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Thema Samenspende oder Reproduktionsmedizin in den Medien

Rezension – „Ich bin ein Kinderwunsch-Wunschkind“ein Buch aus der Perspektive und für die Bedürfnisse von Eltern

Im November 2020 erschien das Kinderbuch „Ich bin ein Kinderwunsch-Wunschkind“, gedacht als Erzähl- und Erklärbuch für Kinder, von Ruthild Schulze. Das Buch soll Eltern dabei unterstützen, ihre Kinder über ihre Entstehung durch In-vitro-Fertilisation (IVF) aufzuklären. In Form eines Kinderbuchs wird die IVF, in eine Geschichte eingebettet, kindgerecht erklärt. Weitere Begriffe um Zeugung, Schwangerschaft und Geburt werden für Kinder in einem Glossar beschrieben. Viele Bilder veranschaulichen die Situationen und Vorgänge.

Die Geschichte

Hauptfigur ist der 8jährige Jann. Er erzählt, wie er davon erfuhr, durch eine IVF entstanden zu sein und was das für ihn bedeutet. Seine jüngere Schwester wurde spontan auf natürlichem Weg gezeugt. Eine Hebamme erklärte in Janns Schulklasse anschaulich ihre Arbeit. Natürlich weiß Jann längst wie Kinder entstehen und greift den sexuellen Akt im Buch nur kurz auf.

Dann erzählt Jann, wie er erfahren hat, dass er durch eine IVF entstanden ist. Nachdem er seiner Mutter von dem Hebammenbesuch in der Schule erzählt hatte, spürte er, dass sie ihm etwas erzählen möchte. „Es platzte so aus ihr heraus.“ Damit ist offensichtlich ein Gefühl gemeint, denn die Mutter sagt zu dem Zeitpunkt noch nicht, worum es eigentlich geht. Sie stellt Fragen zum Unterrichtsthema und Jann war „irgendwie komisch, als ob ich was spürte, aber nicht weiß, was es ist, und ich sah, dass Mama ganz zittrig ist. Aufgeregt irgendwie.“ (S. 22). Die Mutter rief Janns Vater dazu, und auch Janns kleine Schwester ist bei der Aufklärung dabei.

Zuerst beschreibt die Mutter wie sie sehr lange darauf wartete, schwanger zu werden und dass dann viele Arztbesuche folgten, bis die Eltern schließlich eine „Spezialpraxis“ (S. 22) aufsuchten (Kinderwunschzentrum). Nach dieser ersten Etappe vergewissert sich die Mutter bei Jann, ob er es auch wirklich wissen möchte, wobei Jann zu dem Zeitpunkt noch gar nicht weiß, worauf seine Mutter hinaus möchte. Er nimmt wahr, dass seine Mutter „rote Flecken an den Wangen und am Hals und feuchte Augen“ hatte und oft den Vater ansah (S. 22). Das lässt auch Jan nicht kalt „Ich hatte auch ganz viele Gefühle auf einmal.“ (S. 22). Die Familie im Buch sucht sich erstmal einen bequemen Platz. Jann holt eilig seinen Teddy und ein Tuch seiner Mutter hinzu.

Es folgt die Beschreibung der Intrauterinen Insemination (IUI) und der IVF. Das schlechte Gewissen insbesondere der Mutter ist spürbar: „- aber du solltest doch eigentlich mit ganz viel Gekuschel und Küssen entstehen. Nicht da in der Arztpraxis.“ (S. 24). Jann überzeugen die Worte der Mutter „sie wollten und konnten nicht noch länger auf mich warten und [die Mutter sagte] dass ich nicht nur meinen Papa und meine Mama, sondern auch noch eine Krankenschwester und einen Arzt als Anfangsbegleiter hatte. Superviele extratolle Helfer, damit ich in ihren Bauch kommen konnte“ (S. 24). Es wirkt auf mich, als wolle die Mutter mit diesen Idealisierungen die zuvor noch als wenig wünschenswert dargestellte Entstehungsweise ihres Kindes ausgleichen. Und Jann führt idealisierend fort: „Weil meine Eltern ja bei mir Hilfe bekommen hatten und ich dann so ganz normal gewachsen und geboren bin, deshalb habe ich ihnen wohl gezeigt, dass es auch so klappen kann mit den Kindern! Das war wohl so, als ob sie Vertrauen gekriegt hätten. Und meine Schwester hatte es leichter. Durch mich!“ (S. 24).

Anschließend erklärt Jann die IVF. Interessanterweise wird sehr gründlich beschrieben, wie sichergestellt wurde, dass keine Keimzellen vertauscht wurden. So kann Jann ganz sicher sein, aus den Keimzellen seiner rechtlichen Eltern entstanden zu sein. Dies war Janns Eltern bei ihrer Erklärung ihm gegenüber offenbar sehr wichtig. Umgekehrt wird von Spenderkindern jedoch regelmäßig erwartet, dass sie zweifellos diejenigen Menschen als ihre Eltern annehmen, die ihnen Eltern sein möchten. Schließlich fühlt sich Jann als etwas ganz Besonderes, seine Mutter ist sehr dankbar, die kleine Schwester nachdenklich, der Vater organisiert Beerensaft und schicke Gläser zum Anstoßen und die Eltern schauen sich verliebt an.

Glossar

Im Glossar werden weitere Begriffe erklärt. Unter dem Begriff „Kinderwunsch-Behandlung“ wird die private Samenvermittlung beschrieben, wobei nicht unterschieden wird, ob der Mann nur seinen Samen zur Verfügung stellt oder Co-Parenting angestrebt wird. In diesem Zusammenhang wird auch kurz die ärztliche Samenvermittlung an alleinstehende Frauen erwähnt: „Wenn kein Freund seinen Samen zur Verfügung stellt, kann ein Arzt auch Samen in einer ‚Samenbank‘ bestellen“ (S. 55). Wie der dorthin kommt und welche Rolle die leiblichen Väter in diesem Zusammenhang spielen, bleibt unklar. Lesbische Paare werden gar nicht erwähnt.

Kritische Würdigung des Buches

Der Verein Spenderkinder begrüßt es sehr, Kinder über ihre Entstehungsweise aufzuklären. Bei Kindern, die durch eine IVF aus den Keimzellen ihrer rechtlichen Eltern entstehen, besteht nicht die Herausforderung wie bei Spenderkindern, einen weiteren Menschen als leiblichen Elternteil des Kindes zu integrieren. Dennoch sollten auch diese Kinder über ihre Entstehungsweise aufgeklärt werden, da z.B. noch unerforscht ist, welche möglichen langfristigen gesundheitlichen Risiken für das Kind mit einer IVF verbunden sind. Die Erfahrung zeigt, dass es viele Eltern als schwierig erleben, ihre Kinder über ihre IVF aufzuklären. Ich hoffe, dass dieses Buch sie dazu ermutigt!

Aus Kinderperspektive irritiert mich Janns Geschichte. Jann, das Kinderwunsch-Wunschkind, erfüllt seinen Eltern nicht nur ihren Kinderwunsch, er kümmert sich auch darüber hinaus um die Bedürfnisse seiner Eltern bzw. seiner Mutter: Er ist verständig, einfühlsam und besänftigt ihr schlechtes Gewissen, indem er seiner Entstehungsweise ganz viel Positives abgewinnt.

Die Aufklärungssituation ist vielen Spenderkindern sehr vertraut: Die Eltern, im Buch nur die Mutter, sind angespannt, nervös. Jann reagiert – wie jedes gute Wunschkind – mit ganz viel Empathie. Ich frage mich, wessen Bedürfnisse an dieser Stelle im Vordergrund stehen. Ist es Aufgabe des Kindes, durch seine stützenden Reaktionen den Eltern die Aufklärung zu erleichtern? Dem Kind im Buch wird die belastende Situation seiner Eltern geschildert. Es spürt, wie aufwühlend es für die Eltern ist, sich erneut mit der Geschichte zu konfrontieren: die zittrige Mama, die sich den Papa zur Unterstützung holt, den sicheren Platz, den erstmal alle brauchen, die zehrende Zeit des Wartens und Hoffens für die Eltern, dann das schlechte Gewissen, dass das Kind nicht so romantisch wie gewünscht entstand. Aufgelöst wird die Spannung durch die kompensatorische Idealisierung. Was haben die Eltern für ein Glück mit Jann, der die Geschichte gleich zur eigenen Ermächtigung nutzt, der dafür gesorgt hat, dass seine Schwester nicht in der Glasschale entstehen musste und seinen Eltern das Vertrauen in ihre Körper zurückgab. Jann versteht zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass seine Eltern sich EIN Kind wünschten – nicht ihn als Person.

Aus meiner Sicht sollten Eltern selbst entspannt zu der gewählten Entstehungsweise ihres Kindes stehen, so dass sie souverän mit ihrem Kind darüber sprechen können. Dazu kann es helfen, vor der Aufklärung des Kindes mit dem Partner/der Partnerin, anderen Menschen und selbst innerlich immer wieder über die Entstehungsweise zu sprechen, um passende Worte zu finden und die eigenen Gefühle zu sortieren. Erleben Eltern die Entstehungsweise ihres Kindes als rechtfertigungsbedürftig oder minderwertig, kann sich diese Einstellung auf das Kind übertragen, so wie bei Jann. In der Aufklärungssituation sollten sich die Eltern ganz auf die Bedürfnisse des Kindes konzentrieren können. Idealerweise erfolgt die Aufklärung nebenbei, mit den Informationen, die ein Kind zum aktuellen Zeitpunkt aufnehmen kann. Ein kleineres Kind weiß vielleicht, dass bei seiner Entstehung eine Ärztin mitgeholfen hat. Später fragt es nach, was denn die Ärztin gemacht hat. Vielleicht fragt es auch sofort. Dann sollte die Mutter oder der Vater die Fragen einfach beantworten. Den anderen Elternteil hinzuzuholen, mag dem Bedürfnis der Eltern entsprechen, die Aufklärung als besonderes Ereignis zu zelebrieren. Sie nimmt dem Thema dadurch aber die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit und orientiert sich an den Bedürfnissen der Eltern. Das Kind sollte seine eigenen Gefühle zu seiner Entstehungsweise wahrnehmen können und nicht die unausgesprochene Bitte seiner Eltern spüren, auf eine bestimmte Art reagieren zu müssen.

Fazit

„Wunscheltern – Elternwunsch“ – ein Buch aus der Perspektive und für die Bedürfnisse von Eltern. Auf mich wirkt es so, als sei die Geschichte aus dem Erleben und zur Entlastung der Eltern geschrieben. Aus Kinderperspektive wären – auch als Modell für unsichere Eltern – solche Eltern hilfreich, die sich in der Aufklärungssituation um die Bedürfnisse ihres Kindes kümmern können und nicht umgekehrt.

Rezension – „Bis ich ihn finde“ (Jugendroman)

„Bis ich ihn finde“ heißt ein im April 2020 erschienener Jugendroman von Christine Fehér, der sich mit dem vermutlich wichtigsten Thema von uns Spenderkindern auseinandersetzt: der Suche nach dem eigenen Vater.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die sechzehnjährige Ich-Erzählerin Elena Rehwald aus Berlin-Schöneberg. Sie wächst in einer Regenbogenfamilie mit zwei Müttern auf – bzw. ihrer Mutter Conny und ihrer „Co-Mutter“ Manuela, wie Elena es nennt. Während ihre Mutter ihr die Haare geflochten und ihr das Backen beigebracht hat, ist Elena mit ihrer Co-Mutter Motorrad gefahren und hat von ihr Zaubertricks und handwerkliche Fertigkeiten gelernt. Dem Leser wird sie als fröhliches und selbstbewusstes Mädchen vorgestellt mit einer Begeisterung für Handarbeiten und mit Interesse an fremden Ländern. Kurz und gut: sie führt offenbar ein glückliches Leben. Wenn da nicht diese eine Sache wäre: sie hat keine Ahnung, wer ihr Vater ist, denn Elena ist durch eine anonyme Samenspende in Dänemark entstanden.

An Elenas 16. Geburtstag geben sich ihre zwei Mütter offiziell das Ja-Wort, was natürlich groß gefeiert wird. Ausgerechnet auf diesem für alle Nachbarn offenen Hoffest begegnet Elena einem Jungen, der mit seinen intoleranten Sprüchen und seiner wilden, machohaften Art letztlich zum Auslöser für die Vatersuche wird. Noch in der Nacht grübelt sie über ihre Situation nach und hat das Gefühl, sich „erst als vollständig, als ganze Person empfinden [zu können], wenn [sie] weiß, wer er ist.“ Elena spürt: „Jetzt hat es angefangen. Ich bin auf der Suche nach meinem Vater. Und ich werde nicht aufgeben, bis ich ihn gefunden habe.“

Mit der nun beginnenden Suche stößt Elena bei ihren Müttern nicht gerade auf große Begeisterung, vor allem für ihre Co-Mutter ist die Situation nicht einfach und das plötzliche Interesse kaum nachvollziehbar. Verknüpft ist diese Suche mit einer sich anbahnenden „Liebesgeschichte“ zu Rouven – eben jenem Jungen, der sie überhaupt zur Suche motiviert hat. Während er aber eher eine ablehnende Haltung zeigt, wird Elena von Anfang an von ihrer besten Freundin Fabienne unterstützt.

Das Buch zeigt auf, was viele Spenderkinder gut kennen: Die Suche nach dem genetischen Vater nimmt mehr und mehr Raum in Elenas Leben ein. Immer wieder fühlt sie sich daran erinnert, die Konzentration auf anderes, wie z.B. schulische Aufgaben, fällt zunehmend schwerer. Sie geht schließlich auch den vielen Spenderkindern bekannten Weg über einen Gentest und ihr wird bewusst, dass ihre Suche sie auch zu Geschwistern führen könnte.

Ob es Elena letzten Endes gelingt, ihren Vater zu finden, möchte ich hier nicht verraten – das kann jeder selbst nachlesen. Aber sie entdeckt für sich, dass sie trotz der Suche nach ihrem Vater aufgrund der Vielzahl an Beziehungen in ihrem Leben eigentlich „reicher [ist], als [sie] es je zu träumen gewagt hätte“. Und ihren Müttern gegenüber findet Elena zu einer Erkenntnis, die vielleicht nicht allen Spenderkindern vertraut ist: „Ihr beide seid es, die mich für mein ganzes Leben geprägt haben. Ihr seid mein Zuhause und werdet es immer sein.“

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Als potentieller Leser von „Bis ich ihn finde“ muss man sich zunächst zwei Dinge vergegenwärtigen: Es handelt sich zum einen um ein Buch, welches das Thema „Spenderkinder“ für Jugendliche veranschaulicht und zum anderen wurde es in Romanform geschrieben. Es ist kein Sachbuch für erwachsene Spenderkinder! Das hat natürlich Auswirkungen auf die Darstellung des Themas, in der sich vermutlich nicht jeder von uns wiederfinden kann.

Für meinen Geschmack und für die Realität viel zu schnell, aber dennoch immer nachvollziehbar, zeigt die Autorin auf, wie sich Elenas Leben, ihre Beziehungen und sie selbst seit der beginnenden Suche an ihrem 16. Geburtstag grundlegend verändern. Aber dabei bleibt es nicht, denn die Suche hat natürlich auch Einfluss auf Elenas eigene Familie: So wird ihren Müttern bewusst, dass der bislang unbekannte genetische Vater nicht mehr ausgeblendet werden kann.

Es sind uns Spenderkindern sehr vertraute Fragen, welche die Autorin ihre Protagonistin am Anfang und auch während ihrer Suche stellen lässt: Wie wäre es gewesen, mit dem eigenen Vater aufzuwachsen? Wie sieht er aus? Wie lebt er? Was habe ich von ihm „geerbt“?

Hinzu kommen Fragen, die die besondere Situation als Kind einer Regenbogenfamilie widerspiegeln: Hätte sich Elenas Charakter mit einem Mann im Haushalt anders entwickelt? Hätte sie andere Hobbys, Meinungen und Verhaltensweisen?

Geschickt wird dem Leser im Verlauf des Buches durch Zwischentexte deutlich gemacht, dass Elenas Suche eigentlich doch nicht so aus heiterem Himmel begonnen hat, wie es anfangs wirken mag. Schon als kleines Kind hat sie sich mit dem fehlenden Vater befasst, hat versucht diesen „blinden Fleck“ mit Leben zu füllen, ihre heimliche „Suche“ aber als 14-jährige schließlich eingestellt, was Elena „nicht einmal weh [tat]“.

„Bis ich ihn finde“ ist sicherlich dafür geeignet, ein unter Jugendlichen kaum bekanntes Thema einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Ob dabei allerdings so viele Verwicklungen und Nebenschauplätze notwendig sind, wie sie von der Autorin eingebracht werden, ist durchaus zu hinterfragen. So hat Christine Fehér für meinen Geschmack an manchen Stellen vielleicht etwas „dick aufgetragen“ – stellenweise wirkt das Buch wie das Skript einer vorabendlichen „Seifenoper“ im TV! – und die Situation für Elena abseits der Vatersuche komplizierter gemacht, als sie im realen Leben tatsächlich sein würde. Andererseits hat natürlich jedes Spenderkind seine eigene Geschichte und die ist manchmal unglaublich genug.

Ein paar Worte seien mir noch zu einem weiteren im Buch angesprochenen Thema erlaubt: der „Regenbogenfamilie“. Das hier von der Autorin transportierte Rollenbild ist zumindest mal als „schwierig“, besser sogar als „überholt“ einzuschätzen – obwohl Christine Fehér diese Familienkonstellation gleichzeitig als völlig normal deklariert. Leider ist sie dann aber so inkonsequent und schreibt der genetischen Mutter typisch mütterliche Eigenschaften zu, während die „Co-Mutter“ die Vaterrolle zumindest zum Teil übernimmt. Hier wäre doch etwas weniger klischeehaftes Denken angebracht gewesen!

Als Jugendroman ist „Bis ich ihn finde“ meines Erachtens gut gelungen. So einige Unterthemen des Buches lassen sich gerade aufgrund dieser Zielgruppe erklären und auch der sprachliche Stil ist entsprechend: unkompliziert, jugendlich, leicht lesbar. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kann auch als Erwachsener mit dem Buch trotz des letztlich schwierigen existenziellen Themas ein paar schöne Stunden verbringen.

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Als kleinen Nachtrag möchte ich noch anmerken, dass sich mehrfach Rückbezüge auf unsere Homepage und auf andere Spenderkinder und ihre Geschichte finden. Natürlich sind wir im Verein und im Forum eine bunte Mischung mit ganz unterschiedlichen Meinungen und Ansichten zu diesem Thema, aber dennoch empfinde ich die Sicht des Kindes im Buch recht gut dargestellt!

Autor: Jörg

Buchneuerscheinung: Das Regenbogenväterbuch

Das Regenbogenväterbuch ist ein Ratgeber, der sich an schwule Männer richtet, die Vater sind oder darüber nachdenken, es zu werden. Die Möglichkeiten und Herausforderungen, die damit verbunden sind, werden in dem Buch differenziert dargestellt. Dazu trägt auch bei, dass viele verschiedene Menschen an dem Werk mitgearbeitet haben und viel persönliche Erfahrung einfließt.

Besonders erfreulich ist für uns Spenderkinder, dass das Buch keine „How-to…“-Anleitung ist, sondern Männer dazu anregt, sich damit auseinanderzusetzen, wie sie ihr Vatersein jenseits einer randständigen „Samenspender“rolle aktiv gestalten möchten. Umgekehrt wird deutlich gemacht, dass es notwendig ist, auch die Mutter, die jedes Kind hat, zu integrieren.

Wir finden das Buch sehr gelungen und möchten es schwulen Männern und anderen Menschen ans Herz legen. Es ist im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich.

Interview mit Spenderkind Alana Newman

Alana Newman ist ein US-amerikanisches Spenderkind und Gründerin der Internetplattform AnonymousUs. In einem Interview mit dem schweizer Melchior-Magazin (auf Deutsch) erzählt sie, wie sie sich erst als Erwachsene auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater machte, obwohl sie schon immer von ihrer Entstehungsweise wusste. Sie erzählt, u.a. wie sich die Beziehung zu ihrer Mutter mit ihrer Suche verändert hat, über den Wunsch, von den leiblichen Eltern geliebt zu werden und wie demütigend es ist, sich als Spenderkind selbst anpreisen zu müssen, damit sich der leibliche Vater eventuell auf ein Kaffeetrinken einlässt.

Pressemitteilung: Verbrauchermesse „Kinderwunsch-Tage“ wirbt für in Deutschland verbotene Verfahren – Verein Spenderkinder äußert ethische und rechtliche Bedenken

Am 7. und 8. März 2020 findet in Berlin erneut die umstrittene Verbrauchermesse „Kinderwunsch-Tage“ statt. Auf dieser Messe werden offensiv sämtliche in Deutschland aus ethischen und psychologischen Gründen verbotene Verfahren wie Eizellvermittlung, kombinierte Samen- und Eizellvermittlung, Leihmutterschaft bis hin zur PID zur Geschlechterselektion angeboten. Der Verein Spenderkinder, der sich für die Rechte und Bedürfnisse von durch Keimzellvermittlung entstandenen Menschen einsetzt, findet es sehr bedenklich, dass diese Veranstaltung bereits zum vierten Mal in Berlin stattfinden soll, obwohl regelmäßig Methoden angeboten werden, die gegen die deutsche Rechtslage verstoßen.

Die gesamte Veranstaltung ist darauf ausgerichtet, KundInnen zu gewinnen und die – zum großen Teil in Deutschland verbotenen – Dienstleistungen zu vermarkten. Anders wären die zahlreichen ausländischen Aussteller, die zum Teil auch als Sponsoren genannt werden, wohl kaum bereit, an einer Veranstaltung in Deutschland mit entsprechenden Ausstellungsgebühren teilzunehmen.

Nach Werbe-Richtlinie[1] ist jegliche Maßnahme, die über die Schilderung der Rechtslage zu reproduktionsmedizinischen Verfahren in anderen Ländern hinausgeht, Werbung. Hierzu gehört zum Beispiel, wenn ein Aussteller niedliche Babyfotos verwendet, um an den Kinderwunsch der Interessierten anzuknüpfen. Werbung ist auch, wenn eine Klinik ihr Vorgehen bei dem jeweiligen reproduktionsmedizinischen Verfahren schildert.[2]

Die Themen der im Seminarbereich angebotenen Vorträge zeigen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den ethischen Hintergründen der Verbote nicht vorgesehen ist. Stattdessen scheint es, als sei es wesentlicher Inhalt der Veranstaltung, Wege zu vermitteln, wie die kindzentriert engen Grenzen der deutschen Rechtslage umgangen werden können.

Der Verein Spenderkinder fordert ein Einschreiten gegen die Werbung für Eizellvermittlung, anonyme Keimzellvermittlung und Leihmutterschaft und eine umfassende Auseinandersetzung mit den ethischen Verbotshintergründen.


[1] Werbe-Richtlinie 2006/114/EG, Artikel 2 Buchst. a

[2] Unter den Begriff der Werbung können selbst sachliche Informationen fallen, vgl. dazu das Urteil des Amtsgerichts Gießen zu verbotener Werbung für Schwangerschaftsabbruch nach § 219a StGB (AG Gießen, Urteil v. 24.11.2017, 507 Drs – 501 Js 15031/15).

The Kids are alright – Rezension

Als der Film „The Kids are alright“ im Jahr 2010 in die Kinos kam, war ich sehr interessiert – immerhin ging es das erste Mal in einem Film um erwachsene Spenderkinder, die Kontakt zu ihrem genetischen Vater aufnehmen, was das Familiengefüge ziemlich durcheinander bringt. In vielen Filme davor geht es vor allem um die Wunscheltern oder den Samenspender, und die Kinder kommen nur als Nebenrolle vor. Irgendwie habe ich den Film dann aber doch bis heute nie gesehen – vielleicht auch weil mich das mit dem Titel vermittelte Klischee stört, dass es den Spenderkindern gut geht (siehe dazu unser Artikel Wie gut geht es Spenderkindern wirklich).

Im Dezember 2019 habe ich ihn aber erstmals gesehen und mein Urteil ist gemischt. Der Film ist unterhaltsam, die Dialoge gut und die Schauspieler sind hervorragend, aber es handelt sich um einen Film aus der Perspektive von Wunscheltern und das mit der erzählten Geschichte vermittelte Familienbild ist überraschend konservativ.

Es geht um Wunscheltern, nicht um Spenderkinder

Die erste Erkenntnis war, dass der Titel „The kids are alright“ sich eher auf den Kontrast zu den Eltern bezieht, die stark mit Problemen von Menschen im mittleren Alter beschäftigt sind. Bei den Frauen ist die Beziehung etwas eingeschlafen, der etwa vierzigjährige immer noch alleinstehende Vater fragt sich, ob er nicht doch eine Familie hätte gründen sollen. Damit ist aber klar: die Hauptpersonen sind auch in diesem Film nicht die Spenderkinder, sondern die Wunscheltern und ihre Perspektive.

Man könnte einen sehr interessanten Film über die Schwierigkeiten von Spenderkindern machen, wenn sie einen weiteren Elternteil und neue Halbgeschwister in ihre Familiengefüge integrieren müssen. Der genetische Vater ist meistens nicht wie im Film alleinstehend, sondern hat eine eigene Familie, die auch von den Veränderungen betroffen ist. Dazu kommt, dass es möglicherweise auch sehr viele Halbgeschwister gibt. Insbesondere der nur-soziale Elternteil kann durch die Kontaktaufnahme verletzt und verunsichert sein, was viele Spenderkinder in einen Loyalitätskonflikt bringt.

Diese Konflikte klingen in dem Film nur an: das erste Telefonat und Treffen zwischen den Kindern und dem Vater ist etwas unentspannt. Sie können kaum miteinander reden, so sehr sind sie von der Kluft zwischen Anonymität und biologischer Verwandtschaft überfordert.1 Schön ist, dass der Vater so offen für Kontakt ist und die Kinder tatsächlich mag und ihnen das auch sagt. Ansonsten kommen die Kinder aber ziemlich gut klar mit ihrer neuen Verwandtschaft.

Diese Probleme der Familienintegration werden auch realistisch dargestellt, indem die beiden Kinder den Müttern zuerst nicht sagen, dass sie Kontakt zum Spender aufgenommen haben, weil sie die beiden nicht verletzten wollen. Ich weiß von mehreren Spenderkindern, deren soziale Eltern nicht wissen, dass sie über ihre Zeugungsart Bescheid wissen und eine Beziehung zu ihren Vater aufgebaut haben. Und tatsächlich äußert die eine Mutter, dass sie den Wunsch ihrer Kinder schon versteht, sich aber doch fragt, ob sie nicht genug ist. Später äußert diese Mutter Frustration darüber, dass ihre Kinder begeister vom genetischen Vater sind und viel Zeit mit ihm verbringen.

Der genetischer Vater als Bedrohung der sozialen Familie

Mein zweiter großer Kritikpunkt ist, dass der genetische Vater als Gefahr für die Familie dargestellt wird, der zu Recht ausgeschaltet werden muss. Bereits der Aufbau einer Beziehung zu den Kindern führt zu Konflikten mit den Mütter, dann fängt er aber auch noch ein Verhältnis mit der einen Mutter an. Dass es zu so etwas kommt, halte ich für extrem konstruiert, aber die Befürchtung besteht anscheinend immer im Hinterkopf – vielleicht diese Verbindung als so naheliegend erscheint, wenn die Personen zusammen ein Kind gezeugt haben. In der älteren Literatur über Samenspende wird diese auch oft mit einem Ehebruchs verglichen. Der Film vermittelt damit aber die Wertung, dass die Integration des genetischen Vater die Familie zerstören kann. Leider ist die Lösung aber nicht, dass die Erwachsenen sich zusammenreißen und ihre Probleme im Interesse der Kinder klären, auch einen Beziehung zum genetischen Vater zu haben.

Die „Lösung“ ist stattdessen Ausschluss: Der Film endet damit, dass der Vater während des Abschiedessens für die Tochter draußen vor der Tür steht, vergeblich versucht sich bei der Tochter zu entschuldigen und ihm empfohlen wird, dass er seine eigene Familie gründen soll, wenn er so gerne eine hätte. Der Vorwurf ist klar: Der genetische Vater gehört nicht zur Familie der Spenderkinder und versucht aber, sich reinzudrängen. Diesen Vorwurf kennen viele Spenderkinder auch von der anderen Seite, nämlich wenn ihnen vorgeworfen wird, dass sie versuchen die Familie des genetischen Vaters durch ihre Kontaktaufnahme zu stören.

Die Spenderkinder scheinen den Ausschluss des Vaters okay zu finden – als wäre die Grenzverletzung durch die Affäre nur von ihm ausgegangen. Nachher versöhnen sich die Mütter wieder, als sie ihre Tochter ins College bringen. Das wirkt so, als wäre der Kontakt zum genetischen Vater eine Phase, die jetzt wieder vorbei ist, während die soziale Kernfamilie trotz aller Konflikte wie bisher weiterbesteht. „Das Versprechen der Reproduktionsmedizin, das Gück der sozialen Allianzen hat über den Einbruch des Biologischen und den von weiterher kommenden Sog der Deszendenz gesiegt.“2

Kaum Kritik in der öffentlichen Diskussion

Die Regisseurin Lisa Cholodenko ist selbst lesbisch und hat mit einer früheren Partnerin ein Kind mit einer Samenvermittlung bekommen. Es kann also gut sein, dass die mit dem Film vor allem die Vorstellung bestimmter Wunscheltern stützen möchte, dass eine soziale Verbindung zwischen Eltern und Kind ausreicht und der Vater aus ihrer Familie herausgehalten werden sollte.

Bedenklich ist, dass diese Aspekte in der öffentlichen Diskussion kaum vorkamen – der Film wurde sehr gut besprochen und für vier Oscars prämiert. Eine kritische Besprechung habe ich erstmals von Andreas Bernard in dem Buch Kinder machen gelesen. Vielleicht wäre das inzwischen anders, wo viele Spenderkinder dank DNA-Tests ihre genetischen Verwandten identifizieren und zum Teil auch eine Beziehung zu ihnen aufbauen konnten.

  1. Andreas Bernard, Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung; Frankfurt am Main 2014, S. 85. []
  2. Andreas Bernard, Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung; Frankfurt am Main 2014, S. 87. []

Internationale Spenderkinderdelegation am 19. November bei UN-Kinderrechtskonferenz in Genf

Anlässlich des 30. Geburtstages der UN-Kinderrechtskonvention fand vom 18. bis 20. November in Genf eine große Konferenz statt. Besonders gefreut hat uns, dass auch eine Delegation von Spenderkindern aus verschiedenen Ländern dort die Möglichkeit hatte, in 45 Minuten zu verdeutlichen, wo in der Reproduktionsmedizin Kinderrechte verletzt werden. Die Präsentation bestand aus sieben Statements verschiedener Spenderkinder, in denen verschiedene Aspekte thematisiert wurden. Unsere belgische Schwesterorganisation hat Videomitschnitte der einzelnen Statements auf ihrer Homepage veröffentlicht. Einen Audiomitschnitt gibt es bei Youtube:

Präsentation der internationalen Spenderkinderdelegation bei der UN in Genf (Schweiz) am 19.11.2019

Konsens war, dass das Wohl der Kinder, das beste Interesse der Kinder, entscheiden sollte, welche Regeln und Grenzen der Reproduktionsmedizin gesetzt werden. Dies ist gegenwärtig in keinem Land der Fall. Notwendig wären internationale Regeln, die den Handel mit Keimzellen verbieten und die Rechte der Kinder sichern. Dazu gehört, dass die Kinder unbedingt aufgeklärt werden müssen und die Möglichkeit haben müssen, Kontakt zu ihrer biologischen und genetischen Verwandtschaft aufzunehmen.

Mehrere Spenderkinder sagten, dass sie – als sie noch nicht aufgeklärt waren – gespürt hätten, dass etwas in ihrer Familie „nicht stimmt“ und sie das Gefühl gehabt hätten, ihren eigenen Gefühlen nicht trauen zu können.

Die Kenntnis der (wahren!) medizinischen Krankheitsgeschichte und genetischer Verwandte kann sogar lebensrettend sein, wenn es um die richtige Diagnose seltener erblicher Krankheiten geht oder ein Spenderkind z.B. eine Knochenmarksspende benötigt. Fallberichte veranschaulichten, dass solche Situationen bereits eingetreten sind. Besonders perfide ist es, wenn selbst in solchen Fällen Informationen zurückgehalten werden und die Anonymität des genetischen Vaters höher geschätzt wird, als das Leben des Spenderkindes.

Zum Recht auf wahre Informationen über die eigene Herkunft gehört auch die Forderung, dass Abstammungsdokumente wahrheitsgemäße Angaben zu den leiblichen Eltern machen. Ein Spenderkind formuliert es so „I do not need a piece of paper to tell me to love the man who raised me.“

Vielen Spenderkindern ist der persönliche Kontakt zur biologischen/genetischen Familie wichtig, also auch zu weiteren Verwandten der genetischen Elternteile und natürlich zu Halbgeschwistern. Sehr viele Halbgeschwister zu haben, so dass es kaum möglich ist, zu allen eine persönliche Beziehung aufzubauen, erzeugt dabei einen unangenehmen Eindruck von Massenproduktion beim einzelnen Spenderkind. Außerdem wurde es als belastend erwähnt, nicht zu wissen, wie viele es überhaupt gibt.

Eindrücklich war auch die Schilderung eines Spenderkindes, das von seinem Vater schwer misshandelt worden war. Angesichts solcher Erfahrungen von Spenderkindern ist es naiv, wenn Menschen das angebliche Wohl von Spenderkindern damit begründen, dass ihre rechtlichen Eltern mal einen Kinderwunsch hatten.

Mindestens zwei der anwesenden Spenderkinder waren genetische Kinder des Reproduktionsmediziners, der ihre Mütter behandelt hatte. Einerseits handelt es sich um eine persönliche, ethisch-medizinische Grenzüberschreitung des Arztes. Die Tatsache, dass mehrere Ärzte, zum Teil vielfach, ethisch-moralische Grenzen überschritten, zeigt aber auch, wie wichtig es ist, die Reproduktionsmedizin nicht sich selbst zu überlassen, sondern zu regulieren und zu kontrollieren.

„Der fremde Vater“ – Artikel im SZ-Magazin

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 22. November 2019 wird unter dem Titel „Der fremde Vater“ beschrieben, wie Spenderkinder oder ihre Mütter herausfanden, dass der „Samenspender“ eine erbliche Krankheit hat und ein Straftäter ist.

Der genetische Vater im Beitrag hat seinen Samen in den USA abgegeben und angegeben, er sei bester Gesundheit, obwohl er bereits zuvor an Schizophrenie und Größenwahn erkrankt war. Außerdem war er ein polizeibekannter Straftäter.

In Deutschland werden „Samenspender“ mittlerweile üblicherweise auf sexuell-übertragbare Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatits untersucht. Bei vielen Gesundheitsangaben zum familiären gesundheitlichen Risikoprofil verlassen sich Samenbanken jedoch auf das, was der Mann ihnen berichtet. Auch wenn DNA-Analysen möglich wären, gibt es viel zu viele Krankheiten und auch noch zu wenig Wissen über die Entstehung vieler Krankheiten, als dass man alle erblichen Anlagen für sämtliche Krankheiten medizinisch ausschließen könnte. Manche Krankheiten machen sich auch erst später im Leben bemerkbar, so dass ein Mann zum Zeitpunkt der Samenabgabe möglicherweise selbst noch gar nicht weiß, welche Erbanlagen für Krankheiten er weitergibt. Ein polizeiliches Führungszeugnis wird üblicherweise nicht angefordert.

Der Bericht macht verschiedenes deutlich:

  1. Auch in Deutschland sind Regeln notwendig, die es zumindest möglich machen, nachträglich bekanntwerdende Gesundheitsinformationen im Samenspenderregister nachzumelden. Auf diese Verantwortung sollten Männer, die Samen abgeben, damit daraus Menschen entstehen, ausdrücklich hingewiesen werden.
  2. Den genetischen Vater zu identifizieren, ist nur ein Zwischenschritt. Die Frage nach der Kontaktaufnahme, Kontaktgestaltung und die Integration des genetischen Vaters ins eigene Familienbild kann für Spenderkinder eine anspruchsvolle Herausforderung sein.
  3. a) Und wer es bisher nicht wahrhaben wollte: „Wunschkindern“ geht es nicht automatisch gut, nur weil ihre rechtlichen Eltern sich Kinder wünschten. Für das Wohlergehen eines Kindes wäre zum Beispiel ein genetischer Vater hilfreich, der sympathisch ist. b) …nicht alle Männer, die Samen abgeben, sind „nett“.

Radio-Diskussion bei SWR2 zum Thema „Die Fortpflanzungsmedizin und ihre Grenzen“ am 29, Oktober

Die Fortpflanzungsmedizin und ihre Grenzen“ war der Titel einer Diskussion am 29. Oktober bei SWR2 Forum. Moderiert von Doris Maull diskutierten Eva-Maria Bachinger, Autorin und Publizistin aus Wien, Prof. Dr. Beate Ditzen – Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg und Prof. Dr. Heribert Kentenich – Reproduktionsmediziner, Direktor des Fertility Centers Berlin.

Es wurden die in Deutschland bestehenden Verbote der Eizellvermittlung und Leihmutterschaft hinterfragt. Außerdem wurde das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften thematisiert und dass es deutlich verringert werden könnte, indem der Mutter nach In-vitro-Fertilisation nur ein Embryo übertragen wird.

Wir freuen uns, dass der SWR das Thema aufgegriffen hat und durch die Wahl der Gäste wirklich eine kontroverse Diskussion zustande kam. Weil es in öffentlichen Diskussionen schwer ist, thematisch in die Tiefe zu gehen – nachfolgend noch ein paar Gedanken zu den angesprochenen Aspekten:

Eizellvermittlung – keine Daten zum Erleben erwachsener Spenderkinder

Pro Eizellvermittlung wird angeführt, dass es keine Daten gebe, die darauf hindeuten, dass die soziale Mutter-Kind-Beziehung beeinträchtigt sei.

Die soziale Eltern-Kind-Beziehung ist jedoch nur ein Aspekt. Bisher gibt es keine Untersuchungen dazu, wie Menschen, die aus fremden Eizellen entstanden sind, ihre Entstehungsweise selbst und als Erwachsene erleben. Es gibt in entsprechenden Online-Foren Hinweise darauf, dass diese Menschen ihre Entstehungsweise und die Beziehung zu ihren rechtlichen und genetischen Elternteilen nicht so unproblematisch sehen, wie sie von BefürworterInnen der Eizellvermittlung dargestellt werden. Wir haben in einem extra Beitrag ethische Aspekte zu Samenvermittlung zusammengestellt. Vieles davon lässt sich auf Eizellvermittlung übertragen.

Leihmutterschaft – ein Kind kann kein Vertragsgegenstand sein!

Leihmutterschaft wird in der Diskussion mit Lebendorganspende verglichen. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass bei der Organspende Körperteile und keine Menschen weitergegeben werden.

Frau Bachinger bringt das Argument ein, dass es die Würde eines Menschen verletzt, wenn er Gegenstand eines Vertrages wird. Das ist auch bei nicht-kommerzieller Leihmutterschaft der Fall. Auch wenn kein Geld für die Übergabe fließt, wird ein Vertrag über ein Kind geschlossen.

Unerwähnt blieb die Tatsache, dass zwischen dem Kind und der austragenden Frau während der Schwangerschaft eine intensive zwischenmenschliche Beziehung entsteht. Diese Beziehung wird durch die absichtliche Trennung nach der Geburt ganz bewusst abgebrochen.

Gesellschaftlicher Wandel hat nicht verändert, wie ein Kind entsteht

In der Diskussion wird angesprochen, dass eine klare Eltern-Kind-Zuordnung notwendig sei, auch in „modernen“ Familienformen. Nach welchen Regeln die Zuordnung erfolgen sollte, wird nicht weiter ausgeführt. Ethisch böte es sich an, zu hinterfragen, wer mit welchem Recht für sich beanspruchen kann, Elternteil eines Kindes zu sein. Reicht es aus, sich ein Kind zu wünschen oder in einen Vertrag einzuwilligen? Welche Vor- und Nachteile hätte das? Ist die jeweilige Zuordnungsregel plausibel?

In diesem Zusammenhang lässt sich aus der Erfahrung von Spenderkindern ergänzen, dass sich vor allem gezeigt hat, dass die entstandenen Menschen nicht möchten, dass jemand anders für sie bestimmt, wer ihre Eltern sein sollen und genetische Elternteile ausgrenzt. Bei allem Wandel hat sich die stoffliche Entstehung eines Menschen nicht geändert: Jeder Mensch entsteht aus einer Ei- und einer Samenzelle.1

Mehrlingsrate reduzieren – Single-Embryo-Transfer ist erlaubt

In Deutschland ist die Mehrlingsrate in der Reproduktionsmedizin verglichen mit anderen Ländern recht hoch. Das stellt ein gesundheitliches Risiko für die Mutter und insbesondere für die Kinder dar. Um die Mehrlingsrate zu reduzieren, wird vorgeschlagen, dass aus allen kultivierten Embryonen derjenige ausgewählt werden können soll, von dem der Arzt die besten Entwicklungschancen vermutet. Übrige Embryonen könnten in späteren Zyklen eingepflanzt werden, wenn es zu keiner Schwangerschaft kam oder die Frau ein weiteres Kind austragen möchte.

Wie auch in der Diskussion angesprochen, ist es jedoch ethisch zu hinterfragen, ob eine menschliche Auswahl der einzupflanzenden Embryos zu befürworten ist.

Es könnte außerdem überlegt werden, wie es wohl vom Kind erlebt wird, wenn es aus einem „erfolgversprechenden“ Embryo entstanden ist oder aber wenn es z.B. als weiteres Kind geboren wird und weiß, dass es als Embryo nicht „erste Wahl“ war.

Unerwähnt blieb, dass es bereits jetzt möglich ist, der Mutter einen einzelnen Embryo einzupflanzen. Das reduziert jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau in dem Zyklus schwanger wird.

Fazit

Die in Deutschland bestehenden Grenzen der Reproduktionsmedizin sind durchaus zu rechtfertigen. Dazu ist es allerdings erforderlich, die entsprechenden Argumente auch wahrzunehmen. Solange die Erzeugung von Menschen ausschließlich als (Reproduktions-)„Technologie“ und das Austragen von Menschen als beziehungslose Dienstleistung betrachtet wird, gelingt das vermutlich nicht.

  1. Abgesehen von einzelnen Ausnahmen, in denen z.B. die Mitochondrien einer weiteren Frau beteiligt sind. []

Les enfants du secret – Dokumentation über französische Spenderkinder auf Arte

Auf Arte wird derzeit die Dokumentation „Les enfants du secret“ (deutscher Titel: Papa ist nicht mein Papa) über die Situation der etwa 70.000 Spenderkinder in Frankreich gezeigt – einer der schönsten und berührendsten Filme, die ich über das Thema Spenderkinder bislang gesehen habe. In Frankreich ist die Anonymität der Spender gesetzlich vorgeschrieben, Spenderkinder haben – anders als in Deutschland – kein Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung. Sie dürfen noch nicht einmal den Spender fragen, ob er mit einem Kontakt einverstanden wäre.

Der Filmregisseur Rémi Delescluse ist selbst ein Spenderkind. Er wurde von seinen Eltern im Alter von fünf Jahren aufgeklärt. Als er selbst 31 Jahre später Vater wird, begibt er sich auf die Suche nach seinem genetischen Vater. Auf dieser Suche interviewt er mehrere Reproduktionsmediziner, seine Eltern, Spender und andere Spenderkinder, die überwiegend Mitglieder unserer französischen Schwester-Organisation PMA sind.

Die Dokumentation ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: sie ist sehr bewegend, da seine eigene Betroffenheit es Rémi ermöglicht, auch sehr persönliche und emotionale Gespräche vor der Kamera zu führen. Gleichzeitig wird klar, dass Spenderkinder auch in Frankreich die gleichen Probleme haben und ähnliche Fragen stellen wie in Deutschland und in anderen Ländern.

Typisch hierfür ist zum Beispiel, dass Rémi bereits im Alter von fünf Jahren aufgeklärt wurde, aber erst 31 Jahre später wieder mit seinen Eltern darüber spricht. Er begründet dies mit den folgenden Worten: „Weil ihr nie darüber gesprochen habt, habe ich mich nicht getraut zu fragen.“ Es entspricht den Erfahrungen einiger unserer frühaufgeklärten Mitglieder, dass die Samenspende trotz der Aufklärung des Kindes ein Tabu in der Familie darstellen kann. Rémis Mutter bestätigt, dass sie auch aus Unbehagen über die Unfruchtbarkeit ihres Mannes nicht darüber gesprochen hätten. Ganz selbstverständlich sagt Rémi inzwischen: ich habe drei Eltern. Auch der Verein Spenderkinder bevorzugt den Begriff der „Familiengründung zu dritt“.

In den Interviews mit der behandelnden Ärztin seiner Mutter und einer Oberärztin in einer der staatlichen Samenbank CECOS schafft Rémi es, seine Perspektive freundlich aber nachdringlich durch Fragen einzubringen. So schafft er es, dass die Ärztin der Samenbank recht offen zugibt, dass sie und andere Ärzte es bereits bei der Schaffung des Systems für wahrscheinlich hielten, dass die Kinder wissen möchten, wer ihr genetischer Vater ist. Sie entschieden sich aber, die Anonymität der genetischen Väter höher zu gewichten. Sie vermuteten, dass Samenspenden nur unter dieser Voraussetzung akzeptiert würden, weil sie ansonsten in der damaligen konservativen Gesellschaft zu sehr mit Ehebruch assoziiert worden wären.

Rémi ist auch dabei, als die Mitglieder von PMA sich entschließen, sich bei einer amerikanischen DNA-Datenbank einzutragen (es sieht im Film aus wie 23andme). Das ist in Frankreich zwar außerhalb eines Gerichtsverfahrens verboten und bei einer Zuwiderhandlung droht ein Bußgeld von 3750 Euro – aber wie die Mitglieder von PMA sagen, lässt ihnen der französische Staat keine andere Wahl, Klarheit über ihre Herkunft und Verwandtschaftsverhältnisse untereinander zu erhalten.

Eine große Rolle in dem Film nimmt die Geschichte von Arthur und Audrey Kermalvezen ein. Beide sind in Frankreich relativ bekannt, da sie Bücher über ihre Geschichte veröffentlicht haben.1 Selbst als sie heiraten wollten, und Auskunft darüber begehrten, ob sie denselben genetischen Vater haben, wurde ihre Klage auf Auskunft abgewiesen. Daher überlegten sie, ob sie ihren Kinderwunsch lieber aufschieben sollten. Schließlich erfuhren sie inoffiziell, dass sie nicht verwandt sind. Über den DNA-Test erfährt Audrey, dass sie zwei Halbschwestern hat, die sie bereits aus dem Verein PMA kennt. Eine ihrer Halbschwestern hatte sie bereits als Anwältin vertreten.

Arthur findet schließlich als erstes französisches Spenderkind seinen genetischen Vater mit Hilfe eines DNA-Tests. Er sagt fast verwundert: „Nach drei Wochen habe ich alles, was ich seit dreißig Jahren wissen wollte.“ Er hat Glück und sein genetischer Vater ist offen für einen Kontakt. Rémi ist bei ihrer dritten Begegnung dabei und es ist rührend zu sehen, wie vertraut die beiden bereits miteinander umgehen. Arthur sagt zur Bedeutung seiner Entdeckung: „Mein Leben hat ein viel stabileres Fundament“. Das entspricht meinen eigenen Gefühlen, als ich vor mehr als einem Jahr meinen Vater ebenfalls durch einen DNA-Test identifizieren konnte – obwohl er – anders als Arthurs Vater – nicht offen für einen Kontakt war.

Arthur macht allerdings auch eine gesundheitlich wichtige Entdeckung: Sein genetischer Vater hat eine Erbkrankheit in Form einer Proteinstörung, die das Risiko für eine Lungenembolie erhöht. Möglicherweise hat Arthur oder eines seiner beiden kleinen Kinder die Störung ebenfalls. Durch dieses Wissen kann er zumindest bewusst mit der Möglichkeit dieser Krankheit umgehen.

Rémi selbst überlegt länger, ob er den DNA-Test wirklich machen möchte. Als er sich dafür entschieden hat, findet er aber leider nicht sofort direkte Hinweise auf Verwandte väterlicherseits. Der Film endet dennoch versöhnlich mit der Geburt von Rémis Tochter. Es ist relativ wahrscheinlich, dass Rémi in den nächsten Jahren nähere Verwandte findet, da sich immer mehr Menschen bei DNA-Datenbanken eintragen lassen.

Zwei Kritikpunkte an dem Film gibt es allerdings doch: 1. Die deutsche Übersetzung des Titels in „Papa ist nicht mein Papa“ ist unpassend. Rémi sagt mehrmals, dass sein sozialer Vater sein Papa sei. Auch viele deutsche Spenderkinder wehren sich dagegen, „Papa“ und „genetischer Vater“ gleichzusetzen. 2. Am Schluss sagt Rémi, dass er seinem genetischen Vater „nur“ „danke“ sagen wolle, dafür, dass es ihn gibt. Manche Spenderkinder empfinden tatsächlich Dankbarkeit gegenüber ihren genetischen Vater. Andere Spenderkinder kritisieren, dass von Ihnen oft Dankbarkeit für ihre Existenz erwartet wird und damit verlang wird, von anderen als unangenehm erlebte Gefühle (wie z.B. Unzufriedenheit über die eigene Entstehungsweise, Trauer über die Unkenntnis des genetischen Vaters oder dessen Desinteresse, Ärger über missbrauchtes Vertrauen, etc.) hinter einer grundsätzlichen Dankbarkeit für das Leben zurückzustellen.

In Frankreich wird derzeit erwogen, die Rechtslage zu künstlicher Befruchtung und den Rechten von Spenderkindern zu ändern. Umfragen zufolge finden inzwischen mehr Franzosen, dass Spenderkinder zumindest das Recht haben sollten, ihren genetischen Vater zu kontaktieren. Außerdem läuft derzeit noch eine Klage von Audrey Kermalvezen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Es gibt also Hoffnung, dass die restriktive Rechtslage in Frankreich zumindest etwas gelockert wird.

Der Film kann bis zum bis zum 6. September 2019 in der Arte Mediathek auf Deutsch und auf Französisch angesehen werden. Hoffentlich wird er aber noch öfter gezeigt werden.

  1. Arthur Kermalvezen, Ganz der Papa: Samenspender unbekannt, Patmos 2009; Audrey Kermalvezen, Mes origines : Une affaire d’état, 2014; Arthur Kermalvezen, Le Fils, Iconoclaste 2019. []