz, von Menschen, die sich nicht in der Zweigeschlechtlichkeit einordnen möchten, ist nachvollziehbar, aber es irritiert daher, dass Lotta dann einen „Papa“ hat. Schön ist, dass der Freund, der Lottas Papa den Samen schenkte, am Ende wieder erwähnt wird, dass er sich freute, dass Lotta geboren war.

Seine Rolle ist jedoch trotzdem sehr randständig: Er wird bezeichnet als „netter Freund“ (von Lottas Papa), der ihm ein paar Samenzellen schenkt. Die Schwangerschaft scheint allein Lottas Papa zu betreffen, er gibt ihr auch den Namen, erst als Lotta geboren ist, taucht der „nette Freund“ wieder auf um sich zu freuen, wie auch die Omas und Opas. Trotzdem fragt man sich, ob Lotta eigentlich zwei Eltern hat, die für sie da sind.

The Pea that was me – an Egg Donation Story (Kimberly Kluger-Bell)

Das Buch „The Pea that was me – an Egg Donation Story“ wird für Kinder ab drei Jahren empfohlen. In dem Buch erzählt ein Kind, dass es früher eine Erbse war und wie es in den Bauch der Mutter gekommen ist. Das Buch ist sehr elternzentriert geschrieben: die Eier haben nicht richtig funktioniert, deswegen gehen Mama und Papa zu einem Arzt, der eine wunderbare Idee hat: er findet eine sehr nette Frau, die viele Extra-Eier hat, die sie der Mutter schenkt (in einem Geschenkpaket). Mit der Hilfe von dem sehr netten Arzt, der sehr freundlichen Frau (die auch Spenderin genannt wird), Papas Samen und Mamas Bauch wurde dann aus der Erbse das Mädchen. Der Arzt ist sehr nett, die Frau auch, die Beziehung der Erzählerin bleibt unklar. Die grünen Zeichnungen sind außerdem vermutlich nicht jedermann Sache. Das Buch gibt es nur auf Englisch, aber auf den Seiten wäre genug Platz, um eine deutsche Übersetzung darunter zu schreiben.

Das Geheimnis des ehrenwerten Hauses (Stefan Remigius)

Im Rahmen einer Detektivgeschichte für Kinder ab acht Jahren geht es in dem Buch „Das Geheimnis des ehrenwerten Hauses“ um verschiedene Familienformen wie Adoption und „Samenspende“. Allerdings ist auch dieses Buch stark von der Elternperspektive geprägt. So findet eine Auseinandersetzung mit den Fragen und Problemen nicht statt, die erst nach Jahrzehnten für die Kinder und in den Familien auftauchen, wie zum Beispiel ob die Kinder einen Kontakt zu ihren genetischen Eltern aufbauen können. Acht Jahre ist außerdem unseres Erachtens ein zu später Zeitpunkt für die Aufklärung. Das Buch eignet sich also eher, um das Thema ein weiteres Mal zur Sprache zu bringen.

Mama + Mamusch – Ich bin ein Herzenswunsch-Kind (Helene Düperthal und Lisa Hänsch)

Das Buch „Mama + Mamusch – Ich bin ein Herzenswunsch-Kind“ ist für Kinder ab etwa fünf Jahren mit lesbischen Eltern geschrieben und ist extrem elternzentriert. Das Buch soll unter anderem von dem Glück erzählen, „als Herzenswunsch-Kind geboren worden zu sein und aufwachsen zu dürfen.“ Damit wird vermittelt, dass gewünschte Kinder besonders glücklich sind und dankbar für ihre Existenz sein sollten – ein Gedanke, denn wir für sehr schwierig halten (siehe 12 Bemerkungen, die Spenderkinder nerven).

Erzählt wird die Geschichte anhand des ersten Schultages von Ana, die ihre Familie malen und vorstellen muss. Sie bezeichnet sich und ihren Bruder als Wunder-Wunsch-Kinder und ihre Mama und Mamusch als Wunder-Wunsch-Eltern. Später fragt ihr Klassenkamerad Tim genauer nach, weswegen sie zwei Mamas hat. Ana erinnert sich dann, wie Mama und Mamusch ihr erzählt haben, wie sie in den Bauch der Mama kam: Sie und Mamusch hätten sich auf die Suche nach einem Mann gemacht, der ihnen helfen kann. Sie hätten jemanden gefunden, der gespürt habe, wie stark ihre Sehnsucht sei. Er wäre ganz lieb gewesen und habe ihnen ein bisschen von seinem Samen gespendet. Mehr erfährt man von dem Mann nicht – auch nicht, welche emotionale Beziehung er zu Ana und ihrem Bruder und den Müttern hat.

Später freuen sich Ana und Tim, dass sie die besten Eltern der Welt haben und wissen, dass es ein echter Glücksfall war, dass sie mit ihren Mamas, ihrem Papa und Mamusch ihre eigenen Herzenswunsch-Eltern gefunden haben. Das erscheint etwas realitätsfremd: Kinder suchen sich ihre Eltern nicht aus. Diese Darstellung vermittelt recht deutlich das Anliegen, von den Kindern als tolle Eltern anerkannt zu werden sowie dass das Kind sich damit identifiziert, die Sehnsucht der Wunscheltern gestillt zu haben. So nachvollziehbar dieser Wunsch auch ist, sind Kinder aber nicht dazu da, ihre Eltern zu bestätigen.

Offen gesprochen

Die Reihe „Offen gesprochen“, die von DI-Netz aus dem Englischen übersetzt wurden , sind keine Bücher zum Lesen mit den Kindern, sondern Ratgeber zur Aufklärung von Spenderkindern verschiedener Altersstufen. Die Bücher sind aus einem elterlichen Ansatz heraus geschrieben.

III. Empfohlene Alternative: Ein eigenes Fotobuch zur Aufklärung

Eltern können außerdem ein eigenes (Foto)Buch zur Aufklärung machen. Bei verschiedenen Anbietern wie z. B. dm und Lidl gibt es inzwischen die Möglichkeit, online mit eigenen Fotos für ca. 20 Euro Papp-Bilderbücher zu gestalten. Damit können Eltern die Geschichte der Familie in eigenen Worte und Bilder erzählen, was die Kinder vermutlich mehr beeindruckt als eine Geschichte über andere Personen. In ein solches Buch könnte man ggf. auch eigene Bilder oder Skizzen einfügen und zum Beispiel auch eine eigene Seite über den genetischen Vater und einen erweiterten Stammbaum mit drei oder vier Elternteilen.

Wir würden folgenden Text für Hetero-Eltern vorschlagen: „Mama und Papa wünschten sich sehr ein Kind. Damit ein Kind entsteht, braucht es einen Mann und eine Frau. Jeden Monat wächst bei der Frau im Bauch ein Ei heran. Damit ein Baby entstehen kann, muss noch der Samen eines Mannes dazukommen. Bei manchen Männern klappt das aber nicht. So war das auch bei Papa. Mama und Papa haben überlegt, wie sie trotzdem ein Kind bekommen könnten. Schließlich haben sie einen anderen Mann gefunden, der seinen Samen abgegeben hat, damit daraus ein Kind entstehen kann. Mit seinem Samen und Mamas Ei konnte ein Kind in Mamas Bauch heranwachsen. Und das bist Du. Du hast Mama und Papa und einen genetischen Vater. Wenn Du magst, kannst Du ihn auch mal kennenlernen. Wir freuen uns alle sehr, dass Du auf die Welt gekommen bist.“

Spendenquittung – Stinas Geschichte im WDR Podcast StoryQuarks

Spenderkinder-Mitglied Stina erzählt im WDR Radio-Podcast StoryQuarks vom 28. August 2019 die Geschichte von der 12 Jahre langen Suche nach ihrem genetischen Vater – und die erschreckende Entdeckung, dass es der Arzt war, der ihre Mutter vor 40 Jahren behandelt hat. Stina hatte mit dem Arzt bereits vor vielen Jahren Kontakt aufgenommen, um mehr über ihre genetische Herkunft zu erfahren, er gab jedoch keine Auskunft.

Der Podcast ist sehr anschaulich gemacht, so dass sich hoffentlich auch Außenstehende gut in die Perspektive suchender Spenderkinder hineinversetzen können. Nicht ganz richtig wird es so dargestellt, als habe die Aufbewahrungsfrist bis 2018 nur 10 Jahre betragen. Das ist nicht der Fall. Die 10jährige Aufbewahrungsfrist war auch in der Musterberufsordnung für Ärzte von 1979 als Mindestaufbewahrungsfrist vorgesehen, mit dem Zusatz, dass Daten, von denen man annimmt, dass sie „soweit nicht nach anderen gesetzlichen Vorschriften eine längere Aufbewahrungsfrist besteht. Eine längere Aufbewahrung ist auch dann erforderlich, wenn sie nach ärztlicher Erfahrung geboten ist.“ Die ärztliche Erfahrung hätte eine längere Aufbewahrung geboten. Das Recht auf Kenntnis der Abstammung ist seit den 60er Jahren herrschende juristische Meinung.

Die Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Dr. Petra Thorn weist aber auf einen wichtigen Punkt hin, der möglicherweise mit erklären kann, weshalb einige Reproduktionsmediziner zu Samenvermittlung in den 70er und 80er Jahren keine Auskunft geben möchten: Vermutlich haben noch viel mehr Ärzte ihren eigenen Samen verwendet, ein Verhalten, das eindeutig unethisch ist, weil sie eigenmächtig entschieden haben, sich mit einer Patientin ohne deren Wissen fortzupflanzen.