Anne

Ich möchte gerne ein paar Gedanken und Gefühle über meine Situation als „Donoroffspring“, als Kind, das durch donogene Insemination gezeugt wurde, beitragen.

Als ich 10 Jahre alt war, erfuhr ich relativ spontan in einem Gespräch mit meinen Eltern über meine biologische Herkunft. Wir hatten uns darüber unterhalten, wem aus unserer Familie ich ähnlich sähe, von wem ich die Augen hätte, die Nase, die Haare – wie man das eben manchmal so macht, – als ich zu dem Schluss kam, dass ich mit meinem Vater relativ wenige äußerliche Ähnlichkeiten teile. Meine Mutter erklärte mir dann, dass mein Vater keine Kinder zeugen könne. Ich war etwas irritiert, wie ich diese Tatsache mit meiner Existenz überein bringen sollte. Dann erzählte meine Mutter mir alles ganz genau. Mein Vater, also mein sozialer Vater, sei nicht mein biologischer Vater. Mein Vater könne keine Kinder zeugen. Weil sie aber beide trotzdem sehr gerne Kinder haben wollten, hätten sie viel überlegt und sich schließlich für einen unbekannten Spender entschieden.

Für mich war das alles ziemlich überraschend, zuerst war ich ganz perplex, etwas irritiert, fand es aber auch irgendwie spannend. Es warf eine große, spannende Frage auf: Wer ist mein anderer Vater?

In den folgenden Jahren habe ich mich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Ich habe mich gefragt, ob ich meinen biologischen Vater wirklich kennenlernen wollte und was das an meiner Beziehung zu meinem sozialen Vater verändern könnte. Ich weiß, dass meine Eltern mir großes Vertrauen entgegen gebracht haben, dass sie mit mir so offen über dieses Thema sprechen und ich möchte meinen Vater nicht verletzen, indem ich mir nun meinen anderen Vater suche.

Ich habe mich auch gefragt, was ich mir von der Kenntnis meines biologischen Vaters eigentlich erhoffe. Vielleicht hat er mittlerweile selbst eine Familie, eigene Kinder und eigentlich ist er mir ja wildfremd.

Ich sagte es sei spannend – und genau diese Spannung ist bis heute – jetzt bin ich 33 – geblieben. Nach allem Abwägen, ist mir nur immer klarer geworden: Ich will es einfach wissen. Ich will einfach nur wissen, wer mein genetischer Vater ist, der Mann, dessen Mund, Augen oder was auch immer ich habe.

Schon 2004 habe ich das erste Mal in der Klinik, in der ich gezeugt wurde, nachgefragt, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, das herauszufinden. Ich wurde freundlich empfangen, aber mein Wunsch stieß doch eher auf Unverständnis. – Immerhin hätte ich doch einen sozialen Vater. Und Gene würden doch gar nicht soviel ausmachen.-

Das hat mich traurig und auch wütend gemacht. Als mir dann noch die Auswahl der Spender und deren Motivation dargelegt wurde, war ich entsetzt über das nach meinem Empfinden leichtfertige und verantwortungslose Erzeugen von Kindern, von Menschen! So wurden mir als Motive genannt: „Helfen wollen“, „das Geld“ bis hin zu „mal gucken, ob sie zeugungsfähig sind“. Die Höchstgrenze von 10-15 Kindern pro Mann ist auch eine reine Farce, solange es kein zentrales Spenderregister gibt, Sperma international verschickt, jahrelang eingefroren wird und Rückmeldungen nicht zentral erfasst werden.

Bei allen Kriterien und Motiven vermisse ich Überlegungen hinsichtlich der Verantwortung und grundsätzlich die Berücksichtigung der langfristigen Folgen. Die versprochene Anonymität machte es Männern leicht, sich für eine Kindszeugung zu entscheiden, die für sie keine Konsequenzen haben sollte. Es war ein einmaliges Ereignis, ein Moment in einer Reihe von vielen. Die Abgabe von Keimzellen zur Zeugung eines Menschen kann aber weitreichende Folgen haben. Es kann – und das ist sogar beabsichtigt – ein Mensch entstehen. Dann ist eine Beziehung entstanden, wenn auch „nur“ eine genetische. Der Mann mag sich selbst als Geber „Spender“ von Keimzellen sehen. „Gespendet“ hat er aber allenfalls der Samenbank oder den Eltern. Dem entstandenen Menschen ist er genetischer Vater.

Mit Verantwortung meine ich keine finanziellen Verpflichtungen, Ich meine mit Verantwortung, sich nicht in die rechtswidrigerweise versprochene Anonymität zurückzuziehen, sondern zu seiner Entscheidung und zu den durch ihn entstandenen Menschen zu stehen. Es ist verletzend einen genetischen Vater zu haben, der Keimzellen gegen Geld abgegeben hat, oder auch, weil er helfen wollte, der sich aber überhaupt nicht für die Menschen selbst interessiert, die da als seine genetischen Kinder entstanden sind.

Ich wünsche mir sehr, dass in Zukunft weitere Einschränkungen dafür sorgen, dass Männer sich mit der Tragweite ihrer Entscheidung, ein Kind zu zeugen, auseinandersetzen müssen.

Mir liegt daran, das starke Bedürfnis vieler Kinder über Kenntnis ihrer biologischen Abstammung wahrzunehmen und zu berücksichtigen, um sowohl die Eltern, als auch die potentiellen Keimzellgeber darüber zu informieren. Es würde zeigen, dass sich die ReproduktionsmedizinerInnen nicht nur um ihren persönlichen Gewinn, sondern auch hinreichend mit den menschlichen Folgen Ihrer Arbeit auseinandersetzen und um das Wohl der Kinder, die da entstehen, bemüht sind.

Die Auseinandersetzung mit diesem Bedürfnis macht deutlich, wie wichtig endlich eine internationale klare, gesetzliche Regelung ist, die die leider in anderen Ländern noch zugesicherte Anonymität genetischer Väter wirkungsvoll einschränkt und die hinreichend bekannten Bedürfnisse von Menschen nach Kenntnis ihrer biologischen Herkunft ernst nimmt.