Erfahrungen und Herausforderungen bei der Identifizierung und Kontaktaufnahme mit genetischen Verwandten – weitere Fachpublikation zur aktuell größten Spenderkinderbefragung im deutschsprachigen Raum

Welche positiven Erfahrungen und Herausforderungen erleben Spenderkinder, wenn sie Halbgeschwister und genetische Väter identifizieren und mit ihnen Kontakt aufnehmen?

Das untersuchten der Bioethiker Tobias Bauer und die Psychologin Anne Meier-Credner im dritten Artikel ihrer Studie an erwachsenen Spenderkindern aus Deutschland. Mit 59 Teilnehmenden zwischen 21 und 46 Jahren ist es die bislang größte empirische Studie an Spenderkindern im deutschsprachigen Raum. Die Teilnehmenden wurden zwischen 1974 und 1999 gezeugt und im Alter von 5 bis 46 Jahren aufgeklärt:

Meier-Credner, A., & Bauer, T. (2026). Experiences of identifying and contacting genetic relatives: an online survey of donor-conceived adults in Germany. Human Fertility, 29(1).

Die meisten Spenderkinder der Studie wünschen sich, ihre Halbgeschwister (83,1 %) und ihre genetischen Väter (84,7 %) zu identifizieren. Halbgeschwister zu identifizieren gelang bereits 57,6 % der Teilnehmenden, und 23,7 % fanden ihre genetischen Väter. Die meisten nahmen Kontakt auf.

Positive Erfahrungen waren Freude, gegenseitige Anerkennung, Zugehörigkeitsgefühl, mehr Selbstakzeptanz, Zugang zu Gesundheits- und Hintergrundinformationen sowie ein tieferes Verständnis für Familienvielfalt. Gleichzeitig zeigten sich Herausforderungen wie Angst vor Ablehnung, räumliche Distanz, mangelndes Interesse oder Geheimhaltung seitens der genetischen Väter und Spannungen mit den rechtlichen Eltern. Die Kontaktaufnahme erwies sich als emotional komplex – manche Schwierigkeiten zeigten sich erst später. Insbesondere die Kontaktaufnahme mit den genetischen Vätern transformiert das Selbstkonzept und Familienverständnis. Genetische Verwandtschaft ist für viele Spenderkinder eine wichtige Ressource für Identitätsbildung und Verwandtschaftsverständnis.

Die Daten wurden im Herbst 2020 per Online-Fragebogen erhoben, die meisten Teilnehmenden sind Mitglieder des Vereins Spenderkinder. Es ist nicht bekannt, inwieweit sich die Teilnehmenden möglicherweise von Spenderkindern unterscheiden, die sich nicht beim Verein Spenderkinder melden. Möglicherweise haben die Teilnehmenden ein stärkeres Interesse daran, mehr über ihre Herkunft zu erfahren – möglicherweise haben sie auch mehr Ressourcen, um sich emotional mit dem Thema auseinanderzusetzen. Letzteres legen Zuschriften von Spenderkindern an den Verein nahe, die sich erst nach Jahren reiflicher Überlegung melden sowie Berichte über Halbgeschwister, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema ablehnen.

Die Ergebnisse stützen ein relationales Paradigma, das „Samenspende“ als lebenslangen zwischenmenschlichen Prozess versteht. Sie regen an, die genetische Verbundenheit anzuerkennen und von vornherein eine transparente, respektvolle Kontaktaufnahme zu ermöglichen.

Der erste Artikel zur Spenderkinderstudie beschreibt die vielfältigen Umstände, unter denen die Teilnehmenden von ihrer Entstehungsweise erfuhren, und welche Auswirkungen der Aufklärung die Befragten auf ihre Beziehungen zu Familienmitgliedern erleben.

Der zweite Artikel untersucht die innerfamiliären Dynamiken von Wissen und Nichtwissen – wer weiß was, und wie gehen Spenderkinder und ihre Familien damit um?