Rezension des Buches „Kinder machen“ von Andreas Bernard

Vor drei Wochen ist das 500-Seiten starke Buch „Kinder machen“ des SZ-Journalisten Andreas Bernard erschienen. Zwei unserer Mitglieder wurden für das Buch interviewt und unser Verein kommt auch etwas ausführlicher darin vor. Die vier Kapitel widmen sich der Geschichte der Empfängnislehre, Samenspende, Leihmutterschaft und Eizellspende und zuletzt der in-vitro Fertilisation. Es handelt sich um eine kulturhistorische Untersuchung – Reproduktionsmedizin wird in den Kontext gestellt, wie wenig man lange Zeit über menschliche Fortpflanzung wusste, was tatsächlich faszinierend ist, und wie viel sich im letzten Jahrhundert und insbesondere seit Ende der 70er Jahre verändert hat. Ein größerer Teil des Buchs bezieht sich auf die USA, wo die in Deutschland verbotene Eizellspende und Leihmutterschaft zugelassen sind und sich ein großer, fast unreglementierter Fortpflanzungsmarkt entwickelt hat.

Das Buch ist gut geschrieben und wird jedem, der sich für Reproduktionsmedizin interessiert und mehr darüber erfahren möchte, sicherlich Spaß bei der Lektüre bereiten. Andreas Bernard schildert plastisch Begegnungen mit Reproduktionsmedizinern, Samenbankinhabern, Spenderkindern, einer Leihmutter und Eltern. Dabei nimmt er die sachliche Perspektive eines Kulturhistorikers ein und bleibt auch bei der Darstellung der ethischen Probleme bei dieser Herangehensweise.

Aus Perspektive der Spenderkinder wäre eine tiefergehende Diskussion der ethischen Probleme – wie wirkt sich die Ausblendung des Dritten auf die entstandenen Familien aus, was ist eigentlich die Bedeutung genetischer Abstammung, was bewirkt die Bezahlung der „Spender“ – wünschenswert gewesen, passt aber vielleicht nicht zu der kulturhistorischen Herangehensweise. Jedoch wird auch so deutlich, wie wenig das Kindeswohl im Fokus der Reproduktionsmedizin steht. Es geht lediglich darum, Eltern zu einem Kind zu verhelfen, die sich auch immer mehr dem Druck ausgesetzt sehen, alles zu versuchen was möglich ist. Genauso wird dargestellt, dass viele Reproduktionsmediziner nicht fähig sind, die mit ihrer Hilfe gezeugten Menschen als Subjekte mit eigenen Rechten, Gefühlen, und Wünschen wahrzunehmen. Andreas Bernard beschreibt auch ausführlich die Ausblendung des „Dritten“ durch die Eltern, die insbesondere von deutschen Reproduktionsmedzinern empfohlen wird.

Das Buch verlässt sich in vielen Teilen auf die Schilderung von Anekdoten und persönlichen Begegnungen und liest sich in Teilen eher wie eine Reportage. Das macht es angenehm zu lesen. Das beinhaltet aber das Problem, dass Begegnungen mit einzelnen Repräsentanten wie einer Leihmutter oder einem Samenspender nicht repräsentativ sind. Trotzdem werden in dem Buch daraus oft bestimmte Einsichten gezogen. Diese Herangehensweise betrifft auch das Kapitel über uns Spenderkinder (ab S. 124). Der unvoreingenommene Leser kommt bei der Schilderung der vier Einzelfälle möglicherweise zu dem Schluss, dass wir Spenderkinder generell Probleme mit unserer Zeugungsweise haben. Nur kurz wird zum Schluss mit der Bezeichnung genetische Lücke dargestellt, dass das eigentliche Problem die für viele Spenderkinder de facto vorhandene Anonymität der Spender ist.

Klarstellungen zu den rechtlichen Aussagen

Aus unserer Perspektive müssen wir auch klarstellen, dass die Dokumentationsdauer für Spenderdaten in Deutschland nicht bis 2007 nur 10 Jahre betrug – die Berufsordnung für Ärzte wies jahrelang darauf hin, dass Daten länger aufbewahrt werden müssen, wenn angenommen werden muss, dass ein Grund hierfür besteht. Auch durfte Spendern in Deutschland nie – und nicht nur nach aktueller Rechtslage – Anonymität gewährt werden. Darauf weist schon der Beschluss der Ärztekammer von 1970 hin, mit dem Samenspenden nicht mehr als „nicht standesgemäß“ beurteilt wurden. Grund für das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland ist insbesondere auch, dass die Bestellung und Abgabe eines Kindes gegen Entgelt als Verletzung der durch Art. 1 Grundgesetz geschützten Würde des Kindes gesehen wird, weil der Leihmutterschaftsvertrag es zum Handelsobjekt macht (siehe zum Beispiel KG Berlin, Beschluss vom 01.08.2013, S. 8.).

Aktualisierte Fakten über unseren Verein Spenderkinder

Einige Fakten in dem Buch über unseren Verein Spenderkinder sind mittlerweile veraltet oder treffen so nicht zu. Mittlerweile sind wir über 20 Mitglieder weit hinausgewachsen und freuen uns, über 50 Spenderkinder zu sein, in der Altersspanne zwischen 18 und 48. Es sind auch männliche Spenderkinder in unserem Verein vertreten – eines hat im letzten Jahr über unseren DNA-Test sogar erfahren, wer sein Spender ist. Erfreulicherweise gibt es mittlerweile weit mehr als vier Medienberichte pro Jahr über uns, wie unter unserer Rubrik Aktuelles einzusehen ist. Auch äußern sich deutlich mehr als nur vier unserer Mitglieder in Medienberichten.

So wie „Hannah“ wurden auch einige andere von uns Spenderkindern bereits als Kind aufgeklärt. Sarah studiert nicht Psychologie. Die Vermutung des Autors, Spenderkinder studierten eher Psychologie, weil ihre Existenz so schwierig sei (S. 129), halten wir für etwas überfrachtet. Wir haben genauso viele Ärztinnen wie Psychologinnen als Mitglieder.

Eine der Forderungen unseres Vereins wird missverständlich dargestellt: wir haben nie gefordert, die Anfechtungsmöglichkeit der Vaterschaft des sozialen Vaters durch uns nach § 1600 Abs. 1 Nr. 4 BGB abzuschaffen. Einen solchen, oft von den Wunscheltern geforderten Ausschluss lehnen wir sogar ausdrücklich ab und halten ihn für eine Verletzung des Rechts auf Kenntnis der Abstammung. Wir haben früher, wie auch in dem darauf folgendem Absatz im Buch richtig zitiert, die Abschaffung der Möglichkeit gefordert, den Spender als Vater rechtlich feststellen zu lassen. Das ist aber rechtlich nicht mit einer Anfechtung verbunden. Kann ein Spenderkind anfechten, aber niemand anderen als Vater feststellen lassen, ist es danach rechtlich vaterlos.

Auf S. 476 wird mit Bezug auf einen Artikel im Tagesspiegel über mich aus dem Jahr 2007 ein Fotobuch mit hymnischen, seligen Texten beschrieben, das ich beim Auszug aus dem Elternhaus geschenkt bekommen haben soll. Das wird als Beweis dafür angeführt, dass die genetische Lücke mit der Erzählung der Familiengeschichte als symbolische Legitimation der Zusammengehörigkeit wettgemacht wird. Allerdings war diese Darstellung schon in dem ursprünglichen Tagesspiegel-Artikel sehr übertrieben – in Wirklichkeit handelt es sich um mein Babyalbum mit einem Bericht über meine Geburt. Die Texte darin sind aber nicht hymnisch, und ein Babyalbum haben viele Menschen in meinem Alter. Auch natürlich gezeugte Menschen sind von ihren Eltern sehr oft erwünscht und diese möchten das Glück der Geburt mit einem entsprechenden Album ausdrücken. Allerdings habe auch ich oft den Eindruck, dass Eltern, die ihre Kinder mit Hilfe der Reproduktionsmedizin bekommen, dem Aspekt der Gewünschtheit ihrer Kinder und damit der Familiengeschichte besondere Bedeutung zumessen.

Ein lesenswertes Buch

Alles in allem handelt es sich um ein wirklich lesenswertes Buch. Sehr aufschlussreich ist auch das Kapitel über die deutschen Reproduktionsmediziner. Der Schlussthese von Andreas Bernard, dass sich die Familie nicht aufgrund von Reproduktionsmedizin auflöst, sondern dass sie die Integration von Dritten bewerkstelligt und somit eine Erweiterung des Familienbegriffs stattfindet, stimme ich zu. Leider bleibt es in Realität oft noch bei einer möglichen Familienerweiterung. Dieser Prozess findet oft nicht statt, weil Eltern die Abstammung von einem Dritten vor den Kindern geheim halten oder den Dritten Anonymität gewährleistet (oder aufgezwungen) wurde. Daher bleibt zu hoffen, dass auch mehr Eltern die Vorteile dieser erweiterten Familie erkennen werden.