Für Eltern: Aufklärung

Der Verein Spenderkinder tritt dafür ein, dass durch Samenspende, Eizellspende oder Embryonenadoption gezeugte Kinder möglichst früh über ihre Erzeugungsart aufgeklärt werden sollten. Verschweigen ist aus unserer Sicht keine Option. Wer sein Kind als Individuum mit eigenen Rechten und Bedürfnissen ernst nimmt, klärt es über die Entstehung durch Samenspende auf.

    1. Die Gründe für Aufklärung in Kurzform
    2. Viele Eltern klären ihre Kinder nicht über die Zeugung durch Samenspende auf
    3. Warum sollte das Kind über seine Entstehungsweise durch eine Samenspende aufgeklärt werden?
    4. In welchem Alter sollte mit der Aufklärung begonnen werden?
    5. Lieber spät als nie – lieber spät als durch ungünstige Umstände
    6. Aufklärung der Kinder bedeutet nicht automatisch Offenheit und Selbstsicherheit der Eltern
    7. Offenheit im Alltag – was bedeutet das konkret?
    8. Lesenswertes speziell zur Aufklärung

 

1. Die Gründe für Aufklärung in Kurzform

      • In der Adoptionsforschung ist es schon lange anerkannt, dass man den Kindern am besten so früh wie möglich von ihrer Herkunft erzählt, um ihnen eine kontinuierliche Identitätsentwicklung zu ermöglichen.
      • Eine Familie auf einem Geheimnis aufzubauen, ist belastend.
      • Dem Kind gegenüber bedeutet das Verschweigen , dass die Eltern sein Vertrauen gezielt ausnutzen indem sie ihm für seine Existenz wesentliche Informationen vorenthalten.
      • Erfährt das Kind später – absichtlich oder zufällig – von seiner Entstehungsweise, muss es sich mit dem vorsätzlichen Verschweigen seiner Eltern auseinandersetzen. Das haben viele Mitglieder des Vereins Spenderkinder, die erst spät von ihrer Zeugungsart durch Samenspende erfahren haben, als großen Vertrauensbruch ihrer Eltern ihnen gegenüber erlebt.

2. Viele Eltern klären ihre Kinder nicht über die Zeugung durch Samenspende auf

Bei Familiengründungen durch Samenspende wird regelmäßig gefragt, ob das Kind von seiner Entstehungsweise erfahren soll, oder ob es nicht „besser“ sei, diese Tatsache zu Verschweigen. Als Argument für das Verschweigen wird häufig vorgebracht, es handle sich um keine wichtige Tatsache, die Information würde das Kind nur beunruhigen und den Familienfrieden stören. Schätzungen zufolge sind nur 5 bis 10 Prozent der über 100.000 durch Samenspende in Deutschland gezeugten Menschen über ihre Abstammung aufgeklärt. Bei jüngeren Familien wird mit einer höheren Aufklärungsbereitschaft von bis zu 30 Prozent gerechnet, die sich aber auf ausländische Studien stützt.1 Es ist davon auszugehen, dass die überwiegende Mehrzahl der Eltern ihre Kinder nicht aufklärt. Das sehen wir als großes Problem. Die Problematik der fehlenden Aufklärung ist aus dem Bereich der Adoption gut bekannt.2 Dort ist die Aufklärungsrate in Deutschland mittlerweile mit geschätzten 90 Prozent deutlich höher – wahrscheinlich auch deswegen, weil die genetischen Eltern in einem amtlichen Dokument, dem Geburtenregister, festgehalten werden. Das wünschen wir uns auch für Spenderkinder, damit wir nicht länger abhängig sind von der Aufklärungsbereitschaft unserer Eltern.

Eltern, die die Familiengründung mit Hilfe eines Dritten gegenüber ihren Kindern geheim halten möchten, berufen sich oft darauf, ihr Kind vor negativen Gefühlen und Erfahrungen schützen zu wollen.3 Oft verbirgt sich hinter diesen vermeintlich hehren Absichten jedoch eher die Angst der Eltern, dass das Kind sie ablehnen könnte und dass Außenstehende von der Unfruchtbarkeit erfahren würden.4 Hinzu kommt vermutlich auch die Angst, sich dann selbst mit unverarbeiteten Gefühlen bezüglich der eigenen Unfruchtbarkeit auseinanderzusetzen zu müssen.5 Durch die Aufklärung müssen die Eltern auch ein Stück ihrer heilen Wunschwelt gehen lassen, an der sie durch das Verschweigen eher festhalten können. Sie sind gefordert, sich selbst tiefer mit ihrer Entscheidung für die gewählte Form der Familiengründung auseinandersetzen. Vielleicht tauchen dabei Zweifel an ihrer Entscheidung auf, gegenüber denen sie nun Rechtfertigungsdruck verspüren.

Die Furcht, dass Spenderkinder negativen Gefühlen und Erfahrungen bei einem offenen Umgang ausgesetzt sind, können wir nicht bestätigen. Unsere Vereinsmitglieder sind alle erwachsen, einige wurden bereits als Kinder über ihre Entstehungsweise aufgeklärt. Von Stigmatisierungen oder Beleidigungen der Kinder ist uns nichts bekannt. Ein offener Umgang mit dem Thema und eine selbstbewusste Familie vermitteln dem Kind außerdem ein stabileres Selbstwertgefühl, das auch mit negativen Reaktionen umgehen kann. In unserem Verein haben wir sowohl spät-aufgeklärte als auch im Kindesalter aufgeklärte Spenderkinder.

3. Warum sollte das Kind über seine Entstehungsweise durch eine Samenspende aufgeklärt werden?

      • Die Rechtslage – Jeder Mensch in Deutschland – auch ein Spenderkind – hat ein Recht auf Kenntnis seiner biologischen Herkunft. Das leitet sich aus Artikel 2 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes ab. Eltern, die die Rechte ihres Kindes achten, klären es also über seine biologische Herkunft auf. Dieses Recht ist herrschende juristische Meinung seit den 60er Jahren.
      • Wesentliche Grundwerte – Werte wie Offenheit und Aufrichtigkeit werden in vielen Familien als wichtige Grundwerte und Grundlage für gegenseitiges Vertrauen angesehen. Wenn die Eltern ihrem Kind etwas so Existenzielles wie seine biologische Herkunft verschweigen, nutzen sie das Vertrauen des Kindes aus, indem sie einerseits Ehrlichkeit vom Kind ihnen gegenüber erwarten, sich selbst aber unehrlich verhalten. Das kann von den betroffenen Kindern im Nachhinein als Ausdruck mangelnden Vertrauens wahrgenommen werden. Es untergräbt außerdem den Gedanken menschlicher Gleichwertigkeit, wenn es innerhalb der Familie wissende und unwissende Mitglieder gibt.
      • Grenzverletzung durch Bevormundung – Wenn die Eltern für das Kind entscheiden, dass es von seiner Herkunft nicht wissen soll, stellt das eine grobe Bevormundung des Kindes dar. Dass Eltern für ihre Kinder Entscheidungen treffen, ist zwar in vielen anderen Bereichen auch der Fall und lässt sich gar nicht vermeiden, weil kleine Kinder vieles noch nicht selbst entscheiden können. Bei der Entscheidung über die Kenntnis von ihrer Abstammung handelt es sich jedoch nicht um eine Entscheidung, die Eltern ihren Kindern abnehmen müssen, weil die Kinder diese nicht selbst treffen können. Zudem muss bedacht werden, dass das Spenderkind erwachsen wird und das Verschweigen über die Abstammung auch dann fortdauert. Einem erwachsenen Menschen absichtlich wesentliche Informationen über sich selbst vorzuenthalten, hält ihn absichtlich unwissend, unmündig, spricht ihm die Fähigkeit zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit seiner Entstehungsweise ab und stellt dadurch eine massive, grenzverletzende Bevormundung dar. Diesen Aspekt empfinden viele spät-aufgeklärte Spenderkinder als besonders verletzend.
      • Angst vor unfreiwilliger Enthüllung – Auch für die Wunscheltern kann es im Laufe der Zeit zu einer Belastung werden, ihre Art der Familienentstehung zu verheimlichen – stets begleitet von der Angst vor einer unfreiwilligen Enthüllung. Eine unfreiwillige Enthüllung birgt die Gefahr, dass das Kind das bisherige Verschweigen als Vertrauensbruch begreift6 und dass die Eltern diesen Gefühlen wegen der zufälligen Entdeckung unvorbereitet gegenüber stehen. Die Angst vor einer unfreiwilligen Enthüllung ist begründet: Zahlreiche Mitglieder unseres Vereins haben über ihre Blutgruppe herausgefunden, dass sie nicht von ihrem rechtlich-sozialen Vater abstammen. DNA-Tests wie Family Finder, 23 and me und Ancestry sind inzwischen für nur 100 Euro erhältlich und viele Menschen verwenden diese für die Suche nach entfernter Verwandtschaft oder für Informationen über ihre gesundheitlichen Erbanlagen. In den USA haben einige erwachsene Spenderkinder von ihrer Entstehungsart dadurch erfahren, dass ihnen die DNA-Datenbanken Halbgeschwister anzeigten. Ein weiteres Risiko für eine unfreiwillige Enthüllung geht davon aus, dass die meisten Eltern sich anderen Menschen anvertrauen, über die es das Kind wiederum erfahren kann, oder dass das Thema bei familiären Spannungssituationen wie einer Trennung offenbart wird.
      • Verhinderung einer aktiven Auseinandersetzung der Eltern mit den besonderen Herausforderungen einer Familiengründung zu dritt – Aus familiensystemischer Sicht gehört der Spender als biologischer Vater des Kindes unabänderlich zum Familienkonstrukt dazu. Selbst wenn die Wunscheltern versuchen, ihn aus ihrem Familienkonstrukt zu drängen, indem sie ihn verschweigen und so tun, als habe er keine Bedeutung für ihre Familie, wissen die Eltern, dass es ihn gibt. Über seine Existenz und Rolle im Familienkonstrukt in den Köpfen der Eltern beeinflusst er Gedanken, Gefühle und Reaktionen der Eltern. Die Geheimhaltung erschwert auch eine aktive Auseinandersetzung der Eltern mit den besonderen Herausforderungen einer Familiengründung zu dritt. Ein nicht offener Umgang mit der Samenspende bringt unserer Erfahrung nach Väter oft dazu, sich entweder von den Kindern zu distanzieren oder empfindlicher auf bestimmte Trübungen des Verhältnisses zum Kind zu reagieren. Der Wunsch nach Geheimhaltung und der Versuch innerlicher Verdrängung erschwert die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen des Paares gegenüber der Schwangerschaft und gegenüber dem Kind. Bereits Mitte der 80er Jahre weist Professor Manfred Stauber von der Universitätsfrauenklinik Berlin darauf hin, dass das gestörte Selbstwertgefühl des Mannes durch die Samenspende nicht behoben werde und der soziale Vater durch das Kind ständig an seine Unfruchtbarkeit erinnert werde, die er als Versagen erlebt habe.7 In einer neuseeländischen Studie berichteten Eltern mittlerweile erwachsener, nicht-aufgeklärter Spenderkinder über die Belastung für die Eltern, die mit der Geheimhaltung verbunden ist und über die Auswirkungen innerhalb der Familie. In fünf von sieben Familien berichteten die Eltern, dass die Kinder von sich aus skeptische Fragen hinsichtlich ihrer genetischen Verwandtschaft mit den Eltern gestellt hatten. Auf diese Fragen seien die Eltern nicht vorbereitet gewesen, und sie waren unzufrieden mit ihren verlegenen, ausweichenden Erklärungsversuchen. Alle befragten Eltern wünschten sich im Nachhinein, ihre Kinder zu einem früheren Zeitpunkt aufgeklärt zu haben.8 Ein anderes Beispiel für die Zwänge, die eine Geheimhaltung der Abstammung auf die Familiensituation ausüben kann, ist, dass die Eltern eines nicht-aufgeklärten Kindes dessen Wunsch ablehnten, Medizin zu studieren, weil sie befürchteten, dass es aufgrund der Blutgruppen hätte feststellen können, dass es mit seinem Vater nicht biologisch verwandt ist.9

 

4. In welchem Alter sollte mit der Aufklärung begonnen werden?

Forschungsergebnisse und Erfahrungen mittlerweile erwachsener Spenderkinder empfehlen eine möglichst frühzeitige Aufklärung der Kinder über ihre Entstehungsweise um eine kontinuierliche Identitätsentwicklung zu ermöglichen.10 Entwicklungspsychologisch scheint das Kindergartenalter hierfür geeignet, wenn die Kinder schwangere Frauen wahrnehmen, erleben, dass Geschwisterkinder geboren werden und beginnen Fragen zu stellen. Zwar verstehen Kinder erst ab dem Alter von sieben Jahren das biologische Konzept von Vererbung,11 die Aufklärung im frühen Kindesalter ermöglicht jedoch, hierauf in einem fortschreitenden Prozess aufzubauen. Eine Aufklärung im frühen Kindesalter ermöglicht es den Eltern außerdem das Sprechen über die Entstehungsweise frühzeitig zu üben. Wenn der Elternteil oder die Eltern sich sicher mit der Aufklärung fühlen, wird ein positives Gefühl über diese Information bei dem Kind verbleiben, auch wenn die Fakten nicht vollkommen verstanden werden. Werden Kinder erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgeklärt, kann ihr differenzierteres Verständnis der Zusammenhänge eher schädlich wirken.12

Kinder machen es leicht, auch über solche Dinge zu sprechen. Wenn sie fragen, wie Kinder entstehen, wie es bei ihrer Geburt war oder wem sie aus der Familie ähnlich sehen, kann man die Art der Entstehung ganz leicht und natürlich in ein solches Gespräch einflechten.
Eine einfache Möglichkeit, die Bereitschaft zur Aufklärung zu verankern, ist die Eintragung eines Feldes für den biologischen Vater in das Babyalbum des Kindes. Inzwischen gibt es auch Kinderbücher über Familiengründung mit Samenspende, die dem Kind früh vorgelesen werden können. Diese bestehen meistens aus Geschichten über Eltern, die ein Baby haben möchten und keines zusammen bekommen können, weswegen ihnen ein anderer Mann mit seinem Samen hilft. Viele Eltern stellen ein solches Buch ins Kinderzimmer und überlassen damit dem Kind die Verwaltung der weiteren Aufklärung.13

5. Lieber spät als nie – lieber spät als durch ungünstige Umstände

Eine spätere Aufklärung ist für die Kinder in der Regel schwieriger, weil sie sowohl ihre persönliche Geschichte und Identität neu ordnen müssen, als auch sich damit auseinandersetzen müssen, dass ihre Eltern ihnen diese Tatsache lange vorenthalten haben.14 Dennoch empfehlen wir auch Eltern bereits älterer Spenderkinder dringend, diese über ihre Entstehungsweise aufzuklären. Wenn die Eltern von sich aus auf das (vielleicht bereits erwachsene) Kind zukommen, signalisieren sie, dass sie selbst ihre Entscheidung des Verschweigens überdacht haben, diese bereuen und eine Grundlage für eine ehrliche Beziehung schaffen möchten. Keines unserer Mitglieder hat je geäußert, rückblickend lieber nicht aufgeklärt worden zu sein. Das britische Donor Conception Network hat Broschüren speziell zur Aufklärung von älteren Spenderkindern herausgegeben.15

Die Reaktion älterer Spenderkinder auf ihre Aufklärung ist kaum vorherzusagen und hängt stark von der Persönlichkeit und der Beziehung zu den Eltern ab. Eltern sollten sich darauf vorbereiten, dass die Kinder die Geheimhaltung der Abstammung als Machtausnutzung der Eltern sehen und mit Wut und Verbitterung über die Lügen und die Täuschung reagieren.16 Bei anderen spät-aufgeklärten Spenderkindern überwiegt die Erleichterung, endlich die Wahrheit zu wissen. Einige reagieren auch mit Verständnis für ihre Eltern.

Durch eine späte Aufklärung können die Eltern insbesondere verhindern, dass ihr Kind selbst aufdeckt, dass sein sozialer Vater nicht sein biologischer Vater ist und es von seinen Eltern darüber getäuscht wurde. Im schlimmsten Fall können ein oder beide Elternteile zum Zeitpunkt der unfreiwilligen Enthüllung bereits verstorben sein. Das Kind bleibt dann mit seinen Fragen allein und kann insbesondere das Verhältnis zum nur sozialen Elternteil nicht ordnen.
Die Aufklärung sollte grundsätzlich von den Eltern ausgehen, weil es dabei um das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind geht. Verwandte und Bekannte können die Eltern in Gesprächen ermuntern, die Kinder aufzuklären.

6. Aufklärung der Kinder bedeutet nicht automatisch Offenheit und Selbstsicherheit der Eltern

Für Spenderkinder ist es ein wichtiges Signal zu erleben, dass die Eltern offen mit ihnen über ihre Entstehungsweise sprechen und selbst(bewusst) zu ihrer Entscheidung für die Samenspende stehen. Natürlich birgt eine frühe Aufklärung das „Risiko“, dass die Samenspende auch außerhalb der Familie kein Geheimnis bleibt, wenn das Kind zum Beispiel im Kindergarten erzählt, dass der Papa keine Kinder zeugen kann. Hier sind die Eltern gefordert, sich mit ihrem Thema der Unfruchtbarkeit auseinanderzusetzen. Das Kind sollte nicht als Geheimnisträger eingespannt werden, sondern offen mit dem Thema seiner Entstehung umgehen dürfen. Das wünschen sich auch viele unserer früh-aufgeklärten Mitglieder rückblickend von ihren Eltern.
Erfreulicherweise scheint die Aufklärungsbereitschaft unter den Eltern etwas zuzunehmen. Wir beobachten jedoch, dass mit der Aufklärung der Kinder nicht automatisch einhergeht, dass die Eltern auch selbst offen und selbstsicher mit ihrer Unfruchtbarkeit und der gewählten Form der Familiengründung umgehen, sowohl außerhalb, als auch innerhalb der Familie. Eine interne Umfrage unter unseren damals (2014) insgesamt 10 früh-aufgeklärten Mitgliedern (bis 14 Jahre) hat ergeben, dass die Hälfte von ihnen ein explizites oder implizites Schweigegebot wahrgenommen hatte und trotz der frühen Aufklärung in der Familie nicht offen mit dem Thema umgegangen wurde. Manche Eltern scheinen einen offenen Umgang außerdem als Instrument zu sehen, das Interesse der Kinder am biologischen Vater zu verringern oder zu verhindern.17 In unserem Verein haben wir sowohl spät-aufgeklärte als auch im Kindesalter aufgeklärte Spenderkinder. Das langfristige Interesse am biologischen Vater ist vom Aufklärungsalter unabhängig.

Zu innerfamiliärer Offenheit und Akzeptanz gehört es, den biologischen Vater ihrer Kinder als Menschen und Mitglied des Familiensystems zu würdigen. Dies ist ein ganz wesentlicher Kern der inneren Offenheit und Akzeptanz. In der Reproduktionsmedizin hat sich die Verwendung der Bezeichnung Spender etabliert, die den biologischen Vater abstrakt hält und auf seine von den Wunscheltern gewünschte Funktion reduziert.18 In ähnlicher Weise unglücklich gewählt ist die in der Reproduktionsmedizin übliche Bezeichnung Spendersamenbehandlung, da sie suggeriert, es handle sich um eine medizinische Krankheitsbehandlung, während es in Wirklichkeit eine Form der Familiengründung zu dritt ist. Diese technisch-funktionalen Bezeichnungen mögen kurzfristig erleichternd auf die Wunscheltern wirken, weil sie die Bedeutung des biologischen Vaters bagatellisieren. Langfristig wäre eine konfrontative Auseinandersetzung mit der Familiengründung zu dritt, der Beteiligung eines leibhaftigen Menschen als biologischen Vater der Kinder, jedoch hilfreicher, insbesondere für die Kinder. Die Kinder stehen schließlich vor der Aufgabe, alle Beteiligten als Menschen in ihr Familiensystem integrieren zu müssen. Sie wollen keinen Spender treffen, sondern ihren biologischen Vater kennenlernen. Es ist für die Kinder wichtig, dass die Eltern sich damit gründlich auseinandersetzen, damit sie ihrem Kind bei der Integration helfen können und ihm vermitteln, dass es sich mit dem Thema an sie wenden kann. Anstatt dem Familiendogma „Alle wissen über die Familiengründung zu dritt Bescheid, aber es darf nichts für uns bedeuten“ aufzusitzen, gilt es die eigenen Gefühle und Gedanken wahrzunehmen und sich zu fragen, was die Beteiligung eines anderen Mannes als biologischer Vater des Kindes für jedes Familienmitglied bedeutet.

Zu außerfamiliärer Offenheit gehört es im Wesentlichen auch, außerhalb der Familie kein Geheimnis aus der Form der Familiengründung zu machen und souverän und selbstsicher zur eigenen Unfruchtbarkeit zu stehen. Die außerfamiliäre Offenheit wird nicht notwendigerweise von innerfamiliärer Offenheit begleitet. In diesem Fall bleibt sie vordergründig.
Psychologisch steckt hinter der Offenheit etwas sehr Wichtiges: Sie bedeutet, zu der Familienform so zu stehen, wie sie ist – nicht nur die gewünschten sozialen Verbindungen anzunehmen, sondern auch den unerwünschten Nebeneffekt, die biologische Verbindung des Kindes zum biologischen Vater zu akzeptieren. Das bedeutet, zu akzeptieren, dass man eine Familie nicht beliebig konstruieren und biologische Verbindungen übergehen kann. Es erfordert eine Auseinandersetzung und Akzeptanz der Unfruchtbarkeit des sozialen Vaters, die fortbestehen bleibt.

7. Offenheit im Alltag – was bedeutet das konkret?

Wie wirkt sich eine frühzeitige Aufklärung des Kindes im Familienalltag aus? Ein aufgeklärtes Kindergartenkind spricht mit anderen Kindern und Eltern – die Wunscheltern müssen damit rechnen, dass die Unfruchtbarkeit des Mannes bekannt wird. Nicht alle Erwachsenen äußern sich einfühlsam und politisch korrekt – möglicherweise hören die Wunscheltern auch unsensible, spöttische oder ablehnende Bemerkungen. Es ist wichtig, dass die Eltern selbstbewusst zu ihrer Unfruchtbarkeit und der Familiengründung zu dritt stehen, um in solchen Situationen souverän und entspannt zu reagieren. Auf diese Weise vermitteln sie auch dem Kind einen entspannten, selbstbewussten Umgang mit dem Thema. Wenn Eltern spüren, dass sie die Vorstellung solcher Situationen verunsichert, kann es hilfreich sein, sie mehrmals im Geiste durchzuspielen.

Vielleicht erleben manche Wunscheltern auch einfühlsame Reaktionen ihres Umfelds oder stellen fest, dass ein Thema, das ihnen selbst viel bedeutet, anderen Menschen weit weniger wichtig ist, als sie befürchtet haben. Nicht zuletzt können Eltern mit ihrer eigenen Offenheit andere Menschen dazu ermutigen, zu Schwierigkeiten bei der Familiengründung oder einem unerfüllten Kinderwunsch zu stehen. Unbedingte Offenheit bedeutet für die Eltern also: Wunscheltern sollten offen zu ihrer Form der Familiengründung stehen und souverän damit umgehen können.

Das Kind bleibt kein Kindergartenkind, es wird älter und damit kann sich auch die Bedeutung des biologischen Vaters für das Kind verändern. Die Aufklärung ist kein einmaliges Ereignis und das Thema damit nicht abgeschlossen. Die Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte der Familie und der Rolle des biologischen Vaters bleibt für die Familie eine lebenslange Entwicklungsaufgabe. Für ein Grundschulkind sind andere Aspekte wichtig als für ein Kindergartenkind, vielleicht möchte es mehr über den biologischen Vater erfahren und zum Beispiel wissen, ob es Halbgeschwister gibt. Die Eltern sollten sich darauf einstellen, dass das Thema immer mal wieder zur Sprache kommen kann. An den Reaktionen der Eltern merkt das Kind, ob es mit seinen Fragen willkommen ist, oder ob es den Eltern schwerfällt, sich damit zu beschäftigen. Im Sinne des Kindes wäre es wünschenswert, wenn es seinen Fragen nachgehen kann und diese nicht zurückhalten muss, weil es spürt, dass die Eltern, insbesondere der soziale Vater, sich dadurch peinlich berührt, betroffen oder zurückgewiesen fühlen.

Vielleicht äußert das Kind im Laufe der Zeit den Wunsch, zu erfahren, wer sein biologischer Vater ist. Die Eltern sollten sich überlegen, wie sie damit umgehen können. Es wäre wünschenswert, wenn die Wunscheltern, auch der „nur“-soziale Elternteil, ihr Kind dabei begleiten würden und dem Kind nicht den Eindruck vermitteln, dass es sie mit seinem Interesse an seinem biologischen Vater verletzt. Vielleicht hat das Kind sogar die Möglichkeit, ihn persönlich kennenzulernen. Möglicherweise bleibt es nicht bei einem einmaligen Treffen, sondern beide haben Interesse daran, ihrer biologischen Verbindung auch eine soziale Beziehung hinzuzufügen und weiter in Kontakt zu bleiben. Dies kann eine besonders große Herausforderung sein, insbesondere für den „nur“-sozialen Elternteil, und Ängste mobilisieren.19 Da die überwiegende Mehrheit der aufgeklärten Spenderkinder im Laufe ihres Lebens Kontakt mit ihrem biologischen Vater aufnehmen möchte, ist es sinnvoll, sich als Wunscheltern darauf innerlich einzustellen. Dabei kann es hilfreich sein, sich als Elternpaar über die eigenen Gedanken und Gefühle und die des Partners, bzw. der Partnerin dazu auszutauschen. Zu erwartende Situationen können in der Vorstellung durchgespielt werden.

Seit einigen Jahren gibt es auch Elterninitiativen, bei denen die Möglichkeit besteht, sich mit anderen Eltern auszutauschen, die in der gleichen Situation sind. Eltern sollten auch wissen, dass jederzeit die Möglichkeit besteht, sich psychotherapeutischen Rat zu holen. Nicht immer ist eine längere Psychotherapie nötig, manchmal kann es bereits sehr hilfreich sein, sich einige Sitzungen mit fachkundiger Unterstützung diesem Thema zu widmen um anschließend souveräner damit umgehen zu können.

8. Lesenswertes speziell zur Aufklärung

Erfahrungen unserer frühaufgeklärten Mitglieder

Tagebucheintrag von Annes Mutter über den Tag, an dem sie ihre Tochter über die Samenspende aufgeklärt hat. Anne ist zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt.

Marie und ihr Mann haben ihre zwei Kinder mit einer Samenspende bekommen. Sie erzählt, wie diese Entscheidung damals gefallen ist, wie sie und ihr Mann die Kinder aufgeklärt haben und wie die Familie damit umgeht.

Ein weiterer Eltern-Erfahrungsbericht kommt von Constanze, die mit ihrem Mann inzwischen 3 Kinder über eine Samenspende bekommen hat. Die Kinder werden von Anfang an aufgeklärt und können später auf Wunsch erfahren, wer der Spender war.

Aufklärungs-Thread von Rebella im Forum Klein-Pütz

Ein Kontakt zu anderen Betroffenen ist sowohl für die Eltern wie auch für die Kinder gut, um zu sehen dass man mit der Familiengeschichte kein Einzelfall ist. DI-Familie ist eine Gruppe von aufklärenden Eltern, die Ansprechpartner in verschiedenen Städten Deutschlands anbieten und den Kontakt zwischen aufklärenden Spenderkinderfamilien stärken möchten.

Die Familientherapeutin Petra Thorn hat ein Bilderbuch zur Aufklärung für Familien geschrieben, die mit Hilfe von Samenspende entstanden sind: Die Geschichte unserer Familie, Mörfelden 2006, ISBN 3-9811-4100-8. Viele Familien finden es hilfreich, dieses Buch dem Kind von Anfang an vorzulesen, um sich selbst an das Reden über die Samenspende zu gewöhnen.

Das britische Donor Conception Network hat Broschüren über die Aufklärung von Spenderkindern für verschiedene Altersstufen auf Englisch herausgebracht. Den ersten Band Über die Familienbildung mit Spendersamen reden – mit Kindern bis 7 Jahre hat DI-Netz inzwischen übersetzt, dieser kann als Hardcover oder pdf über den FamArt Verlag erworben werden.

  1. P Casey, V Jadva, L Blake, S Golombok (2013), Families Created by Donor Insemination: Father – Child Relationships at Age 7. Journal of Marriage and Family 75, S. 858 – 870, S. 866; S Golombok, A Brewaeys, M T Giavazzi, D Guerra, F MacCallum, J Rust (2002), The European study of assisted reproduction families: the transition to adolescence. Human Reproduction (3) 17, 830-840, S. 837; S. Golombok, A Brewaeys, R Cook, M T Giavazzi, D Guerra, A Mantovani, E van Hall, P G Crosignani, S Dexeus (1996), The European study of assisted reproduction families: family functioning and child development. Human Reproduction (10) 11, 2324-2331, S. 2330; A Brewaeys, S Golombok, N Naaktgeboren, J de Bruyn, E van Hall (1997), Donor insemination: Dutch parents’ opinions about confidentiality and donor anonymity and the emotional adjustment of their children. Human Reproduction (7) 12, 1591–1597, S. 1591; A Rumball, V Adair (1999), Telling the story: parents’ scripts for donor offspring. Human Reproduction (5) 14, 1392–1399. S. 1395 f.; E Lycett, K Daniels, R Curson, S Golombok (2005), School-age children conceived by donor insemination: a study of parents’ disclosure patterns. Human Reproduction, 20, (3), 810-819, S. 813; L Blake, P Casey, V Jadva, S Golombok (2014), ‘I Was Quite Amazed’: Donor Conception and Parent–Child Relationships from the Child’s Perspective. Children & Society, 28, 425-437; M Shehab et. al (2008), How parents whose children have been conceived with donor gametes make their disclosure decision: contexts, influences, and couple dynamics. Fertility and Sterility (1) 89, 179-187, S. 180. []
  2. W Knobbe (2001), Psychologische Aspekte der Adoption. Familie Partnerschaft Recht 315-316, S. 309; zu anderen Gemeinsamkeiten zur Adoption vgl. D Adams (2013), Is a Donor Conceived Person “Half Adopted?” Australian Journal of Adoption 7 (2). []
  3. S Golombok et. al. (2002), The European study of assisted reproduction families: the transition to adolescence. Human Reproduction (3) 17, 830-840, S. 838; C Gottlieb, O Lalos, F Lindblad (2000), Disclosure of donor insemination to the child: the impact of Swedish legislation on couples’ attitudes. Human Reproduction (9) 15, 2052-2056, S. 2053; E Lycett, K Daniels, R Curson, S Golombok (2005), School-age children conceived by donor insemination: a study of parents’ disclosure patterns. Human Reproduction, 20, No. 3, 810-819, S. 814. []
  4. E. Lycett et al. (2005). []
  5. A Baran, R Pannor (1997), The Psychology of donor insemination in: S Kaplan Roszia, A Baran, L Coleman, Creating Kinship, University of Southern Maine, S. 11-19, S. 14. []
  6. K Daniels, L Meadows (2006), Sharing information with adults conceived as a result of donor insemination. Human Fertility (2) 9, 93–99;A Turner, A Coyle (2000), What does it mean to be a donor offspring? Human Reproduction 15 (9) 2041-2051, S. 2050; A McWhinnie (2001), Gamete donation and anonymity. Human Reproduction (5) 16, 807-817, S. 812; H Riley (2013), Confronting the conspiracy of silence and denial of difference for late discovery adoptive persons and donor conceived people. Australian Journal of Adoption (2) 7, S. 9. []
  7. Aus einem Artikel von Ute König, Stern, 1984 oder 1985, S. 95-102, S. 100. []
  8. Daniels K, Grace V, Gillett W (2011) Factors associated with parents’ decisions to tell their adult offspring about the offspring’s donor conception. Human Reproduction (10) 26, S. 2783–2790. []
  9. Die Angst ist groß und unbegründet, Interview mit Dr. Petra Thorn vom 5.3.2004, Der Freitag, https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-angst-ist-gross-und-unbegrundet []
  10. E Blyth, D Langridge, R Harris (2010), Family building in donor conception: parents’ experiences of sharing information. Journal of Reproductive and Infant Psychology, 2 (28), 116-127, S. 124f.; A Rumball, V Adair (1999), Telling the story: parents’ scripts for donor offspring. Human Reproduction, 5 (14), 1392-1399, S. 1397. []
  11. Solomon G, Johnson S, Zaitcheck D, Carey S (1996) Like Father, like Son: Young Children’s Understanding of How and Why Offspring Resemble Their Parents. Child Development (1) 1996, S.151-171. []
  12. Rumball A, Adair V (1999) Telling the story: parents’ scripts for donor offspring. Human Reproduction (5) 14 S.1392–1399, S. 1397. []
  13. Klotz M (2013) Genetic Knowledge and Family Identity: Managing Gamete Donation in Britain and Germany. Sociology (5) 47, S. 994 – 1011, S. 1006. []
  14. siehe hierzu Daniels K, Meadows L (2006) Sharing information with adults conceived as a result of donor insemination. Human Fertility (2) 9, S. 93–99. []
  15. Telling and Talking 17+ http://www.dcnetwork.org/products/product/telling-and-talking-17-yrs []
  16. Daniels K, Meadows L (2006) Sharing information with adults conceived as a result of donor insemination. Human Fertility (2) 9, S. 93–99, S. 97-98. []
  17. Klotz M (2013) Genetic Knowledge and Family Identity: Managing Gamete Donation in Britain and Germany. Sociology (5) 47, S. 994 – 1011, S. 1006: „…the German families often made highly normative comments on child-rearing and typically expressed a conviction that if a child made negative remarks about the donation in the future or developed an interest in the donor this would be the direct result of the parents’ failed child-rearing tactics.“ []
  18. Zur Bedeutung des biologischen Vaters für die Wunscheltern siehe beispielsweise V Grace, K Daniels, W Gillett (2008), The donor, the father, and the imaginary constitution of the family: Parents’ constructions in the case of donor insemination. Social Science & Medicine 66 , 301–314. J Scheib, M Riordan, S Rubin (2003), Choosing identity-release sperm donors: the parents’ perspective 13-18 years later. Human Reproduction (5) 18, 1115-1127, S. 1125. []
  19. J Scheib, M Riordan, S Rubin (2005), Adolescents with open-identity sperm donors: reports from 12–17 year olds. Human Reproduction (1) 20, 239–252, S. 249; S Isaksson et al. (2011), Two decades after legislation on identifiable donors in Sweden: are recipient couples ready to be open about using gamete donation? Human Reproduction, (4) 26, 853–860, S. 855. []