Stina

Späte Aufklärung mit 26

Ich habe im Sommer 2006 mit 26 Jahren erfahren, dass ich durch eine Samenspende gezeugt worden bin. Ich versuche im Folgenden zunächst schildern, wie dieser Abend zu diesem Zeitpunkt für mich war (und nicht was ich zuückschauend dazu meine). Meine Mutter hatte mich zu einem Gespräch “über etwas Wichtiges, aber nichts Schlimmes” zu ihr nach Hause eingeladen. Ich war etwas verwundert, meinen Vater dort auch anzutreffen. Die beiden sind seit mehreren Jahren getrennt, auch wenn sie sich noch ganz gut verstehen. Noch verwunderter war ich, als mein Vater sich vor dem Gespräch erst einmal einen Schnaps einschenkte.

Mein Vater find an: „Ich hatte in meiner Jugend Hodenkrebs und wusste seitdem, dass ich vermutlich zeugungsunfähig war. Als ich Deine Mutter kennenlernte, habe ich ihr relativ schnell von meiner Erkrankung erzählt und ich habe mich testen lassen.“
Meine Mutter zog das Gespräch an sich: “Bei der Familienberatung pro familia haben wir erfahren, dass es an der Uniklinik Essen einen Versuch mit “Insemination” gab, an dem sie teilnehmen konnten. So haben wir Dich dann bekommen.“

Ich hatte in diesem Moment das Gefühl, mich in einer Folge von „Verbotene Liebe“ zu befinden und als würde ich die Situation nur als Zuschauer beobachten. Ich hätte meine Eltern nicht für Menschen eingeschätzt, die ein Familiengeheimnis haben und es mir erst so spät mitteilen. Außerdem wusste ich gar nicht genau, was eine “Insemination” überhaupt ist. Was ich aber ganz genau wusste, war, dass der Mensch, den ich immer für meinen Vater gehalten habe, es zumindest genetisch gesehen überhaupt nicht ist.

Meine Mutter sah mich intensiv an und fragte: „Was löst es für Gefühle in Dir aus, was wir Dir jetzt gesagt haben?“ Ich wusste es selbst noch nicht, hatte aber das Gefühl, dass sie mir deutlich zu nah trat und eine Absolution wollte.
Ich sagte nur: „Für mich macht es im Verhältnis zu Papa keinen Unterschied. Aber warum sagt ihr mit das erst jetzt?“
Meine Mutter: „Wir wollten es Dir zuerst gar nicht sagen. Dann haben wir unsere Meinung geändert und hatten länger vor, es Dir zu sagen. Bisher haben wir Dich aber für zu jung oder beschäftigt an der Uni gehalten.“ Die Erklärung überzeugte mich überhaupt nicht. Wahrscheinlich war jeder Zeitpunkt schlecht, aber ein halbes Jahr vor den Klausuren für das erste juristische Staatsexamen war offensichtlich besonders schlecht.

Ich sagte: „Das verstehe ich nicht. Adoptierte klärt man doch auch früh auf. Und eigentlich macht es doch im Verhältnis zu Papa nichts aus. Überhaupt, wieso habt ihr nicht adoptiert?“
Meine Mutter: „Wir wollten nicht, dass jemand anders beurteilt, ob wir Kinder haben dürfen. Und ich denke schon, dass es etwas ausmacht, dass wir beide verwandt sind. Das bedeutet nicht, dass wir Dich weniger lieben würden.“

Letzteres hatte ich nie bezweifelt. Die Bemerkung zur Bedeutung von Verwandtschaft fand ich extrem unsensibel gegenüber meinem Vater. Deswegen zögerte ich etwas, die nächste Frage zu stellen: „Und wer ist jetzt mein genetischer Vater?“
Meine Mutter: „Ein Samenspender, wir wissen nicht wer. Wahrscheinlich ein Medizinstudent, auf jeden Fall Akademiker, ein intelligenter Mann. Mach Dir keine Sorgen, die Spender wurden an der Uniklinik Essen gut ausgesucht. Sie haben noch nicht einmal homosexuelle Spender genommen. Wir wurden gefragt, ob wir irgendwelche besonderen Wünsche hatten. Da habe ich gesagt, dass ein kleiner Spender gut wäre, damit Du nicht so groß wirst wie ich.“ Das machte mich fassungslos. Ich fühlte mich nicht als Mensch wahrgenommen, sondern als Produkt, dessen Eigenschaften ausgesucht werden. Der Mann, der mein genetischer Vater ist, wurde nach der Größe ausgesucht und dass er nicht schwul ist?

Ich fühlte ich mich verletzt, aber wollte meinen Eltern nicht zeigen, wie sehr mich diese Nachricht aufwühlte. Ich ging ins Badezimmer, sah mich lange im Spiegel an und überlegte, was ich wohl von meinem unbekannten genetischen Vater haben könnte: die Nase und den Mund? Was würde er von mir halten, wenn er mich sehen würde?

Trotzdem versuchte ich mir zu diesem Zeitpunkt immer noch zu sagen, dass sich durch diese Nachricht eigentlich nichts geändert hat. Als ich mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, reagierte mein Körper: ich fing an, unkontrolliert zu zittern und fiel fast vom Fahrrad. Zu Hause durchsuchte ich erst einmal das Internet nach dem Begriff Insemination. Ich war erleichtert, dass es in vitro fertilisation außerhalb des Körpers war. Tiefgefrorene Geschwister zu haben und nur durch einen Zufall ausgewählt worden zu sein, hätte ich wirklich traurig gefunden.

Mich schockierte, was ich im Internet fand: Seiten von Kinderwunschkliniken und Eltern. Eine Samenspende wurde als wunderbare und problemlose Methode dargestellt, doch noch das ersehnte, eigene Kind zu bekommen. Weswegen fühlte ich mich dann so schlecht? Gedanken über die Gefühle der Kinder machte sich niemand. Am besten sollten sie es niemals wissen, so einige Ärzte. Wie kann man so mit seinen eigenen Kindern umgehen? Es gab eine Ausnahme: Ich fand ein Interview mit Petra Thorn, die den Eltern Offenheit empfahl. Weswegen waren meine Eltern nicht darauf gekommen, obwohl das bei Adoptierten doch seit Jahrzehnten total klar ist?

Gleichzeitig fühlte ich mich schrecklich für meine Eltern, vor allem für meinen Vater. Wie muss es für ihn gewesen sein, zu wissen dass er keine eigenen Kinder bekommen kann? Hat er oft daran gedacht, wenn er mich sah? Und wie muss es für die beiden gewesen sein, dieses Geheimnis hüten zu müssen?

Meine Gefühle in der ersten Zeit nach der Aufklärung

Die ersten Wochen nach dieser Enthüllung ging es mir so schlecht wie noch nie in meinem Leben. Regelmäßig musste ich mich bewusst daran erinnern, dass ich noch der gleiche Mensch wie vorher bin. Ich saß in der Bibliothek und versuchte zu lernen, aber die selben Gedanken wiederholten sich immer wieder. Ich fing an, nach dem Thema zu recherchieren und schließ auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Recht auf Kenntnis der Abstammung. Wieso schien das nur niemanden zu kümmern? Irgendwann fing ich mitten in der Bibliothek an zu weinen.

Ich merkte, dass ich nicht für die Kinderlosig- und Kommunikationslosigkeit meiner Eltern traurig sein wollte. Sie hatten mehrere Entscheidungen gefällt, aufgrund derer es mir sehr schlecht ging. Und sie hatten mir 25 Jahre lang nicht die Wahrheit gesagt, mich angelogen. Mit mehr Verantwortungsbewusstsein, Nachdenken und Mut hätten sie sich anders verhalten. Ich hatte Angst, mein Examen nicht zu schaffen, zu einem misstrauischen Menschen zu werden. Und ich wusste, dass ich mich auf keinen Fall auf mein Examen konzentrieren konnte, wenn ich meine Gefühle mit ihnen diskutieren würde. Daher entschloss ich mich, den Kontakt zu meinen Eltern erst einmal abzubrechen. Ich musste selbst sehen, wie ich mit der Situation zurecht kam. Erst ein Jahr später, nachdem ich mein Examen bestanden hatte, haben ich wieder Kontakt zu ihnen aufgenommen.

Deprimierend war auch das Gefühl, selbst im Internet nichts von Menschen finden zu können, die durch eine Samenspende gezeugt wurden. War da wirklich niemand, mit dem ich meine Gefühle teilen konnte, der mich verstehen würde, der so entstanden ist wie ich?

Die bisher ergebnislose Suche nach dem Spender

Ich wollte sofort wissen, wer mein genetischer Vater ist. Daher stellte ich ein Auskunftsersuchen auf Nennung des Spenders an die Uniklinik Essen und den Arzt, an den meine Eltern sich in dem behandelnden Team noch namentlich erinnern konnten. Er betreibt jetzt eine eigene sehr erfolgreiche Kinderwunschklinik in Essen. Eine Woche später habe ich sowohl von der Uniklinik wie auch von dem Arzt als Antwort erhalten, dass die Daten “nach der gesetzlichen Mindestaufbewahrungsfrist von 10 Jahren” vernichtet wurden, wobei der Arzt selbst mir noch fürsorglich eine Gesprächsmöglichkeit mit der Psychologin in seiner Praxis anbot. Entschuldigt oder zumindest Mitgefühl ausgedrückt hat niemand. Ich fühlte mich von der Uniklinik Essen nicht als ein Mensch mit eigenen Rechten wahrgenommen, sondern nur als Objekt der Vertragsbeziehungen mit meinen Eltern.

Meine Mutter sagt, dass ihr der Arzt der Uniklinik zugesichert hatte, dass die Kinder den Namen des Spenders erfragen können, wenn sie jemals von der Samenspende erfahren. Deswegen hätte sie nie gedacht, dass die Akten einmal einfach vernichtet werden. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht hat sie sich das später auch so zurecht gelegt.

Ich habe direkt nach meiner späten Aufklärung versucht, juristisch gegen die Uniklinik vorzugehen. Prozesskostenhilfe wurde aber leider durch einen Beschluss (also ohne mündliche Verhandlung) abgelehnt, weil das Gericht der der Uniklinik glaubte, dass sie die Daten 1989 vernichtet hatten. Das Gericht meinte außerdem, die Uniklinik hätte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen müssen, dass sie dies nicht durfte. Das OLG Hamm hat solche pauschalen Argumente in Sarahs Fall im Februar 2013 übrigens nicht einfach mehr akzeptiert, aber das war leider erst sieben Jahre später.

Meine Motivation für die Suche nach dem Spender

Dass ich immer wieder begründen muss, weswegen ich wissen will, wer mein genetischer Vater ist, nervt. Ich denke es ist völlig klar, dass man wissen möchte, woher die Hälfte der Erbanlagen kommt. Aber ich mache es dennoch noch einmal kurz: Ich denke auf keinen Fall, dass der Samenspender mein “wirklicher Vater” ist oder dass zwischen uns eine besonders enge Bindung bestehen würde. Meiner Meinung nach sind die sozialen Eltern wesentlich wichtiger für die Entwicklung eines Kindes, und mein sozialer Vater ist natürlich mein “richtiger” Vater. Trotzdem spielt die Genetik eine Rolle, denn zumindest das Aussehen wird vererbt, und vielleicht auch mehr. Wenn ich mit anderen Menschen über Familie spreche, habe ich oft das Gefühl, dass mir dieses eigentlich selbstverständliche Wissen fehlt, wo ich herkomme. Ich möchte wissen was ich vielleicht geerbt habe und was nur von mir selbst kommt.

Dabei würde mir schon ein Foto des Spenders und ein paar Hintergründe zu Bildungsstand, Familie, Beruf und Hobbys weiterhelfen. Kontakt aufnehmen würde ich nur per Brief oder email, man tut sich ja auch selbst keinen Gefallen, wenn man Leute überfällt. Manchmal frage ich mich, ob der Spender jemals an die Kinder denkt, die mit seiner Spende entstanden sind und ob er vielleicht auch neugierig ist, wie sie sich entwickelt haben.

Beschädigtes Vertrauensverhältnis zu meinen Eltern

Neben der Unklarheit über meinen genetischen Vater verletzte mich vor allem, dass meine Eltern mir 26 Jahre nicht die Wahrheit gesagt hatten. Ich habe nicht erwartet, dass meine Eltern mich derart täuschen würden. Vor allem diese Erkenntnis war ernüchternd, auch wenn ich weiß, dass sie keine bösen Beweggründe hierfür hatten.

Die späte Aufklärung führt dazu, dass ich meine gesamte Kindheit noch einmal neu bewerten musste. Im Nachhinein fühle ich mich um einen Teil meiner Kindheit betrogen, weil sich meine Eltern sich nicht klar gemacht haben, dass besondere Herausforderungen bestehen, wenn sie ein Kind durch eine Samenspende bekommen wird. Ich denke dass viele Probleme in unserer Familie damit zusammenhängen. Als ich in die Pubertät kam, verstanden mein Vater und ich uns sehr schlecht und er war sehr eifersüchtig auf das wesentlich bessere Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir. Sehr oft warf er uns aggressiv vor, dass wir ihn absichtlich ausschließen würden. Ich habe mich damals immer gefragt, warum er so empfindlich ist und sich nicht mehr bemüht. Nach einem sehr schlimmen Streit habe ich meine Mutter sogar gefragt, ob er wirklich mein Vater ist, worauf sie ganz entgeistert entgegnete: „Wie kommst Du denn darauf?“ Ich weiß im Nachhinein nicht, ob das eine erste Ahnung war oder nur der Versuch, das damals schlechte Verhältnis zu meinem Vater zu erklären. Aber mit meinem jetzigen Wissen kann ich das Verhalten meines Vaters wesentlich besser verstehen. Mein Vater war besonders eifersüchtig, weil meine Eltern zu mir nie eine Beziehung von der gleichen Ausgangsbasis her aufbauen konnten. Vermutlich hatte mein Vater immer die geheime Angst, dass die genetische Verwandtschaft doch eine Rolle spielt und ich ihn deswegen nicht auf die gleiche Art annehme wie meine Mutter. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein, als ich ihm einmal im Streit entgegenschleuderte: „Ich wünschte Du wärst nicht mein Vater!“

Ich kann mich in die Lage meiner Eltern hineinversetzen – es muss ein schlimmes Gefühl sein zu erfahren, dass man mit dem geliebten Partner kein gemeinsames Kind bekommen kann. Natürlich war ich ein Wunschkind, und meine Eltern haben mir größtenteils ein liebevolles Zuhause geboten. Aber das rechtfertigt für mich nicht, sich so wenig Gedanken zu machen und zu tun als wäre nichts gewesen. Das Traurige ist, dass es so einfach gewesen wäre: Als meine Mutter mir im Alter von drei Jahren erklärte, wie Kinder entstehen, schätzte ich diesen Akt als so unangenehm ein, dass ich tatsächlich dachte, man bräuchte dafür ärztliche Hilfe im Krankenhaus. Ein seltsamer Zufall, aber er zeigt, dass für Kinder auch Sachverhalte annehmen, die sie nicht verstehen.

Ich kann auch nachvollziehen, dass es für meine Eltern immer schwieriger wurde, mir mit zunehmendem Alter die Wahrheit zu sagen, und immerhin haben sie es mir ja freiwillig gesagt. In Retrospektive haben sie aber vieles bei meiner späten Aufklärung nicht gut gemacht: ich musste ihnen alle Informationen aus der Nase ziehen, sie haben nicht vorher selbst bei der Klinik Erkundungen angestellt und sich nicht bei mir für die lange Geheimhaltung entschuldigt. Stattdessen wollte meine Mutter direkt wissen, wie es mir geht, machte unsensible Bemerkungen über die Auswahl des Spenders, und verstörte mich mit der Bemerkung, dass sie es wichtig fände, dass zumindest wir verwandt sind.

Meine Eltern haben sich nach einiger Zeit bei mir entschuldigt und gesagt, dass sie heute alles anders machen würden. Viel bedeutet hat mir, als mein Vater mir sagte, dass er hofft dass ich den Spender noch finde und dass ich eine Beziehung zu ihm aufbauen kann. Leider habe ich aber zumindest bei meiner Mutter das Gefühl, dass sie den Stellenwert der Samenspende und der späten Aufklärung in meinem Leben nicht versteht und wir deswegen immer wieder aneinander geraten.

Wie ich heute damit umgehe

Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass ich durch meine eigenen Erfahrungen eine Verantwortung trage zu verhindern, dass Ärzte und Eltern weiterhin die Rechte der mit Samenspende gezeugten Menschen missachten. Ich halte es für evident ungerecht, dass die Zeugung von Menschen gestattet wird, die keinen Zugang zu ihrer sozialen und medizinischen Geschichte haben.

Aus diesem Grund habe ich 2006 eine Internetseite zu Samenspende erstellt und meine Geschichte erzählt – der Vorläufer von der jetzigen Spenderkinder-Seite. Über die Seite fand ich Kontakt zu vielen anderen Spenderkindern, und 2009 haben wir dann diese gemeinsame Seite erstellt und den Verein Spenderkinder gegründet. Insbesondere der Kontakt zu anderen Spenderkindern hat mir sehr weitergeholfen. Ich habe darüber viele wunderbare Menschen kennengelernt, und viele Mitglieder sehe ich als meine Freunde an. Ich habe das Gefühl, dass wir zusammen bereits einiges verändert haben, und das ist sehr motivierend. Auch der Kontakt zu Eltern von Spenderkindern, die offen mit diesem Thema umgehen, war sehr bereichernd für mich und hat dazu geführt, dass ich Samenspenden nicht wie ganz am Anfang per se ablehne.

Eines der befriedigendsten Erlebnisse war für mich, als ich dazu beitragen konnte, dass das Oberlandesgericht Hamm Sarah am 6. Februar 2013 das Recht auf Kenntnis ihres Spenders zugesprochen hat. Obwohl es rechtlich nicht überraschend war, war es doch das erste Urteil dieser Art und ein Meilenstein für uns und unsere Rechte. In dem Moment wusste ich, dass sich die ganze Arbeit der letzten Jahre gelohnt hat.

Ich habe mit der Zeit immer mehr Menschen von meiner Zeugungsart erzählt, erst Freunden, dann auch Bekannten und zuletzt auch Arbeitskollegen. Dass der Öffnungsprozess so langsam vor sich ging, hat viel mit der späten Aufklärung zu tun – Eltern geben damit an uns weiter, dass wir uns eigentlich schämen müssen, und das muss man erst einmal überwinden. Negative Reaktionen gab es übrigens nie. Das einzige was ich nicht möchte, ist dass man es nur durch Googeln meines Namens herausfinden kann.

Inzwischen ist meine Entstehung durch eine Samenspende zum Glück ein normaler Teil meiner Geschichte. Manchmal denke ich mehr darüber nach, manchmal auch weniger. Sehr relevant wurde es aber wieder für mich, als ich selbst Mutter geworden bin. Ich habe mein Kind von Anfang an so als eigenständiges Wesen wahrgenommen, dass ich noch viel weniger nachvollziehen konnte, wie meine Eltern sich verhalten haben. Leider wird man in der Schwangerschaft aber auch ständig an den unbekannten Vater erinnert, weil man so oft nach der Krankengeschichte gefragt wird. Und jedes Mal, wenn die Ähnlichkeit zwischen meinem Kind und mir kommentiert wird, frage ich mich was ich von meinem genetischen Vater habe. Zuletzt muss ich mir jetzt auch überlegen, wie ich meinem Kind irgendwann sage, dass es einen unbekannten genetischen Großvater hat.

Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich den Spender oder meine Halbgeschwister irgendwann finden werde – vielleicht über die DNA-Datenbank Family Finder, oder weil einer der beteiligten Ärzte sein Gewissen entdeckt, oder der Spender selbst doch neugierig ist.