Archiv der Kategorie: Spenderkinder Verein

Vortrag beim Arbeitskreis Donogene Insemination – vom Wunschkind zum Erwachsenen mit Wünschen

Letzten Samstag waren Spenderkinder-Vorständin Sarah und ich zu Besuch beim Jahrestreffen des Arbeitskreises Donogene Insemination. Wir haben dort einen Kurzvortrag über unsere Wünsche an Reproduktionsmediziner und Samenbanken mit dem Titel „Vom Wunschkind zum Erwachsenen mit Wünschen“ gehalten und mit den Mitgliedern diskutiert. Eine kurze Zusammenfassung des Vortrags findet sich unter diesem Bericht.

Mitglieder des Arbeitskreises sind vor allem Reproduktionsärzte und psychosoziale Berater. Da wir einige Reproduktionsärzte seit Jahren kritisieren und wir uns teilweise schon vor Gerichte getroffen haben, war unser Auftritt nicht ganz unbefangen. Gerade deswegen waren wir aber sehr dankbar für die Gelegenheit, unsere Sicht auf die Arbeit von Reproduktionsmedizinern erklären und diskutieren zu können.

Unser Eindruck war, dass im Arbeitskreis ein sehr breites Spektrum von Meinungen vorhanden ist. Während einige (vor allem jüngere) Mitglieder meinten, dass unsere Wünsche doch alle schon erfüllt würden, zeigten einige Redebeiträge leider, dass dem noch nicht so ist. Insbesondere das Recht auf Kenntnis der Abstammung scheint von einigen immer noch nicht anerkannt zu werden. Interessant war auch, dass die Vorgaben der Ärztekammer, dass nicht mehr als zehn Kinder durch einen Spender gezeugt werden sollen, lediglich als unverbindliche Orientierungshilfe angesehen wird. Auch unsere Forderung nach mehr Engagement für Altfälle, die die seit den 80er Jahre tätigen Ärzte betrifft, schien leider nicht wirklich auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Auf jeden Fall war es wichtig, einmal miteinander und nicht wie so häufig nur übereinander zu reden. Hoffnung macht auch, dass gerade die jüngeren Mitglieder des Arbeitskreises offener wirken.

Wünsche des Vereins Spenderkinder an Reproduktionsärzte und Samenbanken

1. Anerkennung der Bedürfnisse von Spenderkindern und mehr Engagement für Altfälle

  • Akzeptanz des Wunsches von Spenderkinderm, ihre genetische Abstammung zu kennen;
  • Freundliche und korrekte Beantwortung von Anfragen, Übermittlung der den Spender identifizierenden Daten, Angebot der Begleitung des Erstkontaktes zum Spender;
  • langjährige Aufbewahrung der Spenderdaten bei einem Notar (solange es noch keine Eintragung im Geburtenregister oder ein zentrales Register gibt).

Mehr Engagement für Spenderkinder, bei denen auf den ersten Blick keine Behandlungsdaten mehr vorhanden sind:

  • ernsthafter Versuch der Beschaffung von Informationen;
  • Befragung von Angestellten, auch ehemaligen;
  • gründliche Sichtung des Aktenbestandes;
  • Kontaktierung von ehemaligen Spendern, die den Empfängern nicht mehr zugeordnet werden können, Bitte um Kontaktaufnahme so dass Zuordnung noch gelingen kann, Hinweis auf DNA Test Family Finder (https://www.familytreedna.com/family-finder-compare.aspx);
  • Suchannonce der Klinik nach ehemaligen Spendern;
  • Angebot, Kontakt zu Spendern und anderen Spenderkindern herzustellen, die sich in Zukunft melden werden.

2. Anerkennung von Verantwortung für die entstehende Familie

  • Weil die Gründung einer Familie mit Hilfe eines Dritten eine andere und auch herausforderndere Situation ist, als ein genetisch eigenes Kind zu bekommen, sollen Eltern diese Möglichkeit nur nach gründlicher Überlegung unter Berücksichtigung ihrer eigenen Wünsche und der Rechte der zukünftigen Kinder wählen.
  • Reproduktionsmediziner müssen Eltern mit Blick auf die Verantwortung für die ganze Familie – und das beinhaltet das zukünftige Kind – beraten. Im Sinne eines informed consent müssen die Wunscheltern auf die psychosozialen Herausforderungen vorbereitet werden. Diese beinhalten:
    – dass sie das Kind auf jeden Fall aufklären sollten, um es nicht zu bevormunden und eine kontinuierliche Identitätsentwicklung zu ermöglichen. Hinweise, dass Eltern rechtlich nicht verpflichtet sind, die Kinder aufzuklären, helfen dagegen überhaupt nicht weiter,
    – dass das Kind höchstwahrscheinlich im Laufe seines Lebens Kontakt zum Spender herstellen möchte,
    – dass der Spender eine existenzielle Rolle durch seine biologische Verbindung zum Kind inne haben wird,
    – dass der Wunschvater Wege finden muss, mit dieser potenziellen Konkurrenzsituation umzugehen, und dass er eine soziale Beziehung anders als bei biologischer Verwandtschaft aktiv herstellen muss.
  • Ärzte sollten daher eine Samenspende nicht einfach als Folgebehandlung empfehlen, wenn die Zeugungsunfähigkeit des Mannes feststeht.
  • Eine ideologisch und wirtschaftlich unabhängige Beratung durch eine psychosoziale Fachkraft vor der Entscheidung für oder gegen eine Familiengründung zu Dritt muss Voraussetzung sein.
  • Hinweis der Wunscheltern auf Organisationen wie Spenderkinder oder DI-Netz.
  • Vorsicht bei der Werbung für Familienbildung durch Samenspende, keine beschönigenden oder verharmlosenden Aussagen wie „Die Scheidungsrate bei den Eltern, die eine entsprechende Behandlung haben durchführen lassen, ist geringer als in der durchschnittlichen Bevölkerung“ oder „das Kind darf von ihnen geliebt aufwachsen“. Forschungsergebnisse legen eine höhere Scheidungsrate nahe (Owen /Golombok (2009), Daniels/Gillett/Grace (2009) Scheib/Riordan/Rubin (2003)). Menschen, die durch Samenspende entstanden sind, sind nicht glücklicher oder dankbarer für ihr Leben als andere Menschen.

3. Eintreten für mehr Offenheit

  • Überzeugtes Eintreten dafür, dass es bei einer Familiengründung durch Samenspenden nichts zu verheimlichen gibt.
  • Förderung von Verbindungen zwischen Spenderkindern, Spender, Familien: Hinweis auf DI-Netz, Spenderkinder, donor siblings registry, Family Finder Test.
  • Geben Sie Familien die Nummer des Spenders, damit sie diese in sozialen Netzwerken verwenden können.
  • bieten Sie Wunscheltern an, Kontakt zu anderen Eltern herzustellen, die ebenfalls Kinder vom selben Spender haben. Verstehen sich alle, könnten die Kinder von Anfang an Kontakt zu ihren Halbgeschwistern haben.
  • Suchen Sie explizit offene Samenspender, für die die Motivation, anderen helfen zu wollen und Leben zu zeugen im Vordergrund steht.
  • Nehmen Sie diese Spender als Mensch war und vermitteln sie ihnen, dass es nicht nur auf ihr Material ankommt, zum Beispiel durch Fragebögen zur Persönlichkeit des Spenders. Spender könnten außerdem schon jetzt mitteilen, welche Form der Kontaktaufnahme sie in 19 Jahren oder später bevorzugen würden.
  • Fragen Sie Samenspender, ob diese an – anonymisierten – Informationen über die durch sie gezeugten Kinder interessiert sind oder bei einem entsprechenden Wunsch auch zu einem Kontakt vor dem 18. Lebensjahr des Kindes bereit sind.

Brief an den Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz

Über ein Jahr ist es her, dass CDU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart haben, dass Recht von durch Samenspende gezeugten Menschen auf Kenntnis ihrer Abstammung rechtlich regeln zu wollen. Passiert ist bisher leider nichts. Grund genug für uns, den Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas an das Vorhaben zu erinnern:

Sehr geehrter Herr Minister,

ich schreibe Ihnen als Vorstand des Vereins Spenderkinder, ein Zusammenschluss von durch Samenspende gezeugten Erwachsenen.

Wir haben uns sehr gefreut, dass die Regierungskoalition in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen hat, das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft bei Samenspenden gesetzlich zu regeln. Leider haben wir jedoch bislang nicht von einer entsprechenden Gesetzesinitiative gehört. Bekannt geworden ist uns lediglich die Einberufung eines Arbeitskreises Abstammung zur Regelung von so genannten „privaten Samenspenden“.

Wir möchten Sie bitten, das Thema der rechtlichen Regelung von über Kliniken und Ärzten vorgenommenen Samenspenden (denn das sind die meisten Samenspenden) unabhängig von der Einberufung dieses Expertenkreises engagiert zu verfolgen. Private Samenspenden betreffen unserer Erfahrung nach andere Interessen: diese werden vor allem gewählt, um die (anfängliche) Anonymität der Samenspender bei über Kliniken und Ärzte vermittelten Samenspenden zu vermeiden. Oft ist auch ein geteiltes Sorgerecht oder ein Umgangsrecht geplant, über das in der Folge gestritten wird.

Bei über Reproduktionskliniken und -ärzte vermittelten Samenspenden gibt es jedoch Probleme, die seit Jahren bekannt sind. Schätzungen zufolge klären nur 10 % der Eltern ihre durch Samenspende gezeugten Kinder über ihre Entstehungsart auf. Faktisch wurde den Spendern lange Zeit Anonymität zugesichert und ein ein Recht auf Kenntnis der Abstammung von mit einer Samenspende gezeugten Menschen geleugnet. Erst das Urteil des Oberlandesgerichts Hamm von 6. Februar 2013 hat hier eine gewisse Klärung gebracht. Ein gesetzlich fixierter Auskunftsanspruch würde dieses Recht kodifizieren und auch eine Ausstrahlungswirkung auf Ärzte und Eltern haben.

Für viele durch eine Samenspende gezeugte Menschen ist die Realisierung ihres Auskunftsanspruchs weiterhin schwierig. Viele Ärzte und Kliniken behaupten, nach 10 Jahren die Behandlungsunterlagen vernichtet zu haben. Andere berufen sich darauf, dass der Auskunftsanspruch inzwischen aufgrund eines Ablaufs von mehr als 30 Jahren verjährt sei. Auch heute beträgt die Aufbewahrungsdauer für Behandlungsunterlagen nur 30 Jahre – eine deutliche Ungleichbehandlung zu Adoptierten.

Wir bitten Sie daher, über Ärzte und Samenbanken vermittelte Samenspenden möglichst schnell umfassend zu regeln. Neben einem gesetzlich kodifizierten Auskunftsanspruch sollte eine umfassende Regelung beinhalten:

  • eine Eintragung des Spenders in das Geburtenregister, entsprechend der Regelung bei Adoptivkindern, oder zumindest ein nationales Register dass die Daten für die Lebenszeit eines Menschen speichert,
  • eine effektive Kontrolle der Vorgabe des Bundesärztekammer, dass von einem Spender nicht mehr als 10 Kinder gezeugt werden,
  • eine Freistellung des Samenspenders vor Unterhalts- und Erbansprüchen,
  • eine Verpflichtung der Wunscheltern zu einer unabhängigen psychologischen Beratung vor Inanspruchnahme einer Samenspende, da diese sich unserer Erfahrung nach oft nicht der besonderen Herausforderungen bewusst sind, die eine Familiengründung mit Hilfe eines Dritten lebenslang beinhaltet. In dieser Beratung sollte auf das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung hingewiesen werden.

Wir würden uns daher freuen, wenn Sie uns über den Ansatz und den Zeitplan für die Umsetzung des Rechts von Kindern aus Samenspenden auf Kenntnis ihrer Abstammung informieren könnten. Gerne sind wir auch bereit, unsere Erfahrungen in den Gesetzgebungsprozess oder einen Arbeitskreis mit ein zu bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Zeit-Artikel „Bist Du mein Vater?“

Die Zeit-Journalistin Jenny Becker konnte bei einem ganz besonderen Moment dabei sein: dem ersten Treffen von Spenderkinder-Mitglied Christoph mit seinem Samenspender Udo. Gefunden haben sich die beiden über unseren DNA-Test Family Finder. Nachzulesen in dem Artikel mit dem Titel „Bist Du mein Vater?“ im Ressort Wissen.

Aus der Zeit-Ankündigung: „Sagt das Woher auch etwas aus über das Warum und über das Wer-bin-ich? Immer mehr Kinder von Samenspendern wollen ihren biologischen Vater kennenlernen, mit dem sie doch erst mal nichts gemein haben außer den Genen. Erfahren sie etwas über sich, wenn sie ihn sehen? Jenny Becker hatte das große Reporterglück, bei einer ersten Begegnung zwischen einem erwachsen gewordenen Sohn und seinem biologischen Vater dabei zu sein. Und man sieht in ihrem Artikel Bist Du mein Vater?: Die Gene waren der Anlass, der Charakter ist das, worauf es ankommt.“

Vielen Dank n Christoph und Udo, dass sie einer Journalistin erlaubt haben, bei diesem wichtigen Ereignis dabei zu sein. Hoffentlich zeigt er einem breiteren Publikum, weswegen wir unsere Erzeuger treffen möchten, aber auch dass so ein Treffen einfach nur nett sein kann und nicht hochemotional sein muss.

Den Artikel gibt es bislang leider nur in der Printausgabe, wahrscheinlich wird er aber spätestens in einer Woche auch online abrufbar sein.

Zweiter Treffer zwischen Spender und Kind bei FTDNA

Anderthalb Jahre nach dem ersten Treffer zwischen Spender und Kind wurde kürzlich der zweite Treffer zwischen einem weiteren Spender und einem Spenderkindermitglied über unseren DNA-Test FamilyFinder bekannt. Wir wissen von einigen wenigen ehemaligen Spendern, dass sie sich dort registriert haben. Das Spannende an dem aktuellen Treffer ist, dass sich der Spender ohne vorherige Kontaktaufnahme mit uns registriert hat und wir erst durch den Treffer von ihm erfahren haben. Wir freuen uns sehr und wünschen beiden Ruhe beim Kennenlernen und hoffen auf viele weitere Treffer!

Ehemaligen Spendern und erwachsenen Spenderkindern, die Interesse an einem Kennenlernen haben und noch nicht registriert sind, sei eine Registrierung ans Herz gelegt!

Dritter Halbgeschwistertreffer

Zwei weitere Halbschwestern fanden sich im September. Anders als die ersten beiden Treffer kam dieses Match nicht über unseren DNA-Test FamilyFinder zustande, sondern über die Suchprofile auf unserer Homepage.

Das Spenderkindermitglied hatte von der gynäkologischen Praxis, die die Spende damals vermittelt hatte, eine Spendernummer erfahren und diese in seinem Profil eingetragen. Seine Halbschwester war zwar in einer anderen Praxis entstanden, hatte aber die gleiche Nummer genannt bekommen. Sie stolperte zufällig über das Profil und meldete sich daraufhin bei Spenderkinder. Tatsächlich waren beide Spenden auf dieselbe Samenbank zurückzuführen. Beide erhielten unabhängig voneinander Auskunft über die Identität des Spenders. Wie zu erwarten war, handelte es sich um denselben biologischen Vater.
Also, liebe Spenderkinder, Mut zum Profil! Diese Geschichte zeigt, wie wirkungsvoll auch kleine Schritte sein können.

Zweiter Halbgeschwistertreffer bei FTDNA

Nachdem unser DNA-Test Family-Finder von FTDNA letztes Jahr im August unser erstes Halbgeschwisterpaar identifizierte, gibt es jetzt einen Treffer zweier Halbschwestern, die beide vor gut 30 Jahren im Uniklinikum Gießen entstanden sind.

Und so kam es dazu: Nachdem Mia Ende letzten Jahres von ihrer Zeugungsart erfahren hatte und bisher von der Klinik noch keine Informationen über den Spender erhalten konnte, erfuhr sie zufällig von einer Person, die einige Monate vor ihr ebenfalls im Uniklinikum Gießen gezeugt worden war. Einem Bauchgefühl folgend nahm sie Kontakt zu ihr auf und beide ließen sich beim Family Finder registrieren. Letzte Woche bekamen sie die Benachrichtigung, dass beide tatsächlich unmittelbar miteinander verwandt sind!

Vielleicht kann diese kleine Geschichte auch anderen Spenderkindern Mut machen, sich bei FTDNA zu registrieren. Je mehr mitmachen, desto größer ist die Chance auf weitere Treffer! Dafür braucht man kein Mitglied in unserem Verein zu sein oder überhaupt Kontakt zu uns aufgenommen haben – die Teilnahme an dem Test bei FTDNA reicht aus.

Spenderkinder ist Gründungsmitglied von Donor Offspring Europe (DOE)!

Seit heute ist die Internetseite von Donor Offspring Europe (DOE) online! DOE ist eine Dachorganisation von Spenderkinder-Organisationen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Spenderkindern aus Dänemark, UK und der Schweiz.

Die Abkürzung DOE beruht auf dem Gedanken, dass im englischsprachigen Raum ein „John“ oder eine „Jane Doe“ eine Person ungeklärter Herkunft ist. DOE ist vor allem als Plattform gedacht, um Informationen zu teilen, aber auch, um für unsere Ziele wie die Kenntnis unserer Abstammung auf europäischer Ebene einzutreten. Nicht zuletzt hoffen wir, dass wir dazu beitragen können, dass auch in anderen Ländern Spenderkinder-Organisationen entstehen werden.

Auf der Webseite informieren die einzelnen Verbände über die Situation in ihren Ländern aus der Sicht von Spenderkindern, aber es wird in den nächsten Monaten zusätzliche Informationen zu aktuellen Ereignnissen in unseren Ländern sowie europäischem Recht geben.

Erfahrungen unserer frühaufgeklärten Mitglieder

Von Spenderkinder-Eltern hören wir regelmäßig die Befürchtung, dass Spenderkinder bei einer Aufklärung über ihre Entstehungsweise im Kleinkindalter zu vielen anderen Personen davon erzählen könnten und dann auf Ablehnung stoßen werden. Einige Eltern verschieben die Aufklärung daher auf einen Zeitpunkt, zu dem das Kind älter ist und ihrer Meinung nach eher versteht, dass es nicht mit jedem darüber reden soll.

Das Problem ist allerdings, dass die Aufklärung nicht einfacher wird, wenn man sie aufschiebt. Es ist außerdem – auch aus der Adoptionsforschung – bekannt, dass eine frühe Aufklärung (d.h. im Kindergartenalter) für eine kontinuierliche Identitätsentwicklung des Kindes besser ist. Nach einer wissenschaftlichen Studie sinkt die Chance, dass die Aufklärung stattfindet, je älter die Kinder werden.

Daher haben wir eine Umfrage unter unseren frühaufgeklärten Mitgliedern (Aufklärung bis 14 Jahre) gemacht, wie sie die Aufklärung wahrgenommen haben – wann sie davon erfahren haben, ob sie mit Personen außerhalb der Familie über die Samenspende gesprochen haben und ob sie das Bedürfnis hierzu hatten. Auf die offen gestellte Fragen haben alle zehn frühaufgeklärte Mitglieder geantwortet, alle weiblich (unsere männlichen Mitglieder sind alle spätaufgeklärt).

Die Ergebnisse sind sehr interessant: Fast alle Frühaufgeklärten haben nur mit wenigen anderen Personen über ihre Zeugungsart gesprochen. Auf negative Reaktionen ist niemand gestoßen, als negative Erfahrung wurde lediglich das Gefühl berichtet, nicht wirklich verstanden zu werden. Jedoch berichtet die Hälfte der Frühaufgeklärten, dass sie von ihren Eltern ein (implizites) Schweigegebot auferlegt bekommen haben bzw. dass mit dem Thema trotz der frühen Aufklärung nicht offen in der Familie umgegangen wurde. In der Rückbetrachtung wünscht sich mehr als die Hälfte der Frühaufgeklärten von ihren Eltern einen offeneren Umgang der Eltern mit dem Thema Samenspende und Unfruchtbarkeit. Eltern sollten sich daher überlegen, ob sie mit der Idee, dass es nicht jeder wissen muss, wirklich ihr Kind vor negativen Reaktionen schützen möchten, oder ob dahinter nicht doch versteckt der Wunsch steht, sich selbst und insbesondere den sozialen Vater zu schützen.

Alter der Aufklärung und Reaktion

Unter den teilnehmenden Frühaufgeklärten waren drei, die als sehr kleine Kinder aufgeklärt wurden (im Folgende als „sehr Frühaufgeklärte“ bezeichnet): zwei wussten schon immer, dass sie durch eine Samenspende gezeugt wurden, eine hat es im Alter von vier Jahren erfahren. Alle berichten, dass die Samenspende für sie etwas Normales war bzw. dass sie positiv reagiert haben.

„Seit meiner Geburt hat meine Mutter hin und wieder erzählt von meiner Zeugung. Ich kann mich daher nicht an einem präzisen Zeitpunkt erinnern. Es war nichts etwas besonderes für mich“

„Mir war es damals egal, da ich ja einen Vater hatte der da war. Für mich war es einfach Alltag (…)“

„Ich war glücklich darüber, dass alles so war, wie es war.“

Dann kommt eine kleine Alterslücke: die anderen Frühaufgeklärten wurden im Alter von sieben (1), neun (1), zehn (3), elf (1) und dreizehn (1) aufgeklärt. Sie schildern gemischte Gefühle, wobei negative Gefühle in allen Altersbereichen vorkam. Interessanterweise meinten die beiden Frühaufgeklärten, die im Alter von 11 und 13 aufgeklärt wurden, dass sie schon vorher eine Ahnung gehabt hätten.

„Ich hatte mit etwas schockierenderem gerechnet und war fast erleichtert. Der Wortlaut war in etwa: „Ja, und? Mein Papa ist doch trotzdem noch mein Papa, oder?“ – (aufgeklärt im Alter von zehn)

„Ich fand es spannend, habe gefragt warum sie mir das nicht schon früher gesagt haben. Ich wollte alles dazu wissen, was meine Eltern wussten, habe gleich viele Fragen zum Spender gestellt (…)“ – (aufgeklärt im Alter von zehn)

„Fassungslosigkeit, Enttäuschung, Wut, eine betäubendes Gefühl von Verletztheit“ – (aufgeklärt im Alter von zehn)

„Im Vordergrund stand bei mir in diesem Moment die Angst mein sozialer Vater hätte mich deshalb weniger lieb oder weniger lieb gehabt als z.B. meinen Bruder, der sein leibliches Kind war.“ – (aufgeklärt im Alter von neun)

„Laut meiner Mutter war ich wohl kurz sehr traurig darüber, nicht wissen zu können, wer mein genetischer Vater ist.“ – (aufgeklärt im Alter von sieben)

„Ich glaube, dass ich ein wenig schockiert war. (…) Außerdem fand ich es spannend, dass ich auf so besondere Weise entstanden bin. Und da ich ohne Geschwister aufgewachsen bin, mir aber immer welche gewünscht habe, fand ich auch den Gedanken schön, dass ich ja möglicherweise doch Geschwister haben könnte.“ – (aufgeklärt im Alter von dreizehn)

„Es hat mich schon irritiert aber eine Ahnung hatte ich schon vorher.“ – (aufgeklärt im Alter von 11)

Wenig Kommunikation mit Dritten über die Samenspende

Mit einer Ausnahme haben fast alle Frühaufgeklärten als Kinder nur mit wenigen Personen über die Samenspende gesprochen. Etwas mehr als die Hälfte, darunter alle sehr Frühaufgeklärten, berichtet, dass sie hierzu nicht das Bedürfnis verspürten oder sie dieses Bedürfnis erst später entdeckten. Teilweise wird dieses Verhalten rückwirkend jedoch als Verdrängung wahrgenommen.

„Ich habe nicht darüber gesprochen, weil ich es nicht als Problem sah, sondern als etwas ganz normales.“

„Ich habe bis ich erwachsen wurde nur mit meinen Eltern darüber gesprochen. Später habe ich es meinem Mann erzählt.“

„Nach dem Gespräch habe ich ganz lange gar nicht über das Thema nachgedacht. Die Beschäftigung damit kam dann erst in der Pubertät. Da dann zum einen in Form von ganz klassischen Fragen nach der Identität: Wer ist mein biologischer Vater? Wie sieht er aus? Was macht er? Was habe ich mit ihm gemeinsam? In der Zeit hatte ich dann auch das Bedürfnis mit anderen Menschen darüber zu sprechen.“

„Die ersten Jahre habe ich das Thema verdrängt. Erst in den letzten Jahren habe ich es geschafft diese „Vergangenheit“ zu akzeptieren und mich jemanden anzuvertrauen.“

„Das kam erst im erwachsenenalter mit 28/29, als ich mir das Thema mal genauer angeschaut habe. davor war viel Verdrängung im spiel bzw. auch zur Seite schieben nach dem Motto „ich kann ja eh nichts dran ändern“.

„Bei mir war es so, dass ich erst mit knapp 30 Jahren angefangen habe, mich mit dem Gedanken zu beschäftigen, wer dieser Mann ist.“

Zwei Frühaufgeklärte, die zehn bzw. dreizehn bei der Aufklärung waren, wollten von Anfang an darüber reden, taten dies aber nicht, weil sie von ihren Eltern vermittelt bekommen hätten, dass es sich um ein Geheimnis handele, über das man nicht spreche, und das auch nicht ihnen allein gehört, sondern ihrer Familie, die sie nicht verraten dürften.

„Ich habe anderen davon erzählt, habe mir als Kind aber gut überlegt wem, weil mit klar war, dass ich damit nicht nur etwas über mich, sondern auch über meine Eltern preisgebe, von dem ich weiß, dass meine Eltern das nicht gegenüber allen Menschen möchten.“

Zwei Frühaufgeklärte, eine davon sehr frühaufgeklärt, schildern, dass sie von Anfang an bzw. später davon erzählen wollten, weil sie stolz waren bzw. es cool fanden, so entstanden zu sein.

„Wenn mein Vater mir peinlich war, hab ich immer schnell dazu gesagt, dass er nicht mein leiblicher Vater ist. Auch sonst, habe ich einfach nie ein Geheimnis daraus gemacht.“

Keine negativen Reaktionen, sondern höchstens Unverständnis

Keine der Frühaufgeklärten hat je dezidiert ablehnende oder negative Reaktionen erlebt, wenn sie Dritten von ihrer Zeugung durch Samenspende erzählt haben haben. Viele schildern, dass ihre Zeugungsart auf Überraschung oder Interesse stieß, aber auch, dass viele es nicht sonderlich aufregend fanden.

„Den meisten war es einfach ziemlich egal und kaum einer hat dazu noch Fragen gehabt.“

„Alle haben ähnlich reagiert wie ich, als ich es erfahren habe, fanden es auch mehr oder weniger spannend und konnten mein Interesse, zu wissen, wer der Spender ist, gut verstehen.“

„Ich habe nie eine ablehnende Haltung erlebt, alle waren interessiert und haben Fragen gestellt aber es war in Ordnung für sie.“

„Ablehnend hat niemand reagiert, einige waren überrascht und auch interessiert, einmal bekam ich als Reaktion, dass man mir das gar nicht ansehen oder anmerken würde, das fand ich dann schon verwirrend.“

Als negative Reaktionen empfanden jedoch einige Frühaufgeklärten, dass ihr Gegenüber sprachlos war oder unsensibel reagierte oder sie das Gefühl hatten, dass kein wirkliches Interesse bestand.

„Ich habe es ganz wenigen Personen erzählt, teilweise war es gut aber andererseits nicht immer positiv. Oft wissen die Personen nicht wie sie mit diesen Thema umgehen sollen, weil es eben ein Tabu ist.“

„Ich habe es dann mit ca. 22 meinem damaligen Freund erzählt, was nicht sooo ein tolles Erlebnis war, weil ich glaube, dass er nicht so richtig wusste wie er damit umgehen soll.“

Niemand hat je bereut, es erzählt zu haben, teilweise bestand nur die Sorge, dass die dritte Person es weiter erzählen könnte.

Bei diesen geschilderten negativen Reaktionen kommt es vermutlich darauf an, mit welcher Intention von der Zeugungsart berichtet wurde: wenn man das Gefühl hatte, damit etwas Wichtiges mitzuteilen, kann mangelndes Interesse oder Einfühlungsvermögen verletzend sein, nicht jedoch, wenn von der Zeugungsart beiläufig erzählt wird. Die Frühaufgeklärten, die mit dieser Mitteilung über ihre Zeugungsweise eine besondere Öffnung vornahmen, machten hierdurch jedoch auch positive Erfahrungen:

„Mit ca. 17 wollte ich es jemanden außerhalb der Familie erzählen. Das habe ich so mit meiner Mutter besprochen (…) (Der Gesprächspartner hat) damals in dem Gespräch sehr die Bedeutung der sozialen Familie betont. Aber nicht in so einer „soziale Familie zählt und damit abgehakt“ Weise, sondern schon sehr einfühlsam. Ich denke damals war es auch genau das, was ich gebraucht habe. Die Bestätigung, dass ich trotzdem zu unser Familie dazugehöre.“

„Die meisten Reaktionen haben mir sehr gut getan. Einfach schon die Tatsache, dass ich bei den Menschen keine Notlügen mehr erzählen muss, tut gut bzw. die Erfahrung, dass ich ganz offen darüber sprechen kann, wenn ein Gespräch Gedanken an dasThema bei mir auslöst.“

Das Verhalten der Eltern – „es muss ja nicht jeder wissen“

Das Verhalten der Eltern ist nach den Berichten unserer frühaufgeklärten Mitglieder sehr unterschiedlich. Lediglich eine der sehr Frühaufgeklärten wurde von ihrer Mutter explizit ermutigt, darüber zu sprechen. Sie tat dies jedoch aus eigener Entscheidung heraus zum Schutz vor schlechten Erfahrungen nicht. Zwei Frühaufgeklärte sagen, ihre Eltern hätten ihnen die Entscheidung überlassen, wem sie davon erzählen.

„Darüber reden durfte ich, meine Mutter hat kein Geheimnis daraus gemacht, es war nur erst komisch, mir stellte sich schon die Frage ob ich normal bin, in dem Alter konnte ich das nicht richtig einordnen.“

Drei Frühaufgeklärte schildern, dass ihre Eltern ihnen gesagt hätten, dass nicht jeder von der Samenspende wissen müsse. Zwei davon, beide sehr frühaufgeklärt, nahmen dies nicht als Einschränkung wahr.

„Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich meiner Freundin von meiner Zeugung erzählt hatte, erklärte sie mir, dass ich vielleicht nicht mit jedermann darüber sprechen sollte. Die Entscheidung darüber zu sprechen oder nicht war mir gelassen.“

„Meine Eltern haben mir erklärt, dass ich es nicht jedem erzählen soll, und es war in Ordnung für mich, da ja nicht alle so offen damit umgehen können. Bei mir in der Familie wussten es alle als ich klein war, nur meine Oma nicht, weil meine Eltern ihre Reaktion nicht einschätzen konnten.“

Die Dritte empfand diesen Zusatz jedoch als Einschränkung:

„Mir war klar, dass diese Einschränkung vor allem meine Eltern schützen sollte, insbesondere meinen Vater. Und ich habe das ernstgenommen. Erst später im Studium bin ich offener mit dem Thema umgegangen, als mein Umfeld meine Eltern in der Regel nicht kannte.“

Vier Frühaufgeklärte berichten, dass ihre Eltern trotz der Aufklärung die Samenspende als Geheimnis betrachteten und dass sie ohne Erlaubnis der Eltern nicht mit Dritten darüber reden durften. Dies führte dazu, dass auch innerhalb der Familie nicht offen darüber gesprochen wurde.

„Ich hatte schon total das Gefühl, dass es ein Geheimnis wäre – zwischen meiner Mutter und mir, ein Geheimnis der Familie – das ich auf keinen Fall einfach so ausplaudern dürfte. Erst recht nicht ohne vorher ihre „Erlaubnis“ dazu eingeholt zu haben.“

„Meine Mutter war sehr darauf bedacht, dass es geheim bleibt. Wir haben leider auch innerhalb der Familie nicht offen darüber gesprochen. (…) Meine Eltern waren vermutlich selbst sehr unsicher im Umgang mit dem Thema.“

„Mir ist das Thema einmal meinem Onkel gegenüber rausgerutscht, ich glaube ich habe etwas in der Art gesagt wie „das ist nicht mein Papa, ich bin durch eine Samenspende entstanden“, so oder so ähnlich. Jedenfalls habe ich es als ganz natürlich angesehen (als Kind) und wollte auch damit normal umgehen. Kassiert habe ich einen bösen Blick meiner Mutter, der mir symbolisiert hat, dass ich da gerade etwas gesagt habe, über das man nicht spricht. Danach habe ich lange Zeit nie wieder darüber gesprochen, weil ich dadurch – ich glaube die Reaktion von ihr war ein Schlüsselerlebnis – dachte, es sei etwas Abartiges, über das man nicht sprechen dürfe.“

Retrospektive

Sechs der Frühaufgeklärten, darunter aber keine der sehr Frühaufgeklärten, wünschen sich rückblickend eine Aufklärung in noch früherem Alter und mehr Offenheit in der Familie mit der Samenspende.

„Im Nachhinein würde ich schon sagen, dass die Aufklärung zu spät war und es meiner Entwicklung gut getan hätte, wenn ich es schon immer gewusst hätte.“

Sie empfinden es als positiv, früh aufgeklärt worden zu sein, fühlten sich aber dennoch mit einem impliziten Schweigegebot belastet oder mit der Nachricht allein gelassen.

„Ich hätte es fairer gefunden, wenn meine Eltern selbst offen zu ihrer Entscheidung und der Unfruchtbarkeit meines Vaters gestanden hätten und mir tatsächlich und ohne indirektes Schweigegebot überlassen hätten, damit umzugehen wie, und darüber zu reden mit wem ich möchte. Psychologisch betrachtet haben sie mich mit ihrer Offenheit einerseits und dem Schweigegebot andererseits in einen Loyalitätskonflikt zwischen meinen und ihren Bedürfnissen gebracht. Man könnte es auch als Parentifizierung verstehen, wenn durch die Aufklärung ein Elternteil plötzlich schutz- und schonungsbedürftig durch das Kind wird. Diese Rolle habe ich meinem Vater gegenüber auf jeden Fall inne (und hatte ich auch als Kind) und das finde ich nicht gut.“

„Es zeigt (.) wie empfänglich Kinder für die ungeschriebenen Gesetze der Geheimhaltung von Familiengeheimnissen sind. Ich habe jetzt erst das Gefühl selbstständig mit dem Thema umzugehen. Das Gefühl, dass es „mein“ Thema ist und nicht das meiner Mutter und das ich damit umgehen kann wie ich will bzw. wie es mir gut tut.“

„Rückblickend bin ich hier sehr wütend gewesen, auf diese Tabuisierung, weil ich glaube, es hätte mir sehr gut getan, darüber zu sprechen. Vielleicht auch an die Hand genommen zu werden, und bewusst motiviert werden, mich damit auseinander setzen. Ich weiß, meine Mutter hätte mir immer Antworten gegeben, wenn ich gefragt hätte oder was wissen wollte. Aber es wäre doch schön gewesen, wenn sie es gewesen wäre, die mich hier an die Hand nimmt und in der Phase der „Realisation“ begleitet. Und dazu gehört auch, dass das Thema in der Familien präsent gehalten wird, dass man darüber spricht, vielleicht auch andere Gleichgesinnte ausfindig macht, trifft. Das hätte mir sicherlich viele schwere Phasen im Erwachsenenalter erspart.“

„Ich denke, es ist auch sehr wichtig, dass man als Kind selbst entscheiden kann ob es ein Geheimnis bleibt oder nicht. Denn man selbst muss damit umgehen können, man selbst hat Vorrang vor den Anliegen der Eltern.“

„Eigentlich finde ich schon allein die Befürchtung von Eltern bedenklich, „dass die Kinder bei einer frühen Aufklärung im Kleinkindalter zu vielen anderen davon erzählen und dann abgelehnt werden.“ Meines Erachtens sollten die Eltern ihren Kindern vermitteln können, dass ihre Entstehung völlig ok ist. Dafür ist ein offener Umgang mit dem Thema wichtig und der sollte eben auch einschließen, dass es ok ist mit anderen darüber zu sprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind Ablehnung erfährt (weil es Mitschüler/innen davon erzählt, dass es durch eine Samenspende entstanden ist), ist aus meiner Sicht geringer, wenn das Kind ganz selbstbewusst damit umgehen kann und auch neugierige Frage zu diesem Thema selbstsicher beantworten kann.(…) Ich denke die Eltern können hier wählen, welches das geringere Übel ist:
1) Riskieren, dass ihr Kind die eigene Entstehung niemals als ganz normal empfindet (und im schlimmsten Fall sein Leben lang darunter leidet), indem sie ihm möglichst spät davon erzählen, wie es entstanden ist. So können sie sicherstellen, dass ihr Kind niemanden von diesem Thema erzählt.
2) Dem Kind einen entspannten Umgang mit dem Thema ermöglichen und dabei das Risiko eingehen, dass es eventuell Ablehnung erfahren könnte. Ablehnung kann es auch aus vielen anderen Gründen erfahren, bspw. weil es die falschen Schuhe trägt oder nicht so gut (oder besser) lesen oder rechnen kann als die anderen Kinder. Eltern können ihr Kind aus meiner Sicht vor solcher Ablehnung nicht vollständig beschützen. Sie können nur versuchen ihr Kind möglichst selbstbewusst zu erziehen.“

Fazit

Die von manchen Eltern geäußerten Befürchtungen, frühaufgeklärte Kinder könnten mit zu vielen Personen außerhalb der Familie über die Samenspende sprechen und auf Ablehnung stoßen, werden durch die Erfahrungen unserer frühaufgeklärten Mitglieder nicht gestützt. Fast alle Frühaufgeklärten, auch die im sehr jungen Alter aufgeklärten, haben nur mit wenigen über ihre Zeugung durch Samenspende gesprochen. Auf explizite Ablehnung ist niemand gestoßen, als negativ wurde nur mangelndes Einfühlungsvermögen oder Desinteresse geschildert.

Bedenklich ist aber, dass mindestens die Hälfte der frühaufgeklärten Mitglieder den Wunsch der Eltern, darüber nicht mit jedem zu sprechen, als implizites Schweigegebot oder sogar als Tabuisierung empfunden hat, der sie in ihrem Umgang mit ihrer Zeugungsart beeinträchtigt hat. Das zeigt, wie empfänglich Kinder für die ungeschriebenen Gesetze der Geheimhaltung von Familiengeheimnissen sind, und das aufklärende Eltern sich bewusst sein sollten, dass sie ein solches Geheimhaltungsgebot möglicherweise – bewusst oder unbewusst – übermitteln. Interessanterweise hat keine der sehr Frühaufgeklärten ein Schweigegebot wahrgenommen – vielleicht, weil diese Eltern aufgrund der sehr frühen Aufklärung tatsächlich offen mit dem Thema umgingen.

Deutlich wird, dass frühe Aufklärung nicht mit einem offenen Umgang mit der Samenspende gleichzusetzen ist. Dieser findet noch nicht allein dadurch statt, dass die Eltern einmalig mit ihrem Kind darüber sprechen, wie es entstanden ist. Viele unserer Mitglieder wünschen sich rückblickend einen offeneren Umgang mit der Samenspende derart, dass Eltern dem Kind auch nach der Aufklärung des Gefühl vermitteln, dass sie sich mit Fragen über das Thema an sie wenden und darüber mit anderen sprechen können oder dass sie das Kind aktiv dazu motivieren, sich mit der Samenspende auseinander zu setzen.

Dagegen fühlte sich keine unserer Frühaufgeklärten zu früh aufgeklärt, zu viel Offenheit ausgesetzt oder von den Eltern nicht genügend vor möglichen negative Reaktionen Dritter geschützt. Eltern sollten sich daher überlegen, ob sie mit der Idee, dass es nicht jeder wissen muss, wirklich ihr Kind vor negativen Reaktionen schützen möchten, oder ob dahinter nicht doch versteckt der Wunsch steht, sich selbst und insbesondere den sozialen Vater zu schützen oder zu entlasten. Auf jeden Fall sollten sie vorsichtig sein, ihrem Kind nicht ein Schweigegebot oder sogar eine Tabuisierung des Themas implizit zu vermitteln, dass ähnlich belastend wirken kann wie eine späte Aufklärung im Erwachsenenalter.

Die Position des Vereins Spenderkinder zu Eizellspende

Immer wieder vergleichen Medienberichte die in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verbotene Eizellspende mit Samenspenden und stellen das Verbot als unfaire Ungleichbehandlung dar. Auch bei der diesjährigen Tagung des Ethikrats wird das Verbot der Eizellspende (neben Leihmutterschaft) diskutiert werden. Aber ist eine Eizellspende wirklich mit einer Samenspende vergleichbar? Aus unserer Sicht sprechen gute Gründe für die Beibehaltung des Verbots. Sollte Eizellspende in Deutschland trotzdem zugelassen werden, dann nur unter umfangreichen begleitenden Regelungen in einem Fortpflanzungsmedizingesetz.

Gesetzgeber möchte mit Verbot gespaltene Mutterschaft verhindern

Nach der Begründung des Embryonenschutzgesetzes aus dem Jahr 1989 (Bundestags-Drucksache11/5460) soll mit dem Verbot der Eizellspende eine Aufspaltung der Mutterschaft in eine genetische Mutter – die Eizellspenderin – und eine austragende Mutter verhindert werden. Der Gesetzgeber befürchtet, dass diese gespaltene Mutterschaft zu besonderen Schwierigkeiten bei der Selbstfindung des Kindes führt und negative Auswirkungen auf die seelische Entwicklung hat, weil dieses entscheidend sowohl durch die von der genetischen Mutter stammenden Erbanlagen als auch durch die enge während der Schwangerschaft bestehende Bindung zur austragenden Mutter geprägt wird.

Unterschiede zur Samenspende

Einige unserer Mitglieder können diesen Grund gut nachvollziehen. Der Unterschied zur Samenspende ist, dass das Kind bei einer Eizellspende genetisch von der einen Mutter abstammt, während die andere Mutter durch das Austragen ganz existenziell dazu beigetragen hat, dass sich der Embryo zu einem ausgewachsenen Menschen entwickelt. Beide Mütter übernehmen also biologische, existenzielle Komponenten, während bei der Samenspende die Aufteilung in biologisch und sozial klar ist. Diese Aufspaltung empfinden einige von uns als deutliche Herausforderung für das Selbstbild. Diese könnte noch schwieriger dadurch werden, dass die Bindung zur Mutter eine andere als zum Vater ist.

Auch halten einige von uns die Eizellspende für schwieriger, weil sie künstlicher als eine Samenspende ist. Bei der Samenspende hat die Mutter ein Kind mit einem anderen Mann (wenn auch ohne sexuellen Akt), während bei der Eizellspende die Eizelle einer anderen Frau eingepflanzt wird, wo sie auf natürlichem Wege nicht herangewachsen wäre.

Andere Mitglieder von Spenderkinder sehen die gespaltene Mutterschaft bei einer Eizellspende nicht grundsätzlich als Problem, so lange die Eltern – wie sie es bei der Samenspende sollten – von Anfang an offen mit dieser Entstehungsweise umgehen und die Eizellspenderin gegenüber dem Kind nicht anonym ist.

Kommerzialisierung als besonderes Problem der Eizellspende

Ein weiterer sehr bedenklicher Aspekt bei der Eizellspende ist jedoch die mögliche Kommerzialisierung. Die Entnahme von Eizellen ist ein nicht ungefährlicher medizinischer Eingriff, der eine belastende Hormonbehandlung zur Stimulierung der Eierstöcke und eine Entnahme unter Narkose erfordert. Die Hormonbehandlung kann in Extremfällen zu Nierenversagen und Thrombosen führen. In Spanien beträgt die „Aufwandsentschädigung“ für eine Eizellspende wegen dieser Risiken daher etwa 900 Euro. Eine solche Summe ist finanziell stark motivierend und stellt eigentlich keine Spende mehr dar. Für die „Spenderin“ kann die Inaussichtstellung einer solchen Summe dazu führen, dass sie nicht an die Folgen ihrer Spende (die Zeugung eines Kindes, das sie möglicherweise einmal kennenlernen möchte) und die Gefahren für ihren eigenen Körper denkt. Für uns Spenderkinder ist die Vorstellung außerdem belastend, dass unsere genetischen Eltern ihre Samen- oder Eizellen nur aufgrund des Geldes „gespendet“ haben.

Fortpflanzungstourismus kein Argument für Zulassung in Deutschland

Das Argument, nur bei einer Zulassung der Eizellspende in Deutschland könnte das Recht der betroffenen Kinder auf Kenntnis ihrerAbstammung gewahrt werden, weil deutsche Frauen dann keine zwingend anonymen Eizellspenden in Tschechien und Spanien mehr in Anspruch nehmen müssen, finden wir dagegen nicht überzeugend. Der Verstoß gegen ein Verbot kann nicht dazu führen, dass man diese Handlung erlaubt. Auch hat ein Verbot die Wirkung, dass die Betroffenen zumindest über den Grund des Verbots nachdenken und für die Umgehung einen deutlich höheren Aufwand betreiben müssen. Im Übrigen könnte der Reproduktionstourismus von Deutschland aus auch eingedämmt werden, indem das Verbot der ärztlichen Vermittlung stärker durchgesetzt wird und die Werbung von tschechischen und spanischen Kliniken über Internet-Suchmaschinen in Deutschland untersagt wird.

Wenn überhaupt, Zulassung in Deutschland nur unter strengen Voraussetzungen

Wenn Eizellspenden in Deutschland trotz dieser Bedenken zugelassen werden sollte, dann nur unter den folgenden Voraussetzungen:

  • Um die Fehler nicht zu wiederholen, die bei der Samenspende gemacht wurden, kann das Verfahren nicht einfach zugelassen werden, sondern muss von umfassenden Regelungen im Rahmen eines Fortpflanzungsgesetzes begleitet werden.
  • In diesem sollten die Forderungen umgesetzt werden, die wir für Samenspenden aufgestellt haben, insbesondere die Sicherung des Rechts auf Kenntnis der Abstammung durch Eintragung der Spender in die Geburtsurkunde oder in einem unabhängigen Zentralregister, und eine vorherige verpflichtende Beratung für die Empfängerin.
  • Zur Verhinderung der Kommerzialisierung der Eizellspende sollten nur unentgeltliche Eizellspenden zugelassen werden. So könnten zum Beispiel Frauen, denen Eizellen für eine In-vitro-Fertilisation entnommen werden, überzählige Eizellen spenden. Entsprechend der Regelungen bei Organspenden könnten außerdem Spenden von Verwandten und engen Freunden erlaubt werden, wenn diese über die möglichen emotionalen Komplikationen aufgeklärt wurden.
  • Da Frauen – anders als Männer – natürlich nur bis zu einem bestimmten Alter schwanger werden können, sollte eine Altersgrenze für die Empfängerinnen festgelegt werden, um die Zeugung so natürlich wie möglich zu halten. Eine Eizellspende sollte außerdem nicht nur deswegen in Anspruch genommen werden, weil die Familienplanung zu lange aufgeschoben wurde.
  • Eine Kombination von Eizell- und Samenspenden (fälschlicherweise teilweise als Embryonenspende bezeichnet) muss verboten werden. Kein Kind sollte zwei Spender als Eltern haben, die sich noch nicht einmal kannten, weil diese vollkommen künstliche Erzeugung sehr hohe Anforderungen an die Selbstfindung stellt.
  • Werbung für anonyme Eizellspenden, wie sie im Moment zum Beispiel bei der Eingabe des Suchworts „Eizellspende“ bei Internet-Suchmaschinen erscheint, sollte verboten werden.

Neuer Vorstand

Spenderkinder hat gerade einen neuen, leicht erweiterten Vorstand gewählt. Bestätigt wurden Sarah als Vorständin und Babett als Stellvertreterin. Neu sind Leni für Mitgliedschaft, Anne für Öffentlichkeitsarbeit und ich für Rechtliches. Der Vorstand wird jedes Jahr neu gewählt.