Seit heute ist die Internetseite von Manuela aus der Schweiz online und damit meines Wissens die zweite deutschprachige Seite eines Spenderkindes. Ich finde es schön, dass es so die Gelegenheit gibt, auch die Erfahrungen von jemand anderem zu lesen, der durch Samenspende entstanden ist, und etwas über die Situation in der Schweiz zu erfahren. Aber bis wir die 1000 Seiten von Reproduktionskliniken und Hilfsangebote für kinderlose Paare ausgleichen, wird es wohl noch etwas dauern.
Archiv des Autors: stina
Radiosendung Spenderkinder im SWR
Positive Änderungen durch europäische Gesetzgebung
Zwar ist der deutsche Gesetzgeber bei Samenspenden lange untätig geblieben, aber eine Verbesserung ist zumindest durch die europäische Gesetzgebung in Aussicht. Die Richtlinie 2004/23/EG schreibt für Samenspenden eine 30jährige Aufbewahrungsfrist nach der Behandlung vor und sieht Sanktionen für Zuwiderhandlungen vor. Das Bundeskabinett hat dies in einem Gewebegesetz berücksichtigt, das momentan noch im Bundestag behandelt wird. Zwar ist dies von einer wirklichen Regelung noch weit entfernt, aber zumindest wird nach der Verabschiedung des Gesetzes kein Arzt mehr die Spenderdaten nach nur 10 Jahren vernichten können. Mehr darüber unter "Rechtliches, die Dokumente habe ich bei Links und Literatur aufgeführt.
Außerdem habe ich mich sehr über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Mittwoch (13.02.2007) gefreut. In dem Fall ging es um einen Mann, der durch einen heimlich durchgeführten Vaterschaftstest erfahren hat, dass er nicht wie angenommen der genetische Vater seiner Tochter ist. Die Gerichte hatten ihm wegen des heimlich durchgeführten Tests, der eine Rechtsverletzung an dem Kind darstellt, eine Vaterschaftsanfechtung verwehrt. Das Bundesverfassungsgericht hat dies bestätigt, aber zur Verwirklichung des Rechts des Vaters auf Kenntnis der Abstammung seines Kindes den Gesetzgeber aufgefordert, ein Verfahren allein zur Feststellung der Vaterschaft anzubieten. Mich hat an dem Urteil gefreut, dass es das Recht auf Kenntnis der Abstammung, das besonders wichtig ist für Kinder aus einer Samenspende, noch einmal deutlich bestätigt hat. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass das Bundesverfassungsgericht eine Grundrechtsverletzung in der Unterlassung des Gesetzgebers gesehen hat, zur Verwirklichung des Rechts auf Kenntnis der Abstammung ein entsprechendes Verfahren anzubieten, denn Unterlassungen werden nur ganz selten und nur bei schwerwiegenden Verletzungen als Grundrechtsverletzung gesehen. Das bedeutet aber, dass das Fehlen von Schutzbestimmungen für Kinder, die aus einer donogenen Insemination enstanden sind, ebenfalls eine Grundrechtsverletzung darstellt. Diesen wird nämlich ebenfalls ein Verfahren verwehrt, nach welchem sie die Identität des Spenders feststellen können, dazu kommt die missverständliche Regelung bezüglich der Aufbewahrungsfristen und eine besondere Schutzbedürftigkeit. Nicht zuletzt hoffe ich aber, dass durch das Urteil vielen der nichtaufklärenden Eltern noch einmal bewusst geworden ist, dass das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung existiert und wie einfach heute heimliche genetische Tests einzuholen sind. Diese können nicht nur von einem Elternteil, sondern auch gut vom Kind ausgehen.
An sonstigen Veränderungen an der Seite habe ich Psychologisches um eine Studie ergänzt und die Links und Literatur Sektion um einige Zeitungsartikel, von denen es auch eine online-Version gab. Vielen Dank an alle, die mich auf diese Artikel aufmerksam gemacht haben! Immer mal wieder bearbeite ich Meine Geschichte, um manche Sachen besser hervorzuheben oder richtig zu stellen. Leider passiert es gelegentlich, dass Leute Teile meines Lebens, die ich hier kurz anspreche (wie die Trennung meiner Eltern), aufgreifen und in die Richtung uminterpretieren, dass diese der eigentliche Grund sind, weswegen ich so unglücklich über die Art meiner Zeugung und das Verhalten meiner Eltern bin. Ich kann dazu nur sagen, dass ich immer noch regelmäßig eine Psychologin sehe und wir recht intensiv darüber nachdenken, weswegen ich wie reagiere. Ich weiß, dass diese Leute das vermutlich nur deswegen tun, um ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen und sich mit meiner Meinung nicht auseinandersetzen zu müssen, weil sie sehr unbequem für sie ist. Trotzdem ist das etwas anstrengend, weil ich auch nicht die Notwendigkeit sehe, mein ganzes Leben im Internet und erst recht nicht gegenüber diesen Leuten erklären zu müssen. Die meisten Leser akzeptieren das aber durchaus und ich habe bisher viele nette und anregende Mails bekommen.
Stina
Kontakt zu anderen Spenderkindern
Mittlerweile ist der erste Teil meiner Prüfungen vorbei, deswegen kann ich mich auch wieder ein bisschen der Seite widmen. Nächstes Wochenende habe ich hoffentlich Zeit, die Sektion Psychologisches um ein paar Studien zu ergänzen. Die Prüfungen liefen ganz okay, aber wie gut ich gewesen wäre, wenn ich von der gesamten Sache nicht so abgelenkt gewesen wäre, werde ich wohl nie wissen. Inzwischen hatte die Seite seit Anfang Oktober 2006 über 1.900 Zugriffe, was mich sehr freut.
Mit dem neuen Jahr haben sich auch die ersten anderen Spenderkinder bei mir gemeldet, was mich sehr gefreut hat. Die meisten waren mit um die 18 Jahre allerdings deutlich jünger als ich. Was die Einstellung zu Samenspenden eingeht, wurde mein Eindruck bestätigt, dass es für die Reaktion darauf auf das Alter, in dem man die Wahrheit erfährt, aber auch die Beziehung zu den Eltern und nicht zuletzt die eigene Persönlichkeit ankommt. Zwei der Kinder hatten keine Probleme mit ihrer Entstehungsweise, wobei eines schon etwas neugierig auf den Spender zu sein schien und nur befürchtete, dass dies den Vater verletzen würde. Die beiden anderen haben meine Gefühle und Gedanken überwiegend geteilt. Mir ist es auf jeden Fall wichtig, dass ich mit anderen Betroffenen darüber reden kann, ob sie meiner Meinung sind oder nicht ist nicht wichtig. Mich interessiert dabei auch besonders, wie die Erfahrungen mit Samenspenden in anderen Familien waren wie und weswegen die Eltern es gesagt haben und wie das die Beziehung zu den Eltern beeinflusst hat. Mein Wunsch wäre es letztendlich, ein Netzwerk für aus einer Samenspende Entstandene wie in Großbritannien oder den Niederlanden einzurichten, denn für Adoptionskinder gibt es so etwas schon sehr lange.
Letzte Woche habe ich außerdem an Aufnahmen an einem Film vom WDR mitgemacht. Es geht um ledige Frauen, die mit einer Samenspende ein Kind bekommen möchten. Außerdem erscheint vermutlich bald auch ein Artikel in der Zeitschrift Neon über Kinder aus einer Samenspende, für den ich ebenfalls interviewt wurde. Wegen dieser Medienpräsenz möchte ich klarstellen, dass mir nichts daran liegt, in die Medien zu kommen. Deswegen habe ich bisher auch nie mein Gesicht gezeigt oder meinen richtigen Namen genannt. Und so nett und interessant die meisten Journalisten auch sind, könnte ich in der Zeit auch andere wichtige Sachen machen. Mir ist aber wichtig, dass in der Diskussion über Samenspenden in Deutschland auch mehr die Perspektive der Kinder wahrgenommen wird. In der Kölner Zeitung Express war vorgestern zum Beispiel ein halbseitiger Artikel über Samenspende mit einem großen Foto von Prof. Katzorke (Prof. Samenbank), in dem noch nicht einmal angesprochen wurde, was für Auswirkungen das auf die derart entstandenen Kinder haben könnte. Stattdessen gab es kurze Interviews mit einem Samenspender, den solche Gedanken auch nicht zu beunruhigen schienen, und einer Begutachterin für die Samenqualität. Damit so schlecht recherchierte Artikel seltener werden, plane ich auch in Zukunft seriöse Medienanfragen annehmen, wenn es meine Zeit zulässt. Nicht zuletzt ist das auch die beste Möglichkeit, andere Spenderkinder auf die Internetseite aufmerksam zu machen.
Stina
Seite seit Knapp zwei Monaten online
Seit knapp zwei Monaten ist meine Seite jetzt online, und es gab schon an die 500 Zugriffe. Außerdem kann ich jetzt auch über google einigermaßen gut gefunden werden. Ich habe auch einiges an Post bekommen und bisher versucht, alles zu beantworten. Die meisten mails kamen von DI-Eltern und waren sehr nett. Allerdings handelte es sich nur um Eltern, die ihren Kindern die Wahrheit sagen möchten. Manche meinten, dass die Seite sie bestärkt hat, ihren Kindern von Anfang an die Wahrheit zu sagen oder dazu bewegt hat, noch mehr darauf zu achten, dass ihre Kinder auch später an die Daten des Spenders gelangen können. Das hat mich sehr gefreut, denn wenn ich so etwas erreicht habe, dann macht die Seite auf jeden Fall Sinn. Lediglich über zwei mails habe ich mich etwas geärgert, in denen die Verfasser das Verhalten meine Eltern verteidigt haben. Außerdem habe ich zwei Journalistenanfragen bekommen, aber nach zwei Presseterminen muss ich mich jetzt mehr aufs Lernen konzentrieren. Nur die anderen Spenderkinder lassen immer noch nichts von sich hören …
Ansonsten scheint die Seite in der "Samenspende-Szene" eine kleine Diskussion angestoßen zu haben. Ich habe mich neulich in dem Forum von kinderwunsch.de umgeschaut, wo Eltern richtig verstört von der Seite berichtet haben und "dem Hass, der ihnen als Nichtaufklärern" entgegenschlüge. Den habe ich zwar so nicht in die Seite hineingelegt, aber ich vermute da plagte einige doch ein schlechtes Gewissen. Wer wirklich wissen möchte, wie manche Samenspende-Eltern ticken, sollte sich unbedingt einmal in so einem Forum anmelden. Interessant war jedenfalls, was für Mutmaßungen Menschen über einen anstellen, wenn sie einen Teil der Lebensgeschichte kennen. Das reichte von ich hätte vermutlich eh nur nach einem Vorwurf gesucht, meinen Vater abzulehnen dahin, dass mir jemand bei der Seite geholfen hätte, der Samenspenden negativ gegenüber stände. Andere zogen sich dagegen darauf zurück, ich wäre eh noch zu jung, um Kinderlosigkeit wirklich zu verstehen und die jungen Menschen von heute wüssten eh nicht, was wirkliche Probleme wären. Ich finde es sehr aufschlussreich, dass ein paar Eltern solche Argumente heranziehen, um sich nicht mit meiner Meinung auseinandersetzen zu müssen. Aber mit so etwas muss man wohl leben, wenn man sein Seelenleben im Internet präsentiert 🙂
Wer sich fragt, wie ich in der kurzen Zeit so viele Informationen zusammensuchen konnte: ich hatte etwas Hilfe bei der Recherche von Frau Dr. Thorn, und als Studentin bin ich es natürlich eher gewohnt, in kurzer Zeit Texte zu produzieren. Ganz fertig ist die Seite auch leider immer noch nicht, denn ich habe noch mehrere Studien, die ich gerne unter Psycholgisches einarbeiten möchte. Ich denke die Erstellung der Seite ist auch zu einem gewissen Teil eine Selbstherapie – dass ich wissen wollte, was alles hinter Samenspenden steht, um es besser einordnen zu können. Nicht zuletzt hoffe ich, dass die Seite irgendwann einmal jemandem wie mir helfen kann. Ich hätte mich jedenfalls sehr gefreut, wenn ich direkt nach der Aufklärung durch meine Eltern Kontakt zu anderen Betroffenen hätte herstellen können. Und alle, die daran zweifeln: das ist wirklich meine Meinung. Ich habe im Internet kaum negative Ansichten über Samenspenden gefunden, und gerade das hat mich so gewundert. Die einzigen Texte, in denen Kritik ausgedrückt wurden, waren die Studien über Spenderkinder und die Diskussion über Aufklärung in Human Reproduction. Ich war sehr überrascht, wie ähnlich zu meinen die Gedanken waren, die in manchen dieser Studien von anderen Kindern geäußert wurden.
Sonst rückt das Examen immer näher, aber mit dem Lernen klappt es schon wieder wesentlich besser und ich habe zwischendrin auch noch ein bisschen Zeit, die Weihnachtszeit zu genießen. Meinen Eltern werde ich zumindest eine Weihnachtskarte schicken.
Stina
