Letzte Änderung 06.09.2010
Für mich ist die Anonymität der Spender und die Verheimlichung durch viele Eltern das Hauptproblem, nicht die Samenspende. Ich finde eine donogene Insemination okay, wenn die Eltern sich vorher ausführlich beraten lassen, ihren Kindern von Anfang an die Wahrheit sagen und sicherstellen, dass die Kinder später die Identität des Spenders erfahren können. Oft läuft es aber gerade so nicht.
Trotzdem wäre es kein Weg, den ich gehen würde. Ich muss oft daran denken, dass ich das Produkt von zwei Menschen bin, die sich überhaupt nicht kannten und vielleicht auch niemals attraktiv gefunden hätten. Für mich zeichnet sich Elternsein in der Übernahme von Verantwortung für ein Kind aus und nicht dadurch, dass eine genetische Verwandtschaft besteht. Ich denke auch nicht, dass genetische Verwandschaft ein besonderes Näheverhältnis erzeugt. Für mich gibt es kein Recht auf ein Kind. Wenn man das genetisch eigene Kind geradezu als Bedürfnis sieht, muss man gar nicht mehr über Alternativen nachdenken oder darüber, wie es sich für das Kind anfühlen mag.
Dass manche Eltern absolut egoistische Beweggründe haben, kann man an den Paaren beobachten, die ausdrücklich nicht möchten, dass ihr Kind je die Identität des Spenders erfahren kann, weil dies angeblich die Rolle des sozialen Vaters entwerten würde. Solche Eltern betrachten ihr Kind wie ihr Eigentum, dass sie vor Konkurrenz durch den Spender schützen möchten. Vorgeschoben wird dann oft, dass das Kind nicht verwirrt werden soll. Die Angst vor Konkurrenz durch den Spender ist meiner Meinung nach aber völlig unbegründet, da jedes Kind eigentlich weiß, wer täglich für es sorgt und da ist.
Ich möchte damit keineswegs aussagen, dass alle Menschen, die eine donogene Insemination vornehmen lassen, egoistische und schlimme Menschen sind. Ich habe über die Internetseite sehr nette Eltern von DI-Kindern kennengelernt, bei denen ich mir sicher bin, dass sie immer auch an die Interessen ihrer Kinder gedacht haben und mit denen ich viele Anliegen teile. Wenn ich aber höre, dass nur circa 5 % der durch Samenspende gezeugten Kinder die Wahrheit wissen, stellen diese Eltern doch die Minderheit dar. Zumindest bleibt aber zu hoffen, dass manche dieser Eltern durch mehr Informationen überzeugt werden können, dass Verschweigen nicht der richtige Weg ist.
Ich bin natürlich glücklich über die Tatsache meiner Existenz, aber trotzdem ist damit nicht verbunden, dass ich die Art der Entstehung mit allen konkreten Umständen gut finden muss.
Auf jeden Fall sollten Eltern ihre Kinder von Anfang an über ihre Entstehungsweise aufgeklären, denn bisherige Erfahrungsberichte haben gezeigt, dass es für Kinder, die erst spät davon erfahren, zu einem traumatischen Ereignis werden kann. Kinder verstehen und verkraften oft viel mehr, als man meint, denn für sie ist ja das ganze Leben neu. Die donogene Insemination wird dann zu einem Teil der Familiengeschichte, mit der das Kind aufwächst. Es kommt nicht als Schock, Überraschung und eine Tatsache, aufgrund derer das gesamte Leben neu betrachtet werden muss. Außerdem macht es deutlich, dass eine solche Zeugungsart nichts ist, weswegen man sich schämen muss oder worüber man nicht reden darf. Und vor allem wird nie das Gefühl entstehen, dass die eigenen Eltern als wahrscheinlich engste Vertrauenspersonen die Wahrheit vorenthalten haben.
Eltern, die ihren Kindern nicht die Wahrheit sagen, begehen eine große Ungerechtigkeit an ihrer Beziehung zu dem Kind. Die Kinder werden als Mittel gesehen, den unerfüllten Kinderwunsch der Eltern zu behandeln. Das kann einfach nicht richtig sein, da ein Mensch niemals ein Objekt sein sollte.
Wie donogene Insemination wird durch die meisten Kliniken und Ärzte größtenteils ohne Rücksicht auf die Interessen der Kinder betrieben. Zahlende Kunden sind halt nur die kinderlosen Eltern. Eine Behandlung kostet je nach Zahl der Befruchtungsversuche zwischen 2.000 und 4.000 Euro und ist somit auch nichts für eher Mittellose. Ein Spender erhält für sein Sperma zwischen 75 und 150 Euro pro Spende - die Gewinnspanne ist also recht hoch. Einige dieser Ärzte empfinden sich vermutlich dabei als Wohltäter, weil sie ungewollt kinderlose Paare glücklich machen können. Dass die Rechte der so gezeugten Kinder für die meisten Ärzte nicht zählen, sieht man schon daran, dass viele Kliniken die Behandlungsunterlagen direkt oder nach zehn Jahren vernichtet haben. Oft werben diese Kliniken mit niedlichen Babyfotos und verharmlosen eventuelle Probleme aufgrund der donogenen Insemination.
Das gipfelt dann darin, dass den Eltern manchmal empfohlen wird, den Kindern nie etwas über ihre Entstehungsweise zu sagen (so zum Beispiel Dr. Poluda in München) - wohl nicht zuletzt aus eigenem Interesse, denn dann müssen sie auch keine Ansprüche der Kinder befürchten. Ich hoffe nur, dass irgendwann einmal betroffene Kinder diese Kliniken auf Schadensersatz verklagen, damit diese Vorgehensweise ein Ende hat. Vielleicht gibt es dann auch endlich mal eine vernünftige gesetzliche Regelung - andere Staaten wie Großbritannien, Australien und Schweden haben das schließlich auch schon geschafft.
Ich halte es für evident ungerecht, dass die Zeugung von Menschen gestattet wird, die keinen Zugang zu ihrer sozialen und medizinischen Geschichte haben. In einer gewissen Weise ist das eine Enstehung von Bürgern zweiter Klasse. Momentan wird davon ausgegangen, dass zwischen 30 und 70 Prozent aller Anlagen vererbt werden. Einen Großteil seines biologischen Ursprungs nicht zu kennen hat soziale Konsequenzen und kann große emotionale Schmerzen verursachen. Dies wird durch das Bewusstsein verschlimmert, dass dies kein Versehen war, sondern vorsätzlich unternommen wurde, um die Unfruchtbarkeit der Eltern zu verdecken, und von gesetzlichen Regelungen ignoriert oder sogar noch unterstützt wird.
Natürlich ist es wichtiger, liebevolle Eltern zu haben, aber für das eigene Selbstbild ist die Abstammung ein wichtiger Teil. Ich persönlich finde es sehr belastend, dass ich nicht weiß, von wem ich die Hälfte meines Aussehens und meiner Anlagen habe. Ich möchte mich einfach in einen Teil der Geschichte einordnen. Dass dieses Bedürfnis ganz normal ist, zeigen auch die vielen Leute, die sich für Ahnenforschung interessieren. Mir wird die Tatsache, dass mir hier ein Teil fehlt, oft nur an Kleinigkeiten bewusst, zum Beispiel wenn ich beim Arzt nach der Krankengeschichte meiner Familie gefragt werde, die angebliche Ähnlichkeit zu meinen Eltern kommentiert wird oder mir Freunde von der Lebensgeschichte ihrer Eltern erzählen. Da ich selbst langsam in das Alter komme, in dem man an Kinder denkt, macht es mich auch traurig, dass ich meinem eigenem Kind nie sagen werden kann, wer der genetische Großvater ist.
Die Anonymität der Spender sollte deswegen völlig aufgehoben werden. Das Hauptargument hiergegen ist immer, dass sich dann kaum noch Spender finden werden. Das zählt für mich aber nicht. Entweder eine Handlung ist falsch und verletzt Menschen, und dann muss man sie aufgeben, oder sie ist es halt nicht. Wenn die Anonymität der Spender Leid und Schaden bei den Betroffenen bewirkt, dann wird es nicht besser dadurch, dass mehr Babys auf diese Weise enstehen können. Außerdem wird immer davon ausgegangen, dass Anonymität und Samenspende zwangsläufig zusammenhängen - wieso eigentlich? Der Spender hilft schließlich anderen Menschen, darauf könnte er doch eigentlich stolz sein. Und über 18 Jahre später einmal einen kurzen Kontakt zu den mit seiner Hilfe gezeugten Kindern zu haben, wird doch auch nicht so schlimm sein - vielleicht ist es sogar interessant oder ein schönes Erlebnis. Wenn die Kliniken diese Aspekte betonen würde, bin ich mir sicher, dass sie andere Spender finden werden.
Auch zeigen die Erfahrungen aus Schweden, Großbritannien und Victoria (Australien), welche die Anonymität der Spender aufgehoben haben, dass die Spenderzahlen zwar kurzfristig zurückgehen, sich aber langfristig stabilisieren. Was aber in diesen Fällen stattfindet, ist ein Wechsel der Spender. Es spenden dann weniger junge Studenten wegen des Geldes, welche die Bedeutung ihrer Entscheidung nicht wirklich begreifen, sondern eher 35 jährige verheiratete Männer, die zusammen mit ihrer Partnerin über die Spende entschieden haben, um kinderlosen Paaren zu helfen. Und wenn überhaupt, werden genau solche Spender gebraucht, nämlich Menschen, denen bewusst ist, dass eine Samenspende nicht wie eine Blutspende ist, sondern dass hierdurch Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen getrennt von denen der Eltern entstehen.
Daher wünsche ich mir, dass die donogene Insemination in Deutschland rechtlich endlich geregelt wird. Ich finde eine Regelung wie in England und Schweden erstrebenswert, bei der die Spenderdaten staatlich registriert werden und den Kindern ab der Volljährigkeit zugänglich gemacht werden. Schon vorher sollten nicht identifizierbare Informationen erhältlich sein und Informationen darüber, ob man mit Samenspende gezeugt wurde. Zusätzlich sollte ein freiwilliges Register enstehen, wenn Kinder und Spender schon früher Kontakt haben möchten. Für Menschen wie mich, deren Daten schon vernichtet wurden, sollte ein freiwilliges Register eingerichtet werden, bei dem sich Kinder, die Informationen suchen, und Spender, welche die Bedürfnisse der Kinder verstehen, registrieren lassen können. Außerdem sollte der Rechtsanspruch des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung bei Samenspenden gesetzlich ausdrücklich genannt werden.
Ich weiß seit dem Sommer 2006, dass ich durch eine Samenspende enstanden bin. Meine Mutter hatte mich zu einem Gespräch "über etwas Wichtiges, aber nichts Schlimmes" zu ihr nach Hause eingeladen. Ich war etwas verwundert, meinen Vater dort auch anzutreffen, denn die beiden sind seit mehreren Jahren getrennt, auch wenn sie sich noch ganz gut verstehen. Noch verwunderter war ich, als mein Vater sich vor dem Gespräch erst einmal einen Schnaps einschenkte.
Dann erzählt mir mein Vater, dass er nach einer schweren Erkrankung in seiner Jugend zeugungsunfähig war. Deswegen bot man meinen Eltern an, bei einem Versuch mit Donogener Insemination an der Uniklinik Essen teilzunehmen. Tatsächlich wurde meine Mutter schon nach der zweiten Insemination schwanger und bekam mich. Außer zwei guten Freunden von meinen Eltern hat dies niemand gewusst. Sie meinten, sie hätten seit einigen Jahren überlegt, es mir zu sagen, aber bisher hätten sie mich für zu jung oder für zu beschäftigt an der Uni gehalten. Meine Mutter übernahm dann die Erzählung und beteuerte, dass dies aber nicht bedeuten würde, dass sie mich weniger lieben würden. Außerdem fände sie es sehr wichtig, dass zumindest wir beide genetisch verwandt sind, denn das würde schon etwas bedeuten.
Ich stand in dem Moment unter Schock und hatte das Gefühl, dass dies gerade einem ganz anderen Menschen passiert und ich nur daneben stehe und zugucke. Außerdem wusste ich gar nicht genau, was eine Donogene Insemination überhaupt ist. Was ich aber ganz genau wusste, war, dass der Mensch, den ich immer für meinen Vater gehalten habe, es zumindest genetisch gesehen überhaupt nicht ist. Gleichzeitig hatte ich das schlimme Gefühl, belogen und getäuscht worden zu sein. Aus diesem Grund wollte ich meinen Eltern auch nicht zeigen, wie sehr mich diese Nachricht aufwühlte. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Traum, stellte meinen Eltern nur ganz wenige Fragen dazu und fing dann an, mit ihnen über etwas anderes zu reden. Im Nachhinein sehe ich den letzten Teil dieser Unterhaltung nur noch wie durch einen dicken Nebel.
Das einzige, an das ich mich genau erinnere, sind die unsensiblen Bemerkungen meiner Mutter zu dem Spender. Auf meine Frage, wer denn jetzt mein genetischer Vater sei, betonte sie, dass sie es zwar nicht wisse, aber der Spender gesund und intelligent gewesen sei. Die Klinik habe eine sehr genaue Auswahl getroffen und noch nicht einmal homosexuelle Spender zugelassen, weil sie befürchtet habe, dass sich das vererbe. Bezüglich des Aussehens hätten sie den Wunsch angegeben, dass der Spender nicht so groß sein soll. Ich hatte fast das Gefühl, dass sie stolz darauf war, wie gut sie die Täuschung durchgehalten hat. Auf jeden Fall fehlte ihr jegliches Bewusstsein dafür, wie ich mich gefühlt habe.
Zwischendrin ging ich ins Badezimmer, sah mich lange im Spiegel an und überlegt, was ich wohl von meinem unbekannten genetischen Vater habe: die Nase und den Mund? Was würde er von mir halten, wenn er mich sehen würde? Trotzdem versuchte ich mir immer noch zu sagen, dass alles nicht so schlimm ist. Als ich nach Hause fuhr, reagierte aber plötzlich mein Körper und ich fing an, am ganzen Köper zu zittern.
Zu Hause durchsuchte ich erst einmal das Internet nach dem Begriff Insemination. Meine erste Informationsquelle war Wikipedia, in dessen Artikel stand, dass die Anonymität der Spender nicht völlig garantiert wäre, da die Kinder eine gewisse Zeit lang die Vaterschaft anfechten könnten. Ich war geschockt, dass es überhaupt Anonymität für die Spender gibt. Sonst fand ich nur Seiten von Eltern mit Kinderwunsch oder der Reproduktionsmedizinskliniken, die sich sehr wenig Gedanken über die Situation der Kinder machten und Samenspende als tolle Methode darstellten, endlich das lang ersehnte Kind zu bekommen. Ich fragte mich nur, weswegen ich mich so schrecklich fühle, wenn es so eine tolle Methode ist. Am nächsten Tag saß ich in der Bibliothek und versuchte zu lernen, aber konnte an nichts anderes denken. In meinem Kopf war totales Chaos, und die selben Gedanken wiederholten sich immer wieder. Irgendwann fing ich mitten in der Bibliothek an zu weinen. Zwei Tage später teilte ich meinen Eltern per email mit, dass ich sie erstmal nicht sehen möchte und Zeit für mich brauche.
Die erste Woche nach dieser Enthüllung ging es mir so schlecht wie noch nie in meinem Leben. Ich konnte an überhaupt nichts anderes denken und habe viel geweint. Ich hatte immer wieder kurze Momente, in denen ich dachte, alles wäre nur ein böser Traum gewesen und ich wäre gerade wieder aufgewacht. Regelmäßig musste ich mich bewusst daran erinnern, dass ich noch der gleiche Mensch wie vorher bin und es mein eigener Körper ist. Schlimm fand ich sowohl die Tatsache, dass ich mit einer Samenspende gezeugt wurde, wie auch die Tatsache dass meine Eltern mich 25 Jahre mit einer Lüge haben aufwachsen lassen. Deprimierend war auch das Gefühl, niemanden wie mich finden zu können, denn im Internet gab es einfach nichts von betroffenen Kindern. Schockierend fand ich auch, manche Reproduktionsmedizinkliniken zu finden, welche die Anonymität als beste Lösung für alle Beteiligten preisen und den Eltern rieten, ihren Kindern ja nie etwas zu erzählen, da man doch eine ganz normale Familie sein möchte. Mir erschien die alles als "Fortpflanzungsmarkt", in dem unkontrolliert und ohne Rücksicht auf die Interessen des späteren Kindes vorgegangen wird.
Nach ein paar Monaten ging es mir wieder etwas besser - allerdings bin ich in einer sehr glücklichen Beziehung und habe tolle Freunde. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass es andere Menschen in meiner Situation viel härter trifft. Ein halbes Jahr lang ging ich zu einer Psychologin, was mir ebenfalls geholfen hat besser mit der Situation klarzukommen.
Mir war aber sofort klar, dass ich wissen möchte wer der Spender ist. Daher stellte ich ein Auskunftsersuchen auf Nennung des Spenders an die Uniklinik Essen und den Arzt, an den meine Eltern sich in dem behandelnden Team noch namentlich erinnern konnten. Er betreibt jetzt eine eigene Kinderwunschklinik und ist anscheinend gut im Geschäft. Eine Woche später habe ich sowohl von der Uniklinik wie auch von dem Arzt als Antwort erhalten, dass die Daten "nach der gesetzlichen Mindestaufbewahrungsfrist von 10 Jahren" vernichtet wurden, wobei der Arzt selbst mir noch fürsorglich eine Gesprächsmöglichkeit mit der Psychologin in seiner Praxis anbot. Entschuldigt hat sich niemand. Ich war erst einmal am Boden zerstört. Ich finde den Gedanken unglaublich, dass die Uniklinik Essen anscheinend ohne jedes Unrechtsgefühl die Daten meines Spenders vernichtet hat. Unangenehm war auch das Gefühl, von ihnen nicht als ein Mensch mit eigenen Rechten angesehen zu werden, sondern nur als Objekt der Vertragsbeziehungen mit meinen Eltern.
Es ist nicht so, dass ich denke, der Samenspender wäre mein wirklicher Vater und wir müssten zwangsläufig eine besonders enge Bindung empfinden. Meiner Meinung nach sind die sozialen Eltern wesentlich wichtiger für die Entwicklung eines Kindes, und mein sozialer Vater ist natürlich mein "richtiger" Vater. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich sein leibliches Kind. Trotzdem spielt die Genetik eine Rolle, denn zumindest das Aussehen wird vererbt, und vielleicht auch mehr. Wenn ich mit anderen Menschen über Familie spreche, habe ich oft das Gefühl, dass mir dieses eigentlich selbstverständliche Wissen fehlt, von wem ich abstamme. Ich möchte einfach wissen, woher ich teilweise komme, was ich vielleicht geerbt habe und was nur von mir selbst kommt.
Dabei würde mir schon ein Foto des Spenders und ein paar Hintergründe zu Bildungsstand, Familie, Beruf und Hobbies weiterhelfen. Ein persönliches Treffen wäre natürlich schöner, weil man nur so eine Person wirklich einschätzen kann. Wenn ich die Daten bekommen hätte, dann wäre ich aber niemals einfach zu seiner Haustür gefahren, sondern hätte mch erstmal in einem Brief vorgestellt. Manchmal frage ich mich, ob der Spender jemals an die Kinder denkt, die mit seiner Spende entstanden sind und ob er vielleicht auch neugierig ist, wie sie sich entwickelt haben. Meine Mutter sagt, dass ihr der Arzt der Uniklinik zugesichert hatte, dass die Kinder den Namen des Spenders erfragen können, wenn sie jemals von der donogenen Insemination erfahren. Deswegen hätte sie nie gedacht, dass die Akten einmal einfach vernichtet werden.
Schlimm finde ich, dass meine Eltern mir so lange nicht die Wahrheit gesagt haben und es dann unbedingt ein halbes Jahr vor meinem Uniabschluss tun mussten. Ich fühle mich angelogen von ihnen und habe das Gefühl, um einen Teil meiner Kindheit betrogen worden zu sein, weil sie sich nicht klar gemacht haben, welche Herausforderungen auch in einer Beziehung mit einer donogenen Insemination verbunden sind. Ich bin ziemlich sicher, dass viele Probleme in unserer Familie damit zusammenhängen. Als ich im Alter zwischen 9 und 15 war, verstanden mein Vater und ich uns sehr schlecht - so schlecht, dass ich teilweise vermieden habe, viel zu Hause zu sein. Er arbeitete oft sehr lange und war zu Hause unberechenbar und agressiv. Gleichzeitig war er sehr eifersüchtig auf das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir, das zu dieser Zeit wesentlich besser war. Sehr oft warf er uns agressiv vor, dass wir ihn absichtlich ausschließen würden. Ich habe mich damals immer gefragt, warum er sich denn nicht mehr bemüht. Nach einem sehr schlimmen Streit habe ich meine Mutter sogar gefragt, ob er wirklich mein Vater ist. Mit meinem jetzigen Wissen kann ich das Verhalten meines Vaters wesentlich besser verstehen. Meine Eltern hatten zu mir keine Beziehung von der gleichen Ausgangsbasis her, weil mein Vater vermutlich immer die geheime Angst hatte, dass die genetische Verwandtschaft doch eine Rolle spielt.
Richtig geahnt, dass meine Eltern mit etwas Wichtiges verheimlichen, habe ich nichts. Ich bin meinen Eltern zwar nicht sehr ähnlich, weder vom Aussehen noch vom Wesen, aber das kommt ja auch bei normal gezeugten Kindern vor. Ich habe aber auch einfach nicht erwartet, dass meine Eltern mich derart anlügen würden.
Für meine Eltern war die Samenspende die einfachste Lösung. Eine Adoption wollten sie nicht, da sie keine fremden Menschen vom Jugendamt beurteilen lassen wollten, ob sie ein Kind aufnehmen dürfen. Außerdem befürchteten sie, dass das Kind im Mutterleib oder als Kleinkind irgendwelchen Belastungen ausgesetzt wurde. Nicht zuletzt war es meinen Eltern wichtig, dass ich zumindest das leibliche Kind von einem von ihnen bin, und meine Mutter wollte gerne die Erfahrung einer Schwangerschaft machen. Befremdet hat mich auch, dass meine Eltern Wünsche bezüglich des Spenders äußern durften, denn als Kind möchte ich nicht nach dem Baukastenprinzip zusammengestellt werden.
Ich kann mich in die Lage meiner Eltern schon hineinversetzen - es muss ein schlimmes Gefühl sein zu erfahren, dass man mit dem geliebten Partner kein eigenes Kind haben kann. Natürlich war ich ein Wunschkind, und meine Eltern haben mir größtenteils ein liebevolles Zuhause geboten. Aber das rechtfertigt für mich keinesfalls ihr Verhalten. Für mich zeichnen sich Eltern dadurch aus, dass man ihnen vertrauen und sich auf sie verlassen kann. Dieses Gefühl habe ich ihnen gegenüber verloren, da sie sich so wenige Gedanken gemacht haben, wie ich mich später angesichts dieser Entstehungsweise fühlen werde, besonders wenn ich es erst so spät erfahre. Außerdem kann ich einfach nicht nachvollziehen, wie man sein Kind 25 Jahre lang anlügen kann. Und sie haben sich keinerlei Mühe gegeben um sicherzustellen, dass ich später erfahren kann, wer der Spender ist - wohl auch weil sie einfach nicht davon ausgegangen sind, dass die Uniklinik die Daten vernichten könnte.
Ich hatte zu meinen Eltern nach diesem Tag fast eineinhalb Jahre hinweg kaum Kontakt. Der Grund hierfür war einerseits dass ich mich überhaupt nicht mehr auf meine anstehenden Prüfungen hätte konzentrieren können, wenn ich mich zu dem Zeitpunkt mit ihnen auseinandergesetzt hätte. Dann brauchte ich aber auch Zeit für mich selbst, und ich wollte gleichzeitig, dass sie darüber nachdenken, wie sehr sie mich mit ihrer Handlungsweise verletzt haben.
Nach fast eineinhalb Jahren Kontaktabbruch habe ich zuerst wieder angefangen, meinen Vater zu treffen, und einige wenige Monate später auch meine Mutter. Beide haben sich bei mir entschuldigt und gesagt, dass sie heute alles anders machen würden. Richtig verstanden habe ich es dadurch nicht, aber irgendwann habe ich gemerkt dass ich auf beide nicht mehr wirklich wütend bin. Aber die Enttäuschung darüber wird glaube ich nie vergehen.
Inzwischen ist das Wissen, durch eine Samenspende entstanden zu sein, ein normaler Teil von mir. Das ist glaube ich nicht zuletzt deswegen so, weil ich mich wirklich bewusst damit auseinandergesetzt habe. In manchen Zeiten denke ich mehr darüber nach, in manchen weniger. Manchmal werde ich auch noch wütend, wenn ich besonders dreiste Meinungen höre. Meine engsten Freunde wissen alle darüber Bescheid. Richtig öffentlich machen möchte ich es bisher nicht, aber ausschließen möchte ich das auch nicht.
Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass ich durch meine Geschichte einen Teil Verantwortung habe zu verhindern, dass das große Verschweigen gegenüber den Kindern weitergeht. Für mich ist es kein Bedürfnis, Familiengeschichten im Internet zu erzählen oder zum zehnten mal eigentlich fremden Journalisten zu schildern. Es wäre auch für mich einfacher gewesen, einfach so weiterzuleben wir bisher und nur zu versuchen, meine Gefühle irgendwie unter Kontrolle zu halten. Wenn ich aber irgendwie bewirken kann, dass nur ein paar Eltern sich von Anfang an für Offenheit entscheiden, einen nicht-anonymen Spender wählen oder sicherstellen, dass die Spenderdaten ihrer Kinder gesichert werden, dann habe ich schon viel bewirkt.
Nicht zuletzt ist ein schönes Gefühl, inzwischen andere Spenderkinder zu kennen und mit ihnen Erfahrungen auszutauschen. Ich habe das Gefühl, dass wir zusammen einiges verändern können, und das ist sehr motivierend.