Brigitte-online interviewte Spenderkindermitglied Katharina zu ihrer Sicht auf Samenspende. Der Beitrag erschien am 4. Oktober 2026. Katharina macht vor allem darauf aufmerksam, dass es bei der Erfüllung eines „Kinderwunsches“ darum geht, dass sich Erwachsene ihren Wunsch nach einem Kind erfüllen. Wählen sie dafür den Weg über Samenvermittlung, nehmen sie bewusst den Nachteil für das Kind in Kauf, dass es einen genetischen Vater hat, der für das Kind keine Bezugsperson sein möchte. Katharina weist darauf hin, dass es auch das Kind wie ein Objekt plant, wenn der genetische Vater kein Interesse an ihm haben soll. Sie denkt darüber nach, dass ihr genetischer Vater sich offenbar nicht für sie interessiert und gleichzeitig vielleicht Kinder hat, die bei ihm aufwachsen und die er liebt.
Archiv der Kategorie: Ethik
Leihmutterschaft aus Spenderkinderperspektive – ein Beitrag im Deutschlandfunk Kultur, live am 24. Juli 2026
Am 24. Juli 2026 um 8:08 Uhr gab Spenderkindermitglied Anne als Vereinsvorsitzende ein kurzes Live-Interview im Deutschlandfunk Kultur zum Thema Leihmutterschaft. Dabei wies sie auf das Kernproblem hin, dass ein Vertrag über die Übergabe eines Menschen geschlossen wird. Dadurch wird das Kind wie ein verfügbares Objekt behandelt. Das widerspricht der Würde und dem Achtungsanspruch eines Menschen, egal ob die Übergabe gegen Geld oder nicht-kommerziell erfolgt.
Leihmutterschaft Fall Spahn
Durch Leihmutterschaft geborene Kinder sind Spenderkinder. Der Verein Spenderkinder lehnt Leihmutterschaft ab und hat dazu 2022 ein Positionspapier veröffentlicht. Die Ablehnung gilt unabhängig davon, wer die Leihmutterschaft in Auftrag gibt. Bei Leihmutterschaft wird ein Vertrag über die Übergabe eines Menschen geschlossen. Das behandelt den betreffenden Menschen, in dem Fall das Kind, wie einen Handelsgegenstand. Ein handelbares Objekt zu sein, widerspricht der Würde und dem Achtungsanspruch eines Menschen. Strafrechtlich ist die Ausbeutung und der Handel von Menschen in den meisten Staaten verboten. Wir unterstützen, dass es als Doppelmoral wahrgenommen wird, wenn ein Spitzenpolitiker das Verbot im eigenem Land umgeht und eine Leihmutterschaft in den USA in Auftrag gibt, während seine eigene Partei Leihmutterschaft ablehnt.
Aber auch hier fällt auf: Die Argumente gegen Leihmutterschaft kommen nur in den wenigsten Beiträgen vor. Leider wird auch selten angesprochen, dass man gesetzlich ausschließen könnte, dass ausländische Gerichtsentscheidungen zu Leihmutterschaft anerkannt werden (dann müssten die Wunscheltern adoptieren). Und noch seltener kommt die Perspektive des Kindes vor. Daher möchten wir hier Georg direkt ansprechen:
Lieber Georg,
noch bist Du ein kleines Baby – gerade frisch angekommen auf dieser Welt. Wurdest von Deiner leiblichen Mutter getrennt und ob Du Deine biologische Mutter kennenlernen wirst und Kontakt zu ihr haben darfst, wissen wir nicht. Wir wünschen es Dir von Herzen. Für die meisten Menschen wirst Du das „Kind“ bleiben, egal wie alt Du bist. Sie werden Dir sagen: „Sei dankbar, das es Dich gibt“ oder „Hauptsache, gewollt und geliebt“. Dass Du selbst vielleicht irgendwann mit Deiner Identität struggelst, nach Deinen Wurzeln Ausschau hältst und Dich fragst, woher Dein musikalisches Talent oder Deine Liebe für Sprachen oder Physik kommt, werden sie relativieren, da sie gewohnt sind, die Elternperspektive einzunehmen.
Vielleicht hast Du auch biologische Geschwister, Onkel, Tanten und Cousins, die Du nie kennenlernen wirst oder denen Du im Alltag begegnest, ohne zu wissen, wer sie sind.
Mit Deiner Perspektive, Deinen Gefühlen und Deinen Rechten bzw. dem Verzicht auf diese in der Praxis bist Du vielleicht alleine. Wir wünschen Dir größtmögliche Transparenz, Zugang zu Informationen, Verständnis für Deine Gefühle und Menschen, die in der Lage sind, Deine Perspektive einzunehmen, ohne Deine Gefühle zu relativieren.
Und wir laden Dich heute schon herzlich ein, Mitglied in unserem Verein zu werden.
Herzlichst
Deine Spenderkinder
Positionspapier von DI-Netz für eine europaweite verbindliche Begrenzung der Halbgeschwisteranzahl bei Samenvermittlung
Der Verein DI-Netz setzt sich für die Einführung einer verbindlichen Obergrenze von maximal 8 Familien ein, in denen Kinder aufwachsen, die durch den Samen eines Mannes entstanden sind. Dazu hat DI-Netz ein sehr fundiert recherchiertes Positionspapier veröffentlicht (auch in englischer Sprache sowie als Kurzform auf Deutsch und auf Englisch).
Das Papier beschreibt die psychosozialen Folgen, die sich für Spenderkinder ergeben, wenn ihnen bewusst wird, dass sie im Regelfall dutzende und auch mehrere 100 Halbgeschwister haben können. Eine so hohe Anzahl an Halbgeschwistern verunmöglicht sowohl individuelle Halbgeschwisterbeziehungen als auch individuelle zwischenmenschliche Beziehungen der genetischen Väter zu ihren zahlreichen genetischen Kindern.
Zudem legt das Papier die wirtschaftlichen Hintergründe offen: Da das Eingangsscreening potenzieller „Samenspender“ für Samenbanken vergleichsweise kostenintensiv ist, besteht für deren Betreiber ein starker wirtschaftlicher Anreiz, den Samen eines Mannes zur Zeugung möglichst vieler Kinder zu verwenden. Das Positionspapier stellt dazu eine sehr anschauliche Beispielrechnung vor. Viele Keimzellbanken gehören außerdem mittlerweile einigen wenigen internationalen, finanziell motivierten Unternehmen. Dadurch besteht ein starker wirtschaftlicher Anreiz und es ist einfacher als bisher, dass noch größere Halbgeschwistergruppen entstehen.
Ein wenig widersprüchlich ist aus unserer Sicht, dass die Begriffe Halbgeschwister und erweiterte Familie im Positionspapier in Anführungszeichen gesetzt werden. Dadurch werden diese genetischen Verbindungen gegenüber den geplanten sozialen Geschwister- bzw. familiären Verbindungen relativiert obwohl das Positionspapier gerade darauf aufmerksam macht, dass diese genetischen Beziehungen eine zwischenmenschliche Bedeutung haben, die ernst genommen werden muss.
Der Verein Spenderkinder setzt sich seit vielen Jahren ebenfalls für eine Begrenzung der Halbgeschwisteranzahl ein und empfiehlt dazu in seinen politischen Forderungen eine Begrenzung auf maximal 6 Familien, auf die sich die Halbgeschwister verteilen dürfen. Die Problematik sehr großer Halbgeschwistergruppen greifen wir außerdem im Beitrag 100 Halbgeschwister und mehr auf. Einmal im Jahr aktualisieren wir Zahlen zu unseren Verwandtschaftstreffern auf unserer Homepage. Unsere größten identifizierten Gruppen umfassen aktuell über 30 Halbgeschwister. Die meisten Spenderkinder konnten über DNA-Datenbanken bereits Halbgeschwister identifizieren.
Interview mit Aktivistin gegen Leihmutterschaft
In der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD erschien am 14. März 2026 ein Interview mit Olivia Maurel, Sprecherin der Casablanca-Deklaration. Die Initiative setzt sich für ein weltweites Verbot von Leihmutterschaft ein, weil diese die Rechte der Kinder und Frauen verletzt und wie eine Ware behandelt. Besonders bemerkenswert ist, dass Olivia Maurel selbst von einer Leihmutter geboren wurde. Sie hat kürzlich auch ihre Biografie veröffentlicht mit dem Titel: Wo bist du, Mama? Die Wahrheit über Leihmutterschaft.
Der Verein Spenderkinder lehnt Leihmutterschaft ebenfalls ab und hat dazu 2022 ein Positionspapier veröffentlicht.
Mindestens 197 Kinder durch vermittelten Samen mit Krebs-Gen gezeugt
Im Frühsommer 2025 wurde bekannt, dass die in Dänemark sitzende European Sperm Bank den Samen eines Mannes vermittelt hat, der eine Genmutation hatte, die zu einer stark erhöhten Krebswahrscheinlichkeit führt. Jetzt wurde bekannt: das Ausmaß ist noch viel größer als zunächst angenommen1.
Während zunächst angenommen wurde, dass 67 Kinder mit dem Samen des „Spenders 7069“ mit den Alias „Kjeld“ gezeugt wurden, stellte sich nun heraus, dass die Zahl mit mindestens 197 Kinder deutlich höher ist. Dies ergab eine Recherche eines investigativen Reporternetzwerks der Europäischen Rundfunkunion (EBU), einem Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Sender. Das Recherche Netzwerk fragte bei den Behörden in den betroffenen Ländern nach der Anzahl der Kinder, deren biologischer Vater Kjeld ist. Allerdings führen nicht alle Länder ein Register für Spenderkinder, sodass das Netzwerk davon ausgeht, dass die Informationen möglicherweise unvollständig sind.
Es ist nicht bekannt, wie viele dieser Kinder von dem Gendefekt betroffen sind.
Spenderkinder mit ungeklärten genetischen Auffälligkeiten werden gebeten, sich vertraulich beim internationalen Rechercheteam zu melden, gerne auch über unsere Infoadresse: info(at)spenderkinder.de.
Aktuell unzuverlässiger Informationsweg stellt gesundheitliches Risiko für Spenderkinder dar
Das Bundesministerium für Gesundheit hat auf die Anfrage des Vereins Spenderkinder die Funktionsweise des Warnsystems am 19. August 2025 folgendermaßen erläutert: Bei schwerwiegenden Zwischenfällen im Rahmen der Gewebespende (wozu Samenvermittlung gehört) erfolgen auf der Ebene der Europäischen Union Schnellwarnungen (Rapid Alerts) unter den Mitgliedstaaten auf Grundlage der Richtlinien 2004/23/EG und 2006/86/EG. Gehe eine Schnellwarnung bei der zuständigen Bundesoberbehörde ein, werde diese an die obersten Landesgesundheitsbehörden weitergeleitet, die für die Überwachung der Einrichtungen, in dem Fall der Samenbanken, zuständig seien. Zudem würden die betroffenen Einrichtungen kontaktiert, sobald die dafür erforderlichen Informationen vorliegen. Für die weitere Kommunikation mit den Familien seien die Einrichtungen verantwortlich. Ab dem 7. August 2027 würden die Schnellwarnungen und die Kommunikationswege in Art. 34 der Verordnung (EU) 2024/1938 über Qualitäts- und Sicherheitsstandards für zur Verwendung beim Menschen bestimmte Substanzen menschlichen Ursprungs (SoHO-Verordnung) geregelt, die in den Mitgliedstaaten unmittelbar anwendbar sei. In dem Fall von Kjeld sei das Paul Ehrlich Institut unverzüglich nach Schnellwarnung aktiv geworden.
Obwohl das Problem mit dem Samen von Kjeld seit 2023 bekannt ist, sind dem Bericht zufolge noch immer nicht alle potenziell betroffenen Familien kontaktiert worden2. Andere erfuhren erst mit einer Verspätung von über einem Jahr, dass sie ihre Kinder auf den Gendefekt testen lassen sollten. Manche Kliniken haben laut dem Bericht Schwierigkeiten, die betroffenen Frauen zu kontaktieren, weil die Komtaktdaten der Patientinnen sich geändert haben. Der Bericht weistjedoch auch darauf hin, dass Daten zum Teil nicht ordnungsgemäß aufbewahrt wurden, insbesondere wenn der Eigentümer der Kinderwunschklinik wechselte.
Nationale Obergrenzen werden häufig überschritten
Der Fall zeigt, dass die national bestehenden Obergrenzen für die Anzahl von Kindern, die durch den Samen eines Mannes gezeugt werden, oft nicht eingehalten werden. In Belgien wurden 53 Kinder von 38 verschiedenen Müttern mit dem Sperma von Kjeld gezeugt, obwohl es in dem Land ein Limit von maximal sechs Familien gibt, die Sperma eines einzigen Spenders erhalten dürfen. Auch in Dänemark ist Kjeld der biologische Vater von 49 Kindern, obwohl die damaligen Richtlinien in der Region maximal 25 Kinder pro Spender vorsahen. In Spanien wurden 35 Kinder gezeugt.
Die Dänische Patientensicherheitsbehörde hat die European Sperm Bank bei der dänischen Polizei angezeigt3. Die 2004 gegründete und in Kopenhagen ansässige Eurpean Sperm Bank ist heute eine der größten Samenbanken der Welt. Seit 2022 besitzt der europäische Private-Equity-Fonds Perwyn die Samenbank.
Der Fall führte auch in Dänemark dazu, dass mehrere Politiker strengere Gesetze fordern, insbesondere eine europäische Obergrenze und ein Register4.
Liste gesperrter Samenspender offenbart Weitergabe von Erbkrankheiten durch Samenspender als strukturelles Problem
Im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion über den Fall „Kjeld“ hat die belgische Spenderkinderorganisation donorkinderen eine Liste mit 29 weiteren dänischen „Samenspendern“ veröffentlicht, die gesperrt wurden, weil sie nachweislich Erbkrankheiten weitergegeben haben5. Allein in Belgien wurde in diesen Fällen jeweils die nationale Obergrenze von sechs Familien pro „Samenspender“ überschritten. Das zeigt, dass es sich nicht nur um einen Einzelfall handelt, sondern um ein strukturelles Problem von Samenbanken.
Grenzen genetischer Screenings und Risiken großer Halbgeschwistergruppen
Diese Fälle zeigen sehr deutlich, dass genetische Screenings Risiken reduzieren, aber niemals ausschließen können. Weder bei „Samenspendern“ noch bei natürlicher Fortpflanzung ist es möglich, alle existierenden oder zukünftigen genetischen Risiken zu testen; viele Mutationen sind noch unzureichend erforscht oder werden bei den üblichen Screenings nicht erfasst.
Bei natürlicher Fortpflanzung betreffen unbekannte genetische Risiken in der Regel nur die Kinder einer einzelnen Familie. Bei „Samenspendern“ dagegen sind hunderte Kinder in vielen Familien betroffen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Betroffenen sich oft nicht kennen und oft nicht wissen, dass sie mit Samenvermittlung entstanden sind. Die Koordination von Information, genetischer Beratung und medizinischer Vorsorge wird dadurch stark erschwert. Je größer und international verteilter die Halbgeschwistergruppe ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass tatsächlich alle informiert werden und frühzeitig Zugang zu notwendigen Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen erhalten.
Internationale Obergrenze und Register notwendig zur Sicherheit von Spenderkindern
Die aufgedeckten Fälle machen deutlich: Wenn Samenbanken ihren Samen weltweit vertreiben, werden nationale Obergrenzen unterlaufen, weil derselbe „Samenspender“ in mehreren Ländern parallel eingesetzt wird. Die Auf diese Weise entstehen große, grenzüberschreitende Halbgeschwistergruppen mit gemeinsamen genetischen Risiken. Samenbanken überblicken nicht, wie viele Kinder bereits entstanden sind.
Deshalb ist die Einrichtung einer internationalen Obergrenze für die Anzahl der Familien pro „Samenspender“ ist notwendig. Zentrale bzw. verknüpfte Register, die die Identität von Samenspendern und der Frauen, an die der Samen vermittelt wird, erfassen, sind notwendig, damit die Einhaltung der Obergrenze überprüft werden kann und Spenderkinder bei unverzüglich informiert werden können, wenn Erbkrankheiten bekannt werden.
- https://www.dw.com/de/krebsrisiko-durch-samenspender-europas-samenbank-in-kritik/video-75082905 [↩]
- https://www.dr.dk/nyheder/indland/ikke-alle-moedre-har-faaet-vide-deres-donorbarn-kan-udvikle-kraeft [↩]
- https://www.dr.dk/nyheder/indland/den-danske-saedbank-european-sperm-bank-er-blevet-politianmeldt [↩]
- https://www.dr.dk/nyheder/indland/dansk-donor-leverede-saed-med-risiko-kraeft-nu-raabes-der-efter-nye-regler [↩]
- https://www.donorkinderen.com/lijst29spermadonoren [↩]
Liste gesperrter „Samenspender“ veröffentlicht
Im Mai wurde öffentlich bekannt, dass ein Mann aus Dänemark als Samenspender unwissentlich eine Gen-Mutation weitergegeben hat, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Entstehung von Krebs führt. (Wir berichteten dazu.) In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass mit dem Samen mindestens 67 Kinder in über zehn verschiedenen Ländern gezeugt wurden. Allein in Belgien entstanden 52 Kinder, obwohl dort eine Obergrenze von 6 Frauen besteht, an die der Samen desselben Mannes vermittelt werden darf.
Mittlerweile kam heraus, dass in Belgien in mindestens 29 weiteren Fällen die Obergrenze von 6 Frauen überschritten wurde und verschiedene Krankheitsveranlagungen vererbt wurden. Der Samen kam von den dänischen Samenbanken Cryos International und European Sperm Bank. Die belgische Spenderkinderorganisation donorkinderen hat eine aktuelle Liste der gesperrten „Spender“ veröffentlicht. Vermutlich wurden noch nicht alle betroffenen Familien informiert.
Wenn Sie befürchten, dass Sie bzw. ihre Kinder, betroffen sind, wenden Sie sich bitte mit Ihrer Spendernummer an die belgische Spenderkinderorganisation. Dort erhalten Sie weitere Informationen und können sich mit weiteren Betroffenen vernetzen.
Neue Fachpublikation zu innerfamiliären Herausforderungen erwachsener Spenderkinder
Der Bioethiker Tobias Bauer und die Psychologin Anne Meier-Credner haben einen weiteren Fachartikel über ihre Befragung von Spenderkindern in Deutschland veröffentlicht:
Bauer, T., & Meier-Credner, A. (2024). Intra-familial dynamics of knowledge and ignorance experienced by donor-conceived adults in Germany. SN Social Sciences, 4, 163. https://doi.org/10.1007/s43545-024-00967-w, frei verfügbar abrufbar auf der Journal-Website.
Der Artikel sensibilisiert dafür, welche Herausforderungen Spenderkinder neben ihrer Aufklärung erleben: Sie müssen das neue Wissen nicht nur in ihre eigene Identität integrieren, sondern sind auch damit konfrontiert, wie ihre Familienmitglieder mit dieser Tatsache umgehen. Dabei sind innerfamiliäre Dynamiken von Wissen und Nichtwissen zentral.
Grundlage für den Artikel sind Daten der Spenderkinderstudie2020, die mit 59 Teilnehmenden zwischen 21 und 46 Jahren die bislang größte Studie an Spenderkindern aus Deutschland ist. Die Teilnehmenden wurden zwischen 1974 und 1999 gezeugt und im Alter von 5 bis 46 Jahren aufgeklärt.
Eine thematische qualitative Textanalyse ergab vier Hauptthemen mit denen sich erwachsene Spenderkinder konfrontiert sehen:
1. Die Nicht-Absolutheit des Nichtwissens vor der Aufklärung: So hatten manche Spenderkinder z.B. bereits vor ihrer Aufklärung Vermutungen zu ihrer anderen Herkunft.
2. Neue Nichtwissensbereiche nach der Aufklärung: z.B. darüber, wer der genetische Vater ist und wie viele Halbgeschwister es gibt, aber auch darüber, wer sonst von ihrer Entstehungsweise weiß und wie sie mit den Geschwistern, mit denen sie aufgewachsen sind, verwandt sind.
3. Umgangsweisen mit dem neu erworbenen Wissen: Manche Spenderkinder streben die Weitergabe ihres Wissens an. Andere möchten, dass – zumindest bestimmte Personen – nichts von ihrer anderen Herkunft erfahren. Wissende Familienmitglieder vermeiden das Thema teilweise untereinander.
4. Konkurrierende Besitzansprüche auf Wissen und Nicht-Wissen: z.B. wenn Eltern das Recht ihrer Kinder auf Wissen nicht anerkennen oder wenn Eltern und Spenderkinder sich uneinig darüber sind, welche weiteren Personen informiert werden sollen. Dazu gehören auch Konstellationen wie die, dass ein Kind bereits um seine Entstehungsweise und die seiner noch unwissenden Geschwister weiß.
Der erste Artikel zur Spenderkinderkinderstudie2020 beschreibt die vielfältigen Umstände, unter denen die Teilnehmenden von ihrer Entstehungsweise erfahren haben und welche Einflüsse der Aufklärung auf die Beziehung zu verschiedenen Familienmitgliedern sie berichten.
Sehr große Halbgeschwistergruppen sind weltweit ein Thema – ein Beitrag im Deutschlandfunk vom 11. Juni 2023
Im Deutschlandfunkbeitrag Spenderkinder auf Spurensuche. Vater, Mutter, Massenprodukt (1/2): Überall Halbgeschwister vom 11. Juni 2023 geht es um ein Thema, das auch in Deutschland immer offensichtlicher wird: DNA-Datenbanken decken auf, dass in den letzten Jahrzehnten sehr große Halbgeschwistergruppen entstanden sind.
Die Bundesärztekammer empfahl von 2006 bis 2018 eine Begrenzung auf maximal 10 Kinder pro „Spender“1 und der Arbeitskreis für Donogene Insemination, ebenfalls seit 2006, eine Begrenzung auf maximal 15 Kinder pro „Spender“2. Diese Parallelität wirft nebenbei die Frage auf, für wen die Begrenzung der Bundesärztekammer gelten sollte, wenn nicht für die Mitglieder des Arbeitskreises für Donogene Insemination.
Nach wie vor gibt es in Deutschland keine verbindliche Begrenzung. Unsere Beobachtungen deuten darauf hin, dass sowohl in der Vergangenheit als auch gegewärtig sehr große Halbgeschwistergruppen entstehen. Neben einer verbindlichen Begrenzung wünschen wir uns, dass Reproduktionsmediziner und Samenbanken offenlegen, mit wie vielen Halbgeschwistern unsere Mitglieder aus den verschiedenen Entstehungsorten rechnen können.
- (Muster-)Richtlinie zur Durchführung der assistierten Reproduktion – Novelle 2006. Deutsches Ärzteblatt, 103(20), A 1397. – In der aktuellen Version der „Richtlinie zur Entnahme und Übertragung von menschlichen Keimzellen im Rahmen der assistiertenReproduktion“ aus dem Jahr 2018 findet sich keine Aussage mehr zu einer Obergrenze. Grund hierfür ist, dass der Vorstand der Bundesärztekammer m Februar 2015 beschlossen hatte, die medizinisch- wissenschaftlichen Fragestellungen klar von den gesellschaftspolitischen Aspekten zu trennen. [↩]
- Richtlinien des Arbeitskreises für Donogene Insemination zur Qualitätssicherung der Behandlung mit Spendersamen in Deutschland, S. 25. [↩]
ZDF-37°-Reportage „Lebenslügen und Familiengeheimnisse“ am 28.März 2023 mit Spenderkinder-Mitglied Britta
Spenderkinder-Mitglied Britta erfuhr als Erwachsene, dass sie durch Samenvermittlung entstanden ist. In der Reportage „Lebenslügen und Familiengeheimnisse“ in der ZDF-Reihe 37° blickt sie darauf zurück, was die Aufklärung für sie bedeutet und erzählt, wie es anschließend für sie weiterging. Neben Britta äußern sich in der Reportage auch ihre Mutter und ihr sozialer Vater zur Aufklärung, die sie mit ganz verschiedenen Gefühlen berührt. Britta betont, wie wichtig die frühe Aufklärung von Spenderkindern ist, um eine authentische Beziehung zwischen ihnen und ihren Eltern zu ermöglichen. Die Sendung kann in der ZDF-Mediathek nachgeschaut werden.
