Florian

I. Wie ich von meiner Zeugung erfuhr

Ich heiße Florian und wurde durch eine donogene Insemination gezeugt. Davon erfuhr ich aber erst viele Jahre später, nämlich exakt an meinem 18. Geburtstag. Es war abends, mein Geburtstag schon fast vorüber. Meine Eltern sagten zu mir, sie hätten mir noch etwas Wichtiges zu erzählen, ich solle mich zu Ihnen an den Esstisch setzen. Da saßen wir nun zu dritt und ich fragte mich, was es denn plötzlich so Wichtiges zu erzählen gäbe. „Das letzte Mal, als sie so eine Geheimniskrämerei betrieben, waren meine Kaninchen gestorben“ erinnerte ich mich noch kurz, als meine Mutter meinen inneren Gedankengang schlagartig durchbrach: „Dein Vater ist nicht dein genetischer Vater“. Stille. Noch immer Stille. Allmählich eine sehr angespannte Stille. Ich stutzte. „Wie jetzt?“ war mein erster Gedanke, während mein Vater rechts von mir allmählich in Tränen ausbrach und verzweifelte. „Hatte meine Mutter damals einen anderen sexuellen Kontakt, von dem ich nichts weiß?“ fragte ich mich. „Dein Vater ist zeugungsunfähig. Wir haben dich im Wege einer Samenspende gezeugt.“ „Was hat das alles zu bedeuten?“ wiederholte ich innerlich und kam gedanklich nicht so recht mit. Ich weiß noch sehr gut, dass ich erstmal aufstand, mir in der Küche ein Glas Wasser eingoss, mich wieder setzte und als erstes fragte: „Bin ich dann jetzt auch zeugungsunfähig?“ Rückblickend muss ich immer ein wenig über diese Aussage schmunzeln – zeigt sie doch, dass ich die Tragweite der vorigen Worte noch überhaupt nicht realisiert hatte. Die Unterhaltung wurde zunehmend unangenehmer. Ich wusste nicht wirklich, was ich dazu jetzt überhaupt sagen sollte, während mein Vater zugleich einen emotionalen Zusammenbruch durchlebte.

Meine Mutter übergab mir schließlich eine Visitenkarte des behandelnden Arztes mit den Worten: „Wenn du wissen möchtest, wer dein genetischer Vater ist, brauchst du dich dort einfach nur zu melden. Uns wurde zugesichert, dass du diese Information jederzeit erhalten kannst.“ Ich starrte die Karte an. Offensichtlich hatte meine Mutter sie seit 18 Jahren bis zu diesem Tag aufgehoben. Zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend ergriff mein Vater unter Tränen das Wort: „Dann kannst du den ja als deinen wirklichen Vater feststellen lassen.“ Wieder Stille. „Was sagt mein Vater da? Warum soll ich jemand anderen als meinen Vater feststellen lassen?“ Das war mir für diesen Abend alles zu viel. Das Gespräch endete schließlich mit der Aussage, wie lieb mich meine Eltern doch haben und dass ich in jedem Fall ein absolutes Wunschkind sei.

Von Seiten meiner Eltern wurde das Thema im Anschluss daran nie wieder angesprochen. Meine Mutter wollte wohl abwarten, bis ich damit auf sie zukomme – mit ihr rede ich mittlerweile offen darüber, sofern ich das Thema anspreche. Und mein rechtlicher/ sozialer Vater hat offensichtlich mit eigenen unverarbeiteten Problemen im Hinblick auf meine Zeugung zu kämpfen. In diesem Zusammenhang möchte ich anmerken, dass ich nie den Wunsch hatte (und auch nicht habe), meinen genetischen Vater als rechtlichen Vater feststellen zu lassen – das ist wohl schlicht eine Art Angst meines sozialen Vaters. Ich bin meinen Eltern aber sehr dankbar dafür, dass sie mir von sich aus von meiner Herkunft erzählt haben. Übrigens bekam ich von dem behandelnden Arzt keine Informationen über meinen genetischen Vater. Seine damalige Aussage gegenüber meinen Eltern, wonach ich diese Informationen jederzeit erhalten könne, hat sich (sofern er sie denn überhaupt so getätigt hat) als völlig unzutreffend herausgestellt.

II. Exkurs: Die Vorgeschichte – Drei Auffälligkeiten während meiner Kindheit

Grundsätzlich hinterfragte ich während meiner Kindheit und Jugend nie ernsthaft, ob mein rechtlicher/sozialer Vater auch mein genetischer Vater ist. Wie selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, dass das schon so sein würde. Trotzdem gab es mindestens drei Auffälligkeiten, durch die ich rückblickend vielleicht stutzig hätte werden können und die sich mir nunmehr (besser) erklären:

  1. Mein Vater tätigte während meiner Kindheit mehrfach Aussagen wie: „Von mir hast du das nicht geerbt.“ Ok. So weit, so gut. Umso häufiger ich diese Aussage jedoch hörte, desto öfters stellte sich mir dadurch die Frage, was ich denn überhaupt von meinem Vater geerbt bzw. was für Gemeinsamkeiten ich mit ihm habe. Und ich suchte. Und ich suchte lange. Und ich suchte vergeblich. Mir fielen einfach keine nennenswerten Gemeinsamkeiten zu meinem Vater auf – weder charakterlich noch optisch. Es gab sie nicht! Doch ich beruhigte mich mit Gedanken wie „ich glaube meine Nase hat eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Nase“ oder „auf dem Bild gucken wir beide recht ähnlich“. Und ich verdrängte bzw. war noch nicht reif genug, um zu erkennen, dass ich mit diesen Aussagen so gut wie jede männliche Person mehr oder weniger als meinen Vater hätte rechtfertigen können.
  2. Mein Verhältnis zu meinem rechtlichen/sozialen Vater war nie besonders vertraut und innig. Es mag nach einer absoluten Kleinigkeit klingen, aber ich konnte meinen Vater nie „Papa“ nennen, sondern nannte ihn während meiner gesamten Kindheit immer bei seinem Vornamen. Meine Mutter nenne ich hingegen bis heute durchweg „Mama“. Ich konnte mir nie erklären, woran das lag, aber ich hatte eine innere und unterbewusste Hemmung dabei, meinen Vater mit „Papa“ anzusprechen. Das war so auffällig, dass mich selbst Freunde mehrfach fragten, wieso ich meinen Vater denn immer mit seinem Vornamen anspreche. Und ich wusste keine Antwort. Es war einfach so.
  3. Zudem wurden meine Eltern nicht müde darin, mir ganz gewissenhaft und detailliert den Stammbaum meiner Mutter näher zu bringen und mir von ihren Vorfahren erzählen. Jede meiner Fragen hierzu wurde mir bereitwillig und ausgiebig beantwortet und vor allem meine Mutter wirkte sehr glücklich, mir darüber so viel erzählen zu können. Sobald ich aber nach den Vorfahren meines Vaters fragte, wurde das Gespräch viel weniger freudig und wirkte fast zwanghaft. Die Antworten waren nur so lang, wie sie unbedingt sein mussten. Es machte fast den Anschein, als hätte ich eine fremde Person nach ihrem Stammbaum gefragt und diese mir gezwungenermaßen und aus Höflichkeit gerade soweit geantwortet, wie es unbedingt erforderlich ist.

III. Wie ich seit meinem 18. Geburtstag mit meiner Zeugung umgehe und wie es weiterging

Ich nahm die Information über meine Herkunft aus meiner Sicht insgesamt recht gefasst auf. Es ging mir damit nie sonderlich schlecht, obwohl ich mehrere Monate und vielleicht sogar Jahre brauchte, um das alles zu verinnerlichen und zu verarbeiten. Es mag seltsam klingen, aber in einer Hinsicht empfand ich sogar ein gewisses Gefühl der Erleichterung. Denn mein rechtlicher/ sozialer Vater leidet unter chronischen Erkrankungen, wodurch ich mich schon als Jugendlicher mehrfach fragte, ob ich genetisch bedingt auch gewisse Veranlagungen für diese Krankheiten in mir trage. Einzig vor diesem Hintergrund war ich deshalb auch ein wenig froh, als ich realisierte, dass das schlicht nicht möglich ist. Im Laufe meines Studiums befasste ich mich punktuell mit meiner Herkunft und den damit verbundenen Hintergründen, ließ das Thema aber weitestgehend ruhen. Ich würde nicht sagen, dass ich das Thema verdrängt habe. Aber ich glaube, ich musste erst noch etwas reifen und „erwachsener werden“, um damit richtig umgehen zu können.

Im Laufe der Jahre wuchs in mir aber zunehmend mein Interesse daran, meinen genetischen Vater zu finden. Denn immer häufiger beschäftigten mich speziell die folgenden vier Fragen in genau dieser (absteigenden) Reihenfolge: „Wie sieht er aus?“, „Was macht er beruflich/ welchen gesellschaftlichen Status hat er?“, „Was habe ich an Eigenschaften von ihm geerbt?“ und „Welche Krankheitsrisiken könnte er auf mich übertragen haben?“ Interessanterweise habe ich nur selten über etwaige Halbgeschwister nachgedacht; meine Gedanken kreisten primär um meinen genetischen Vater – obwohl ich mir immer so gerne Geschwister gewünscht hatte.

Ende 2020 entschied ich mich final dazu, mich auf die Suche nach meinem genetischen Vater zu begeben und etwaige Halbgeschwister ausfindig zu machen. Ich kann nicht genau sagen, wieso ich ausgerechnet im Dezember 2020 beschlossen habe, aktiv zu werden. Auf jeden Fall störte es mich zunehmend, dass ich in vielerlei Hinsicht so eine Art „schwarzes Schaf“ mütterlicherseits in meiner Familie bin. Ich verkörpere viele Charaktereigenschaften, die ich so weder von meiner Mutter noch von ihren Verwandten geerbt haben kann. Ich spüre immer mehr, dass ein Teil von mir einfach noch unerforscht ist. Ich will wissen, woher ich komme und wer ich bin. Und deshalb – und nur deshalb – will ich meinen Vater finden.

An dieser Stelle möchte ich zugleich etwaige gesellschaftliche Vorurteile und Ängste von Spendern ausräumen: „Spenderkinder sollten kein Recht haben, ihren genetischen Vater in Erfahrung zu bringen, weil sie ihn dann auf Unterhalt verklagen und als Vater feststellen lassen könnten“ – dieses Argument höre ich seit nunmehr zehn Jahren regelmäßig, wenn ich bewusst oder zufällig etwas von „Samenspenden“ mitbekomme. Ich glaube, es ist eine völlige Fehleinschätzung, ein derartiges Interesse zu unterstellen. Letztlich kann ich nur für mich sprechen, aber ich bin davon überzeugt, dass die allermeisten einfach nur wissen wollen, wer ihr genetischer Vater ist.

IV. Wer weiß von meiner Herkunft und mit wem rede ich darüber?

In den letzten zehn Jahren habe ich „mein Geheimnis“ sehr gut für mich behalten. Das liegt vor allem daran, dass ich einerseits nicht einschätzen kann, wie meine Freunde jeweils damit umgehen würden und ich andererseits meine Eltern und insbesondere meinen rechtlichen/ sozialen Vater vor der Auseinandersetzung damit schützen will. Nur vier Personen habe ich bislang offen von meiner Herkunft erzählt: Meiner besten Freundin und drei zwischenzeitlichen (Beziehungs-)Freundinnen, mit denen ich aber jeweils nicht mehr zusammen bin. Mittlerweile bin ich dazu entschlossen, zunehmend mit guten Freunden und Cousinen/ Cousins von mir darüber zu sprechen. Meine Herkunft ist einfach ein Teil von mir, der zu mir gehört und mit dem ich offen umgehen möchte. Wenn diese Information bei dem ein oder anderen auf Unmut oder Kritik stoßen sollte, ist das vielleicht eher ein Grund, die Freundschaft in Frage zu stellen, nicht aber ein Grund, darüber nicht zu sprechen.

V. Aktueller Stand

Nach meinem Beschluss aktiv zu werden, bin ich Anfang 2021 dem Verein Spenderkinder beigetreten und habe in diesem Verein eine aufgeschlossene, freundliche und tolle Gemeinschaft gefunden. Ich bin fasziniert davon, wie mich mit jeder Person durch eine jeweils ähnliche Entstehungsgeschichte sogleich etwas verbindet und wie vertraut der Umgang dadurch direkt ist. Zugleich habe ich Schriftverkehr mit dem Arzt aufgenommen, der damals die Insemination bei meiner Mutter vorgenommen hat, um Informationen über meinen genetischen Vater zu erhalten – bislang ohne Erfolg. Zudem bin ich dabei, meine DNA bei Ancestry zu registrieren und gespannt, ob ich nicht schon bald das ein oder andere Halbgeschwisterchen finde. Ich halte euch auf dem Laufenden.